Island im Frühling
Anfang Mai, irgendwo an der Südküste. Die Lupinen fangen gerade an zu blühen, lila Tupfer auf dem schwarzen Lavaboden. In den Bergen liegt noch Schnee, aber in den Tälern ist das Gras schon grün. Ein Wasserfall, der im Winter zur Hälfte gefroren war, donnert jetzt mit voller Kraft ins Tal. Es ist 21 Uhr, und die Sonne steht noch am Himmel. Ich bin der einzige Mensch weit und breit. Kein Bus, kein Parkplatz voller Mietwagen, keine Schlange am Aussichtspunkt. Das ist Island im Frühling.
Die meisten Touristen kommen zwischen Juni und August nach Island, wenn die Tage am längsten sind und das Wetter am stabilsten. Der Frühling (April und Mai) fliegt bei vielen unter dem Radar. Das ist schade, denn diese Monate haben einiges zu bieten: steigende Temperaturen, immer mehr Tageslicht, erste Zugvögel, niedrigere Preise und deutlich weniger Menschen an den Sehenswürdigkeiten. Der Frühling auf Island ist die Jahreszeit der Übergänge, und genau das macht ihn spannend.
Warum Frühling auf Island unterschätzt wird
Island im Frühling hat ein Imageproblem. Die meisten Reiseführer empfehlen den Sommer, und viele Reisende schrecken vor dem unsicheren Frühlingswetter zurück. Ja, es kann im April noch schneien. Ja, manche Straßen im Hochland sind gesperrt. Aber die Vorteile überwiegen für viele Reisende die Nachteile.
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Der größte Vorteil: die Ruhe. An den beliebtesten Sehenswürdigkeiten wie dem Goldenen Kreis, Seljalandsfoss oder Jökulsárlón stehen im Juli Hunderte von Menschen. Im April stehst du dort oft allein oder mit einer Handvoll anderer Besucher. Die Wasserfälle wirken größer, die Landschaft weiter, und die Fotos besser, wenn keine Menschenmassen im Bild sind.
Der zweite Vorteil: die Preise. Flüge nach Reykjavík sind im April und Mai 30 bis 50 Prozent günstiger als im Juli. Mietwagen kosten weniger, Hotels senken die Preise, und selbst die Tourenanbieter bieten Frühbucher-Rabatte an. Ein Familienurlaub im Mai kann leicht 1.000 bis 2.000 EUR günstiger sein als derselbe Trip im Hochsommer.
Und drittens: das Licht. Im April hat Reykjavík bereits 14 bis 17 Stunden Tageslicht, im Mai sind es 18 bis 21 Stunden. Die Sonne steht tiefer als im Sommer, was warmes, goldenes Licht erzeugt, besonders morgens und abends. Fotografen schwärmen vom isländischen Frühlingslicht, weil es die Landschaft weicher und dreidimensionaler wirken lässt als das flache Sommerlicht im Juli.
Wetter im April und Mai
Das Wetter ist der Punkt, an dem die meisten Reisenden zögern. Und ja, das isländische Frühlingswetter ist wechselhaft. Aber "wechselhaft" bedeutet auf Island etwas anderes als in Deutschland. Es kann innerhalb einer Stunde von Sonnenschein über Regen zu Schnee und zurück wechseln. Die Isländer haben dafür ein Sprichwort: "Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte fünf Minuten."
Im April liegen die Tagestemperaturen in Reykjavík bei 3 bis 7 Grad Celsius. Im Norden und im Hochland ist es kälter, teilweise um den Gefrierpunkt. Schneefall ist bis Ende April möglich, auch im Flachland. Der Wind kann kräftig wehen, besonders an der Küste. Regentage gibt es im Schnitt 12 bis 15 im Monat. Aber: Viele Regenschauer sind kurz und werden von Sonnenschein abgelöst.
Im Mai wird es deutlich milder. Die Temperaturen klettern auf 6 bis 12 Grad, und die Zahl der Sonnenstunden steigt. Im Süden kann es an guten Tagen bis 15 Grad warm werden. Schnee im Flachland ist im Mai selten, kommt aber gelegentlich vor. Die zweite Maihälfte ist oft erstaunlich mild und trocken, und viele Einheimische betrachten Ende Mai als den eigentlichen Frühlingsbeginn.
Ein wichtiger Unterschied zum Sommer: Im Frühling gibt es noch gute Chancen auf Nordlichter. Im April sind die Nächte noch dunkel genug, um die Aurora Borealis zu sehen. Ab Mitte Mai wird es nachts nicht mehr richtig dunkel, und die Nordlichtsaison endet. Wer beides will (Frühling und Nordlichter), sollte Anfang bis Mitte April reisen.
Straßenverhältnisse und Erreichbarkeit
Die Straßenverhältnisse sind im Frühling der größte Planungsfaktor. Die Ringstraße (Route 1) ist ganzjährig befahrbar, aber im April kann es auf den Bergpässen im Norden und Osten zu Sperrungen durch Schnee oder Eis kommen. Die Pass-Strecke über die Öxi-Straße (Abkürzung in den Osten) und der Hringvegur durch die Ostfjorde können im April zeitweise gesperrt sein.
Die F-Straßen (Hochlandpisten) sind im Frühling komplett gesperrt, meistens bis Ende Juni oder Anfang Juli. Das Befahren gesperrter F-Straßen ist illegal und kann hohe Strafen nach sich ziehen (ab 100.000 ISK / 650 EUR). Die Website road.is zeigt den aktuellen Zustand aller Straßen und wird mehrmals täglich aktualisiert.
Für einen Frühlingstrip empfehle ich die Südküste und den Goldenen Kreis. Diese Routen sind auch im April problemlos befahrbar und bieten die meisten Sehenswürdigkeiten auf kurzer Strecke. Im Mai kann man auch den Norden (Akureyri, Mývatn) gut erreichen. Die Snæfellsnes-Halbinsel ist ganzjährig erreichbar, allerdings kann die Straße über den Kerlingarskard-Pass im April gesperrt sein (Umweg über Borgarnes möglich).
Mietwagen-Tipp: Im Frühling einen Allradwagen mieten, auch wenn man keine F-Straßen plant. Die zusätzliche Traktion hilft bei Schnee, Matsch und nassen Schotterpisten. Ein SUV kostet im April ab 12.000 ISK (78 EUR) pro Tag, ein kleiner Allradwagen ab 9.000 ISK (59 EUR). Im Juli wären die gleichen Fahrzeuge 40 bis 60 Prozent teurer.
Natur im Aufbruch
Der isländische Frühling ist eine Zeit der Extreme. Während in den Bergen noch meterhoch Schnee liegt, beginnt in den Tälern und an der Küste alles zu grünen. Die Kontraste sind hart: schwarzer Lavaboden, weißer Schnee, grünes Gras, blaues Wasser. Das ergibt Landschaftsbilder, die es im Sommer so nicht gibt, weil dann alles gleichmäßig grün ist.
Ab Mitte April kommen die Zugvögel zurück. Die Papageientaucher treffen in der zweiten Aprilhälfte an den Klippen ein und beginnen, ihre Bruthöhlen vorzubereiten. Küstenseeschwalben, Odinshühnchen und Goldregenpfeifer folgen. Für Vogelbeobachter ist Ende April bis Mitte Mai eine der besten Zeiten, weil die Vögel aktiv sind und die Kolonien noch nicht so voll, dass einzelne Tiere untergehen.
Die Schneeschmelze bringt die Wasserfälle auf Hochtouren. Seljalandsfoss, Skógafoss und Gullfoss führen im Mai deutlich mehr Wasser als im Hochsommer. Die Gischt ist stärker, der Lärm lauter, und die Regenbogen im Sonnenlicht sind intensiver. Der Nachteil: Man wird nasser. Aber wer eine gute Regenjacke hat, stört sich daran nicht.
Die Lupinen
Aktivitäten im Frühling
Die meisten Sommeraktivitäten starten im Mai. Walbeobachtungstouren ab Reykjavík laufen ganzjährig, ab Húsavík und Akureyri starten die Touren meistens im April. Gletscherwanderungen auf dem Sólheimajökull und Vatnajökull werden das ganze Jahr angeboten. Schneemobiltouren auf dem Langjökull laufen im Frühling bei besten Bedingungen, weil die Schneedecke noch dick ist.
Hier die wichtigsten Aktivitäten und ihre Verfügbarkeit:
Aktivitäten im Frühling (Verfügbarkeit)
- Goldener Kreis: Ganzjährig, keine Einschränkungen. Ab 12.900 ISK (84 EUR) als geführte Tour.
- Gletscherwanderung: Ganzjährig, im Frühling oft bessere Eisbedingungen als im Sommer. Ab 12.500 ISK (81 EUR).
- Walbeobachtung: Ab April (Húsavík), ganzjährig (Reykjavík). Sichtungsrate ab April steigend. Ab 12.490 ISK (81 EUR).
- Schneemobil: Ganzjährig auf den großen Gletschern. Im Frühling oft die besten Schneeverhältnisse. Ab 22.000 ISK (143 EUR).
- Eishöhlen: Bis Ende März/April, danach zu warm. Saison variiert jährlich.
- Papageientaucher: Ab Mitte/Ende April bis Mitte August. Erste Kolonien ab April aktiv.
- Hochland-Trekking: Erst ab Juni/Juli möglich, F-Straßen im Frühling gesperrt.
Ein besonderer Vorteil des Frühlings: Man kann Aktivitäten kombinieren, die im Sommer getrennt sind. Anfang April hat man noch eine Chance auf Eishöhlen-Touren (die normalerweise im März enden, aber bei kaltem Frühling bis April verlängert werden) und gleichzeitig die ersten Papageientaucher an den Klippen. Diese Kombination gibt es im Sommer nicht.
Die heißen Quellen und Schwimmbäder sind im Frühling besonders reizvoll. Draußen ist es kühl, aber im heißen Wasser sitzt man bei 38 bis 42 Grad und schaut auf schneebedeckte Berge. Die Blaue Lagune ist im Frühling weniger überlaufen als im Sommer, und die Preise für die Standardpakete sind dieselben (ab 9.990 ISK / 65 EUR). Das Sky Lagoon in Kópavogur und das Reykjadalur (heiße Quellen im Tal) sind ganzjährig geöffnet.
Preise und Unterkünfte
Der Frühling ist Nebensaison auf Island, und das merkt man an den Preisen. Hier ein Vergleich mit der Hochsaison (Juli):
Preisvergleich: Frühling vs. Hochsommer
- Flug (Frankfurt-Reykjavík): April: ab 150 EUR | Juli: ab 300 EUR
- Mietwagen (SUV/Tag): April: ab 78 EUR | Juli: ab 130 EUR
- Hotel (Doppelzimmer): April: ab 130 EUR | Juli: ab 220 EUR
- FerienhauFerienhaus (2 Schlafz.): | Juli: ab 195 EUR
- Gästehaus: April: ab 80 EUR | Juli: ab 130 EUR
Im April und Mai hat man zudem den Vorteil, dass Unterkünfte leichter verfügbar sind. Im Juli sind beliebte Ferienhäuser an der Südküste und am Goldenen Kreis oft Monate im Voraus ausgebucht. Im Frühling bekommt man auch kurzfristig noch gute Unterkünfte. Selbst die Blaue Lagune hat im April oft noch Slots für den nächsten Tag frei, was im Sommer fast unmöglich ist.
Manche Hotels und Gästehäuser in abgelegenen Gegenden (Westfjorde, Ostfjorde, Hochland-Rand) sind im April noch geschlossen und öffnen erst im Mai oder Juni. In Reykjavík, am Goldenen Kreis, an der Südküste und in Akureyri ist aber alles ganzjährig geöffnet.
Campingplätze öffnen meistens Mitte Mai bis Anfang Juni. Im April ist Camping nur auf wenigen ganzjährig geöffneten Plätzen möglich (z.B. Reykjavík Campsite). Ein Campervan ist im Frühling eine Option, wenn er beheizt ist. Nachts kann es im April noch unter den Gefrierpunkt gehen.
Was man im Frühling einpacken sollte
Die Packliste für den Frühling auf Island ähnelt der für den Winter, nur mit etwas weniger Isolierschicht. Das Stichwort ist: Schichten. Morgens kann es 2 Grad kalt sein, mittags 12 Grad warm, und abends weht ein eisiger Wind vom Gletscher. Wer sich in Schichten kleidet, kann flexibel reagieren.
Muss mit: Wasserdichte Außenjacke mit Kapuze (Gore-Tex oder ähnlich), warme Fleecejacke oder Daunenjacke, Thermounterwäsche (Merinowolle), warme Mütze, Handschuhe, wasserdichte Wanderschuhe mit guter Sohle, Sonnencreme (die Sonne kann im Mai überraschend stark sein, besonders mit Reflexion vom Schnee), Sonnenbrille.
Gut zu haben: Leichte Daunenweste (ideal für die Schichtung), Buff oder Halstuch (schützt Hals und Gesicht bei Wind), Badesachen (für heiße Quellen und Schwimmbäder), Fernglas (für Vögel und Wale), Stirnlampe (für Nordlichter-Ausflüge im April).
Nicht nötig: Schwere Winterstiefel (außer für Gletscherwanderungen, da werden Steigeisen vom Anbieter gestellt), Regenhose (eine gute Outdoorhose reicht meistens), Moskitonetz (die Mücken am Mývatn werden erst im Juni aktiv).
Häufige Fragen zum Frühling auf Island
Kann man im April die ganze Ringstraße fahren?
Meistens ja, aber mit Einschränkungen. Die Ringstraße ist in der Regel ganzjährig befahrbar, allerdings können einzelne Abschnitte im Norden und Osten bei starkem Schneefall kurzfristig gesperrt werden. Die Website road.is gibt Echtzeit-Informationen. Einen Allradwagen zu mieten ist im April sinnvoll, auch wenn die Ringstraße selbst asphaltiert ist.
Sieht man im April noch Nordlichter?
Ja, Anfang April sind die Nächte noch dunkel genug. Die Nordlichtsaison läuft offiziell bis Mitte April. Danach werden die Nächte zu hell. Die Chancen sind geringer als im Winter, aber bei klarem Himmel und guter Sonnenaktivität kann man die Aurora bis Mitte April noch sehen, besonders außerhalb von Reykjavík.
Wann kommen die Papageientaucher?
Die ersten Papageientaucher treffen Mitte bis Ende April an den Klippen ein. Anfangs sind sie noch wenige und verbringen viel Zeit auf dem Wasser. Ab Mai sind die Kolonien besetzt, und die Vögel sind regelmäßig an den Brutplätzen zu sehen. Die beste Zeit für Papageientaucher-Beobachtung beginnt richtig ab Mitte Mai.
Ist der Frühling für eine erste Islandreise geeignet?
Ja, vor allem der Mai. Der April erfordert etwas mehr Flexibilität wegen des Wetters, aber wer gut geplant und warm angezogen ist, wird belohnt. Für die erste Reise empfehle ich den Goldenen Kreis und die Südküste, weil diese Regionen im Frühling am besten zugänglich sind. Die F-Straßen und das Hochland sind für den zweiten Besuch.
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026