Kajakfahren auf Island
Das Paddel taucht ins Wasser, und die Stille ist sofort da. Keine Motoren, kein Straßenlärm, nur das leise Plätschern des Kajaks und das entfernte Knacken eines Eisbergs, der langsam in sich zusammenfällt. Vor dem Bug treiben Eisbrocken in allen Blautönen, die man sich vorstellen kann: hellblau, kobaltblau, fast schwarz, wo die Eisschichten besonders dick und alt sind. Hinter einem ragt die Gletscherzunge des Breiðamerkurjökull in den Himmel, und ringsum ist niemand. Kein Boot, kein Mensch, nur Eis und Wasser und eine Stille, die man in Europa selten findet.
Kajakfahren auf Island hat in den letzten Jahren stark an Beliebtheit gewonnen, und das aus guten Gründen. Die Insel bietet eine Vielfalt an Kajak-Revieren, die kaum ein anderes Land in dieser Kompaktheit hat: Gletscherlagunen mit treibenden Eisbergen, tiefe Fjorde mit steilen Felswänden, Küstenabschnitte mit Vogelfelsen und Seehundkolonien, und ruhige Seen im Hochland. Für jedes Level, vom absoluten Anfänger bis zum erfahrenen Seekajakfahrer, gibt es die passende Tour.
Warum Island ein Kajak-Paradies ist
Island hat über 5.000 Kilometer Küstenlinie, dutzende Fjorde und mehrere Gletscherlagunen. Die Gewässer sind in der Regel saüber und klar, die Sicht unter Wasser reicht oft mehrere Meter tief. Island als Kajakziel, ist die Tatsache, dass man vom Wasser aus Orte erreicht, die vom Land her nicht oder nur schwer zugänglich sind. Manche Buchten in den Westfjorden haben keine Straßenanbindung, und Seehundkolonien lassen sich vom Kajak aus viel näher beobachten als vom Ufer.
Die Tierwelt ist ein weiterer Grund. Beim Paddeln begegnet man Seehunden, die neugierig neben dem Kajak auftauchen und den fremden Besucher mustern. In den Fjorden fliegen Papageientaucher knapp über die Wasseroberfläche, und mit etwas Glück sieht man Wale in der Ferne blasen. Von einem Kajak aus ist der Abstand zur Tierwelt deutlich geringer als von einem Motorboot, weil die Tiere nicht durch Motorenlärm gestört werden.
Das Licht spielt auch eine Rolle. Islands tiefe Sonne, die im Sommer fast rund um die Uhr scheint und im Frühling und Herbst lange goldene Stunden produziert, lässt die Berge und Gletscher vom Wasser aus in Farben leuchten, die man vom Land nicht sieht. Die Reflexionen auf der Wasseroberfläche verdoppeln die Landschaft, und an windstillen Tagen liegt der Fjord so ruhig da, dass man die Berge kopfüber im Wasser sieht.
Die besten Kajak-Reviere
Island bietet für verschiedene Kajak-Interessen unterschiedliche Reviere. Hier die wichtigsten:
Gletscherlagunen (Südosten): Die Jökulsárlón und die benachbarte Fjallsárlón sind die berühmtesten Kajakreviere Islands. Hier paddelt man zwischen treibenden Eisbergen, die vom Breiðamerkurjökull-Gletscher abbrechen. Die Eisberge sind blau, weiß, schwarz gestreift und manchmal durchsetzt mit vulkanischer Asche. Die Lagunen sind relativ ruhig, da sie vom offenen Meer durch eine Sandbank getrennt sind.
Westfjorde: Das beste Revier für Seekajaking. Die tiefen, schmalen Fjorde bieten geschütztes Wasser und steile Felswände, die direkt aus dem Meer aufsteigen. Der Ísafjarðardjúp, der größte Fjord der Westfjorde, hat mehrere Seitenarme, die man in Tagestouren erkunden kann. Von Ísafjörður aus starten geführte Touren in die umliegenden Fjorde.
Nordisland (Eyjafjörður): Der längste Fjord Islands erstreckt sich von Akureyri bis zum offenen Meer. Kajaktouren starten von Akureyri oder Dalvík und führen entlang der Küste, vorbei an Fischerdörfern und Seehundbänken. Im Sommer hat man gute Chancen, Buckelwale im Fjord zu sehen, die zum Fressen in die nährstoffreichen Gewässer kommen.
Snæfellsnes: Die Küste der Snæfellsnes-Halbinsel bietet Seekajaking mit Blick auf den Snæfellsjökull-Gletscher. Von Stykkishólmur aus kann man durch die Inselwelt des Breiðafjörður paddeln, wo tausende kleine Inseln ein geschütztes Labyrinth bilden.
Reykjavík und Umgebung: Für Einsteiger gibt es Kajaktouren direkt in Reykjavík, auf dem Tjörnin-See im Stadtzentrum oder entlang der Küste bei Seltjarnarnes. Diese Touren dauern 2 bis 3 Stunden und sind eine gute Möglichkeit, Kajaking auszuprobieren, ohne weit fahren zu müssen.
Kajak zwischen Eisbergen: Jökulsárlón
Die Kajaktour auf der Jökulsárlón ist die Vorzeige-Tour Islands und gehört zu den wenigen Orten weltweit, an denen man zwischen Eisbergen paddeln kann. Die Gletscherlagune ist etwa 18 km² groß und bis zu 248 Meter tief. Sie entstand durch den Rückzug des Breiðamerkurjökull-Gletschers, einer Zunge des Vatnajökull, und wächst jedes Jahr, da der Gletscher weiter schrumpft.
Die Kajaktouren auf der Jökulsárlón starten vom Westufer der Lagune und dauern etwa 1,5 bis 2 Stunden. Man paddelt in Zweier-Sit-on-Top-Kajaks (keine Vorkenntnisse nötig) zwischen den Eisbergen hindurch, die langsam Richtung Meer treiben. Die Guides halten einen Sicherheitsabstand zu den großen Eisbergen ein, da diese jederzeit kalben (auseinanderbrechen) können, was eine Welle erzeugt. Kleinere Eisbrocken kann man vom Kajak aus berühren und ihre Struktur fühlen.
Die Wassertemperatur in der Lagune liegt ganzjährig bei 1 bis 4 Grad. Das klingt abschreckend, aber man sitzt trocken im Kajak, und die Anbieter stellen wasserdichte Trockenanzüge (Drysuits) zur Verfügung, die über der normalen Kleidung getragen werden. Trotzdem: Warme Unterwäsche, eine Mütze und Handschuhe sind Pflicht, auch im Sommer. Die Luft über dem Gletscherwasser ist merklich kühler als im umgebenden Land.
Preis: 12.000 bis 15.000 ISK (80 bis 100 EUR) pro Person für eine 1,5-Stunden-Tour. Im Preis enthalten sind Drysuit, Schwimmweste, Paddel und Guide. Die Touren finden von Mai bis September statt, täglich mit mehreren Startzeiten. In der Hochsaison (Juli/August) sind die Touren oft ausgebucht, mindestens eine Woche vorher buchen.
Die alternative Fjallsárlón-Lagune, 10 km westlich der Jökulsárlón, bietet ähnliche Eisberg-Touren mit weniger Touristen. Die Lagune ist kleiner und weniger bekannt, die Eisberge sind aber genauso stark. Preis: 10.000 bis 12.000 ISK (66 bis 80 EUR). Für Reisende, die der Jökulsárlón-Menge entgehen wollen, eine gute Alternative.
Fjord-Kajaking in den Westfjorden
Wer ernsthaftes Seekajaking sucht, kommt an den Westfjorden nicht vorbei. Die Region im Nordwesten Islands ist die abgelegenste und am dünnsten besiedelte des Landes. Die Fjorde schneiden tief ins Land, und manche Buchten und Strände sind nur vom Wasser aus erreichbar.
Die beliebteste Tour startet in Ísafjörður und führt entlang der Küste des Skutulsfjörður. Man paddelt an Vogelklippen vorbei, in denen Dreizehenmöwen, Eissturmvögel und mit etwas Glück Papageientaucher brüten. Die Felswände steigen 300 bis 500 Meter direkt aus dem Wasser auf, und der Maßstab der Landschaft wird erst vom Kajak aus wirklich greifbar.
Mehrtägige Kajakexpeditionen in den Westfjorden sind für erfahrene Paddler die Königsdisziplin. Touren von 3 bis 7 Tagen führen durch mehrere Fjorde, mit Zeltnächten an einsamen Stränden. Man paddelt 15 bis 25 km pro Tag, kocht abends am Strand und hat die Fjorde oft komplett für sich allein. Die Anbieter stellen die gesamte Ausrüstung (Zelte, Schlafsäcke, Kochgeschirr) und verpflegen die Gruppe. Preise für mehrtägige Touren: 150.000 bis 350.000 ISK (990 bis 2.310 EUR) pro Person, je nach Dauer und Gruppengröße.
Auch in Seyðisfjörður in den Ostfjorden werden Kajaktouren angeboten. Der Fjord ist ruhiger als die Westfjorde und eignet sich gut für Anfänger. Die Touren führen entlang der Küste zu Wasserfällen, die direkt ins Meer stürzen, ein Anblick, den man vom Land nicht hat.
Touren und Anbieter
Hier eine Übersicht der wichtigsten Kajaktouren und ihrer Preise:
Jökulsárlón Eisberg-Kajaking: 1,5 bis 2 Stunden, ab 12.000 ISK (80 EUR). Anbieter: Iceguide, Arctic Adventures. Mai bis September. Keine Vorkenntnisse nötig.
Fjallsárlón Eisberg-Kajaking: 1,5 Stunden, ab 10.000 ISK (66 EUR). Anbieter: Fjallsárlón Glacier Lagoon Tours. Weniger Touristen als Jökulsárlón.
Westfjorde Seekajaking (Tagestour): 4 bis 6 Stunden, ab 22.000 ISK (146 EUR). Anbieter: Borea Adventures, West Tours. Grundkenntnisse empfohlen. Juni bis August.
Stykkishólmur Insel-Kajaking: 2 bis 3 Stunden, ab 14.000 ISK (93 EUR). Anbieter: Kajak Ferðir. Paddeln zwischen den Inseln des Breiðafjörður. Für Anfänger geeignet.
Akureyri Fjord-Kajaking: 2 bis 3 Stunden, ab 12.000 ISK (80 EUR). Anbieter: Arctic Sea Kayaks. Seehunde und Meerblick. Anfängerfreundlich.
Reykjavík Küsten-Kajaking: 2 Stunden, ab 10.000 ISK (66 EUR). Anbieter: Arctic Adventures, Kayak Tours Reykjavík. Stadtblick vom Wasser. Ganzjährig buchbar.
Alle Touren können über die Websites der Anbieter oder über guidetoiceland.is gebucht werden. Die Bewertungen auf TripAdvisor und Google sind ebenfalls hilfreich bei der Auswahl. Seriöse Anbieter haben ausgebildete Guides mit Kajak-Führerschein und Erste-Hilfe-Zertifikat.
Ausrüstung und Vorbereitung
Die komplette Kajakausrüstung wird bei allen geführten Touren gestellt. Das umfasst:
Drysuit (Trockenanzug): Ein wasserdichter Ganzkörperanzug, der über der normalen Kleidung getragen wird. Fällt man ins Wasser, bleibt man trocken. Die Drysuits der Anbieter sind in verschiedenen Größen vorhanden (XS bis XXL). Unter dem Drysuit trägt man warme, aber bequeme Kleidung: Fleece oder Thermounterwäsche. Jeans und Baumwolle sind schlecht geeignet, da sie bei Feuchtigkeit nicht isolieren.
Schwimmweste (PFD): Pflicht bei allen Touren, wird gestellt. Die Schwimmwesten sind so bemessen, dass sie auch mit Drysuit passen.
Was man selbst mitbringen sollte: Warme Mütze (es wird kühl auf dem Wasser), Handschuhe (Neoprenhandschuhe oder wasserfeste Handschuhe), Sonnencreme (die Reflexion auf dem Wasser verstärkt die UV-Strahlung), eine Kamera mit Handschlaufe oder ein wasserdichtes Handy-Etui. Alles, was man nicht im Kajak unterbringen kann, bleibt beim Fahrzeug am Ufer.
Für Anfänger: Die meisten Touren auf Island nutzen Sit-on-Top-Kajaks, die deutlich stabiler sind als geschlossene Seekajaks. Man sitzt oben auf dem Kajak statt darin und kann bei einem Kentern einfach wieder aufsteigen. Die Grundtechnik (Vorwärtsschlag, Steuern, Bremsen) wird am Ufer in 10 bis 15 Minuten erklärt. Nach 20 Minuten auf dem Wasser haben die meisten Anfänger den Dreh raus.
Sicherheit auf dem Wasser
Kajakfahren auf Island ist bei geführten Touren sicher, erfordert aber Respekt vor den Bedingungen. Die Wassertemperaturen liegen ganzjährig zwischen 1 und 10 Grad. Ein Sturz ins Wasser ohne Schutzkleidung führt innerhalb von Minuten zur Unterkühlung. Deshalb ist der Drysuit so wichtig: Er hält den Körper trocken und warm, selbst wenn man ins Wasser fällt.
Bei Gletschertouren besteht das größte Risiko durch kalbende Eisberge. Große Eisbrocken, die vom Gletscher abbrechen, erzeugen Wellen, die ein Kajak zum Kentern bringen können. Die Guides halten daher einen Mindestabstand von 50 bis 100 Metern zu großen Eisbergen und zur Gletscherwand ein. Dieser Abstand ist nicht verhandelbar, auch wenn das Foto aus der Nähe besser wäre.
Wind ist der zweite Faktor. Auf offenen Fjorden und an der Küste kann der Wind schnell auffrischen und das Paddeln gegen den Wind anstrengend machen. Seriöse Anbieter prüfen die Wettervorhersage vor jeder Tour und sagen ab, wenn der Wind über 15 m/s (54 km/h) weht. In geschützten Lagunen wie der Jökulsárlón ist das Windproblem geringer als an der offenen Küste.
Für Alleinpaddler (ohne Guide): Eigenständiges Kajaking auf Island ist legal, aber nur für erfahrene Paddler empfehlenswert. Wer ein eigenes Kajak mitnimmt oder vor Ort mietet (Verleih in Reykjavík, Akureyri und Ísafjörður möglich, ab 8.000 ISK / 53 EUR pro Tag), sollte die Gezeitentabellen kennen, ein wasserdichtes Kommunikationsmittel (VHF-Funk oder Satellitentelefon) dabei haben und jemanden über die geplante Route informieren. Die App safetravel.is bietet einen Reiseplan-Service, bei dem man die Route hinterlegen kann und bei Nichtmeldung alarmiert wird.
Häufige Fragen
Brauche ich Vorerfahrung für Kajaktouren auf Island?
Für die meisten Touren (Gletscherlagunen, Reykjavík, Akureyri) ist keine Vorerfahrung nötig. Die Sit-on-Top-Kajaks sind stabil und einfach zu steuern, und die Guides geben vor der Tour eine Einweisung. Für mehrtägige Seekajaktouren in den Westfjorden werden Grundkenntnisse im Kajaking und eine gute körperliche Fitness erwartet. Wer vorher noch nie im Kajak gesessen hat, sollte mit einer kurzen Tour (2 Stunden) beginnen.
Kann man auf Island auch im Winter Kajak fahren?
Grundsätzlich ja, aber das Angebot ist eingeschränkt. Die Gletscherlagunen-Touren laufen nur von Mai bis September. In Reykjavík werden ganzjährig Küstentouren angeboten, auch im Winter, wenn es 3 Stunden Tageslicht gibt. Winter-Kajaking ist eine besondere Erfahrung (kurze Dämmerung, eventuell Nordlichter), erfordert aber dickere Kleidung und eine höhere Kältetoleranz.
Wie kalt wird es beim Kajaking auf Island?
Die Lufttemperatur auf dem Wasser liegt im Sommer bei 8 bis 14 Grad, im Drysuit empfindet man es aber wärmer. Hände und Gesicht sind die kältegefährdeten Stellen, warme Handschuhe und eine Mütze helfen. Auf Gletscherlagunen ist es durch die Nähe zum Eis 3 bis 5 Grad kälter als auf Fjorden. Die meisten Teilnehmer empfinden die Kälte als erfrischend, solange sie richtig angezogen sind.
Gibt es eine Gewichts- oder Altersbegrenzung?
Die meisten Anbieter nehmen Teilnehmer ab 14 oder 16 Jahren mit, manche ab 12 Jahren in Begleitung eines Erwachsenen. Die Gewichtsbegrenzung für Drysuits liegt bei den meisten Anbietern bei 120 bis 130 kg. Wer schwerer ist, sollte vorher beim Anbieter nachfragen, ob ein passender Drysuit vorhanden ist. Schwimmkenntnisse sind keine Voraussetzung (man trägt eine Schwimmweste), werden aber empfohlen.
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026