Die Westfjorde
Nur etwa drei Prozent aller Island-Reisenden besuchen die Westfjorde. Das ist gleichzeitig das Schönste und das Herausforderndste an dieser Region: Wer sich hierher wagt, findet eine Landschaft, die selbst für isländische Verhältnisse extrem wirkt. Tiefe Fjorde schneiden wie Finger in das älteste Gestein der Insel, Schotterstraßen winden sich über Hochebenen, und in manchen Tälern lebt kein einziger Mensch mehr.
Die Westfjorde (Vestfirðir) bilden eine zerklüftete Halbinsel im Nordwesten Islands, die nur durch eine schmale Landbrücke mit dem Rest der Insel verbunden ist. Rund 7.000 Menschen leben hier, die meisten davon in Ísafjörður. Die Fläche ist etwa so groß wie Tirol, aber mit einer Bevölkerungsdichte, die an die Polarregionen erinnert.
Warum die Westfjorde einzigartig sind
Geologisch sind die Westfjorde der älteste Teil Islands. Das Gestein ist 14 bis 16 Millionen Jahre alt, während der Rest der Insel überwiegend aus jüngerem Vulkangestein besteht. Hier gibt es keine aktiven Vulkane, keine heißen Quellen, keine Geysire. Stattdessen haben Gletscher und Erosion über Jahrmillionen die dramatischen Fjorde und Tafelberge geformt, die das Landschaftsbild prägen.
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Die Isolation hat die Westfjorde zu einem Zufluchtsort für Wildtiere gemacht. Islands größte Kolonien von Papageientauchern brüten an den Klippen von Látrabjarg. Polarfüchse, die einzigen einheimischen Landsäugetiere Islands, streifen durch das Hornstrandir-Reservat. Robben sonnen sich auf den Sandbänken der Fjorde, und in den Gewässern tummeln sich Wale.
Was die Westfjorde von anderen Regionen Islands unterscheidet, ist das Gefühl vollkommener Abgeschiedenheit. Auf langen Strecken begegnet man keinem anderen Fahrzeug. Tankstellen und Supermärkte sind rar. Mobilfunkempfang gibt es nur in den Ortschaften. Genau das macht den Reiz aus: Man erlebt Island in seiner ursprünglichsten Form, ohne Tourbusse, ohne Souvenirshops, ohne Warteschlangen.
Ísafjörður: Hauptstadt der Westfjorde
Ísafjörður mit seinen rund 2.600 Einwohnern ist das Versorgungszentrum der Westfjorde und der logische Ausgangspunkt für jede Reise in die Region. Die Stadt liegt auf einer Sandbank im Skutulsfjörður, umgeben von steilen Bergen, die im Winter die Sonne für Wochen verschwinden lassen. Anfang Februar feiern die Einwohner das erste Sonnenlicht mit einem Sonnenkaffee (Sólarkaffi) auf dem Marktplatz.
Ísafjörður hat alles, was man als Basis braucht: ein Krankenhaus, mehrere Restaurants, Supermärkte (Bónus und Krónan), einen Hafen für die Fähre Baldur und einen kleinen Flughafen mit täglichen Verbindungen nach Reykjavík. Die Altstadt am Hafen besteht aus liebevoll restaurierten Holzhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die zu den ältesten erhaltenen Gebäuden Islands zählen.
Im Westfjorde-Kulturhaus (Edinborg) finden regelmäßig Ausstellungen und Konzerte statt. Das Seefahrtsmuseum im historischen Turnhús zeigt die Geschichte der Fischerei, die diese Region über Jahrhunderte am Leben gehalten hat. Im April verwandelt sich die Stadt beim Festival „Aldrei fór ég suður" (Ich bin nie nach Süden gegangen) in eine Musikbühne, bei der isländische Bands kostenlos auftreten.
Dynjandi: Königin der Wasserfälle
Der Dynjandi (auch Fjallfoss genannt) ist nicht nur der schönste Wasserfall der Westfjorde, sondern für viele Besucher der eindrucksvollste ganz Islands. Er liegt am inneren Ende des Arnarfjörður und stürzt in sieben Kaskaden insgesamt 100 Meter in die Tiefe. Die oberste Stufe, der eigentliche Dynjandi, ist oben 30 Meter breit und fächert sich nach unten trapezförmig auf 60 Meter auf. Der Name bedeutet „der Donnernde", und wenn man vor ihm steht, versteht man warum.
Vom Parkplatz führt ein gut angelegter Wanderweg in etwa 15 Minuten zum Hauptwasserfall. Auf dem Weg passiert man die sechs kleineren Kaskaden unterhalb, jede mit eigenem Namen: Háifoss, Úðafoss, Göngummanafoss, Hundafoss, Strokkur und Bæjarfoss. Der Aufstieg lohnt sich besonders am Nachmittag, wenn die Sonne den Wasserfall direkt beleuchtet und Regenbögen in der Gischt entstehen.
Seit 2020 gibt es am Parkplatz sanitäre Einrichtungen und eine kleine Gebühr für das Parken (ca. 750 ISK). Camping direkt am Wasserfall ist ebenfalls möglich und ein Erlebnis: Man schläft mit dem Rauschen des Wassers ein und wacht mit Blick auf den Fjord auf. Wer mit dem Wohnmobil reist, sollte die Zufahrtsstraße (Route 624) beachten, die streckenweise steil und geschottert ist.
Hornstrandir Naturreservat
Hornstrandir ist der nördlichste Zipfel der Westfjorde und seit 1975 ein Naturreservat. Es ist komplett unbewohnt: Die letzten Bewohner verließen die abgelegenen Gehöfte in den 1950er Jahren. Es gibt keine Straßen, keine Infrastruktur, keine Gebäude (nur einige verfallende Ruinen). Die einzige Möglichkeit, hierher zu gelangen, ist per Boot von Ísafjörður oder Bolungarvík.
Was Hornstrandir für Trekkingbegeisterte so besonders macht: Die Polarfüchse hier haben keine Angst vor Menschen. Sie nähern sich oft bis auf wenige Meter, lassen sich beobachten und fotografieren. Im Rest Islands werden Polarfüchse gejagt, in Hornstrandir sind sie seit Jahrzehnten geschützt und entsprechend zutraulich. Ornithologen finden an den Klippen riesige Seevogelkolonien mit Papageientauchern, Lummen, Dreizehenmöwen und Eissturmvögeln.
Die Hornstrandir-Halbinsel liegt direkt am Polarkreis. Im Sommer scheint die Mitternachtssonne, im Winter fällt hier mehr Schnee als irgendwo sonst in Island. Die beliebteste Wanderroute führt von Hesteyri entlang der Küste nach Hornvík (zwei bis drei Tage). Wer nur einen Tagesausflug machen möchte, kann mit dem Boot nach Hesteyri fahren, das verlassene Dorf erkunden und mit einem späteren Boot zurückkehren.
Wichtig: Wer in Hornstrandir übernachten will, muss komplett autark sein. Zelt, Kocher, Proviant für die gesamte Dauer, Wasserfilter und wetterfeste Ausrüstung sind Pflicht. Die Boote fahren nur bei gutem Wetter, Verspätungen von ein bis zwei Tagen kommen vor. Man sollte immer einen Puffertag einplanen und sich bei der Nationalparkbehörde in Ísafjörður registrieren.
Látrabjarg: Europas westlichster Punkt
Látrabjarg ist eine 14 Kilometer lange Vogelklippe am äußersten Südwestzipfel der Westfjorde. Sie ist nicht nur Europas westlichster Punkt (noch westlicher als die Azoren), sondern auch eine der größten Vogelklippen der Welt. Millionen von Seevögeln brüten hier an den bis zu 441 Meter hohen Steilwänden: Papageientaucher, Tordalken, Lummen, Basstölpel und viele mehr.
Die Papageientaucher (Lundi auf Isländisch) sind der Hauptgrund, warum viele die lange Anfahrt auf sich nehmen. Von Mitte Mai bis Mitte August kann man die bunten Vögel aus nächster Nähe beobachten. Die Vögel an den Klippen von Látrabjarg sind an Menschen gewöhnt und bleiben oft ruhig sitzen, wenn man sich langsam nähert. Man kann sie aus einem halben Meter Entfernung fotografieren, was an kaum einem anderen Ort der Welt möglich ist.
Entlang der Klippenkante führt ein ungesicherter Wanderweg. Es gibt keine Zäune, keine Geländer. Der Wind kann plötzlich und heftig auffrischen. Man sollte immer mindestens zwei Meter Abstand zur Kante halten: Die Klippe ist von Papageientaucher-Höhlen durchlöchert, und der Rand kann unvermittelt abbrechen. Trotz der fehlenden Absicherung ist Látrabjarg gut begehbar, solange man aufmerksam bleibt und bei Sturm auf den Besuch verzichtet.
Die beste Zeit für einen Besuch ist der späte Nachmittag und Abend, wenn die Papageientaucher mit Fischen im Schnabel zu ihren Höhlen zurückkehren. Im Licht der tief stehenden Sonne sind die Fotomöglichkeiten dann besonders gut.
Rauðasandur: Der rote Strand
Rauðasandur ist einer der ungewöhnlichsten Strände Islands. Statt schwarzem Vulkansand erstreckt sich hier ein kilometerlanger Strand aus rötlich-goldenem Sand an der Südküste der Westfjorde. Die Farbe entsteht durch zermahlene Muscheln und rotes Gestein, das von den umliegenden Bergen herabgeschwemmt wird. Bei Ebbe dehnt sich der Strand auf eine enorme Fläche aus, und je nach Lichteinfall schimmert er in Tönen von Gold über Rot bis Orange.
Die Zufahrt zum Rauðasandur führt über eine steile, unbefestigte Passstraße, die sich in engen Serpentinen den Berg hinunterschlängelt. Die Straße ist nur im Sommer befahrbar und erfordert Vorsicht, ein Allradwagen wird empfohlen. Unten angekommen, parkt man auf einem Schotterplatz und wandert wenige Minuten zum Strand. Oft ist man hier völlig allein.
Am westlichen Ende des Strandes steht die kleine schwarze Holzkirche Hnjótur, direkt daneben ein skurriles Museum, das vom lokalen Enthusiasten Egill Ólafsson betrieben wird. Es zeigt alles von Fischereigeräten über Flugzeugteile bis hin zu Alltagsgegenständen aus vergangenen Jahrhunderten. Der Strand hat auch eine dunkle Geschichte: 1802 ereignete sich hier ein berühmter Doppelmord, der als „Rauðasandur-Morde" in die isländische Kriminalgeschichte einging.
Praktische Tipps
Straßen: Die Westfjorde haben das anspruchsvollste Straßennetz Islands. Viele Strecken sind Schotterpisten, teils einspurig mit Ausweichstellen. Die Hauptverbindungen (Route 61 und 68) sind asphaltiert, aber Nebenstrecken wie die Zufahrten zu Látrabjarg und Rauðasandur erfordern Geduld und ein geländetaugliches Fahrzeug. Ein Allradwagen ist nicht überall nötig, aber sehr empfohlen. Die Straßen werden üblicherweise erst Ende Mai bis Anfang Juni geöffnet.
Anreise: Es gibt drei Wege in die Westfjorde. Per Flugzeug von Reykjavík nach Ísafjörður (ca. 40 Minuten, tägliche Verbindungen mit Icelandair). Mit dem Auto über die Ringstraße und dann Route 61 über den Steingrímsfjarðarheiði-Pass (ca. 450 km von Reykjavík, sechs bis sieben Stunden Fahrt). Oder mit der Fähre Baldur von Stykkishólmur auf der Snæfellsnes-Halbinsel nach Brjánslækur an der Südküste der Westfjorde (drei Stunden, im Sommer täglich, Reservierung empfohlen).
Beste Reisezeit: Juni bis August ist die einzige realistische Zeit für einen Besuch. Im Juni öffnen die Straßen, die Papageientaucher sind da, und die Mitternachtssonne sorgt für endlose Tage. Im September werden erste Nebenstrecken gesperrt, ab Oktober sind große Teile der Region unzugänglich. Selbst im Hochsommer sollte man auf Regen, Wind und Temperaturen um 10 Grad vorbereitet sein.
Versorgung: Zwischen den Ortschaften gibt es wenig Infrastruktur. In Ísafjörður und Patreksfjörður gibt es Supermärkte und Tankstellen. Außerhalb dieser Orte sollte man immer genug Proviant und einen vollen Tank haben. Manche Strecken sind über 100 Kilometer lang ohne jede Versorgungsmöglichkeit. Ein Reservekanister ist eine kluge Investition.
Zeitplanung: Die meisten Reisenden unterschätzen die Fahrzeiten in den Westfjorden. Auf den Schotterpisten kommt man selten schneller als 40 km/h voran. Eine Strecke von 100 Kilometern kann drei Stunden dauern. Für eine vernünftige Rundreise durch die Westfjorde sollte man mindestens vier bis fünf Tage einplanen, besser eine Woche.
Häufige Fragen
Braucht man einen Allradwagen für die Westfjorde?
Offiziell nicht für alle Strecken, aber in der Praxis ist ein Allradwagen sehr empfehlenswert. Die Zufahrten zu Látrabjarg, Rauðasandur und vielen anderen Highlights sind unbefestigt und teils steil. Mit einem normalen PKW kommt man auf den asphaltierten Hauptstraßen zurecht, verpasst aber viele der schönsten Orte.
Wann ist die beste Zeit, Papageientaucher zu sehen?
Die Papageientaucher kommen Mitte Mai an die Klippen und verlassen sie Mitte August. Die beste Beobachtungszeit ist Juni und Juli, idealerweise am späten Nachmittag, wenn sie mit gefangenen Fischen zu ihren Höhlen zurückkehren.
Kann man Hornstrandir als Tagesausflug besuchen?
Ja, mehrere Bootsanbieter in Ísafjörður bieten Tagestouren nach Hesteyri an. Man hat dort einige Stunden zum Wandern, bevor das Boot am Nachmittag zurückfährt. Für eine richtige Trekkingtour sollte man zwei bis fünf Tage einplanen.
Wie viele Tage sollte man für die Westfjorde einplanen?
Mindestens vier bis fünf Tage für die wichtigsten Highlights (Ísafjörður, Dynjandi, Látrabjarg, Rauðasandur). Wer auch Hornstrandir besuchen oder abgelegenere Fjorde erkunden möchte, sollte sieben bis zehn Tage einplanen. Die Fahrzeiten sind lang, und Hetze passt nicht zu dieser Region.
Gibt es Unterkünfte in den Westfjorden?
In Ísafjörður, Patreksfjörður, Bíldudalur und Þingeyri gibt es Hotels und Gästehäuser. Außerhalb der Orte findet man vereinzelt Farmunterkünfte und Campingplätze. In der Hochsaison (Juli) sollte man unbedingt vorbuchen, da die Kapazitäten begrenzt sind.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026