Kajakfahren in Norwegen
Inhaltsverzeichnis
- 1 Warum Norwegen das beste Kajakland Europas ist
- 2 Die besten Kajakreviere in den Fjorden
- 3 Seekajak an der norwegischen Küste
- 4 Seen und Fluesse: Kajak im Landesinneren
- 5 Gefuehrte Touren oder auf eigene Faust?
- 6 Ausrüstung und Verleih
- 7 Kajak unter der Mitternachtssonne
- 8 Sicherheit auf dem Wasser
- 9 Haeufige Fragen
Vom Kajak aus sieht Norwegen anders aus. Statt auf die Fjorde hinabzublicken, sitzt man mittendrin. Das Wasser ist so klar, dass man den Grund sehen kann. Über einem ragen Felswande hunderte Meter in die Hoehe. Und das Einzige, was man hört, ist das Eintauchen des Paddels.
Ich habe mein erstes Kajak in Norwegen im Geirangerfjord gemietet. Zwei Stunden, ein Doppelpaddel und keine Ahnung. Am Ende war ich durchnaesst, meine Arme taten weh und ich wollte sofort wieder raus aufs Wasser. Seitdem paddele ich jedes Jahr in Norwegen, und jedes Mal finde ich ein neues Revier, das mich überrascht.
Warum Norwegen das beste Kajakland Europas ist
Norwegens Küstenlinie ist 25.000 Kilometer lang. Zaehlt man alle Inseln, Fjorde und Buchten mit, kommt man auf über 100.000 Kilometer. Das ist mehr als genug Wasser für ein ganzes Kajakfahrerleben. Dazu kommen Tausende von Seen und Fluessen im Landesinneren.
Das Jedermannsrecht (Allemannsretten) macht alles noch besser: Man darf überall an Land gehen, zelten und Pausen einlegen, solange man Abstand zu Wohnhaeusern hält und keine Spuren hinterlaesst. Das bedeutet, dass man mit dem Kajak losfahren kann, ohne vorher Campingplaetze buchen oder Genehmigungen einholen zu müssen. Einfach paddeln, anlegen, übernachten, weiterpaddeln.
Ein weiterer Vorteil: In den Fjorden ist das Wasser fast immer ruhig. Die schmalen, tiefen Meeresarme sind von Bergen geschuetzt, und selbst wenn es draußen auf dem Atlantik stuermt, liegt das Wasser im Fjord oft spiegelglatt da. Perfekte Bedingungen für Anfänger und für alle, die lieber die Landschaft geniessen als gegen Wellen zu kaempfen.
Die besten Kajakreviere in den Fjorden
Geirangerfjord
Der Geirangerfjord ist UNESCO-Welterbe und der bekannteste Fjord Norwegens. Vom Kajak aus wirkt er noch gewaltiger als von oben. Die Felswande steigen 1.000 Meter senkrecht aus dem Wasser empor. Wasserfaelle stuerzen von Kanten in die Tiefe. Die "Sieben Schwestern" und der "Freier" sind die beruehmtesten.
Es gibt Verleihstationen direkt im Ort Geiranger. Halbtagstouren kosten ab 800 NOK, gefuehrte Ganztagestouren ab 1.500 NOK. Im Sommer teilt man sich den Fjord allerdings mit Kreuzfahrtschiffen. Früher Morgen oder später Nachmittag sind die besten Zeiten, dann hat man das Wasser oft für sich allein.
Naeroyfjord
Der Naeroyfjord ist der schmalste Fjord Norwegens. An seiner engsten Stelle misst er nur 250 Meter. Links und rechts steile Bergwande, oben ein schmaler Streifen Himmel. Im Kajak fuehlt man sich wie in einer Kathedrale aus Stein und Wasser. Der Naeroyfjord ist ebenfalls UNESCO-Welterbe und weniger touristisch als der Geirangerfjord.
Start ist in Gudvangen am Ende des Fjords. Von dort paddelt man in Richtung Aurlandsfjord und Sognefjord. Die komplette Strecke bis Flam dauert sechs bis acht Stunden. Man kann aber auch kuerzere Abschnitte waehlen. Anbieter vor Ort vermieten Einzel- und Doppelkajaks.
Hjorundfjord
Mein persoenlicher Favorit. Der Hjorundfjord in der Region Sunnmore liegt abseits der großen Touristenrouten. Keine Kreuzfahrtschiffe, wenige andere Kajakfahrer. Dafür wildere Berge, verlassene Hoefe am Ufer und eine Stille, die fast unheimlich ist. Wer mehrere Tage unterwegs sein will, kann entlang des Fjords zelten und die Seitentaeler erkunden.
Seekajak an der norwegischen Küste
Lofoten
Die Lofoten sind ein Traum für Seekajakfahrer. Kristallklares, tuerkisfarbenes Wasser (ja, wirklich), weisse Sandstraende und steile Berge, die direkt aus dem Meer aufsteigen. Die Temperaturen sind dank des Golfstroms milder als man erwarten würde. Im Sommer liegt die Wassertemperatur bei 10 bis 14 Grad.
Beliebte Strecken fuehren von Reine nach Hamnoy, entlang der Aussenseite von Moskenesoy oder durch die Schaeren vor Henningsvaer. Es gibt mehrere Verleihstationen, die größte sitzt in Reine. Mehrtaegige gefuehrte Touren kosten ab 5.000 NOK pro Person, inklusive Ausrüstung und Verpflegung.
Helgelandsküste
Suedlich der Lofoten erstreckt sich die Helgelandsküste mit ihren über 12.000 Inseln. Weniger bekannt, weniger besucht, genauso schön. Das Paddeln hier erinnert an Inselspringen: Man faehrt von Insel zu Insel, immer mit einer neuen Bucht zum Übernachten. Auf manchen Inseln findet man verlassene Fischerhaeuser, in denen man Schutz suchen kann. Die Helgelandsküste ist für erfahrenere Paddler geeignet, da die Straende offener und die Stroemungen staerker sind als in den geschuetzten Fjorden.
Senja und Vesteraalen
Noerdlich der Lofoten warten Senja und die Vesteraalen. Senja hat steilere Küsten und wildere Landschaft. Die Aussenseite der Insel ist nur für erfahrene Seekajakfahrer geeignet, die Innenseite bietet geschuetztere Gewässer. Auf den Vesteraalen kann man mit etwas Glück Wale vom Kajak aus beobachten. Buckelwale und Orcas ziehen durch die Gewässer zwischen den Inseln.
Seen und Fluesse: Kajak im Landesinneren
Nicht jeder will aufs Meer. Norwegens Binnengewaesser bieten ebenfalls sehr gute Kajakmöglichkeiten. Der Mjosa, Norwegens größter See, liegt nur zwei Stunden nördlich von Oslo. Er ist 117 Kilometer lang und bis zu 449 Meter tief. Die Ufer sind sanfter als an der Küste, mit Waeldern und Wiesen. Dazwischen liegen kleine Dörfer.
In der Telemark gibt es den Bandak-Kanal, eine historische Wasserstrasse mit Schleusen aus dem 19. Jahrhundert. Hier paddelt man durch stille Walder und vorbei an alten Bauernhoefen. Für Flusskajak eignen sich der Sjoa und der Trysilelva. Beide bieten Abschnitte von einfach bis anspruchsvoll.
Gefuehrte Touren oder auf eigene Faust?
Beides hat seinen Reiz. Gefuehrte Touren sind perfekt für Anfänger. Ein erfahrener Guide erklaert die Paddeltechnik, waehlt die Route nach Wetter und Können der Gruppe und kennt die besten Plaetze für Pausen und Übernachtungen. Außerdem ist die komplette Ausrüstung im Preis enthalten.
Wer Erfahrung hat und flexibel sein will, mietet sich ein Kajak und plant die Tour selbst. Das ist in Norwegen problemlos möglich. Die meisten Verleihstationen bieten Einweisungen an und geben Tipps zu Routen und Wetter. Wichtig: Immer die Wettervorhersage checken und jemanden informieren, wohin man faehrt.
Für die erste Kajaktour in einem norwegischen Fjord empfehle ich eine gefuehrte Halbtagestour. Man lernt die Grundlagen, bekommt ein Gefuehl für das Gewässer und kann danach entscheiden, ob man laengere Touren auf eigene Faust machen moechte.
Ausrüstung und Verleih
Die meisten Paddler in Norwegen nutzen Seekajaks (Touring-Kajaks). Das sind lange, schmale Boote mit geschlossenem Deck und Steuer. Sie liegen stabil im Wasser, gleiten gut und haben Staufaecher für Gepäck. Für Anfänger eignen sich auch breitere Sit-on-Top-Kajaks, die kippsicherer sind, aber weniger Stauraum bieten.
Leihen kostet zwischen 500 und 900 NOK pro Tag für ein Einzelkajak. Wochenmietpreise liegen bei 2.500 bis 4.500 NOK. Doppelkajaks sind etwas teurer. In der Miete sind normalerweise Paddel, Schwimmweste und Spritzdecke enthalten. Neoprenanzug, Trockenanzug und wasserdichte Saecke kosten oft extra.
Wer sein eigenes Kajak mitbringen will: Dachtraeger sind die gaengige Transportmethode. Auf den Faehren nach Norwegen (von Dänemark oder Deutschland) kann man Kajaks normalerweise ohne Aufpreis als Dachladung mitnehmen. Vorher bei der Reederei nachfragen.
Kajak unter der Mitternachtssonne
Noerdlich des Polarkreises geht die Sonne im Sommer nicht unter. Das bedeutet: Man kann um Mitternacht paddeln. Das klingt nach Spielerei, ist aber tatsaechlich eines der intensivsten Naturerlebnisse, die Norwegen bieten kann.
Um Mitternacht liegt das Wasser oft völlig still. Die Sonne steht tief am Horizont und taucht alles in goldenes Licht. Es ist weder Tag noch Nacht, sondern etwas dazwischen. Die Lofoten, Senja und die Vesteraalen sind die besten Orte für Mitternachtssonne-Paddeln. Die Saison dauert von Mitte Mai bis Mitte Juli.
Mehrere Anbieter auf den Lofoten bieten spezielle Mitternachtssonne-Kajaktouren an. Start ist gegen 22 Uhr, Rueckkehr gegen 2 Uhr morgens. Die Touren sind auch für Anfänger geeignet, da das Wasser zu dieser Tageszeit besonders ruhig ist.
Sicherheit auf dem Wasser
Kajakfahren in Norwegen ist sicher, solange man ein paar Grundregeln befolgt:
Sicherheitsregeln für Kajakfahrer
- Immer eine Schwimmweste tragen, auch bei ruhigem Wasser.
- Wettervorhersage pruefen (yr.no). Wind kann in Fjorden ploetzlich aufkommen.
- Route mitteilen. Jemandem sagen, wohin man faehrt und wann man zurück sein will.
- Kein Paddeln bei auflandigem Wind. Der Wind drückt das Kajak aufs offene Meer.
- Neopren oder Trockenanzug tragen. Das Wasser ist selten waermer als 15 Grad.
- Rettungswuerfe ueben. Vor der ersten Tour wissen, wie man ein gekentertes Kajak wieder aufrichtet.
- Stroemungen beachten, besonders in Fjordmuendungen und Sunden.
Die größte Gefahr ist Unterkuehlung. Wer in kaltes Wasser faellt und keinen Neoprenanzug traegt, hat nur wenige Minuten, bevor die Koerperfunktionen nachlassen. Deshalb: Immer warm genug anziehen und die Rettung aus dem Wasser vorher ueben.
Auf den Fjorden muss man außerdem auf Faehrverkehr und große Schiffe achten. Die Wellen, die ein Kreuzfahrtschiff erzeugt, können ein kleines Kajak in Schwierigkeiten bringen. Abstand halten und die Fahrrinne meiden.
Haeufige Fragen
Braucht man Erfahrung zum Kajakfahren in Norwegen?
Für gefuehrte Touren auf ruhigen Fjorden nicht. Die meisten Anbieter bieten Einfuehrungen für Anfänger an. Für eigenstaendige Touren an der offenen Küste sollte man bereits sicher im Kajak sitzen und die Grundtechniken beherrschen.
Wann ist die beste Zeit zum Kajakfahren in Norwegen?
Juni bis August ist die Hauptsaison. Die Tage sind lang, das Wetter am stabilsten und die Wassertemperaturen am höchsten (10 bis 15 Grad). Im September kann es noch gut sein, aber die Naechte werden kalt und die Tage kuerzer.
Was kostet eine gefuehrte Kajaktour?
Halbtagstouren kosten 800 bis 1.200 NOK pro Person. Ganztagestouren 1.500 bis 2.500 NOK. Mehrtaegige Touren mit Übernachtung liegen bei 4.000 bis 8.000 NOK, je nach Dauer und Komfort.
Kann man wilde Tiere vom Kajak aus sehen?
Ja. Seeadler sind an der ganzen Küste verbreitet. Robben sieht man regelmaessig, besonders auf den Lofoten. Wale wie Buckelwale und Orcas kommen in Nordnorwegen vor, Sichtungen vom Kajak aus sind aber selten.
Darf man überall mit dem Kajak anlegen und zelten?
Grundsaetzlich ja, dank des Jedermannsrechts. Man muss mindestens 150 Meter Abstand zu bewohnten Haeusern halten und darf maximal zwei Naechte am selben Ort bleiben. Muell mitnehmen und keine Spuren hinterlassen.
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026