Angeln auf Island
Die Fliege landet auf dem Wasser, treibt zwei Meter mit der Strömung, und dann knallt es. Die Rute biegt sich, die Rolle surrt, und ein silberner Atlantischer Lachs schießt aus dem Wasser. Der Fisch wiegt vielleicht vier Kilo, vielleicht sechs. In diesem Moment ist das egal. Was zählt, ist der Adrenalinstoß, der kalte Fluss um die Wathose, der Geruch von Moos und Basalt. In diesem Moment gibt es nur dich und den Fisch.
Island ist für Angler ein Ort, der selten zu finden ist. Die Flüsse sind sauber, kalt und voller Fisch. Die Lachsbestände gehören zu den gesündesten in Europa, weil die Gewässer kaum durch Industrie oder Landwirtschaft belastet sind. Forellen wachsen in vulkanischen Seen zu stattlichen Größen heran. Und wer es lieber salzig mag, kann vor der Küste Dorsch, Heilbutt und Seelachs fangen, teilweise in Mengen, die man in Mitteleuropa seit Jahrzehnten nicht mehr kennt.
In diesem Artikel gebe ich dir einen Überblick über die wichtigsten Angelarten auf Island, erkläre das Lizenzsystem und nenne konkrete Reviere, Preise und die beste Jahreszeit.
Warum Island ein Angelparadies ist
Island hat rund 80 Lachsflüsse, über 100 Forellengewässer und eine Küstenlinie von 4.970 Kilometern. Für ein Land mit nur 380.000 Einwohnern ist das eine absurde Dichte an Angelrevieren. In vielen dieser Gewässer stehst du allein am Ufer. Kein Gedränge, keine Campingstühle mit Bierkasten daneben, kein Lärm. Nur du, das Wasser und die Berge.
Die Wasserqualität ist sehr gut. Die meisten Flüsse werden von Gletschern, Quellen oder Regenwasser gespeist. Es gibt praktisch keine industrielle Verschmutzung. Die Flüsse im Norden, etwa die Laxá í Aðaldal bei Akureyri, sind so klar, dass man die Fische am Grund sehen kann, wenn die Sonne richtig steht. Das macht das Angeln gleichzeitig einfacher (man sieht, wo die Fische stehen) und schwieriger (die Fische sehen auch dich).
Ein weiterer Vorteil: Islands Gewässer sind streng reguliert. Die Fangquoten werden wissenschaftlich festgelegt, Catch-and-Release ist in vielen Revieren Pflicht, und die Zugangsrechte sind klar geregelt. Das Ergebnis ist, dass die Fischbestände seit Jahrzehnten stabil sind. In manchen Flüssen steigen die Lachszahlen sogar, während sie in Norwegen und Schottland rückläufig sind.
Lachsangeln: die Königsdisziplin
Der Atlantische Lachs ist der Grund, warum die meisten Angler nach Island kommen. Die Insel hat einen fast mythischen Ruf unter Fliegenfischern weltweit. Und dieser Ruf ist gerechtfertigt. Die Lachse in isländischen Flüssen sind wild und stark überraschend groß. Der Durchschnittsfisch wiegt 3 bis 5 Kilo, aber Exemplare über 10 Kilo kommen regelmäßig vor. Der Rekordlachs aus der Laxá í Aðaldal wog über 15 Kilo.
Die Lachssaison auf Island dauert von Mitte Juni bis Mitte September, wobei der Höhepunkt je nach Fluss variiert. In den südlichen Flüssen wie der Rangá kommen die ersten Lachse schon Anfang Juni. Im Norden, an der Laxá í Aðaldal oder der Blanda, beginnt der Aufstieg etwas später, dafür hält er bis in den September hinein an.
Geangelt wird fast ausschließlich mit der Fliegenrute. Spinnfischen ist in den meisten Lachsflüssen verboten oder stark eingeschränkt. Die bevorzugten Fliegen sind kleine Nassfliegen (Größe 10 bis 16) in dunklen Farben. Die isländischen Lachse reagieren oft besser auf dezente Muster als auf die grellen Tuben-Fliegen, die in Norwegen beliebt sind. Einheimische Guides schwören auf Muster wie den Frances, den Collie Dog und den Black Sheep.
Das Lachsangeln auf Island hat einen Haken, und zwar den Preis. Die Rechte an den Lachsflüssen gehören den Landbesitzern, und die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. Ein Tag an einem Premiumfluss wie der Laxá í Aðaldal, der Nordurá oder der Rangá kostet zwischen 80.000 und 150.000 ISK (520 bis 975 EUR) pro Rute. An der berühmten Laxá á Ásum, einem der teuersten Lachsflüsse der Welt, zahlt man über 200.000 ISK (1.300 EUR) pro Tag. Dafür hat man ein Revier von mehreren Kilometern Flusslänge oft nur für sich und ein bis zwei andere Angler.
Wer zum ersten Mal auf Island Lachs angeln will, sollte einen Guide buchen. Die lokalen Guides kennen jeden Pool, jede Strömung und wissen genau, welche Fliege an welchem Tag funktioniert. Ein Tag mit Guide kostet zusätzlich 30.000 bis 50.000 ISK (195 bis 325 EUR).
Forellenangeln in Seen und Flüssen
Wer den Geldbeutel schonen will, ist beim Forellenangeln besser aufgehoben. Die Bachforelle (Salmo trutta) kommt in fast allen isländischen Gewässern vor, und die Lizenzen kosten einen Bruchteil der Lachsrechte. Ein Tag am Forellenfluss schlägt mit 5.000 bis 15.000 ISK (33 bis 98 EUR) zu Buche. An vielen Seen ist das Angeln noch günstiger oder sogar kostenlos.
Die Forellen in Island werden groß. In nährstoffreichen Seen wie dem Þingvallavatn, dem Mývatn und dem Laugarvatn wachsen Bachforellen auf über 5 Kilo heran. Im Þingvallavatn leben vier verschiedene Saiblingsformen, die sich im Laufe der Jahrtausende an unterschiedliche Nahrungsnischen angepasst haben. Biologen aus aller Welt kommen hierher, um dieses Phänomen zu studieren.
Auch im Mývatn-See im Norden gibt es sehr gutes Forellenangeln. Der See ist flach und nährstoffreich Zuckmückenlarven, von denen sich die Forellen ernähren. Die Saison am Mývatn läuft von Mai bis September. Im Frühsommer, wenn die Zuckmücken schlüpfen, sind die Forellen besonders aktiv und nehmen Trockenfliegen von der Oberfläche. Gute Tage mit 10 oder mehr Fischen sind keine Seltenheit.
Ein Geheimtipp sind die kleinen Bäche und Zuflüsse, die in die großen Seen münden. Hier stehen oft die größten Forellen, weil sie sich von den Fischen und Insekten ernähren, die der Bach mitbringt. Diese Stellen sind weniger befischt und bieten echte Wildniserlebnisse. Allerdings braucht man oft einen Geländewagen, um sie zu erreichen.
Meeresangeln an der Küste
Das Meeresangeln (Sea Angling) ist die dritte Säule des isländischen Angelsports und die zugänglichste Variante für Einsteiger. Man braucht keine teure Lizenz, keine Fliegenwurfkenntnisse und keine monatelange Vorausplanung. Die meisten Bootstouren starten von kleinen Häfen an der Nord- und Westküste, etwa von Dalvík, Ólafsvík oder Grundarfjörður.
Die wichtigsten Fischarten beim Meeresangeln sind Dorsch (Kabeljau), Schellfisch und Heilbutt. Der Dorsch ist am häufigsten und lässt sich mit einfachen Pilkern oder Gummifischen vom Boot aus fangen. Die Fische sind oft erstaunlich groß. Dorsche über 10 Kilo sind normal, und Exemplare über 20 Kilo kommen vor. Der Heilbutt ist der Traumfisch vieler Meeresangler. Die Flachwasservariante (Steinbutt) wird bis 5 Kilo schwer, der echte Heilbutt kann über 100 Kilo erreichen, wobei solche Exemplare selten und meist wieder zurückgesetzt werden.
Eine Meeresangeltour kostet zwischen 15.000 und 25.000 ISK (98 bis 163 EUR) pro Person und dauert 3 bis 4 Stunden. Ausrüstung wird gestellt. Die Touren laufen das ganze Jahr, aber die beste Zeit ist von Mai bis September, wenn die Fische in den flacheren Küstengewässern stehen. Im Winter sind die Bedingungen auf See oft zu rau für komfortable Angeltouren.
In Dalvík gibt es jedes Jahr im August das Arctic Sea Angling Championship, einen internationalen Meeresangelwettbewerb, der seit 1998 stattfindet. Über 100 Angler aus verschiedenen Ländern treten gegeneinander an. Der Wettbewerb hat dazu beigetragen, Island als Meeresangel-Destination bekannt zu machen. Teilnehmer berichten von Fängen, die sie in keinem anderen europäischen Gewässer für möglich gehalten hätten.
Lizenzen und Genehmigungen
Das isländische Angellizenz-System ist etwas anders als in Deutschland oder Österreich. Es gibt keinen staatlichen Angelschein im herkömmlichen Sinn. Stattdessen kauft man eine Lizenz (veiðileyfi) direkt für das jeweilige Gewässer. Die Rechte an den Gewässern gehören den Landbesitzern, die sie entweder selbst vermarkten oder an Angelvereine und Agenturen verpachten.
Für Lachsflüsse muss man die Lizenz direkt beim Rechteinhaber oder über eine Angelagentur buchen. Die Buchung sollte Monate im Voraus erfolgen, bei den beliebtesten Flüssen sogar ein Jahr vorher. Die großen Agenturen sind Strengur, Lax-á und ANAA (Angling Club of Reykjavík). Auf deren Websites kann man Verfügbarkeit prüfen und buchen.
Für Forellengewässer sind Lizenzen leichter zu bekommen. Viele Angelvereine verkaufen Tageskarten online oder vor Ort. Die Website veidikortid.is ist die zentrale Plattform, über die man Lizenzen für die meisten Forellengewässer kaufen kann. Eine Tageskarte kostet je nach Gewässer zwischen 3.000 und 15.000 ISK (20 bis 98 EUR).
Für Meeresangeln braucht man in der Regel keine separate Lizenz, wenn man mit einem lizenzierten Bootsanbieter fährt. Vom Ufer aus darf man ohne Lizenz angeln, solange man keine Netze oder ähnliches Gerät verwendet.
Wichtig: Alle Angelgeräte, die nach Island eingeführt werden, müssen desinfiziert sein. Das gilt für Ruten, Rollen, Wathosen und Watkescher, was mit Wasser in Kontakt kommt. Am Flughafen Keflavík gibt es eine Desinfektionsstation, die man bei der Einreise nutzen kann. Alternativ kann man die Desinfektion vorher selbst durchführen und ein Zertifikat eines Tierarztes mitbringen. Die Regel dient dem Schutz vor eingeschleppten Krankheiten und Parasiten und wird streng kontrolliert.
Ausrüstung und Saison
Für das Lachsangeln braucht man eine Einhand-Fliegenrute der Klasse 7 bis 9, je nach Flussgröße. Die meisten isländischen Lachsflüsse sind klein bis mittelgroß, sodass eine 7er- oder 8er-Rute in der Regel ausreicht. Eine Zweihandrute ist nur an den größeren Flüssen wie der Hvítá oder der Blanda sinnvoll. Als Schnüre eignen sich Schwimmschnüre und leicht sinkende Polyleader. Die Fliegen sind in der Regel klein (Größe 10 bis 16), wer zum ersten Mal kommt, sollte sich vom Guide oder vom Rechteinhaber beraten lassen.
Für das Forellenangeln reicht eine leichtere Rute der Klasse 4 bis 6. Am See sind Schwimmschnüre und Sinkschnüre gleichermaßen nützlich. Trockenfliegen funktionieren im Sommer gut, wenn die Insekten aktiv sind. Nymphen und Streamer sind ganzjährig fängig. Wer es einfach halten will, kommt mit einem Sortiment aus Wooly Bugger, Pheasant Tail und Elk Hair Caddis durch die meisten Situationen.
Eine gute Wathose ist bei fast allen Angelarten auf Island unverzichtbar. Neoprenwathosen halten wärmer, sind aber schwerer. Atmungsaktive Wathosen aus Gore-Tex sind leichter und bequemer, brauchen aber warme Fleece-Unterzieher. Watschuhe mit Filzsohle geben auf den moosigen Steinen besseren Halt als Gummisohlen.
Die Hauptsaison für Lachs ist Mitte Juni bis Mitte September. Forellen lassen sich von Mai bis Oktober fangen, mit einem Höhepunkt im Juli und August. Saibling beißt am besten im August und September. Meeresangeln ist von Mai bis September am produktivsten, wobei Juni und Juli die konstantesten Fänge liefern.
Die besten Angelreviere
Hier eine Auswahl der besten Reviere, sortiert nach Fischart:
Top-Reviere für Lachs
- Laxá í Aðaldal (Norden): Islands berühmtester Lachsfluss, 58 km lang. Fänge von 1.500 bis 2.500 Lachsen pro Saison. Ab 100.000 ISK (650 EUR) pro Tag.
- Rangá (Süden): Zwei Flüsse (Eystri und Vestari), sehr fischreich. Gute Einsteigerflüsse mit hohen Fangchancen. Ab 80.000 ISK (520 EUR) pro Tag.
- Nordurá (Westen): Mittlere Größe, tolle Landschaft, guter Lachsbestand. Ab 90.000 ISK (585 EUR) pro Tag.
- Blanda (Norden): Großer Gletscherfluss mit starkem Lachsaufstieg. Ab 70.000 ISK (455 EUR) pro Tag.
Top-Reviere für Forelle
- Þingvallavatn: Größter natürlicher See Islands, vier Saiblingsformen, große Bachforellen. Tageskarte ab 5.000 ISK (33 EUR).
- Mývatn: Flacher, nährstoffreicher See im Norden. Gute Trockenfliegen-Fischerei im Sommer. Tageskarte ab 4.000 ISK (26 EUR).
- Laxá í Leirársveit (Süden): Kleiner Forellenfluss nahe Reykjavík, guter Tagesausflug. Tageskarte ab 6.000 ISK (39 EUR).
- Veiðivötn (Hochland): Abgelegene Seengruppe im Hochland, nur mit Geländewagen erreichbar. Wilde Forellen in unberührter Landschaft. Kostenlos.
Für Meeresangler ist Dalvík am Eyjafjörður die beste Anlaufstelle. Die Touren fahren in den Fjord hinaus, wo Dorsch und Schellfisch in großen Mengen stehen. Ólafsvík auf der Snæfellsnes-Halbinsel ist eine Alternative mit Chancen auf große Heilbutte. In Grundarfjörður kann man Meeresangeln mit Walbeobachtung verbinden, da die Boote oft in denselben Gewässern unterwegs sind.
Wer auf der Ringstraße unterwegs ist und spontan angeln möchte, findet entlang der Route zahlreiche Forellengewässer, für die man kurzfristig Tageskarten kaufen kann. Die App veidikortid.is zeigt verfügbare Gewässer in der Nähe an und ermöglicht den Kauf direkt auf dem Smartphone.
Häufige Fragen zum Angeln auf Island
Brauche ich einen Angelschein aus Deutschland?
Nein. Auf Island gibt es keinen staatlichen Angelschein wie den Fischereischein in Deutschland. Du brauchst lediglich eine Lizenz für das jeweilige Gewässer. Beim Meeresangeln mit einem lizenzierten Bootsanbieter brauchst du gar keine eigene Lizenz.
Kann ich meine eigene Angelausrüstung mitbringen?
Ja, aber alle Geräte müssen vor der Einreise desinfiziert werden. Am Flughafen Keflavík gibt es eine Desinfektionsstation. Alternativ kannst du die Desinfektion vorher selbst durchführen und ein Tierarztzertifikat mitbringen. Ohne Nachweis wird die Ausrüstung am Zoll eingezogen und vor Ort desinfiziert, was Zeit und Geld kostet.
Was kostet ein Angeltag auf Island?
Die Spanne ist groß. Meeresangeln ab 15.000 ISK (98 EUR), Forellenangeln ab 3.000 ISK (20 EUR), Lachsangeln ab 70.000 ISK (455 EUR) pro Tag. Die Premiumflüsse für Lachs kosten über 150.000 ISK (975 EUR). Dazu kommt gegebenenfalls der Guide (30.000 bis 50.000 ISK).
Ist Catch-and-Release auf Island Pflicht?
An vielen Lachsflüssen ja. Jeder Fluss hat eigene Regeln, die mit der Lizenz mitgeteilt werden. Bei Forellen darf man in der Regel eine begrenzte Anzahl mitnehmen. Beim Meeresangeln gibt es keine Mitnahmebeschränkung für die gängigen Arten, aber die meisten Guides empfehlen, nur so viel mitzunehmen, wie man essen kann.
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026