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Vogelbeobachtung auf Island
Papageientaucher, Seetaucher und die besten Beobachtungsplätze

Vogelbeobachtung auf Island

12 Min. Lesezeit

Der Wind drückt gegen die Klippe, und ich muss mich flach auf den Bauch legen, um über die Kante zu schauen. Drei Meter unter mir sitzt ein Papageientaucher auf einem Felsvorsprung, den bunten Schnabel voller Sandaale. Er dreht den Kopf, schaut mich an, scheint kurz zu überlegen, ob ich eine Bedrohung bin, und watschelt dann in seinen Bau. Keine Angst, kein Fluchtreflex. In Island sind die Vögel an Menschen gewöhnt, manche sogar neugierig.

Island ist eines der besten Länder Europas für Vogelbeobachtung. Rund 330 Vogelarten wurden auf der Insel nachgewiesen, davon brüten etwa 85 regelmäßig. Die Zahlen klingen überschaubar, aber die Menge ist das Besondere: Über 10 Millionen Papageientaucher nisten jeden Sommer auf den Klippen, der Mývatn-See beherbergt die größte Vielfalt an Entenarten in Europa, und Islands Küsten sind Rastplätze für Millionen von Zugvögeln.

In diesem Artikel stelle ich die wichtigsten Beobachtungsgebiete vor, erkläre, welche Arten du wo findest, und gebe praktische Tipps für Ausrüstung und Planung.

Island als Vogelland

Seevögel an Islands Steilklippen mit Meer im Hintergrund
Islands Klippen bieten Brutplätze für Millionen von Seevögeln (KI-generiert)

Islands Lage mitten im Nordatlantik macht die Insel zu einer Art natürlicher Drehscheibe für Vögel. Zugvögel aus Europa, Nordamerika und der Arktis kreuzen sich hier. Manche bleiben zum Brüten, andere rasten nur auf dem Weg nach Norden oder Süden. Im Frühling und Herbst kann man an der Küste Arten beobachten, die sonst auf verschiedenen Kontinenten leben.

Island, ist die Kombination aus Masse und Zugänglichkeit. Die Vogelkolonien liegen oft direkt an Straßen oder Wanderwegen. Man braucht keinen Geländewagen und kein Schlauchboot, um Papageientaucher aus drei Metern Entfernung zu sehen. Am Látrabjarg-Kliff in den Westfjorden kann man sich buchstäblich vor die Nester legen. In Mitteleuropa würde so etwas seit Jahrzehnten abgesperrt sein.

Die geringe Bevölkerungsdichte spielt ebenfalls eine Rolle. Außerhalb von Reykjavík gibt es kaum Störungen durch Industrie oder Verkehr. Viele Brutplätze sind seit Jahrhunderten ungestört, und die Vögel haben nie gelernt, vor Menschen zu fliehen. Das macht Island zu einem Ort, an dem auch Anfänger ohne teure Ausrüstung tolle Beobachtungen machen können.

Papageientaucher: Islands Lieblinge

Kein Vogel wird so sehr mit Island verbunden wie der Papageientaucher (Fratercula arctica). Die Isländer nennen ihn Lundi, und er ist so etwas wie das inoffizielle Nationaltier. Rund 60 Prozent des weltweiten Papageientaucher-Bestands brütet auf Island, das sind über 10 Millionen Vögel. Man findet sie an fast jeder Steilküste der Insel, aber einige Kolonien sind besonders groß und gut zugänglich.

Papageientaucher sitzt auf einer Felskante mit buntem Schnabel
Der Papageientaucher - Islands bekanntester Vogel mit seinem markanten bunten Schnabel (KI-generiert)

Die Brutsaison läuft von Mitte April bis Mitte August. Die Vögel kommen im April aus ihren Winterquartieren auf dem offenen Atlantik zurück und beginnen, ihre Bruthöhlen in den Grasboden der Klippen zu graben. Ende April und Anfang Mai sind die Kolonien am aktivsten, weil die Vögel ihre Höhlen vorbereiten und Paare sich finden. Ab Ende Mai wird gebrütet, und bis Mitte August sind die Jungvögel flügge. Danach verlassen die Papageientaucher die Klippen und verbringen den Winter auf dem Meer.

Die besten Orte für Papageientaucher-Beobachtung sind das Látrabjarg-Kliff in den Westfjorden, die Westmännerinseln (Vestmannaeyjar) vor der Südküste, das Kap Dyrhólaey bei Vík und die Insel Lundey bei Reykjavík. Jeder Ort hat seinen eigenen Charakter.

Am Látrabjarg (14 km langes Kliff, bis 441 m hoch) kommt man den Vögeln am nächsten. Sie sitzen auf Felsvorsprüngen in Armreichweite und lassen sich nicht stören. Der Nachteil: Die Westfjorde sind weit weg von der üblichen Touristenroute. Von Reykjavík sind es über 400 km und mindestens 6 Stunden Fahrt, inklusive einer Fähre über den Breiðafjörður.

Die Westmännerinseln sind einfacher zu erreichen (30 Minuten Fähre von Landeyjahöfn) und beherbergen die größte Papageientaucher-Kolonie Islands. Hier brüten mehrere Millionen Paare. Im August, wenn die Jungvögel flügge werden, verirrten sich regelmäßig Hunderte in die Straßen der Stadt Heimaey. Die Kinder der Insel sammeln sie nachts ein und tragen sie zum Meer, ein Brauch, der seit Generationen gepflegt wird.

Die besten Beobachtungsgebiete

Neben den Papageientaucher-Kolonien gibt es auf Island zahlreiche weitere Gebiete, die für Vogelbeobachter lohnenswert sind. Hier die wichtigsten im Überblick:

Top-Gebiete für Vogelbeobachtung

  • Mývatn-See (Norden): 15 Entenarten, darunter Spatelente und Kragenente. Größte Entenvielfalt in Europa. Mai bis Juli.
  • Látrabjarg (Westfjorde): Papageientaucher, Tordalken, Trottellummen, Dreizehenmöwen. Europas größte Seevogelklippe.
  • Westmännerinseln: Papageientaucher (Millionen), Sturmtaucher, Sturmschwalben. Fähre ab Landeyjahöfn.
  • Jökulsárlón (Südosten): Küstenseeschwalben, Eiderenten, Skuas. Direkt an der Ringstraße.
  • Skjálfandi-Bucht (Norden): Eissturmvogel, Papageientaucher, Sturmtaucher. Bootstouren ab Húsavík.
  • Snæfellsnes (Westen): Seeadler, Odinshühnchen, Küstenseeschwalbe. Entlang der Halbinsel verteilt.

Wer auf der Ringstraße unterwegs ist, kommt an mehreren guten Beobachtungspunkten vorbei. Der Mývatn liegt direkt an der Route 1, ebenso Jökulsárlón und die Küste bei Vík. Ein Abstecher nach Dyrhólaey (15 Minuten von der Ringstraße) bringt Papageientaucher, Sturmtaucher und einen großartigen Blick auf die schwarzen Strände.

Für Birder, die seltene Arten suchen, lohnt sich ein Abstecher in die Westfjorde. Neben Látrabjarg ist die Hornstrandir-Naturreservat im äußersten Nordwesten ein sehr gutes Gebiet. Hier brüten Polarfüchse (die auch Seevogeleier fressen), und die Vogelklippen sind weniger besucht als an den touristischen Hotspots. Hornstrandir ist nur per Boot erreichbar und hat keine Straßen, was es zu einem echten Wildniserlebnis macht.

Mývatn: Paradies für Wasservögel

Enten und Wasservögel auf dem Mývatn-See in Nordisland
Der Mývatn-See beherbergt die größte Entenvielfalt Europas (KI-generiert)

Der Mývatn verdient ein eigenes Kapitel, denn er ist für Vogelbeobachter einer der wichtigsten Orte auf der Nordhalbkugel. Der flache See (Durchschnittstiefe nur 2,5 m) liegt in einer vulkanisch aktiven Zone im Nordosten Islands, etwa 100 km östlich von Akureyri. Sein Name bedeutet "Mückensee", und die namensgebenden Zuckmücken sind der Grund für den Vogelreichtum. Die Mückenlarven und -puppen sind die Hauptnahrung für die Enten, die hier in einer Vielfalt vorkommen, die in Europa sonst nirgends zu finden ist.

Am Mývatn brüten 15 Entenarten, darunter so seltene wie die Spatelente (Histionicus histionicus), die in Europa nur hier und an wenigen Stellen in Skandinavien vorkommt. Die Kragenente, die Bergente und die Reiherente sind häufig. Die Eiderente nutzt die Inseln im See als geschützte Brutplätze. Im Mai und Juni, wenn alle Arten gleichzeitig brüten, kann man an einem einzigen Vormittag am Seeufer mehr Entenarten sehen als in den meisten europäischen Ländern im ganzen Jahr.

Die beste Beobachtungsstelle am Mývatn ist das Westufer beim Ort Reykjahlíð. Von hier aus hat man einen guten Überblick über den See und seine Inseln. Ein Holzsteg führt zu einem Beobachtungspunkt, von dem aus man Eiderenten, Ohrentaucher und Spatelenten sehen kann, ohne die Vögel zu stören. Am Ostende des Sees, beim Lavafeld Dimmuborgir, brüten Gerfalken und Merline in den Felsspalten.

Ein Teil des Sees (das Gebiet Neslönd am Südwestufer) ist von Mitte Mai bis Mitte Juli für Besucher gesperrt, um die brütenden Vögel zu schützen. Der Rest des Sees ist frei zugänglich. Der Eintritt ist kostenlos, allerdings kann die Mückendichte im Juni und Juli so hoch sein, dass ein Kopfnetz sinnvoll ist. Die Mücken stechen nicht (es sind Zuckmücken, keine Stechmücken), aber sie fliegen einem in Augen und Nase.

Hochlandvögel und seltene Arten

Wer abseits der Küste und der Seen nach Vögeln sucht, wird im Hochland fündig. Die weiten Lavafelder und Geröllwüsten sind Lebensraum für eine Handvoll spezialisierter Arten, die an die extremen Bedingungen angepasst sind.

Das Schneehuhn (Lagopus muta) ist Islands einziger ganzjährig ansässiger Hühnervogel. Im Winter trägt es ein weißes Federkleid, das es im Schnee fast unsichtbar macht. Im Sommer wechselt es zu einem gefleckten Braun. Schneehühner sind im ganzen Land verbreitet, aber im Hochland und an den Berghängen am leichtesten zu finden. Sie lassen sich oft aus nächster Nähe beobachten und fliegen erst auf, wenn man fast auf sie tritt.

Der Gerfalke (Falco rusticolus) ist der größte Falke der Welt und brütet auf Island in beachtlicher Zahl. Er ernährt sich hauptsächlich von Schneehühnern und nistet in Felswänden im Hochland. Gerfalken sind scheu und schwer zu beobachten, aber wer im Mai und Juni im Hochland unterwegs ist, hat gute Chancen, einen im Flug zu sehen. Besonders die Gebiete um den Mývatn, die Westfjorde und das Þjórsárdalur-Tal sind bekannt für Gerfalkensichtungen.

Eine Besonderheit Islands ist die Abwesenheit vieler Arten, die man in anderen nordischen Ländern erwartet. Es gibt keine Spechte, keine Eulen (außer seltene Irrgäste), keine Krähen (nur Kolkraben) und keine Singvögel in großer Vielfalt. Die häufigsten Singvögel sind der Wiesenpieper, die Bachstelze und der Steinschmätzer. Die GoldammerGoldammerng>Star ist selten, und der Zaunkönig ist der einzige einheimische Singvogel, der das ganze Jahr über auf Island bleibt.

Küstenseeschwalbe im Flug über isländischer Küstenlandschaft
Die Küstenseeschwalbe legt jedes Jahr 70.000 km zurück und brütet auf Island (KI-generiert)

Die Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea) verdient besondere Erwähnung. Sie legt jedes Jahr die längste Zugstrecke aller Vögel zurück: von der Arktis in die Antarktis und zurück, insgesamt rund 70.000 km. Auf Island brütet sie an Stränden und Flussufern auf Parkplätzen. Im Juni und Juli sind die Kolonien aktiv, und die Vögel verteidigen ihre Nester aggressiv. Sie fliegen Sturzflüge auf den Kopf von Passanten, die ihren Nestern zu nahe kommen. Ein Hut oder Regenschirm hilft.

Ausrüstung und praktische Tipps

Vogelbeobachtung auf Island erfordert weniger Spezialausrüstung als in vielen anderen Ländern, weil die Vögel oft erstaunlich nah kommen. Trotzdem gibt es ein paar Dinge, die man dabeihaben sollte:

Fernglas: Ein Standardfernglas (8x42 oder 10x42) reicht für die meisten Situationen. Für Wasservögel auf dem See oder Seevögel auf entfernten Klippen ist ein Spektiv (20-60x) eine gute Ergänzung, aber kein Muss. Wer nur Papageientaucher sehen will, braucht oft nicht mal ein Fernglas, die Vögel sitzen teilweise in Armreichweite.

Kleidung: Wind und Regen gehören auf Island zum Alltag, auch im Sommer. Eine wasserdichte, winddichte Jacke ist unverzichtbar. Handschuhe sind nützlich, weil kalte Finger das Fernglas wackeln lassen. Warme Mütze, auch im Juli. Am Mývatn ein Kopfnetz gegen die Mücken.

Bestimmungsbuch: "The Birds of Iceland" von Hjálmar Barðarson ist das Standardwerk. Es gibt auch gute Apps: eBird (zum Melden von Sichtungen und zum Finden von Hotspots) und Merlin Bird ID (zur Bestimmung mit Foto oder Gesang). Beide funktionieren offline, wenn man die Island-Daten vorher herunterlädt.

Beste Reisezeit: Die Hauptsaison für Vogelbeobachtung ist Mai bis Anfang August. Im Mai kommen die Zugvögel an, im Juni wird gebrütet, im Juli sind die Jungvögel da, und ab August werden die Kolonien leer. Wer Papageientaucher sehen will, sollte zwischen Mitte Mai und Mitte August kommen. Für Enten am Mývatn ist der Juni ideal.

Verhalten an den Brutkolonien: Abstand halten, leise sein, keine Drohnen fliegen. Die Vögel an Látrabjarg wirken zahm, sind aber trotzdem Wildtiere. Nicht die Höhlen anfassen, nicht zwischen die Nester treten, keine plötzlichen Bewegungen. An Dyrhólaey ist der Zugang während der Brutzeit (Mai bis Juni) zeitweise eingeschränkt, um die Vögel zu schützen.

Vogelbeobachtung mit Kindern

Island ist ein sehr guter Ort, um Kinder für Vögel zu begeistern. Die Papageientaucher sehen aus wie Stofftiere und haben einen Wiedererkennungswert, der bei den meisten europäischen Vögeln fehlt. Kinder lieben es, die Vögel beim Starten und Landen zu beobachten, denn Papageientaucher sind keine eleganten Flieger. Sie flattern hektisch mit den kurzen Flügeln, landen oft unbeholfen und sehen dabei aus, als würden sie gleich umkippen.

Am Mývatn gibt es einen Naturlehrpfad mit Informationstafeln auf Englisch und Isländisch, der die verschiedenen Entenarten erklärt. Für Kinder ab 6 Jahren ist das eine gute Einführung in die Vogelbeobachtung. In Reykjavík gibt es im Tjörnin-See mitten in der Stadt eine große Population von Graugänsen und Stockenten, die von den Kindern gefüttert werden dürfen (mit Haferflocken, kein Brot).

Für Familien mit Kindern sind die Westmännerinseln im August ideal. Dann beginnt die Puffling-Saison: Die jungen Papageientaucher verlassen nachts ihre Nesthöhlen, werden aber von den Lichtern der Stadt angezogen und landen auf den Straßen. Die Kinder von Heimaey sammeln die verirrten Jungvögel in Pappkartons ein und tragen sie am nächsten Morgen zur Küste, wo sie freigelassen werden. Das ist ein Erlebnis, das Kinder nie vergessen.

Häufige Fragen zur Vogelbeobachtung

Wann ist die beste Zeit für Papageientaucher auf Island?

Mitte Mai bis Mitte August. Die höchste Aktivität an den Kolonien herrscht im Juni und Juli, wenn die Altvögel ständig Futter für die Jungen anschleppen. Ab Mitte August verlassen die meisten Papageientaucher die Klippen und verbringen den Winter auf dem offenen Meer.

Brauche ich geführte Touren oder kann ich allein beobachten?

Die meisten Beobachtungsplätze sind frei zugänglich und gut ausgeschildert. Geführte Touren lohnen sich am Mývatn (ein lokaler Guide kennt alle versteckten Nistplätze) und bei Bootstouren zu abgelegenen Seevogelinseln. Für Látrabjarg und Dyrhólaey braucht man keinen Guide.

Gibt es Seeadler auf Island?

Ja, der Seeadler (Haliaeetus albicilla) brütet auf Island mit etwa 85 Paaren (Stand 2025). Er wurde im 19. Jahrhundert fast ausgerottet, hat sich aber durch Schutzmaßnahmen erholt. Die besten Chancen für Sichtungen bieten die Westfjorde und die Snæfellsnes-Halbinsel. Seeadler sind in Island scheu und halten großen Abstand.

Kann man im Winter Vögel auf Island beobachten?

Ja, aber die Artenvielfalt ist deutlich geringer. Im Winter bleiben vor allem Eiderenten, Schneehühner und einige Möwenarten. An der Küste überwintern Sterntaucher und Prachttaucher. Der Gerfalke ist im Winter aktiver als im Sommer und dann leichter zu finden. Papageientaucher sind im Winter auf dem offenen Meer und nicht an der Küste.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026