Silvester auf Island
Um 23:30 Uhr am 31. Dezember steht ganz Reykjavík draußen. Es ist minus 3 Grad, der Himmel ist klar, und überall in der Stadt steigen schon die ersten Raketen auf. Aber das Hauptfeuerwerk kommt noch. Um Mitternacht, als die Kirchenglocken läuten, explodiert der Himmel über der Stadt in einem Inferno aus Licht und Farbe. Tausende Raketen steigen gleichzeitig auf, von jedem Hügel, jedem Vorgarten, jedem Parkplatz. Es donnert so laut, dass man sein eigenes Schreien nicht hört. Für 20 Minuten verwandelt sich Reykjavík in den lautesten, buntesten, wildesten Ort der Welt.
Silvester auf Island ist anders als in jedem anderen Land. Es gibt kein zentrales, von der Stadt organisiertes Feuerwerk. Stattdessen kaufen die Isländer selbst Raketen und Böller und schießen sie von ihren Grundstücken aus in den Himmel. Das klingt chaotisch, und das ist es auch. Aber genau das macht den Reiz aus. Die gesamte Stadtsilhouette von Reykjavík wird für eine halbe Stunde zum Feuerwerk, und das Ergebnis ist wilder als jede professionelle Show, die ich je gesehen habe.
Warum Silvester auf Island besonders ist
Die isländische Silvesterfeier hat historische Wurzeln. Feuerwerk wurde auf Island seit dem 19. Jahrhundert abgebrannt, aber die heutige Form der Massenfeier entwickelte sich in den 1960er und 1970er Jahren. Der Verkauf von Feuerwerk ist auf Island ein Monopol der Rettungsorganisation ICE-SAR (Slysavarnafélagið Landsbjörg). Die Einnahmen fließen direkt in die Such- und Rettungsteams, die auf Island lebenswichtige Arbeit leisten. Wer also Raketen kauft, tut gleichzeitig etwas Gutes.
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Das gibt dem Ganzen einen sozialen Aspekt, der über den reinen Spaß hinausgeht. Die Isländer geben pro Kopf mehr Geld für Feuerwerk aus als die Bewohner jedes anderen Landes. Eine durchschnittliche Familie kauft Feuerwerk für 20.000 bis 50.000 ISK (130 bis 325 EUR). Manche Haushalte geben deutlich mehr aus. Die Verkaufsstände öffnen um den 28. Dezember und sind oft schon am 30. Dezember ausverkauft.
Ein weiterer Faktor: die Dunkelheit. Ende Dezember hat Reykjavík nur rund 4 Stunden Tageslicht. Es wird gegen 15:30 Uhr dunkel, und die Nacht dauert bis nach 11 Uhr morgens. Das bedeutet: Das Feuerwerk hebt sich perfekt vom pechschwarzen Himmel ab. Keine Dämmerung, keine Lichtverschmutzung durch den Sonnenuntergang. Nur Schwarz und dann Farbe.
Das Feuerwerk über Reykjavík
Das Feuerwerk beginnt nicht erst um Mitternacht. Schon ab 22 Uhr gehen die ersten Raketen hoch, meistens von Familien mit kleinen Kindern, die nicht bis Mitternacht wach bleiben. Ab 23 Uhr wird es mehr, und zwischen 23:30 und 0:30 Uhr ist es am intensivsten. Der Höhepunkt liegt genau um Mitternacht, wenn gefühlt jeder Isländer gleichzeitig den Zünder anzündet.
Von den Hügeln der Stadt aus sieht man das Feuerwerk in einem 360-Grad-Panorama. Die Raketen steigen nicht nur aus dem Zentrum auf, sondern aus allen Vierteln: Grafarvogur, Breiðholt, Kópavogur, Garðabær, Hafnarfjörður. Die ganze Hauptstadtregion mit ihren 230.000 Einwohnern feiert gleichzeitig, und man sieht die Leuchtspuren in jeder Richtung bis zum Horizont. Es ist, als würde die gesamte Stadt gleichzeitig Geburtstag haben.
Neben dem privaten Feuerwerk gibt es in Reykjavík auch ein großes Lagerfeuer (brenna). Die Stadt organisiert rund zehn offizielle Lagerfeuer in verschiedenen Vierteln, die zwischen 20 und 22 Uhr angezündet werden. Das größte findet traditionell in Ægisíða am Meerufer statt. Die Feuer sind riesig, mehrere Meter hoch, und die Leute stehen drumherum, trinken heißen Kakao und unterhalten sich. Es gibt manchmal live Musik, Glühwein (auch wenn die Isländer eher Jolabland, eine Art Weihnachtsbier, bevorzugen) und einen Imbissstand.
Der Ablauf des typischen isländischen Silvesterabends sieht so aus: Lagerfeuer gegen 20 Uhr. Um 22:30 Uhr gehen alle nach Hause und schauen die Silvester-Fernsehsendung "Áramótaskaupið", eine Satiresendung, die das vergangene Jahr aufs Korn nimmt. Die Show wird von über 90 Prozent der Bevölkerung geschaut. Um 23:30 Uhr geht man wieder raus, und um Mitternacht startet das Feuerwerk.
Isländische Silvesterbräuche
Island hat neben dem Feuerwerk einige Silvesterbräuche, die man sonst nirgends findet. Die wichtigsten:
Áramótaskaupið: Die Satiresendung des isländischen Staatsfernsehens RÚV ist das meistgesehene TV-Programm des Jahres. Seit 1966 wird sie jedes Silvester um 22:30 Uhr ausgestrahlt. Die Sendung nimmt Politiker, Prominente und aktuelle Ereignisse durch den Kakao. Sie ist auf Isländisch und ohne Untertitel, aber auch als Tourist bekommt man die Grundstimmung mit. Die Isländer zitieren einzelne Sketche das ganze nächste Jahr über.
Lagerfeuer (brenna): Die Tradition der Silvester-Lagerfeuer geht auf heidnische Bräuche zurück. Das Feuer soll das alte Jahr verbrennen und Platz für das neue machen. In vielen Gemeinden sammeln die Bewohner wochenlang Holz und alte Möbel für den Scheiterhaufen. Die Lagerfeuer sind Treffpunkte für die ganze Nachbarschaft.
Die letzten Yule Lads: Islands Weihnachtstradition kennt 13 Yule Lads (Jólasveinar), die ab dem 12. Dezember nacheinander kommen. Der letzte Yule Lad, Kertasníkir (Kerzenbettler), kommt am 24. Dezember und geht am 6. Januar. An Silvester sind also noch einige Yule Lads da, und Kinder stellen ihre Schuhe weiterhin ans Fenster.
Neujahrsschwimmen: Am 1. Januar gehen viele Isländer ins öffentliche Schwimmbad. Es ist eine Tradition, das neue Jahr mit einem Bad im Hot Pot zu beginnen. Die Schwimmbäder in Reykjavík öffnen am Neujahrstag meistens ab 10 Uhr. Das ist auch für Touristen eine nette Aktivität, besonders wenn der Kopf vom Vorabend brummt.
Die besten Aussichtspunkte
Wo man das Feuerwerk am besten sieht, hängt davon ab, was man will: Mittendrin stehen oder von oben draufschauen. Beides hat seinen Reiz.
Perlan: Das Perlan-Museum auf dem Öskjuhlíð-Hügel bietet den besten 360-Grad-Blick über Reykjavík. Von der Aussichtsplattform (kostenlos zugänglich) sieht man das Feuerwerk aus der gesamten Hauptstadtregion. Der Nachteil: Es wird voll, und es ist windig. Warm anziehen und früh da sein (ab 23 Uhr wird es eng).
Hallgrímskirkja: Der Turm der Kirche (Eintritt 1.200 ISK / 8 EUR) hat eine Aussichtsplattform, die normalerweise an Silvester aber geschlossen ist. Der Platz vor der Kirche ist trotzdem ein guter Standort, weil er erhöht liegt und einen weiten Blick nach Westen zum Meer bietet.
Sæbraut (Küstenstraße): Entlang der Küstenstraße hat man freien Blick über die Bucht und sieht die Raketen, die von der gesamten Nordseite der Stadt aufsteigen. Besonders die Strecke zwischen Harpa und dem Leuchtturm Grótta ist beliebt. Man kann hier gut spazieren gehen und das Feuerwerk im Gehen genießen.
Mitten in der Nachbarschaft: Ehrlich gesagt ist das intensivste Erlebnis, wenn man einfach in einem Wohnviertel steht. Die Raketen steigen direkt neben einem auf, die Nachbarn feiern auf der Straße, und man ist Teil des Ganzen statt nur Zuschauer. Wenn ihr eine Unterkunft in Breiðholt, Grafarvogur oder einem anderen Wohnviertel habt, geht einfach vor die Tür.
Silvesterpartys und Events
Die isländische Silvesterparty findet traditionell im privaten Rahmen statt. Familien feiern zusammen, Freunde kommen zum Essen, und nach dem Feuerwerk geht man in die Bars und Clubs in der Innenstadt. Für Touristen gibt es einige öffentliche Optionen:
Bars und Clubs auf der Laugavegur: Die Partymeile von Reykjavík füllt sich ab 1 Uhr nachts. Die Isländer gehen spät weg und feiern bis 5 oder 6 Uhr morgens. Der Eintritt in die Bars ist an Silvester oft kostenlos, aber die Getränke sind teuer: Ein Bier kostet 1.500 bis 2.000 ISK (10 bis 13 EUR), ein Cocktail 2.500 bis 3.500 ISK (16 bis 23 EUR). Beliebte Bars sind Kaffibarinn, Kaldi Bar und Prikið.
Harpa-Konzerthaus: Manche Jahre gibt es ein Silvesterkonzert in der Harpa. Das Programm variiert jedes Jahr, Tickets kosten ab 8.000 ISK (52 EUR). Frühzeitig buchen, die Shows sind oft ausverkauft.
Silvester-Dinners: Viele Restaurants in Reykjavík bieten Silvester-Menüs an, meistens mit 5 bis 7 Gängen und Getränkebegleitung. Die Preise liegen bei 15.000 bis 35.000 ISK (98 bis 228 EUR) pro Person. Reservierung ist Pflicht, beliebt sind Grillið, Dill und Grillmarkaðurinn. Wer günstig essen will: Manche Pizzerien und Casual-Restaurants haben auch an Silvester normale Preise.
Silvester außerhalb von Reykjavík
Silvester in Reykjavík ist laut, bunt und voller Menschen. Wer es ruhiger mag, kann den Jahreswechsel auch außerhalb der Hauptstadt feiern. In kleineren Orten wie Akureyri, Vík oder Selfoss gibt es ebenfalls Lagerfeuer und Feuerwerk, nur im kleineren Rahmen.
In Akureyri, der zweitgrößten Stadt Islands (19.000 Einwohner), ist das Feuerwerk überschaubarer als in Reykjavík, aber immer noch beachtlich. Die Bewohner schießen ihre Raketen vom Ufer des Eyjafjörður ab, und die Reflexion auf dem Wasser verstärkt den Effekt. Das Lagerfeuer findet am Hafen statt, und danach geht man in eine der wenigen Bars der Stadt. Die Atmosphäre ist familiärer als in Reykjavík.
Wer Silvester mit Nordlichtern verbinden will, sollte sich einen Ort abseits der Lichtverschmutzung suchen. Ein Ferienhaus auf dem Land, idealerweise im Norden oder Osten, bietet die besten Chancen. An klaren Nächten kann es passieren, dass man gleichzeitig Feuerwerk und Nordlichter am Himmel sieht. Das ist einer dieser Momente, die man nicht planen kann, aber wenn es passiert, vergisst man es nie.
Auf den Westmännerinseln wird Silvester besonders herzlich gefeiert. Die kleine Gemeinschaft von 4.500 Menschen feiert zusammen, und als Tourist wird man schnell eingeladen. Die Fähre fährt auch an Silvester, die letzte Überfahrt am 31. Dezember ist gegen 16 Uhr.
Praktische Tipps und Kosten
Unterkünfte: Silvester ist in Reykjavík absolute Hochsaison. Hotels verlangen Aufschläge von 30 bis 50 Prozent gegenüber den normalen Winterpreisen. Ein Doppelzimmer in einem Mittelklassehotel kostet an Silvester 40.000 bis 60.000 ISK (260 bis 390 EUR). Apartments und Airbnbs sind günstiger, aber auch schnell ausgebucht. Mindestens 3 Monate vorher buchen.
Kleidung: Ende Dezember liegt die Temperatur in Reykjavík zwischen minus 5 und plus 3 Grad. Wind und Regen (oder Schnee) sind wahrscheinlich. Wasserdichte Jacke, warme Mütze, Handschuhe und festes Schuhwerk sind Pflicht. Man steht teilweise 2 Stunden draußen, Thermounterwäsche ist keine schlechte Idee.
Alkohol: Alkohol ist in Island teuer und nur in den staatlichen Vínbúðin-Shops erhältlich. An Silvester sind die Shops normalerweise bis zum 31. Dezember mittags geöffnet, am 1. Januar geschlossen. Wer feiern will, muss vorher einkaufen. Die Isländer decken sich schon Tage vorher ein. Eine Flasche Champagner kostet ab 4.500 ISK (29 EUR), Bier ab 600 ISK (4 EUR) pro Dose.
Feuerwerk kaufen: Touristen können wie Einheimische Feuerwerk bei den ICE-SAR-Verkaufsständen kaufen. Die Stände stehen in allen größeren Orten und sind ab dem 28. Dezember geöffnet. Ein Paket mit verschiedenen Raketen und Batterien kostet ab 5.000 ISK (33 EUR). Wer richtig loslegen will, gibt 20.000 bis 50.000 ISK (130 bis 325 EUR) aus. Beachte: Feuerwerk auf die Straße oder in Richtung von Gebäuden schießen ist verboten, auch wenn sich nicht jeder daran hält.
Die Blaue Lagune bietet manchmal Silvester-Events an, die aber schnell ausverkauft und nicht billig sind (ab 30.000 ISK / 195 EUR pro Person). Eine Alternative ist das Sky Lagoon in Kópavogur, das näher an Reykjavík liegt und ebenfalls Silvester-Pakete anbietet.
Häufige Fragen zu Silvester auf Island
Wie lange dauert das Feuerwerk an Silvester?
Das intensivste Feuerwerk dauert von etwa 23:45 bis 0:15 Uhr, also rund 30 Minuten. Vereinzelte Raketen gehen schon ab 22 Uhr hoch und werden bis 2 oder 3 Uhr nachts geschossen. Der Höhepunkt um Mitternacht ist aber mit Abstand am stärksten.
Ist Silvester in Reykjavík sicher?
Ja, grundsätzlich schon. Die Stimmung ist friedlich und familienfreundlich. Die größte Gefahr sind herabfallende Feuerwerkskörper, deshalb aufpassen, wo man steht. Nicht unter Bäumen oder in engen Gassen bleiben. Gehörschutz für Kinder mitnehmen, es wird extrem laut. Haustiere sollte man nicht mit nach draußen nehmen.
Kann man an Silvester Nordlichter sehen?
Theoretisch ja, wenn der Himmel klar ist und die Sonnenaktivität stimmt. In der Praxis ist es in Reykjavík schwierig, weil das Feuerwerk und die Stadtlichter die Sicht auf die Nordlichter überstrahlen. Außerhalb der Stadt, in dunklen Gebieten, sind die Chancen besser. Die Vorhersage auf vedur.is zeigt, ob Nordlichtaktivität erwartet wird.
Lohnt sich Silvester auf Island für Familien?
Auf jeden Fall. Die Lagerfeuer am frühen Abend sind perfekt für Familien, und die Kinder können das Feuerwerk ab 22 Uhr miterleben, ohne bis Mitternacht wach bleiben zu müssen. Viele isländische Familien feiern mit Kindern und sind um 1 Uhr im Bett. Das Erlebnis ist aber auch für kleine Kinder schon stark.
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026