Craft Beer Szene auf Island
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Kaum ein Land der Welt hat eine so absurde Biergeschichte wie Island. Von 1915 bis 1989 war Bier mit mehr als 2,25 Prozent Alkohol verboten. 74 Jahre lang. Wein und Schnaps waren ab 1935 wieder erlaubt, aber Bier blieb illegal. Die Begründung: Bier sei das Getränk der Arbeiterklasse und fördere den Alkoholismus stärker als Spirituosen. Heute, kaum 37 Jahre nach der Legalisierung, hat sich auf der Insel eine Craft-Beer-Szene entwickelt, die mit Kreativität und lokalen Zutaten arbeitet, von denen Brauer in anderen Ländern nur träumen können.
Gletscherwasser zum Brauen, isländische Kräuter zum Aromatisieren, Vulkanasche als Räucherzutat - die isländischen Brauereien nutzen, was die Insel bietet, und schaffen damit Biere, die es so nirgendwo sonst gibt. Wer Island besucht und sich für Bier interessiert, findet in Reykjavík und auch auf dem Land genug Material für mehrere Abende.
Islands ungewöhnliche Biergeschichte
Die Geschichte beginnt 1908, als die Isländer in einer Volksabstimmung für die vollständige Prohibition stimmten. Ab 1915 war jeglicher Alkohol verboten. Spanien drohte jedoch, den Import von isländischem Stockfisch zu stoppen, wenn Island nicht spanischen Wein kaufe. 1921 wurde daher Wein wieder zugelassen, 1935 folgten Spirituosen. Nur Bier blieb verboten.
Die offizielle Begründung war eine Mischung aus Moralvorstellungen und politischem Kalkül. Bier galt als Alltagsgetränk, das die Menschen zum regelmäßigen Trinken verleite, während Wein und Schnaps als gelegentliche Genussmittel betrachtet wurden. Zudem wollte man sich von Dänemark abgrenzen, das Island bis 1944 kontrollierte und dessen Bierkultur als Zeichen dänischer Vorherrschaft galt.
Das Verbot hatte kuriose Folgen. Isländer, die Bier wollten, mischten legales Leichtbier (unter 2,25 Prozent) mit Brennivín (einem starken Kümmelschnaps), um auf den gewünschten Alkoholgehalt zu kommen. Dieses Gebräu schmeckte grauenvoll, wurde aber mangels Alternative getrunken. Andere schmuggelten Bier aus dem Ausland oder brachten es vom Duty-Free am Flughafen Keflavík mit (der Duty-Free-Shop verkaufte das, was im Land verboten war).
Am 1. März 1989 hob das Althing das Bierverbot auf. Die Isländer feierten den Tag mit ausgelassenem Biertrinken, und seitdem wird der 1. März als Bjórdagurinn (Tag des Bieres) begangen. Die Aufhebung des Verbots gilt als einer der bedeutendsten kulturellen Wendepunkte im modernen Island.
Die wichtigsten Brauereien
Borg Brugghús - Die Brauerei aus Reykjavík ist der Pionier der isländischen Craft-Beer-Bewegung. Gegründet 2010, braute Borg als erste Brauerei Islands Craft Beer in größerem Maßstab. Ihr Sortiment umfasst über 20 verschiedene Biere, darunter das "Úlfür Nr. 3" (ein IPA mit isländischem Gletscherwasser), das "Garún" (ein Stout mit isländischem Kaffee) und saisonale Sondereditionen. Die Biere sind in den meisten Vínbúðin-Läden erhältlich (ab 690 ISK / ca. 5 EUR pro Dose).
Einstök Ölgerð - Gegründet 2010 in Akureyri, braut Einstök mit Gletscherwasser aus dem Vatnajökull und exportiert mittlerweile in über 30 Länder. Das "White Ale" (Witbier mit Koriander und Orange), das "Toasted Porter" und das "Arctic Pale Ale" gehören zu den bekanntesten isländischen Bieren weltweit. Die Brauerei in Akureyri kann nach Voranmeldung besichtigt werden (Führung ab 3.500 ISK / ca. 23 EUR inklusive Verkostung).
Ölvisholt Brugghús - Eine Farmbrauerei in Südisland, etwa 100 Kilometer östlich von Reykjavík. Ölvisholt war eine der ersten Mikrobrauereien des Landes und braut auf einem ehemaligen Bauernhof. Das "Lava" (Imperial Stout, benannt nach den Lavafeldern der Umgebung) und das "Skjálfti" (Pale Ale, benannt nach einem Erdbeben) sind ihre Flaggschiffe. Die Brauerei liegt direkt an der Ringstraße und bietet Verkostungen an (ab 2.500 ISK / ca. 16 EUR).
Segull 67 - Eine Nanobrauerei in Siglufjörður an der Nordküste, die in einem alten Heringslager braut. Gründer Daníel Arnar braut in kleinen Chargen (maximal 500 Liter), oft mit lokalen Zutaten wie Arktischem Thymian, Seetang oder Rhabarber. Die Brauerei hat einen kleinen Taproom, in dem man direkt vom Fass probieren kann. Öffnungszeiten unregelmäßig, am besten vorher anrufen.
Gæðingur Brugghús - Die neueste Ergänzung der Szene, eine Brauerei in Dalvík bei Akureyri, die sich auf belgisch inspirierte Ales spezialisiert hat. Ihr "Stormur" (Tripel) und das "Norðan" (Saison mit isländischen Kräutern) haben in der lokalen Szene schnell Fans gefunden.
Bierbars in Reykjavík
Skúli Craft Bar - Die Adresse für Craft Beer in Reykjavík. 14 Zapfhähne, davon die meisten mit isländischem Craft Beer, plus eine Flaschenkarte mit über 100 Sorten. Die Atmosphäre ist entspannt, die Bedienung kennt sich aus und berät gerne. Ein Halbliter vom Fass kostet 1.500 bis 2.200 ISK (10 bis 15 EUR). In der Aðalstræti 9, direkt im Zentrum.
Mikkeller & Friends - Die Reykjavíker Filiale der dänischen Craft-Beer-Kette. 20 Zapfhähne mit einer Mischung aus isländischen und internationalen Craft Beers. Die Auswahl wechselt wöchentlich. Preise ähnlich wie im Skúli. In der Hverfisgata 12, im selben Gebäude wie das Dill-Restaurant.
Session Craft Bar - Etwas kleiner als Skúli und Mikkeller, aber mit einer gut kuratierten Auswahl und gemütlicher Kelleratmosphäre. Die Bar hat sich auf Sessions-Biere (niedrigerer Alkoholgehalt, dafür mehr Geschmack) spezialisiert, was an einem langen Abend praktisch ist. In der Bankastræti.
Bryggjan Brugghús - Brauereigaststätte am alten Hafen, die ihr eigenes Bier braut und dazu Fisch und Meeresfrüchte serviert. Die Kombination aus frisch gezapftem Hausbier und einer Schüssel Langoustine-Suppe mit Blick auf die Fischerboote ist schwer zu schlagen. Ein Halbliter Hausbier kostet 1.300 ISK (ca. 9 EUR), die Suppe 2.490 ISK (ca. 16 EUR). Geöffnet täglich von 11 bis 23 Uhr.
Microbar - Reykjavíks erste reine Craft-Beer-Bar, eröffnet 2012. Klein, eng und laut an Wochenendabenden, aber mit einer sehr guten Auswahl an isländischen und skandinavischen Bieren. Oft gibt es Tap Takeovers, bei denen eine einzelne Brauerei alle Hähne bestückt. In der Vesturgata.
Bjórdagurinn: Der Tag des Bieres
Am 1. März jeden Jahres feiert Island den Bjórdagurinn, den Tag des Bieres. Es ist der Jahrestag der Aufhebung des Bierverbots im Jahr 1989. An diesem Abend sind die Bars und Kneipen in Reykjavík so voll wie an kaum einem anderen Tag im Jahr, vielleicht nur übertroffen von der Silvesternacht.
Das Programm ist unkompliziert: Man geht in eine Bar und trinkt Bier. Viele Bars bieten an diesem Abend Sonderangebote und vergünstigte Preise, manche Brauereien stellen spezielle Bjórdagurinn-Editionen vor. Die Stimmung ist ausgelassen, und für viele ältere Isländer hat der Tag eine echte emotionale Bedeutung, denn sie erinnern sich noch an die Zeit, als Bier illegal war.
Wer Island Anfang März besucht und den Bjórdagurinn miterleben möchte, sollte wissen: Die Bars werden ab 22 Uhr sehr voll, die Preise bleiben hoch (trotz Sonderangeboten immer noch über deutschem Niveau), und die Reykjavíker feiern gerne laut und lange. Der nächste Tag (2. März) ist informell als "nationaler Katertag" bekannt.
Bier auf dem Land: Brauereien außerhalb Reykjavíks
Die Craft-Beer-Szene beschränkt sich nicht auf die Hauptstadt. Entlang der Ringstraße und in abgelegenen Orten gibt es kleine Brauereien, die einen Stopp wert sind.
In Akureyri ist neben Einstök auch die Kaldi-Brauerei in der nahen Stadt Árskógssandur (30 Minuten von Akureyri) einen Besuch wert. Sie braut tschechisch inspirierte Lagerbiere und bietet Brauereiführungen an (ab 2.000 ISK / ca. 13 EUR). Das Kaldi Pale Ale und das Kaldi Pilsner gehören zu den beliebtesten Bieren Islands und sind landesweit erhältlich.
In Ísafjörður in den Westfjorden braut die Dokkan Brugghús in einer umgebauten Fischhalle am Hafen. Die Brauerei nutzt lokale Zutaten wie Seetang und arktische Kräuter. Der Taproom ist klein, aber der Blick auf den Fjord macht die Enge wett. Im Sommer täglich geöffnet, im Winter nur freitags und samstags.
In Húsavík serviert das Gamli Baukur am Hafen lokale Biere vom Fass und macht zusammen mit einem Besuch im Walmuseum einen guten Nachmittag. In Seyðisfjörður gibt es die winzige Beljandi Brugghús, die in dem charmanten Ostfjord-Ort ein Dutzend Sorten braut.
Bier kaufen: Vínbúðin und Preise
Auf Island darf Bier mit mehr als 2,25 Prozent Alkohol nur im staatlichen Alkoholladen Vínbúðin verkauft werden (vergleichbar mit dem schwedischen Systembolaget). In Supermärkten wie Bónus oder Krónan gibt es nur Leichtbier unter 2,25 Prozent. Wer echtes Craft Beer für den Abend im Ferienhaus will, muss zum Vínbúðin.
Die Preise im Vínbúðin sind deutlich niedriger als in Bars: Eine 500-ml-Dose isländisches Craft Beer kostet 500 bis 900 ISK (3 bis 6 EUR), importiertes Craft Beer 700 bis 1.500 ISK (5 bis 10 EUR). Das gleiche Bier in einer Bar kostet 1.500 bis 2.500 ISK (10 bis 17 EUR). Wer abends trinken will, kauft also besser tagsüber ein.
Öffnungszeiten Vínbúðin: In Reykjavík montags bis samstags von 11 bis 18 Uhr (donnerstags und freitags bis 19 Uhr). Sonntags geschlossen. Auf dem Land kürzer und nicht täglich. Am Keflavík-Flughafen gibt es einen Duty-Free-Shop, der deutlich günstiger ist als der Vínbúðin. Dort lohnt es sich, bei der Ankunft einen Vorrat für die gesamte Reise zu kaufen.
Isländische Bierstile und Zutaten
Da Island keine gewachsene Biertradition hat (dank des 74-jährigen Verbots), waren die Brauer von Anfang an frei, jeden Stil zu brauen, den sie wollten. Es gibt keine "typisch isländische" Biersorte. Stattdessen experimentieren die Brauereien quer durch alle Stile: IPAs, Stouts, Porters, Witbiere, Saisons, Sours und belgisch inspirierte Ales.
Was die isländischen Biere von anderen unterscheidet, sind die Zutaten. Das Brauwasser stammt oft aus Gletscherquellen (Einstök nutzt Vatnajökull-Wasser, Kaldi Ölfus-Quellwasser), das extrem rein und mineralarm ist. Isländische Brauer verwenden außerdem lokale Zutaten als Aromengeber: Arktischer Thymian, Birkenblätter, Islandmoos, Seetang, Rhabarber, Blaubeeren und sogar geräuchertes Lammfleisch (ja, es gibt ein Rauchbier mit Lammrauch von Borg).
Gerste wird auf Island nicht in ausreichenden Mengen angebaut, daher wird Malz importiert, hauptsächlich aus Großbritannien und Deutschland. Hopfen kommt ebenfalls von außerhalb, wobei einige Brauereien experimentell mit auf Island angebautem Hopfen arbeiten (die Sommer sind kurz, aber die langen Tage mit fast 24 Stunden Licht lassen die Pflanzen schnell wachsen).
Häufige Fragen zu Craft Beer auf Island
Was kostet ein Bier in einer Bar in Reykjavík?
Ein Halbliter Bier vom Fass kostet in den meisten Bars zwischen 1.500 und 2.200 ISK (10 bis 15 EUR). In Craft-Beer-Bars können spezielle Sorten auch 2.500 ISK (17 EUR) oder mehr kosten. Happy-Hour-Angebote (meist 15 bis 18 Uhr) senken den Preis auf 900 bis 1.200 ISK (6 bis 8 EUR).
Kann man isländisches Bier im Supermarkt kaufen?
In normalen Supermärkten (Bónus, Krónan, Nettó) gibt es nur Leichtbier mit maximal 2,25 Prozent Alkohol. Richtiges Bier mit höherem Alkoholgehalt gibt es ausschließlich im staatlichen Alkoholladen Vínbúðin. Alternativ kann man am Flughafen Keflavík im Duty-Free-Shop deutlich günstiger einkaufen.
Welches isländische Bier sollte man unbedingt probieren?
Das Einstök White Ale (erfrischend, mit Koriander und Orange) und das Borg Garún (Stout mit isländischem Kaffee) sind gute Einstiegsbiere. Für Hopfenliebhaber empfiehlt sich das Úlfür IPA von Borg. Wer es ausgefallen mag, sucht nach den Sondersorten von Segull 67 aus Siglufjörður, die mit Seetang oder arktischen Kräutern gebraut werden.
Gibt es Brauereiführungen auf Island?
Ja, mehrere Brauereien bieten Führungen mit Verkostung an. Einstök in Akureyri (ab 3.500 ISK / 23 EUR nach Voranmeldung), Kaldi in Árskógssandur bei Akureyri (ab 2.000 ISK / 13 EUR) und Ölvisholt in Südisland (ab 2.500 ISK / 16 EUR) sind die bekanntesten. In Reykjavík bietet Bryggjan Brugghús Brauereiführungen mit Verkostung an (ab 4.000 ISK / 26 EUR).
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026