Arctic Coast Way
Inhaltsverzeichnis
Islands Ringstraße kennt jeder. Aber die Küstenlinie im Norden, die Strecke, die sich zwischen arktischem Meer und vulkanischen Bergen entlangschlängelt, blieb lange ein Geheimtipp. Seit 2019 gibt es für diese Route einen Namen: den Arctic Coast Way. Er verbindet 21 Fischerdörfer, Dutzende Halbinseln und vier vorgelagerte Inseln auf einer Strecke von rund 900 Kilometern. Es ist Islands Antwort auf Norwegens Atlantikstraße, nur länger, wilder und deutlich weniger befahren.
Der Arctic Coast Way führt von Hvammstangi im Westen bis Bakkafjörður im Osten, entlang der gesamten Nordküste Islands. Die Route folgt streckenweise der Ringstraße, zweigt aber immer wieder auf Nebenstraßen ab, die in entlegene Fjorde und auf Halbinseln führen, die man von der Hauptstraße aus nie sehen würde. Genau darin liegt der Reiz: Wer sich auf den Arctic Coast Way einlässt, kommt an Orte, die selbst in Island als abgelegen gelten.
Die Route im Überblick
Die Gesamtlänge des Arctic Coast Way beträgt etwa 900 Kilometer. Die reine Fahrzeit ohne Stopps liegt bei rund 14 Stunden, verteilt auf überwiegend zweispurige, aber gut instand gehaltene Straßen. Allerdings sind nicht alle Abschnitte asphaltiert. Etwa 30 Prozent der Route verläuft über Schotterstraßen, die in gutem Zustand sind, aber langsames Fahren erfordern. Ein Allradwagen ist für die komplette Route empfehlenswert, auch wenn die meisten Abschnitte mit einem normalen Mietwagen machbar sind.
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Für die gesamte Strecke sollte man mindestens fünf bis sieben Tage einplanen. Wer nur eine Teilstrecke fahren will, kann sich auf die Abschnitte zwischen Akureyri und Húsavík konzentrieren, die auch als Silver Circle und Diamond Circle bekannt sind. Die beste Reisezeit ist Mitte Juni bis Ende August. In dieser Zeit sind alle Straßen passierbar, die Fähren zu den Inseln verkehren regelmäßig, und die Tage sind lang genug, um abends noch weiterzufahren.
Der Arctic Coast Way ist kein Highway. Es gibt Abschnitte, auf denen man über eine Stunde kein anderes Auto sieht. Tankstellen liegen manchmal 100 Kilometer auseinander. Mobilfunkempfang ist in einigen Fjorden nicht vorhanden. Das gehört zum Erlebnis, erfordert aber Vorbereitung: Volltanken bei jeder Gelegenheit, Offline-Karten herunterladen und mindestens einen Tag Puffer im Zeitplan lassen, falls das Wetter einen Stopp erzwingt.
Etappe 1: Hvammstangi bis Blönduós
Der westliche Einstieg in den Arctic Coast Way liegt in Hvammstangi, einem Ort mit 580 Einwohnern an der Halbinsel Vatnsnes. Vatnsnes ist einer der besten Orte in Island, um Robben zu beobachten. Am Strand von Illugastaðir liegen im Sommer Dutzende Seehunde auf den Felsen, oft nur 20 Meter vom Beobachtungspunkt entfernt. Im Icelandic Seal Centre in Hvammstangi erfährt man alles über die Robbenarten Islands. Eintritt: 1.500 ISK (ca. 10 EUR).
Auf der Ostseite der Halbinsel steht der Hvítserkur, eine 15 Meter hohe Basaltformation im Meer, die wie ein trinkendes Tier aussieht. Je nach Perspektive erkennen manche einen Drachen, andere ein Nashorn. Die Zufahrt erfolgt über eine Schotterstraße (etwa 3 Kilometer), und vom Parkplatz führt ein steiler Pfad hinunter zum Strand. Bei Ebbe kann man bis zum Felsen laufen.
Von Hvammstangi nach Blönduós sind es 75 Kilometer über die Ringstraße. Blönduós hat 870 Einwohner und liegt an der Mündung des Flusses Blanda. Der Ort selbst bietet nicht viel Sehenswertes, hat aber einen Supermarkt (Krónan), eine Tankstelle und ein Hotel. Die Textilstofa (Textilmuseum) zeigt isländische Strickkunst und handgewebte Stoffe. Eintritt: 1.200 ISK (ca. 8 EUR). Wer isländische Wolle kaufen will, wird hier fündig.
Etappe 2: Skagafjörður und die Trollhalbinsel
Der Skagafjörður ist das Pferdeland Islands. Nirgendwo auf der Insel gibt es mehr Islandpferde pro Quadratkilometer als hier. Die Weiden erstrecken sich von den Bergen bis ans Meer, und wer reiten will, findet in der Region zahlreiche Anbieter. Eine Halbtages-Tour kostet ab 12.000 ISK (ca. 79 EUR), ganztägige Ritte mit Flussüberquerung ab 25.000 ISK (ca. 165 EUR).
Am Fjord liegt der Ort Sauðárkrókur (2.600 Einwohner), die größte Siedlung im Skagafjörður. Hier sollte man die Grettislaug besuchen, zwei heiße Naturpools direkt am Meer, die nach dem Saga-Helden Grettir benannt sind. Die Pools bestehen aus aufgemauerten Steinkreisen, in denen geothermales Wasser auf angenehme 38 bis 40 Grad kommt. Der Blick geht über den Fjord zur Insel Drangey. Eintritt: 1.000 ISK (ca. 7 EUR), Umkleiden vorhanden.
Die Tröllaskagi-Halbinsel bildet den mittleren Abschnitt dieser Etappe. Die Straße zwischen Siglufjörður und Ólafsfjörður führt durch den Héðinsfjörður-Tunnel (7,5 Kilometer) und bietet davor und danach Ausblicke auf steile Fjorde, die im Winter unter Schnee verschwinden. Die Berge hier erreichen über 1.200 Meter, und die Hänge werden von Skifahrern genutzt, die keine präparierten Pisten brauchen. Dalvík und Siglufjörður liegen auf dieser Strecke und sind gute Übernachtungsorte.
Etappe 3: Eyjafjörður und Akureyri
Der Eyjafjörður ist mit 60 Kilometern der längste Fjord Islands und reicht fast bis ans Polarkreis heran. An seinem Ende liegt Akureyri, die Hauptstadt des Nordens. Akureyri ist der einzige Ort entlang des Arctic Coast Way, der wirklich als Stadt durchgeht. Hier gibt es Supermärkte, Restaurants, Museen, einen botanischen Garten und sogar ein Schwimmbad mit sieben Hot Pots. Ein Besuch des Akureyri Botanical Garden ist kostenlos und zeigt, was auf 65 Grad nördlicher Breite noch wächst.
Wer in Akureyri Station macht, sollte mindestens einen halben Tag einplanen. Die Akureyrarkirkja (Kirche) auf dem Hügel über der Stadt bietet vom Vorplatz einen guten Überblick über den Fjord. In der Fußgängerzone gibt es Cafés, Buchläden und kleine Geschäfte. Das Hof Cultural Centre am Hafen zeigt wechselnde Ausstellungen und hat ein Kino. Essen kann man gut im Rub23 (Sushi und Grill, Hauptgerichte ab 3.800 ISK / ca. 25 EUR) oder im Strikið mit Blick auf den Fjord.
Von Akureyri aus zweigt der Arctic Coast Way nach Osten ab. Die Strecke folgt der Nordküste über den Öxnadalur-Pass (540 Meter Höhe) oder alternativ über die Küstenstraße am Fjord entlang. Der Küstenweg ist länger, aber schöner und führt durch die kleinen Orte Grenivík und Dalvík, die jeweils einen Stopp wert sind.
Etappe 4: Húsavík und die Halbinsel Tjörnes
Húsavík ist der bekannteste Stopp am östlichen Arctic Coast Way. Die Walbeobachtung in der Skjálfandi-Bucht zählt zu den besten in Europa, mit einer Sichtungsrate von über 95 Prozent im Sommer. Drei Anbieter fahren vom Hafen ab, Touren kosten zwischen 11.000 und 14.000 ISK (ca. 73 bis 93 EUR). Auch das GeoSea Geothermal Sea Bath auf den Klippen über dem Ort ist einen Besuch wert (Eintritt: 5.200 ISK / ca. 35 EUR).
Nördlich von Húsavík liegt die Halbinsel Tjörnes, die geologisch zu den interessantesten Orten Islands gehört. In den Steilklippen an der Ostseite findet man Fossilien, die drei bis fünf Millionen Jahre alt sind: versteinerte Muscheln, Schnecken und Pflanzenreste aus einer Zeit, als Islands Klima noch deutlich milder war. Die Fossilien liegen frei zugänglich in den Sedimentschichten. Ein Spaziergang entlang der Klippen dauert etwa eine Stunde.
Östlich von Húsavík führt die Route über die Halbinsel Melrakkaslétta, die nördlichste Landfläche des isländischen Festlands. Am Leuchtturm Hraunhafnartangi steht man nur 2,5 Kilometer vom Polarkreis entfernt. Die Halbinsel ist flach, baumlos und vom Wind geformt. Hier leben Polarfüchse, die man mit etwas Geduld beobachten kann. Der Rauðanes-Klippenpfad an der Ostküste der Halbinsel führt an dramatischen Felsformationen vorbei und gehört zu den versteckten Wanderperlen Nordislands (Rundweg: 7 km, ca. 2,5 Stunden).
Etappe 5: Langanes und der äußerste Nordosten
Die letzte Etappe des Arctic Coast Way führt in die einsamsten Regionen Islands. Die Halbinsel Langanes ragt 40 Kilometer in den Atlantik hinaus und wird von weniger als 50 Menschen dauerhaft bewohnt. Die Schotterstraße zur Spitze der Halbinsel ist holprig und langsam (nur mit Allrad empfohlen), aber die Belohnung ist eine Vogelwelt, die an Intensität kaum zu überbieten ist. Am Kap Fontur brüten tausende Basstölpel in einer der größten Kolonien Islands.
Der Endpunkt des Arctic Coast Way ist offiziell Bakkafjörður, ein Fischerdorf mit 60 Einwohnern. Von hier kann man über die Ringstraße weiter nach Egilsstaðir fahren (etwa 160 Kilometer) oder den Arctic Coast Way in umgekehrter Richtung zurück nach Westen nehmen. In Bakkafjörður gibt es einen Campingplatz, ein kleines Gästehaus und eine Tankstelle. Die Abgeschiedenheit dieses Ortes ist absolut, und genau das macht seinen Reiz aus.
Zwischen Langanes und Bakkafjörður liegt der Ort Þórshöfn (380 Einwohner), der größte Ort in diesem Abschnitt. Hier gibt es einen Supermarkt (Samkaup), eine Tankstelle und das Gästehaus Lynghúsið. Þórshöfn ist ein guter Übernachtungsort, bevor man die letzte Etappe nach Bakkafjörður in Angriff nimmt oder den Arctic Coast Way verlässt und nach Süden auf die Ringstraße wechselt.
Planung und praktische Hinweise
Fahrzeug: Für die gesamte Route ist ein Allradwagen empfehlenswert. Die Abstecher auf die Halbinseln Langanes, Melrakkaslétta und Tjörnes führen über unbefestigte Straßen, die bei Regen matschig werden können. Für den Hauptteil der Route (Ringstraße und asphaltierte Nebenstraßen) reicht ein normaler Mietwagen. Wer die Halbinseln auslassen will, kommt ohne Allrad aus.
Tanken: Tankstellen gibt es in Hvammstangi, Blönduós, Sauðárkrókur, Siglufjörður, Dalvík, Akureyri, Húsavík, Þórshöfn und Bakkafjörður. Der längste Abstand zwischen zwei Tankstellen liegt bei etwa 130 Kilometern (Húsavík nach Þórshöfn). Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 7 Litern pro 100 Kilometer und einem Tankvolumen von 50 Litern sollte das kein Problem sein, trotzdem gilt: bei jeder Tankstelle nachfüllen.
Budget für den Arctic Coast Way:
Mietwagen (7 Tage, Allrad): ab 80.000 ISK (ca. 530 EUR). Benzin (900 km): ca. 15.000 ISK (ca. 100 EUR). Übernachtung (Gästehäuser): 12.000 bis 25.000 ISK (80 bis 165 EUR) pro Nacht. Camping: 2.000 ISK (13 EUR) pro Nacht. Verpflegung (Supermarkt): ca. 4.000 ISK (26 EUR) pro Tag. Restaurant: ab 3.500 ISK (23 EUR) pro Hauptgericht. Gesamtbudget für 7 Tage: ab 180.000 ISK (ca. 1.190 EUR) bei Camping, ab 300.000 ISK (ca. 1.980 EUR) bei Gästehäusern.
Übernachtung: Hotels und Gästehäuser gibt es in den größeren Orten (Akureyri, Húsavík, Siglufjörður, Sauðárkrókur). In den kleineren Orten sind Farmstays oder einfache Gästehäuser die einzige Option. Campingplätze gibt es fast überall, die meisten haben warme Duschen und kosten zwischen 1.500 und 2.500 ISK (10 bis 17 EUR) pro Person. Im Juli und August sollte man in Akureyri und Húsavík vorbuchen, der Rest ist in der Regel auch spontan verfügbar.
Häufige Fragen
Wie viele Tage braucht man für den Arctic Coast Way?
Mindestens fünf Tage, besser sieben. Die Strecke ist lang und die Nebenstraßen erfordern langsames Fahren. Wer nur einen Teil fahren will, kann die Abschnitte um Akureyri und Húsavík in drei Tagen schaffen.
Ist der Arctic Coast Way auch im Winter befahrbar?
Die Hauptstraßen ja, aber viele Nebenstraßen auf die Halbinseln sind im Winter gesperrt oder nur mit Allrad und Erfahrung befahrbar. Im Winter sollte man sich auf den Abschnitt zwischen Akureyri und Húsavík beschränken und die Straßenverhältnisse täglich auf road.is prüfen.
Braucht man einen Allradwagen?
Für die komplette Route mit allen Halbinseln: ja. Für den Hauptteil entlang der Ringstraße und der asphaltierten Nebenstraßen reicht ein normaler Mietwagen. Die Entscheidung hängt davon ab, wie weit man in die abgelegenen Gebiete vordringen will.
Kann man den Arctic Coast Way mit der Ringstraße kombinieren?
Ja, das ist sogar die häufigste Variante. Viele Reisende fahren die Ringstraße und nehmen im Norden die Arctic-Coast-Way-Abstecher mit. So kann man die Highlights der Nordküste sehen, ohne die gesamten 900 Kilometer zu fahren.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026