Egilsstaðir
Egilsstaðir ist kein Ort, in den man sich auf den ersten Blick verliebt. Die Stadt besteht im Kern aus einer langen Straße mit Supermärkten, Tankstellen und Verwaltungsgebäuden. Aber genau das macht Egilsstaðir ehrlich: Hier gibt es keine hübsche Fassade für Touristen, sondern eine Arbeitsstadt, die als Versorgungszentrum für den gesamten Osten Islands funktioniert. Und wenn man einmal verstanden hat, dass Egilsstaðir kein Ziel, sondern ein Ausgangspunkt ist, öffnet sich eine Region, die zu den am wenigsten besuchten und vielleicht gerade deshalb zu den reizvollsten Gebieten der Insel gehört.
Mit rund 2.500 Einwohnern ist Egilsstaðir die größte Siedlung in Ostisland. Die Stadt liegt am Nordufer des Lagarfljót, eines langgestreckten Sees, der von Gletscherwasser gespeist wird und in dem der Sage nach ein Wurm lebt. Der Inlandsflughafen verbindet den Osten mit Reykjavík, und die Ringstraße führt direkt durch den Ort. Wer Island im Auto umrundet, kommt fast zwangsläufig hier vorbei.
Egilsstaðir kennenlernen
Egilsstaðir entstand erst 1947 als geplante Siedlung, als die isländische Regierung beschloss, dem Osten ein Verwaltungs- und Handelszentrum zu geben. Davor war die Region dünn besiedelt und wirtschaftlich schwach. Die Stadt wuchs schnell und hat heute alles, was man für die Versorgung braucht: zwei Supermärkte (Bonus und Nettó), eine Apotheke, ein Krankenhaus, Bankfilialen und mehrere Tankstellen.
Tipp: Berechne dein persönliches Reisebudget mit unserem Island-Reisekostenrechner.
Das Minjasafn Austurlands (Ostisland-Museum) im Zentrum zeigt die Geschichte der Region von der Besiedlung bis heute. Die Ausstellung umfasst Werkzeuge der ersten Siedler, Fotografien aus dem 19. Jahrhundert und eine Abteilung über die Reindeer-Herden, die nur in Ostisland vorkommen. Island ist das einzige europäische Land außerhalb Skandinaviens, in dem wilde Rentiere leben, und sie stammen alle von einer Herde ab, die 1771 aus Norwegen importiert wurde. Der Museumseintritt beträgt 1.200 ISK (ca. 8 EUR).
Direkt am Fluss liegt das Vök Baths, ein modernes Geothermalbad, das 2019 eröffnet wurde. Zwei Floating Pools ragen in den Lagarfljót hinaus, so dass man im warmen Wasser (38 bis 40 Grad) liegt und auf den See blickt. Im Winter ist das Erlebnis besonders gut: dunkler Himmel, dampfendes Wasser und wenn man Glück hat, Nordlichter direkt über dem See. Eintritt: 5.490 ISK (ca. 36 EUR), Handtücher inklusive.
Der See Lagarfljót und sein Monster
Der Lagarfljót erstreckt sich über 25 Kilometer südlich von Egilsstaðir. Der See ist bis zu 112 Meter tief und wird vom Schmelzwasser des Vatnajökull-Gletschers gespeist, was ihm eine trübe, graugrüne Farbe gibt. Seit dem 14. Jahrhundert berichten Quellen von einem Wurm oder einer Schlange, die im See leben soll. Der Lagarfljótswurm (Lagarfljótsormurinn) ist Islands Antwort auf das Ungeheuer von Loch Ness, und die Berichte sind erstaunlich hartnäckig.
2012 ging ein Video um die Welt, das angeblich den Wurm zeigt, wie er sich durch das Wasser bewegt. Eine offizielle Untersuchungskommission der isländischen Regierung kam 2014 zu dem Schluss, dass die Aufnahmen echt seien, aber nicht eindeutig bewiesen, was genau man sah. Die wahrscheinlichste Erklärung ist ein im Wasser treibendes Netz oder ein gefrorener Zweig, aber ganz sicher ist sich niemand. Die Legende lebt weiter und ist inzwischen ein touristisches Markenzeichen der Region.
Auch ohne Monster ist der See einen Besuch wert. Die Straße am Westufer (Route 931) führt an mehreren Aussichtspunkten vorbei und weiter zum Hallormstaður-Wald. Am Ostufer steht die historische Kirche von Vallaneskirkja, eine der ältesten erhaltenen Holzkirchen Ostislands. An ruhigen Tagen spiegeln sich die umliegenden Berge perfekt im Wasser, und die Stille ist so vollständig, dass man das eigene Atmen hört.
Hallormstaður: Islands größter Wald
Der Witz ist bekannt: Wenn man sich in einem isländischen Wald verirrt, muss man sich nur hinstellen, dann sieht man über die Bäume hinweg. Hallormstaður widerlegt diesen Witz. Der Wald am Südufer des Lagarfljót ist mit 740 Hektar das größte zusammenhängende Waldgebiet Islands und besteht aus einheimischen Birken, aber auch aus importierten Fichten, Lärchen und Kiefern, die seit den 1950er Jahren hier gepflanzt wurden.
Das Forstamt hat über 80 verschiedene Baumarten aus aller Welt angepflanzt, um zu testen, welche Arten in Islands Klima überleben. Im Arboretum kann man diese Vielfalt auf einem Rundweg von etwa 3 Kilometern (1 Stunde) sehen. Es ist ein seltsames Gefühl, in Island durch einen Wald zu gehen, der Abschnitte hat, die an Mitteleuropa erinnern. Der Eintritt ins Arboretum ist kostenlos.
Am See gibt es einen Campingplatz mit guter Infrastruktur (Duschen, Strom, Grillplätze), der zu den schönsten Campingplätzen Islands gehört. Die Stellplätze liegen zwischen den Bäumen am Seeufer, geschützt vom Wind. Kosten: 2.000 ISK (ca. 13 EUR) pro Person. Von hier starten mehrere Wanderwege unterschiedlicher Länge, darunter ein Pfad zum Wasserfall Hengifoss, der mit 128 Metern der dritthöchste Wasserfall Islands ist. Die Wanderung zum Hengifoss dauert etwa 2,5 Stunden hin und zurück (7 Kilometer, 400 Höhenmeter) und führt durch bunte Gesteinsschichten aus rotem Lehm und schwarzem Basalt.
Ausflug nach Seyðisfjörður
Nur 27 Kilometer östlich von Egilsstaðir liegt Seyðisfjörður, und die Fahrt dorthin gehört zu den schönsten Kurzstrecken Islands. Die Straße überquert den Fjarðarheiði-Pass auf 600 Metern Höhe, und bei klarem Wetter sieht man von oben den gesamten Fjord mit dem bunten Ort am Ende. Im Winter kann der Pass bei Schnee und Wind gesperrt sein, im Sommer ist die Strecke problemlos in 25 Minuten zu schaffen.
Seyðisfjörður ist das kulturelle Zentrum Ostislands und hat trotz nur 670 Einwohnern eine lebendige Kunstszene. Die Bláa Kirkjan (Blaue Kirche) am Ende der Regenbogenstraße ist eines der meistfotografierten Motive Islands. Im Sommer finden in der Kirche regelmäßig Konzerte statt. Das LungA Art Festival im Juli bringt Künstler aus ganz Europa in den Ort und verwandelt Lagerhäuser und Gärten in Ausstellungsräume.
Seyðisfjörður ist außerdem der Anlaufhafen der Fähre Norræna, die von der Smyril Line betrieben wird und Island mit den Färöer-Inseln und Dänemark verbindet. Die Fähre legt einmal pro Woche an, und an Anlegetagen ist der kleine Ort deutlich belebter als sonst. Wer mit dem eigenen Auto nach Island will, kommt über diese Fährverbindung.
Wanderungen rund um Egilsstaðir
Die Region um Egilsstaðir ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen unterschiedlicher Schwierigkeit. Neben dem bereits erwähnten Hengifoss lohnt sich die Wanderung zum Litlanesfoss, einem Wasserfall, der von perfekten Basaltsäulen eingerahmt wird. Man passiert ihn auf dem Weg zum Hengifoss und kann beide Wasserfälle in einer Tour kombinieren.
Das Tal Borgarfjörður eystri, 70 Kilometer nördlich von Egilsstaðir, ist eines der besten Gebiete für Mehrtageswanderungen in Island. Das Víknaslóðir-Wandergebiet umfasst ein Netz von Pfaden durch verlassene Buchten und über Bergpässe. Die beliebteste Route führt in drei Tagen von Borgarfjörður nach Seyðisfjörður (55 Kilometer). Übernachtet wird in Hütten oder im Zelt. Die Landschaft wechselt zwischen grünen Tälern, Rhyolith-Bergen in Rot- und Gelbtönen und einsamen Küstenabschnitten.
In Borgarfjörður eystri kann man im Sommer (Mai bis August) auch Papageitaucher aus nächster Nähe beobachten. An der Hafnarhólmi-Klippe brüten tausende Paare, und ein Holzsteg führt bis auf wenige Meter an die Nester heran. Die Vögel sind an Menschen gewöhnt und lassen sich in Ruhe fotografieren. Der Zugang ist kostenlos.
Essen und Übernachten
Das Salt Bistro im Hotel Lyngás ist das beste Restaurant in Egilsstaðir. Auf der Karte stehen isländisches Lamm, frischer Fisch und vegetarische Gerichte, die Hauptgerichte kosten 3.800 bis 5.500 ISK (ca. 25 bis 36 EUR). Das Café Nielsen in einem der ältesten Häuser der Stadt serviert Suppen und belegte Brote in gemütlichem Ambiente. Für Schnelles gibt es die Bäckerei Bakaríið mit Kuchen und Sandwiches.
Zum Übernachten bietet das Hotel Eyvindará am Stadtrand Zimmer mit Blick auf den Lagarfljót (ab 22.000 ISK / ca. 145 EUR). Das Guesthouse Egilsstaðir ist günstiger und liegt zentral (ab 14.000 ISK / ca. 93 EUR). Der Campingplatz am Ortsrand hat Duschen und eine Gemeinschaftsküche (1.800 ISK / ca. 12 EUR pro Person). Wer etwas Besonderes sucht, übernachtet im Wilderness Center, 30 Kilometer südlich der Stadt. Das historische Farmhaus liegt mitten in der Wildnis und bietet geführte Wanderungen und Abende am Kaminfeuer.
Anreise und Weiterreise
Von Reykjavík nach Egilsstaðir gibt es zwei Möglichkeiten: per Inlandsflug mit Icelandair (ca. 1 Stunde, Preise ab 12.000 ISK / ca. 79 EUR pro Strecke) oder über die Ringstraße (circa 650 Kilometer, 8 Stunden Fahrzeit). Die meisten Ringstraßen-Reisenden kommen von Höfn im Südosten (etwa 260 Kilometer, 3,5 Stunden) oder von Mývatn im Norden (etwa 170 Kilometer, 2,5 Stunden).
Egilsstaðir ist ein guter Ort, um mindestens zwei Nächte zu verbringen. Von hier erreicht man Seyðisfjörður, den Hengifoss, Borgarfjörður eystri und die Ostfjorde in Tagesausflügen. Die Region Ostisland wird von den meisten Ringstraßen-Reisenden nur durchfahren, was schade ist, denn wer hier anhält und ein paar Tage bleibt, findet eine Landschaft und eine Ruhe, die es im Rest Islands so nicht gibt.
Häufige Fragen
Wie viele Tage sollte man in Egilsstaðir einplanen?
Mindestens zwei Nächte. So hat man einen Tag für Seyðisfjörður und den Hengifoss und einen weiteren für den Lagarfljót oder Borgarfjörður eystri. Wer wandern will, kann auch eine Woche in der Region verbringen.
Gibt es in Egilsstaðir Einkaufsmöglichkeiten?
Ja, es gibt einen Bonus und einen Nettó Supermarkt, eine Vinbúðin (Alkoholladen), Bankfilialen und eine Apotheke. Für Ostisland ist Egilsstaðir das Versorgungszentrum, also sollte man hier einkaufen, bevor man in die abgelegeneren Gebiete fährt.
Gibt es wirklich Rentiere in Ostisland?
Ja, in Ostisland lebt eine Herde von etwa 7.000 Rentieren. Man sieht sie vor allem im Herbst und Winter, wenn sie in die Täler herunterkommen. Im Sommer halten sie sich eher im Hochland auf. Die beste Chance, Rentiere zu sehen, hat man entlang der Straße zwischen Egilsstaðir und Höfn.
Lohnt sich der Flug von Reykjavík nach Egilsstaðir?
Wenn die Zeit knapp ist, ja. Man spart gegenüber der Autofahrt etwa 7 Stunden. Der Flug dauert eine Stunde und bietet bei gutem Wetter einen Ausblick über Gletscher und Hochland. Vor Ort braucht man aber trotzdem einen Mietwagen, den man am Flughafen Egilsstaðir bekommt.
Lokale Tipps
Gut zu wissen
Sundlaug (Schwimmbad): Jeder Ort in Island hat ein geothermales Schwimmbad mit Hot Pots für 5-10 EUR. Dort treffen sich die Locals. Viel authentischer und günstiger als Blue Lagoon.
Bonus-Supermarkt: Das rosa Schweinchen-Logo ist dein bester Freund. Günstigster Supermarkt Islands. Abends gibt es oft reduzierte Fertiggerichte.
Spartipp: Duty-Free am Flughafen Keflavik bei Ankunft: Alkohol kostet in der Stadt das 3-4-fache. Fast jeder Isländer kauft beim Landen ein.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026