Bornholm
Bornholm liegt da, wo man Dänemark nicht vermutet. Mitten in der Ostsee, näher an Schweden als an Kopenhagen, 150 Kilometer östlich vom dänischen Festland. Die Fähre von Ystad braucht 80 Minuten, die von Køge fünf Stunden. Und wenn man in Rønne von Bord geht, merkt man sofort: Das hier ist nicht das typische Dänemark. Statt flacher Felder und Deiche gibt es Granitfelsen, Steilküsten, dichte Wälder und sandige Buchten. Bornholm ist ein geologischer Sonderfall, ein Stück Urgestein mitten im dänischen Flachwasserland.
Ich war im Juni dort, als die Heringssaison gerade begonnen hatte. Vor den Räuchereien in Gudhjem hingen die Fische in Reihen über dem Erlenholzfeuer, und der Rauch zog durch die schmalen Gassen des Dorfes. Ein Räuchermeister, ein wortkarger Typ mit schwarzen Händen und Schürze, gab mir einen frisch geräucherten Hering direkt vom Ofen. "Sol over Gudhjem", sagte er. Sonne über Gudhjem. So heißt das berühmteste Gericht der Insel: geräucherter Hering auf Schwarzbrot, mit rohem Eigelb obendrauf. Es war das Beste, was ich je auf einem Stück Brot gegessen habe.
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Eine Insel, die anders ist
Bornholm ist 588 Quadratkilometer groß und hat rund 39.000 Einwohner. Die Insel ist ein Sonderling in der dänischen Geografie. Während der Rest des Landes aus Moränenlandschaften der Eiszeit besteht, ist Bornholm ein Stück des Baltischen Schildes, uraltes Grundgestein, das hier an die Oberfläche tritt. Die Nordküste besteht aus zerklüfteten Granitfelsen, die bis zu 22 Meter hoch sind. Die Südküste dagegen bietet die feinsten Sandstrände Skandinaviens.
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Die Insel ist Dänemarks sonnenreichste Region. Im Durchschnitt scheint die Sonne hier 1.800 Stunden pro Jahr, deutlich mehr als auf dem Festland. Das Klima ist mild, die Sommer warm und die Herbste lang. Feigen, Maulbeeren und sogar Wein wachsen auf Bornholm, was im Rest Dänemarks undenkbar wäre. Diese besonderen Bedingungen haben eine kulinarische Szene hervorgebracht, die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist.
Bornholm hatte eine wechselvolle Geschichte. Die Insel gehörte zeitweise zu Schweden, wurde im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt und anschließend von der Sowjetarmee bombardiert. Die Russen blieben bis 1946, ein Jahr länger als im Rest Dänemarks. Rønne und Nexø tragen noch heute die Narben der Bombardierung, auch wenn die meisten Gebäude längst wieder aufgebaut sind.
Hammershus: Nordeuropas größte Burgruine
Hammershus ist das Wahrzeichen von Bornholm und die größte Burgruine Nordeuropas. Die Festung thront auf einem 74 Meter hohen Granitfelsen an der Nordwestspitze der Insel, mit Blick über die Ostsee bis nach Schweden. Die ältesten Teile der Burg stammen aus dem 13. Jahrhundert, und über die Jahrhunderte wurde sie immer wieder erweitert und verstärkt.
Die Burg diente als Festung, Gefängnis und Verwaltungssitz. Hier saß Leonora Christina, die Tochter König Christians IV. für 22 Jahre gefangen, nachdem ihr Mann des Hochverrats beschuldigt worden war. Die Mauern sind bis zu drei Meter dick, und die Ruine erstreckt sich über ein Areal von fast fünf Hektar. Man kann stundenlang durch die Reste der Türme, Hallen und Keller klettern.
Im Jahr 2018 eröffnete das Hammershus Besøgscenter, ein modernes Besucherzentrum, das die Geschichte der Burg auf interaktive Weise erzählt. Der Eintritt zur Ruine selbst ist frei, das Besucherzentrum kostet 90 DKK für Erwachsene. Der Weg von der Ruine zum Opalsee (Opalsøen), einem ehemaligen Steinbruch mit türkisfarbenem Wasser, ist ein schöner Spaziergang von etwa 20 Minuten.
Die Rundkirchen von Bornholm
Bornholm besitzt vier Rundkirchen (Rundkirker), die weltweit anders als alles andere sind. Østerlars, Olsker, Nylars und Nyker heißen sie, und alle stammen aus dem 12. Jahrhundert. Diese massiven, runden Steinkirchen dienten als Gotteshäuser, und auch als Verteidigungsanlagen. Die Mauern sind bis zu zwei Meter dick, und die oberen Stockwerke waren als Wehrgeschosse ausgelegt, von denen aus die Inselbewohner Angreifer mit Pfeilen und Steinen abwehren konnten.
Die größte und bekannteste ist die Østerlars Rundkirche, die bis zu 300 Menschen fassen konnte. Im Inneren stehen dicke Pfeiler, die das Gewölbe tragen, und an den Wänden finden sich Kalkmalereien aus dem 14. Jahrhundert. Die Akustik in den Rundkirchen ist besonders, Töne hallen auf eine eigentümliche Weise wider, die viele Besucher überrascht.
Die Olsker Rundkirche ist die höchste und schmalste. Sie wirkt von außen fast wie ein Turm und steht auf einer Anhöhe inmitten von Feldern. Wer alle vier Rundkirchen besuchen will, kann das an einem Tag mit dem Fahrrad schaffen. Die Entfernungen auf Bornholm sind überschaubar, keine der Kirchen liegt mehr als 20 Kilometer von der nächsten entfernt.
Räuchereien: Der Duft der Insel
Die Räuchereien (Røgerier) sind das kulinarische Herz von Bornholm. Über Jahrhunderte war das Räuchern von Fisch die wichtigste Konservierungsmethode auf der Insel, und noch heute stehen die weißen Schornsteine der Räuchereien in fast jedem Küstenort. Der Rauch von Erlenholz gibt dem Fisch seinen charakteristischen Geschmack, golden glänzend, mild und leicht süßlich.
Die berühmteste Räucherei ist Røgeriet in Gudhjem, direkt am Hafen gelegen. Hier kann man zusehen, wie die Heringe auf Stangen aufgefädelt und in den Rauchkamin gehängt werden. Der gesamte Vorgang dauert etwa drei Stunden. Das fertige Produkt gibt es direkt am Tresen: auf Rugbrød (Schwarzbrot), mit Schnittlauch, rohen Zwiebeln und einem rohen Eigelb obendrauf. Dieses Gericht heißt "Sol over Gudhjem" (Sonne über Gudhjem) und ist Bornholms berühmtestes Essen.
Neben Hering werden auch Lachs, Makrele und Aal geräuchert. In Svaneke gibt es die Svaneke Røgeri, die neben geräuchertem Fisch auch hausgemachte Fischfrikadellen anbietet. Die Hasle Røgeri an der Westküste ist die älteste noch betriebene Räucherei der Insel und räuchert nach einer Methode, die sich seit dem 19. Jahrhundert nicht verändert hat. Ein Besuch bei mindestens einer Räucherei gehört zu jedem Bornholm-Aufenthalt.
Strände und Küsten
Bornholm hat für seine Größe eine erstaunliche Vielfalt an Küstenlandschaften. Der Dueodde Strand an der Südspitze ist der berühmteste Strand der Insel und einer der feinsten Sandstrände in ganz Skandinavien. Der Sand ist so fein, dass er früher für Sanduhren verwendet wurde. Der Strand erstreckt sich über mehrere Kilometer und ist selbst im Hochsommer nie überlaufen. Hinter dem Strand stehen Kiefernwälder, die Schatten spenden.
Die Nordküste ist das Gegenteil: schroffe Granitfelsen, von der Brandung geformt und zerklüftet. Die Helligdomsklipperne (Heiligdomsklippen) bei Gudhjem sind die wildesten Felsformationen. Ein Küstenwanderweg führt an den Klippen entlang und bietet überwältigende Ausblicke. Im nahe gelegenen Bornholms Kunstmuseum hängen Werke, die von dieser Küste inspiriert wurden.
An der Westküste bei Hasle gibt es den Jons Kapel, einen markanten Felsvorsprung, der nach einem Mönch benannt ist, der hier gepredigt haben soll. Eine steile Treppe führt hinunter zum Wasser. Im Sommer kann man hier in geschützten Buchten zwischen den Felsen baden. Die Ostküste bei Svaneke und Listed ist zerklüftet, aber reizvoll, mit kleinen Buchten und Granitinseln, auf denen Seevögel brüten.
Kulinarisches Bornholm
Bornholm hat sich in den letzten Jahren zur kulinarischen Vorzeigeregion Dänemarks entwickelt. Die Slow-Food-Bewegung hat hier tiefe Wurzeln geschlagen. Lokale Produzenten bauen Gemüse an, stellen Käse her, brauen Bier und pressen Öl aus Rapssaat. Die kurzen Wege vom Erzeuger zum Teller sind auf einer so kleinen Insel natürlich gegeben, und die Restaurants nutzen das konsequent.
Das Kadeau bei Pedersker war das erste Restaurant Bornholms mit einem Michelin-Stern. Die Küche verwendet ausschließlich Zutaten von der Insel und aus dem Meer drumherum. Die Gerichte wechseln mit den Jahreszeiten, und wer hier isst, bekommt einen intensiven Geschmack der Insel serviert. Reservierungen sind Wochen im Voraus nötig.
Weniger exklusiv, aber mindestens genauso lohnend ist ein Besuch auf der Hallegaard Gårdbutik bei Aakirkeby, einem Hofladen, der eigenen Senf und Chutneys verkauft. In Svaneke steht die Svaneke Bryghus, eine Mikrobrauerei, die mehrfach als beste Brauerei Dänemarks ausgezeichnet wurde. Das Svaneke Stout und das Baltic Porter sind besonders empfehlenswert.
Wer im Herbst auf Bornholm ist, sollte das Sol over Gudhjem-Festival nicht verpassen. Bei diesem Kochwettbewerb treten Köche aus ganz Dänemark gegeneinander an und interpretieren das klassische Bornholmer Gericht auf neue Weise. Das Festival findet im September in Gudhjem statt und zieht Food-Liebhaber aus dem ganzen Land an.
Orte und Sehenswürdigkeiten
Rønne ist die Hauptstadt der Insel mit etwa 14.000 Einwohnern und dem Fährhafen. Die Altstadt hat kopfsteingepflasterte Gassen, bunte Fachwerkhäuser und das Bornholms Museum, das die Inselgeschichte von der Steinzeit bis heute erzählt. Rønne hat die beste Infrastruktur der Insel mit Supermärkten und einem kleinen Krankenhaus.
Gudhjem an der Nordostküste ist das schönste Dorf der Insel. Die bunten Häuser klettern einen Hang hinauf, und der kleine Hafen mit seinen Räuchereien und Fischkuttern zieht die meisten Touristen an. Von Gudhjem aus setzt die Fähre zu den Erbseninseln (Ertholmene) über, einer winzigen Inselgruppe nordöstlich von Bornholm mit nur etwa 90 Bewohnern. Ein Tagesausflug dorthin lohnt sich für die Festungsanlage Christiansø und die riesige Seevogelkolonie.
Svaneke an der Ostküste wurde 2013 als Dänemarks schönste Kleinstadt ausgezeichnet. Der Ort ist gepflegt, ohne museal zu wirken. Glasblasereien und Keramikwerkstätten säumen die Straßen. Der Marktplatz mit dem Uhrenturm ist der Mittelpunkt, und am Hafen liegt die Svaneke Bryghus, wo man nach der Besichtigung ein frisches Bier trinken kann.
Im Inselinneren liegt Almindingen, der drittgrößte Wald Dänemarks. Er bedeckt gut 25 Quadratkilometer und besteht aus Buchen und Kiefern. Durch den Wald verlaufen Wanderwege und Mountainbike-Strecken. Auf dem Rytterknægten, dem höchsten Punkt Bornholms (162 m), steht ein Aussichtsturm, von dem man bei klarer Sicht die gesamte Insel überblicken kann.
Anreise und praktische Tipps
Anreise mit der Fähre: Die schnellste Verbindung führt von Ystad (Schweden) nach Rønne, die Überfahrt dauert 80 Minuten. Bornholmslinjen fährt mehrmals täglich. Von Køge (bei Kopenhagen) dauert die Fahrt etwa fünf Stunden, dafür braucht man nicht über Schweden. In der Hochsaison sollte man die Fähre im Voraus buchen, besonders mit Auto.
Anreise mit dem Flugzeug: Der Bornholms Lufthavn liegt südlich von Rønne. DAT fliegt mehrmals täglich von Kopenhagen, die Flugzeit beträgt nur 35 Minuten. Die Tickets sind oft erstaunlich günstig, wenn man früh bucht. Ab Kopenhagen ist das Flugzeug die schnellste Option.
Fortbewegung auf der Insel: Bornholm ist ein Fahrradparadies. Über 235 Kilometer ausgeschilderte Radwege durchziehen die Insel, viele davon auf ehemaligen Bahntrassen. Fahrräder kann man in Rønne und anderen Orten ausleihen. Wer lieber Auto fährt: Die Insel ist in 40 Minuten von Nord nach Süd durchquert. Es gibt auch einen öffentlichen Busverkehr (BAT), der die wichtigsten Orte verbindet.
Unterkünfte: Die Auswahl reicht von Ferienhäusern über Hotels bis zu Campingplätzen. Besonders beliebt sind die Ferienhäuser in Strandnähe bei Dueodde und Sandvig. Hotels gibt es in allen Preisklassen, vom einfachen Badehotel bis zum gehobenen Stammershalle Badehotel bei Gudhjem, das direkt an den Helligdomsklipperne liegt. Campingplätze sind über die ganze Insel verteilt.
Beste Reisezeit: Juni bis August für Badeurlaub und September für ruhigere Tage mit mildem Wetter. Der Herbst ist besonders gut für kulinarische Reisen (Sol over Gudhjem-Festival, Erntezeit). Im Winter ist die Insel ruhig, viele Restaurants und Attraktionen haben geschlossen, aber Hammershus und die Natur sind natürlich ganzjährig zugänglich.
Häufige Fragen zu Bornholm
Wie kommt man am günstigsten nach Bornholm?
Die günstigste Variante ist die Fähre von Ystad (Schweden) nach Rønne. Fußpassagiere zahlen ab etwa 150 DKK einfach, ein PKW kostet ab 400 DKK. Wer von Deutschland kommt, fährt über die Öresundbrücke nach Ystad. Alternativ gibt es Billigflüge von Kopenhagen, die bei früher Buchung ab 300 DKK pro Strecke zu haben sind.
Braucht man auf Bornholm ein Auto?
Nicht unbedingt. Bornholm hat ein ausgezeichnetes Radwegenetz, und die Entfernungen sind kurz. Mit dem Fahrrad erreicht man alle Sehenswürdigkeiten bequem. Der öffentliche Bus verkehrt regelmäßig zwischen den Orten. Wer mehr Flexibilität will oder mit kleinen Kindern reist, ist mit einem Auto allerdings komfortabler unterwegs. Mietwagen gibt es ab Rønne.
Ist Bornholm für Kinder geeignet?
Bornholm ist bestens für Familien geeignet. Der Dueodde Strand hat flaches, warmes Wasser, das Mittelalterzentrum bei Gudhjem bietet Mitmach-Programme, und die Natur lädt zum Klettern und Entdecken ein. In Joboland bei Svaneke gibt es einen Freizeitpark mit Wasserrutschen und Go-Karts. Die Insel ist sicher und übersichtlich genug Abwechslung für mehrere Tage.
Was ist Sol over Gudhjem?
Sol over Gudhjem (Sonne über Gudhjem) ist Bornholms bekanntestes Gericht: geräucherter Hering auf Rugbrød (Schwarzbrot), belegt mit Schnittlauch, roten Zwiebeln und Radieschen von einem rohen Eigelb, das die "Sonne" darstellt. Das Gericht bekommt man in jeder Räucherei der Insel. Im September findet in Gudhjem das gleichnamige Food-Festival statt, bei dem Köche aus ganz Dänemark ihre Interpretationen des Klassikers präsentieren.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026