Top 10 Wanderungen in Norwegen
Norwegen ist ein Land, das man am besten zu Fuß erlebt. Die Landschaft ist so gewaltig, dass man sie von der Straße aus nur erahnen kann. Erst wenn man einen Rucksack aufschnallt und loswandert, öffnet sich das ganze Panorama: Fjorde, die sich tausend Meter tief in die Erde schneiden, Gipfelgrate, auf denen man das Gefühl hat, über den Wolken zu balancieren, und Felsvorsprünge, die wie Sprungbretter über dem Nichts hängen.
In den letzten Jahren bin ich die meisten dieser Wanderungen selbst gegangen. Manche waren genau so wild, wie die Fotos versprechen. Bei anderen war der Weg dorthin das eigentliche Erlebnis. Was alle gemeinsam haben: Sie zeigen Norwegen von seiner besten Seite. Hier sind meine zehn Favoriten, sortiert nach Eindrucksstärke, nicht nach Schwierigkeit.
1. Trolltunga
Die Trolltunga ist wohl die berühmteste Felsformation Norwegens. Ein flacher Felsvorsprung ragt 700 Meter über dem Ringedalsvatnet ins Leere. Das Foto, auf dem jemand auf der Kante steht, mit dem See weit unten und den Bergen im Hintergrund, hat diese Wanderung weltberühmt gemacht. Aber der Weg dorthin ist lang und anstrengend: 28 Kilometer hin und zurück, rund 800 Höhenmeter, und man sollte zehn bis zwölf Stunden einplanen.
Der Startpunkt liegt bei Skjeggedal, oberhalb von Odda am Sørfjorden. Die ersten Kilometer führen steil bergauf, dann flacht das Gelände ab, und man wandert über ein Hochplateau mit Seen, Flechten und Schneeresten. Die letzten Kilometer zur Trolltunga sind relativ flach. Die Wanderung ist zwischen Mitte Juni und Mitte September ohne Führer möglich. Außerhalb dieser Zeit ist eine geführte Tour mit Winterausrüstung Pflicht. Die Saison beginnt in manchen Jahren erst im Juli, wenn der Schnee spät schmilzt.
2. Preikestolen
Der Preikestolen (Predigtstuhl) ist eine 25 mal 25 Meter große Felsplattform, die 604 Meter über dem Lysefjord thront. Die Wanderung ist kürzer als die zur Trolltunga: etwa acht Kilometer hin und zurück, mit rund 350 Höhenmetern. Man braucht vier bis fünf Stunden. Der Weg ist gut ausgebaut, mit Steintreppen an den steilsten Stellen, und auch für Familien mit älteren Kindern geeignet.
Der Startpunkt ist die Preikestolhytta, eine DNT-Hütte mit Parkplatz, die man von Stavanger aus in etwa einer Stunde erreicht (inklusive einer kurzen Fährfahrt). Die Wanderung selbst führt durch Wald, über Moor und schließlich über offenen Fels. Der letzte Abschnitt, wenn man den Fjord zum ersten Mal unter sich sieht, ist überwältigend. Auf der Plattform selbst gibt es kein Geländer, was den Nervenkitzel erhöht. An Sommerwochenenden kann es hier voll werden, mit Wartezeiten für das obligatorische Foto an der Kante. Früh morgens oder unter der Woche hat man mehr Ruhe.
3. Besseggen
Die Besseggen-Gratüberquerung im Jotunheimen-Nationalpark ist die populärste Tageswanderung Norwegens. Rund 30.000 Menschen gehen sie jedes Jahr. Der Grat trennt zwei Seen: den türkisfarbenen Gjende auf der einen Seite, den dunkelblau schimmernden Bessvatnet auf der anderen. Der Kontrast ist so stark, dass man ihn für einen Trick der Natur halten könnte, aber er ist real. Gjende bekommt seine Farbe vom Gletschermehl, Bessvatnet ist ein klarer Bergsee.
Die Tour startet mit einer Bootsfahrt über den Gjende von der Gjendesheim-Hütte zur Memurubu-Hütte. Von dort wandert man über den Grat zurück nach Gjendesheim. Die Strecke beträgt etwa 14 Kilometer, der Höhenunterschied rund 1.100 Meter. Man braucht sechs bis acht Stunden. Am Grat selbst muss man an einer Stelle klettern, wobei es sich eher um Kraxeln handelt. Schwindelfreiheit ist trotzdem ratsam. Die Saison läuft von Mitte Juni bis Ende September.
4. Romsdalseggen
Der Romsdalseggen ist der dramatischste Grat in ganz Norwegen, und die meisten Wanderer, die ihn gegangen sind, sagen, er sei eindrucksvoller als der Besseggen. Der Grat verläuft oberhalb von Åndalsnes und bietet einen Blick in das Romsdal, der einem die Luft aus den Lungen drückt. Unter sich sieht man die Stadt, den Fjord und die umliegenden Gipfel, darunter den Trollveggen, Europas höchste senkrechte Felswand.
Die Wanderung beginnt am Vengedalen und führt über den Grat nach Åndalsnes hinunter. Die Strecke ist etwa zehn Kilometer lang, mit einem Höhenunterschied von rund 900 Metern. Man braucht sechs bis acht Stunden. Der Weg ist an einigen Stellen schmal und ausgesetzt, Schwindelfreiheit ist hier tatsächlich nötig. Ein Shuttlebus fährt vom Parkplatz am Bahnhof Åndalsnes zum Startpunkt im Vengedalen. Die beste Zeit ist Juli und August, wenn der Grat schneefrei ist.
5. Kjerag und Kjeragbolten
Der Kjeragbolten ist ein fünf Kubikmeter großer Felsbrocken, der in einer Felsspalte über dem Lysefjord eingeklemmt ist, 984 Meter über dem Wasser. Man kann auf den Stein treten und sich fotografieren lassen, was einen gewissen Mut erfordert, da links und rechts der Abgrund klafft. Die Wanderung zum Kjerag ist anspruchsvoll: zehn Kilometer hin und zurück, mit drei steilen Anstiegen, bei denen Ketten als Hilfe in den Fels geschlagen sind.
Der Ausgangspunkt ist Øygardstøl am Ende der Lysevegen. Von Stavanger aus braucht man rund zwei Stunden mit dem Auto. Die Wanderung dauert fünf bis sieben Stunden. Oben angekommen, hat man neben dem Kjeragbolten einen phantastischen Blick über den Lysefjord. Bei klarem Wetter kann man den Preikestolen auf der anderen Seite des Fjords sehen. Die Saison läuft von Juni bis Oktober, wobei die Ketten im Frühsommer manchmal noch unter Schnee liegen.
Fünf weitere Traumwanderungen
6. Reinebringen (Lofoten) - Der Aufstieg auf den 448 Meter hohen Reinebringen oberhalb von Reine dauert nur anderthalb Stunden, aber der Blick von oben gehört zu den schönsten der Welt. Man sieht die Fischerdörfer, die Berge und das türkisfarbene Meer der Lofoten. Seit 2019 führen Sherpa-Stufen zum Gipfel, die den einst rutschigen Pfad sicherer gemacht haben.
7. Galdhøpiggen - Mit 2.469 Metern ist der Galdhøpiggen der höchste Berg Skandinaviens. Der Normalweg von der Juvasshytta dauert etwa fünf Stunden hin und zurück und führt über einen Gletscher, den man nur mit Führung und Steigeisen überqueren sollte. Alternativ gibt es den gletscherfreien Weg von der Spiterstulen-Hütte, der etwas länger, aber ohne Spezialausrüstung machbar ist.
8. Svolvær Fløya (Lofoten) - Die Wanderung zur Djevelporten (Teufelstor), einem natürlichen Felsbogen oberhalb von Svolvær, ist ein kurzer, aber steiler Aufstieg von etwa zwei Stunden. Von oben hat man einen Rundblick über die Lofoten, den Vestfjord und die umliegenden Inseln. Die Djevelporten selbst ist ein schmaler Felsbogen, über den man balancieren kann, wenn man sich traut.
9. Trollstigen-Rundweg - Der Trollstigen ist vor allem als Passstraße bekannt, aber der Wanderweg oberhalb der Serpentinen bietet einen noch dramatischeren Blick auf die Haarnadelkurven, den Wasserfall und das Tal darunter. Die Rundwanderung vom Aussichtspunkt aus dauert etwa drei Stunden und führt über einen gut markierten Pfad.
10. Dronningstien (Hardanger) - Der Königinnenweg führt auf einem Höhenrücken von Kinsarvik nach Lofthus am Hardangerfjord. Die Strecke ist 16 Kilometer lang und bietet durchgehend Panoramablicke auf den Fjord, die Obstgärten und den Folgefonna-Gletscher. Die Wanderung dauert sechs bis acht Stunden und ist technisch einfach, aber lang. Ein Shuttleservice bringt Wanderer zum Startpunkt zurück.
Tipps für Wanderungen in Norwegen
Das Jedermannsrecht erlaubt es, überall in der Natur zu wandern, zu zelten und Beeren zu pflücken, solange man Rücksicht auf die Umwelt nimmt und mindestens 150 Meter Abstand zu bewohnten Gebäuden hält. Wildes Zelten ist damit auf allen Wanderungen möglich, sofern man ein geeignetes Zelt und einen warmen Schlafsack dabei hat.
Das Wetter in den norwegischen Bergen ist unberechenbar. Selbst im Hochsommer kann es auf den Höhen schneien. Wasserdichte Kleidung, warme Schichten und ein Windschutz gehören in jeden Rucksack. Die App yr.no liefert zuverlässige Wetterprognosen für einzelne Berge und Regionen. Bei Nebel, starkem Wind oder Gewitter sollte man die Tour abbrechen oder verschieben.
Die beste Wandersaison in Norwegen dauert von Mitte Juni bis Mitte September. Viele Hochgebirgswanderungen sind erst ab Juli schneefrei. Der August gilt als stabilster Monat, mit den wärmsten Temperaturen und den meisten Sonnenstunden. Im September färbt sich die Landschaft in warme Herbsttöne, aber die Tage werden kürzer und die Nächte kälter.
Häufig gestellte Fragen
Welche Wanderung in Norwegen ist die schönste?
Das hängt von den persönlichen Vorlieben ab. Trolltunga bietet das ikonischste Fotomotiv, Besseggen den wildesten Farbkontrast, Romsdalseggen den dramatischsten Blick. Für eine erste Norwegen-Wanderung ist der Preikestolen ideal, da er gut erreichbar, moderat anspruchsvoll und trotzdem überwältigend ist.
Sind die Wanderungen auch für Anfänger geeignet?
Preikestolen, Reinebringen und der Trollstigen-Rundweg sind für Anfänger mit normaler Fitness machbar. Besseggen und Trolltunga erfordern eine gute Kondition und Ausdauer. Romsdalseggen und Kjerag setzen Trittsicherheit und Schwindelfreiheit voraus. Für den Galdhøpiggen braucht man einen Bergführer wegen des Gletschers.
Wann ist die beste Zeit zum Wandern in Norwegen?
Die Hauptsaison liegt zwischen Mitte Juni und Mitte September. Hochgebirgswanderungen wie Trolltunga sind oft erst ab Juli schneefrei. Der August bietet das stabilste Wetter. Im September ist es ruhiger, aber die Tage werden kürzer. Für Lofoten-Wanderungen eignen sich auch die letzten Maitage.
Braucht man spezielle Ausrüstung?
Gute, eingelaufene Wanderschuhe mit Knöchelstütze sind Pflicht. Wasserdichte Kleidung, warme Schichten, Wasser, Snacks und eine Karte gehören in jeden Rucksack. Für den Galdhøpiggen werden Steigeisen und Seil benötigt, die der Bergführer stellt. Wanderstöcke sind auf allen Touren empfehlenswert.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026