Lysefjord
Manche Fjorde sind lang und breit. Der Lysefjord ist keines von beidem, und genau das macht ihn so intensiv. 42 Kilometer lang, an manchen Stellen kaum 500 Meter breit, eingerahmt von Granitwänden, die über 1.000 Meter senkrecht aus dem Wasser aufsteigen. Der Name kommt vom hellen Granit, "lyse" bedeutet auf Norwegisch "hell" oder "licht". Und tatsächlich schimmern die Felswände bei Sonnenlicht in einem fast weißen Ton, der den Fjord von den dunkleren Fjorden weiter nördlich unterscheidet.
Der Lysefjord liegt in der Region Ryfylke, östlich von Stavanger, und beherbergt zwei der bekanntesten Wanderziele Norwegens: den Preikestolen und den Kjeragbolten. Beide Orte ziehen jährlich Hunderttausende Besucher an, aber zwischen diesen beiden Ikonen gibt es noch viel mehr zu entdecken. Verlassene Siedlungen, eine Treppe mit 4.444 Stufen, einen Wasserfall, der direkt in den Fjord stürzt, und eine Straße mit 27 Haarnadelkurven.
Der Lysefjord und seine Lage
Der Lysefjord erstreckt sich von Forsand im Westen bis Lysebotn im Osten. Die Gemeinde Sandnes, die direkt an Stavanger grenzt, verwaltet den nördlichen Teil. Stavanger selbst liegt nur 25 Kilometer von der Fjordmündung entfernt und ist der wichtigste Ausgangspunkt für Besucher.
Geologisch ist der Lysefjord ein typisches Produkt der Eiszeit. Gletscher haben den Granit ausgehöhlt und eine schmale, tiefe Rinne hinterlassen. An der tiefsten Stelle misst der Fjord 497 Meter. Die Felswände bestehen überwiegend aus Gneis und Granit, über eine Milliarde Jahre altes Gestein, das zu den härtesten Gesteinsarten gehört. Das erklärt, warum die Wände so steil und glatt sind: Weiches Gestein wäre längst verwittert, aber der Granit widersteht der Erosion seit Jahrmillionen.
Es gibt keine durchgehende Straße am Fjordufer. Man erreicht den Lysefjord entweder von Westen über die Straße nach Forsand und den Preikestolen oder von Osten über die Lysevegen nach Lysebotn. Dazwischen ist der Fjord nur per Boot zugänglich. Das hat dazu geführt, dass weite Teile des Fjords unbewohnt und wild geblieben sind. Früher lebten Bauernfamilien in kleinen Siedlungen am Fjordufer, aber die letzten wurden in den 1920er Jahren aufgegeben. Ihre verfallenen Höfe sieht man heute noch vom Boot aus.
Preikestolen: Die Kanzel über dem Fjord
Der Preikestolen (Predigtstuhl) ist eine fast quadratische Felsplattform, die 604 Meter über dem Lysefjord hängt. Etwa 25 mal 25 Meter groß, mit einer senkrechten Abbruchkante, die ohne Geländer oder Absperrung endet. Man steht am Rand, schaut hinunter, und 600 Meter tiefer liegt das blaugrüne Wasser des Fjords. Es gibt kein Netz, keine Barriere, nichts. Das ist Norwegen.
Die Wanderung zum Preikestolen startet am Preikestolen Fjellstue, einer Berghütte oberhalb von Jørpeland. Der Weg ist etwa 4 Kilometer lang (einfache Strecke) und überwindet 334 Höhenmeter. Die reine Gehzeit beträgt 2 Stunden pro Richtung, mit Pausen sollte man 4 bis 5 Stunden für die gesamte Tour einplanen. Der Pfad ist gut markiert und inzwischen auf weiten Strecken mit Steinplatten befestigt, die nepalesische Sherpas verlegt haben.
Über 300.000 Menschen wandern jährlich zum Preikestolen, was ihn zur meistbesuchten Wanderung Norwegens macht. In der Hochsaison (Juli/August) wird es am Felsplateau voll. Mein Tipp: früh starten. Wer um 6 Uhr morgens losgeht, hat den Preikestolen um 8 Uhr oft fast für sich allein. Alternativ kann man die Wanderung am Abend machen, im Sommer ist es bis nach 22 Uhr hell genug.
Parken: Am Preikestolen Fjellstue gibt es einen großen Parkplatz, der 300 NOK pro Tag kostet (Stand 2025). In der Hochsaison ist er ab 9 oder 10 Uhr voll. Es gibt einen Shuttlebus von Tau und Jørpeland, der eine gute Alternative ist. Von Stavanger aus fahren Fähren nach Tau (Fahrzeit 40 Minuten), und von dort sind es noch 25 Minuten mit dem Auto oder Bus.
Die Wanderung ist bei trockenem Wetter für jeden mit normaler Fitness machbar. Bei Regen werden die Felsen rutschig, und der obere Teil des Weges kann unangenehm werden. Im Winter ist der Preikestolen ebenfalls erreichbar, aber der Weg kann vereist und schneebedeckt sein. Winterwanderungen sollten nur mit Spikes und entsprechender Erfahrung unternommen werden.
Kjeragbolten: Der eingeklemmte Felsbrocken
Am östlichen Ende des Lysefjords, hoch über Lysebotn, steckt ein runder Felsbrocken in einer Felsspalte. Der Kjeragbolten ist ein 5 Kubikmeter großer Stein, der zwischen zwei Felswänden eingeklemmt ist, mit 984 Metern Abgrund darunter. Man kann auf den Stein treten und sich fotografieren lassen. Das Bild, auf dem jemand auf dem Kjeragbolten steht, während unter den Füßen fast ein Kilometer Nichts gähnt, gehört zu den ikonischsten Norwegen-Fotos überhaupt.
Die Wanderung zum Kjeragbolten beginnt am Parkplatz Øygardstøl an der Lysevegen. Die Strecke ist etwa 5 Kilometer einfach, mit insgesamt 570 Höhenmetern, die sich auf drei steile Aufstiege und zwei Abstiege verteilen. Das Profil ist anstrengend: Man steigt auf, geht ein Stück flach, steigt wieder ab, und dann wieder auf. Die Gesamtzeit beträgt 5 bis 7 Stunden.
Der letzte Teil zum Kjeragbolten selbst führt über glatte Felsplatten und erfordert Trittsicherheit. Bei Regen oder Nässe wird die Wanderung deutlich schwieriger und teilweise gefährlich. Im Gegensatz zum Preikestolen gibt es am Kjeragbolten keine befestigten Wege, und das Gelände ist wilder. Die Saison läuft von Juni bis Oktober, wobei der September oft das stabilste Wetter bietet.
Der Kjerag ist auch das wichtigste BASE-Jumping-Ziel in Norwegen. Zwischen Juni und Oktober springen hier regelmäßig Fallschirmspringer von der 1.000-Meter-Klippe. Vom Wanderweg aus kann man ihnen manchmal zusehen, wie sie sich in die Tiefe stürzen und nach wenigen Sekunden den Schirm öffnen.
Flørli und die 4.444 Stufen
Flørli ist ein winziges Dorf am Nordufer des Lysefjords, das nur per Boot erreichbar ist. Bis 1997 lebten hier noch ganzjährig Menschen, heute wird es nur noch saisonal bewohnt. Was Flørli berühmt macht, ist eine hölzerne Treppe mit genau 4.444 Stufen, die einst für die Wartung der Druckrohre eines Wasserkraftwerks gebaut wurde.
Die Treppe überwindet 740 Höhenmeter auf einer Strecke von etwa 1,6 Kilometern. Sie gilt als die längste Holztreppe der Welt. Der Aufstieg dauert 2 bis 3 Stunden, je nach Tempo und Pausenbedürfnis. Die Stufen sind steil, und nach den ersten tausend merkt man die Oberschenkel deutlich. Aber oben angekommen eröffnet sich ein Blick über den Lysefjord, der den Aufwand mehr als rechtfertigt.
Man erreicht Flørli mit der Fjordkreuzfahrt von Stavanger oder mit dem Schnellboot von Lauvvik. Das Boot legt direkt am Kai an, und von dort führt ein kurzer Weg zur Treppe. In Flørli gibt es ein kleines Hostel und einen Campingplatz. Die alte Kraftwerkszentrale ist heute ein Museum, das die Geschichte der Elektrifizierung in der Region erzählt.
Mit dem Boot durch den Lysefjord
Die klassische Art, den Lysefjord zu erleben, ist eine Bootstour ab Stavanger. Mehrere Anbieter fahren die gesamte Strecke von der Fjordmündung bis nach Lysebotn und zurück. Die Tour dauert etwa 3 Stunden und kostet zwischen 500 und 700 NOK pro Person. Man sieht den Preikestolen von unten (er wirkt von dort erstaunlich klein), passiert den Hengjane-Wasserfall, der 400 Meter direkt in den Fjord stürzt, und fährt an den verlassenen Siedlungen vorbei.
Einige Boote fahren nahe genug an den Hengjane-Wasserfall heran, dass man das Sprühwasser spürt. Der Wasserfall ist im Frühsommer am stärksten, wenn die Schneeschmelze für volle Bäche sorgt. Im Spätsommer kann er zu einem dünnen Rinnsal schrumpfen.
Für Kajakfahrer ist der Lysefjord ein anspruchsvolles Revier. Das Wasser ist ruhig, aber die Winde können plötzlich aufkommen, und die Distanzen zwischen den Anlegestellen sind lang. Geführte Kajaktouren ab Forsand oder Lauvvik dauern einen halben oder ganzen Tag und kosten zwischen 800 und 1.500 NOK. Erfahrene Kajakfahrer können den Fjord auch auf eigene Faust paddeln, sollten aber die Wetterbedingungen genau im Auge behalten.
Lysebotn und das Ende des Fjords
Lysebotn liegt am östlichen Ende des Lysefjords und ist über die Lysevegen erreichbar, eine Bergstraße mit 27 Haarnadelkurven und einem steilen Abstieg von über 900 Metern. Die Straße wurde 1984 eröffnet und ist ein Erlebnis für sich, besonders für Radfahrer, die sie als Bergprüfung nutzen. Im Sommer findet hier das Lysebotn Opp statt, ein Radrennen, bei dem die Teilnehmer die Strecke hinauffahren.
Lysebotn selbst hat nur wenige Einwohner, eine Fähranlege, ein kleines Café und einige Ferienhütten. Von hier aus starten die Wanderungen zum Kjeragbolten. Es gibt auch eine Fährverbindung von Lysebotn nach Lauvvik, die im Sommer mehrmals täglich verkehrt und den Fjord in etwa 2 Stunden durchquert.
Ein Geheimtipp ist der Kjerag-Wasserfall, der unweit von Lysebotn in den Fjord fällt. Er ist weniger bekannt als der Hengjane, aber nicht weniger eindrucksvoll. Man sieht ihn am besten vom Boot aus.
Anreise und praktische Tipps
Flughafen: Stavanger Sola (SVG) wird von mehreren deutschen Städten direkt angeflogen. Vom Flughafen sind es etwa 40 Minuten mit dem Auto nach Jørpeland (Preikestolen-Ausgangspunkt) oder eine Stunde zum Hafen für die Lysefjord-Bootstour.
Fähre: Von Stavanger nach Tau fahren Fähren im Halbstundentakt (Fahrzeit 40 Minuten). Von Tau sind es 25 Minuten mit dem Auto zur Preikestolen-Berghütte. Von Lauvvik (südlich von Stavanger) fährt das Schnellboot durch den Lysefjord nach Lysebotn.
Übernachtung: Stavanger hat Hotels in jeder Preisklasse. Direkt am Preikestolen gibt es die Preikestolen Fjellstue mit Zimmern und Hütten, und das neuere Preikestolen BaseCamp mit Glashütten, die einen Blick in die Natur bieten. In Forsand am Fjordeingang gibt es kleinere Pensionen und Campingplätze.
Beste Reisezeit: April bis Oktober. Der Preikestolen ist ganzjährig erreichbar, aber im Winter nur mit Spikes und Erfahrung. Der Kjeragbolten ist nur von Juni bis Oktober zugänglich. Die Lysevegen nach Lysebotn ist von etwa Mitte Juni bis Mitte Oktober geöffnet. Juli und August sind die wärmsten Monate mit durchschnittlich 15 bis 18 Grad.
Stavanger als Ausgangspunkt: Die viertgrößte Stadt Norwegens liegt direkt vor der Tür des Lysefjords. Die Altstadt (Gamle Stavanger) mit ihren 173 weißen Holzhäusern ist die größte erhaltene Holzhaussiedlung Europas. Das Norwegische Ölmuseum erzählt die Geschichte der Ölindustrie, die Stavanger zur reichsten Stadt des Landes gemacht hat. Wer also neben dem Fjord auch etwas Stadtkultur möchte, ist hier gut aufgehoben.
Häufige Fragen zum Lysefjord
Ist die Wanderung zum Preikestolen auch für Kinder geeignet?
Ja, Kinder ab etwa 6 Jahren schaffen die Wanderung in der Regel, wenn man ausreichend Pausen einplant. Der Weg ist gut markiert und auf weiten Strecken befestigt. Am Felsplateau selbst gibt es kein Geländer, daher sollten Eltern ihre Kinder dort im Auge behalten. Die reine Gehzeit beträgt etwa 4 Stunden für Familien mit Kindern.
Kann man Preikestolen und Kjeragbolten an einem Tag besuchen?
Theoretisch ja, aber es wäre ein extrem langer Tag. Der Preikestolen liegt im Westen des Fjords, der Kjeragbolten im Osten. Dazwischen liegen etwa 2,5 Stunden Autofahrt. Sinnvoller ist es, zwei separate Tage einzuplanen, einen für den Preikestolen und einen für den Kjeragbolten.
Wie gefährlich ist der Kjeragbolten?
Der Stein selbst ist stabil und bewegt sich nicht. Die Gefahr liegt in der Wanderung dorthin, die bei Nässe rutschig werden kann, und natürlich im Abgrund von 984 Metern. Auf dem Stein selbst stehen die meisten Menschen nur für ein Foto. Wer Höhenangst hat, sollte sich nicht zwingen. Es gibt keinen Zaun und keine Sicherung.
Wann ist die Lysevegen nach Lysebotn geöffnet?
Die Lysevegen ist in der Regel von Mitte Juni bis Mitte Oktober geöffnet. Das genaue Datum hängt von der Schneelage ab. Die Straßenverwaltung (Statens vegvesen) veröffentlicht die aktuellen Öffnungszeiten auf ihrer Website. Außerhalb der Saison erreicht man Lysebotn nur per Boot.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026