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Wandern auf der Hardangervidda
Mehrtagestouren auf Europas größtem Hochplateau

Wandern auf der Hardangervidda

14 Min. Lesezeit

Die Hardangervidda ist anders als jedes andere Wandergebiet in Europa. Hier gibt es keine Gipfel, die man erklimmt, keine engen Täler, durch die man sich schlängelt. Stattdessen breitet sich eine Hochebene aus, die so weit ist, dass der Himmel den größten Teil des Blickfeldes ausfüllt. 8.000 Quadratkilometer Fels, Flechten und flache Seen liegen auf einer Höhe zwischen 1.100 und 1.400 Metern. Die Luft ist dünn, der Wind kommt von allen Seiten, und die nächste Siedlung ist immer mindestens einen Tagesmarsch entfernt.

Meine erste Tour auf der Hardangervidda begann an einem Augustmorgen in Finse. Der Zug hatte mich aus Bergen heraufgebracht, und als ich ausstieg, stand ich auf dem höchsten Punkt der Bergensbahn, umgeben von nichts als Fels und Schneeflecken. Die Wanderung nach Krækkja sollte sechs Stunden dauern. Nach der ersten Stunde war der letzte Wegweiser hinter mir verschwunden, und ich ging allein durch eine Landschaft, in der ich mich winzig fühlte. Als ich abends die Hütte erreichte und die Tür aufdrückte, roch es nach Kaffee und Holzfeuer. Jemand hatte Pfannkuchen gemacht. In diesem Moment verstand ich, warum Norweger die Vidda lieben.

Die Hardangervidda als Wandergebiet

Die Hardangervidda ist Europas größte Hochebene und Norwegens größter Nationalpark. Sie liegt zwischen Oslo und Bergen, eingerahmt von den Tälern Hallingdal im Norden, Numedal im Osten und Hardanger im Süden. Das Plateau erstreckt sich über Teile der Provinzen Viken, Vestland und Telemark. Der Nationalpark selbst umfasst 3.422 Quadratkilometer, aber das gesamte Wandergebiet ist deutlich größer.

Weite Hochebene der Hardangervidda mit Seen und Flechten unter wolkenreichem Himmel
Die Weite der Hardangervidda: Flechten, Seen und ein Horizont ohne Ende (KI-generiert)

Das Terrain ist überwiegend flach bis sanft hügelig, aber die Distanzen sind enorm. Was auf der Karte nach einem kurzen Abschnitt aussieht, kann über steiniges Gelände, durch Bachläufe und gegen den Wind vier Stunden dauern. Der höchste Punkt ist der Hardangerjøkulen mit 1.863 Metern, ein Gletscher am westlichen Rand. Die meisten Wanderrouten bewegen sich auf einer Höhe von 1.200 bis 1.400 Metern, wo die Vegetation aus Flechten, Moosen und vereinzelten Zwergsträuchern besteht.

Die Hardangervidda beherbergt Europas größte Herde wildlebender Rentiere. Rund 7.000 Tiere ziehen zwischen ihren Sommer- und Winterweiden hin und her. Mit etwas Glück begegnet man ihnen auf der Wanderung, wobei die Tiere in der Regel scheu sind und Abstand halten. Andere Bewohner des Plateaus sind Polarfüchse, Schneehasen und der Mäusebussard. In den Seen leben Forellen, die man mit einer Angel und der richtigen Lizenz fangen darf.

Die besten Routen für Mehrtagestouren

Die Klassiker-Route von Finse nach Haukeliseter führt in sechs bis acht Tagen einmal quer über das gesamte Plateau. Man startet im Norden an der Bergensbahn und wandert nach Süden durch die wildesten Teile der Vidda. Die Etappen sind lang, zwischen 15 und 25 Kilometern pro Tag, und die Orientierung erfordert Erfahrung mit Karte und Kompass, da die Markierungen in schlechtem Wetter schwer zu finden sind. Die Landschaft verändert sich auf dieser Route stetig: von vergletscherten Höhen im Norden über karge Steinwüsten in der Mitte bis zu grüneren Hochtälern im Süden.

Eine kürzere Alternative ist die Runde Finse - Krækkja - Geiteryggen - Finse, die man in drei bis vier Tagen bewältigt. Sie bleibt im nördlichen Teil der Vidda und führt an mehreren Seen vorbei, die zum Angeln einladen. Die Hütten auf dieser Route sind gut erreichbar und die Etappen kürzer, was sie auch für weniger erfahrene Wanderer geeignet macht.

Die Tour von Rjukan nach Haukeliseter beginnt im Osten, am Fuße des Gaustatoppen, und führt in vier bis fünf Tagen nach Westen. Man durchquert den südlichen Teil des Nationalparks, der weniger begangen ist als der Norden. Die Landschaft ist wilder, die Hütten einfacher und die Stille tiefer. Wer echte Einsamkeit auf der Vidda sucht, ist hier richtig.

Markierter Wanderweg über die Hardangervidda mit roten T-Markierungen auf Steinen
Rote T-Markierungen weisen den Weg über das weite Plateau (KI-generiert)

DNT-Hütten: Das norwegische Hüttennetz

Der Den Norske Turistforening (DNT) betreibt auf der Hardangervidda ein Netz aus rund 30 Hütten, die über das gesamte Plateau verteilt sind. Es gibt drei Kategorien: bewirtschaftete Hütten mit Vollverpflegung, Selbstversorgerhütten mit Proviant zum Kaufen und unbewirtschaftete Hütten, in denen man alles selbst mitbringen muss. Die bewirtschafteten Hütten wie Finse, Krækkja und Litlos bieten warme Mahlzeiten, getrocknete Kleidung und manchmal sogar frisch gebackenes Brot.

Die Selbstversorgerhütten sind mit Grundnahrungsmitteln bestückt: Dosenfutter, Nudeln, Trockensuppen und Kaffee. Man nimmt sich, was man braucht, und bezahlt per Ehrensystem in eine Kasse. Dieses Vertrauensprinzip funktioniert in Norwegen seit über hundert Jahren. Die unbewirtschafteten Hütten sind die einfachsten. Hier gibt es nur ein Dach über dem Kopf, eine Feuerstelle und ein paar Matratzen. Trinkwasser holt man aus dem nächsten Bach.

Eine DNT-Mitgliedschaft kostet etwa 800 NOK pro Jahr und lohnt sich ab der dritten Übernachtung. Mitglieder zahlen reduzierte Hüttenpreise: rund 350 NOK pro Nacht in bewirtschafteten Hütten, 200 NOK in Selbstversorgerhütten. Ohne Mitgliedschaft liegen die Preise etwa 150 NOK höher. Eine Reservierung ist in den bewirtschafteten Hütten empfehlenswert, aber nicht zwingend nötig. Das Prinzip lautet: Niemand wird abgewiesen. Wenn die Betten voll sind, wird auf dem Boden geschlafen.

Tageswanderungen auf dem Plateau

Wer keine mehrtägige Tour unternehmen möchte, findet am Rand der Hardangervidda zahlreiche Möglichkeiten für Tageswanderungen. Von Rjukan aus führt ein Weg auf den Gaustatoppen (1.883 m), den viele Norweger als schönsten Aussichtsberg des Landes bezeichnen. Von oben sieht man bei klarem Wetter ein Sechstel der norwegischen Landfläche. Die Wanderung dauert hin und zurück etwa sechs Stunden und ist technisch nicht schwierig, aber anstrengend.

Von Eidfjord im Westen startet man zum Vøringsfossen, einem der bekanntesten Wasserfälle Norwegens. Das Wasser stürzt 182 Meter in die Tiefe, und der Wanderweg führt bis an die Kante der Schlucht. Eine Brücke überspannt den Canyon und bietet einen schwindelerregenden Blick nach unten. Die Wanderung vom Parkplatz zum Wasserfall dauert nur 30 Minuten, aber man kann sie zu einer längeren Tour über das Plateau erweitern.

DNT-Hütte auf der Hardangervidda mit norwegischer Flagge und Bergen im Hintergrund
Eine DNT-Hütte auf der Vidda: Wärme und Kaffee nach einem langen Wandertag (KI-generiert)

Ausrüstung und Vorbereitung

Die Hardangervidda verlangt Respekt. Das Wetter kann sich innerhalb einer Stunde komplett drehen. Strahlender Sonnenschein am Morgen kann bis zum Mittag in Nebel und Temperaturen um den Gefrierpunkt umschlagen. Wasserdichte Kleidung gehört in den Rucksack, egal wie der Wetterbericht aussieht. Ebenso eine warme Schicht und Handschuhe Mütze, auch im Hochsommer.

Die Schuhe sollten knöchelhoch und eingelaufen sein. Das Terrain besteht überwiegend aus Fels und Geröll Boden. Leichte Trailrunner reichen hier nicht aus. Ein GPS-Gerät ist sinnvoll, denn die roten T-Markierungen des DNT sind bei Nebel schwer zu sehen. Karte und Kompass bleiben trotzdem Pflicht, da Elektronik ausfallen kann. Die DNT-Karten im Maßstab 1:50.000 sind detailliert genug für die Navigation.

Bei Mehrtagestouren mit Hüttenübernachtung reicht ein Rucksack mit 30 bis 40 Litern. Man braucht einen Hüttenschlafsack, Wechselkleidung, Verpflegung für einen zusätzlichen Tag als Reserve und ein Erste-Hilfe-Set. Wer zelten möchte, sollte ein sturmfestes Zelt und einen Schlafsack mit Komforttemperatur bis minus fünf Grad einpacken. Das Gesamtgewicht des Rucksacks sollte 12 bis 15 Kilogramm nicht überschreiten, da die Distanzen lang sind.

Wetter und beste Jahreszeit

Die Wandersaison auf der Hardangervidda dauert von Ende Juni bis Mitte September. Vorher liegen noch Schneereste auf dem Plateau, und die Bäche führen so viel Schmelzwasser, dass Furten gefährlich werden. Die bewirtschafteten Hütten öffnen in der Regel Ende Juni und schließen Mitte September. Im Juli und August liegen die Tagestemperaturen zwischen 10 und 20 Grad, nachts kann es bis auf den Gefrierpunkt fallen.

Der August gilt als bester Monat. Das Wetter ist tendenziell stabiler als im Juli, die Nächte werden langsam dunkler, sodass man die ersten Nordlichter sehen kann, und die Blaubeeren am Rand der Vidda werden reif. Im September färbt sich die spärliche Vegetation in Gold- und Rottöne, was Fotografen anzieht. Allerdings können die ersten Schneefälle bereits Mitte September das Plateau erreichen.

Niederschlag fällt auf der Hardangervidda an durchschnittlich 15 Tagen pro Monat. Der Westen ist deutlich nässer als der Osten, da die feuchten Luftmassen vom Atlantik auf die Hochebene treffen. Wind ist eine Konstante: Die offene Landschaft bietet keinen Schutz, und Böen von 60 bis 80 Stundenkilometern sind keine Seltenheit. An solchen Tagen bleibt man besser in der Hütte.

Anreise und Ausgangspunkte

Finse im Norden ist der bekannteste Ausgangspunkt. Der Ort liegt an der Bergensbahn und ist nur mit dem Zug erreichbar, keine Straße führt dorthin. Von Oslo braucht der Zug etwa fünf Stunden, von Bergen etwa zweieinhalb. Finse liegt auf 1.222 Metern und ist damit einer der höchstgelegenen Orte Norwegens. Es gibt ein Hotel, eine DNT-Hütte und sonst nicht viel.

Im Osten ist Rjukan ein guter Startpunkt. Die Industriestadt am Fuß des Gaustatoppen bietet Supermärkte und Übernachtungsmöglichkeiten nach Oslo. Von hier aus führen mehrere Wege auf das Plateau. Im Süden liegt Haukeliseter an der E134, einer Hauptverbindung zwischen Ost- und Westnorwegen. Die DNT-Hütte dort ist ein beliebter Anfangs- oder Endpunkt für Durchquerungen.

Stiller See auf der Hardangervidda im goldenen Abendlicht
Abendstimmung auf der Hardangervidda: Stille Seen und goldenes Licht (KI-generiert)

Häufig gestellte Fragen

Braucht man Bergsteigererfahrung für die Hardangervidda?

Nein, klassisches Bergsteigen ist nicht nötig. Das Gelände ist überwiegend flach bis hügelig. Allerdings erfordern die Distanzen, das wechselhafte Wetter und die Abgeschiedenheit eine gute Grundfitness sowie Erfahrung mit Karte und Kompass. Für Anfänger empfehlen sich die kürzeren Routen mit bewirtschafteten Hütten.

Was kostet eine Woche Wandern auf der Hardangervidda?

Mit DNT-Mitgliedschaft kostet eine Übernachtung in bewirtschafteten Hütten rund 350 NOK, Halbpension etwa 700 NOK. Für eine Woche mit Hüttenübernachtung und Verpflegung sollte man etwa 5.000 bis 7.000 NOK einplanen. Dazu kommen Anreise und die DNT-Mitgliedschaft von rund 800 NOK.

Kann man auf der Hardangervidda zelten?

Ja, das Jedermannsrecht erlaubt wildes Zelten in Norwegen, auch auf der Hardangervidda. Man sollte mindestens 150 Meter Abstand zu bewohnten Hütten halten und ein sturmfestes Zelt verwenden. Der Wind auf dem Plateau kann sehr stark werden, deshalb ist ein geschützter Platz hinter einem Felsen oder einer Senke empfehlenswert.

Gibt es Handyempfang auf der Hardangervidda?

Nur an wenigen Stellen. In der Nähe der bewirtschafteten Hütten und an erhöhten Punkten hat man manchmal Empfang, aber große Teile des Plateaus sind Funklöcher. Man sollte sich nicht auf das Handy für Navigation oder Notfälle verlassen. Ein Satellitentelefon oder ein Notrufsender (PLB) ist für abgelegene Routen sinnvoll.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026