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Ostisland
Stille Fjorde, dichte Wälder und Islands wilder Osten

Ostisland

14 Min. Lesezeit

Ostisland ist die Region, die selbst erfahrene Island-Reisende oft nur durchfahren, ohne ihr die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient. Während die Südküste mit ihren Gletscherlagunen und schwarzen Stränden die Massen anzieht, bleibt der Osten erstaunlich ruhig. Dabei ist diese Region mit ihren tief eingeschnittenen Fjorden, dem größten Wald des Landes und einer lebendigen Kunstszene in Seyðisfjörður eines der vielfältigsten Gebiete Islands.

Im Osten leben etwa 13.000 Menschen, verteilt auf kleine Fjordorte und das Versorgungszentrum Egilsstaðir. Die Landschaft unterscheidet sich grundlegend vom Rest der Insel: Statt endloser Lavafelder und Moosebenen dominieren steile Berghänge, schmale Fjorde und Birkenwälder. Das Klima ist trockener als im Süden, die Berge halten den Regen ab. Und wer Papageientaucher ohne die Konkurrenz hunderter anderer Touristen sehen will, findet hier den perfekten Ort dafür.

Was Ostisland besonders macht

Panoramablick über den Fjord von Seyðisfjörður in Ostisland
Seyðisfjörður: Die bunte Hafenstadt am Ende eines schmalen Fjords (KI-generiert)

Ostisland ist geologisch der älteste Teil der Insel. Während im Westen und Süden ständig neues Land durch Vulkanismus entsteht, haben Wind und Wasser im Osten über Millionen Jahre tiefe Fjorde in die Berge geschnitten. Das Gestein hier ist bis zu 16 Millionen Jahre alt, deutlich älter als überall sonst auf Island. Dadurch fehlen die typischen vulkanischen Erscheinungen wie heiße Quellen und Geysire fast vollständig. Stattdessen bestimmen steil aufragende Berge, Wasserfälle und eine üppige Vegetation das Bild.

Die Region liegt an der Ostseite des Vatnajökull, Europas größtem Gletscher. Von hier aus wirkt der Eisschild noch gewaltiger als von Süden, weil er fast vom Meeresspiegel bis auf über 2.000 Meter ansteigt. In den Bergpässen zwischen den Fjorden wechseln die Perspektiven ständig: Mal blickt man auf das offene Meer, mal auf enge, fast norwegisch anmutende Fjorde, mal auf den gewaltigen Gletscher im Hinterland.

Ein weiterer Unterschied zum restlichen Island: Der Osten hat eine überraschend vielfältige Tierwelt. Rentiere, die im 18. Jahrhundert aus Norwegen eingeführt wurden und anderswo längst verschwunden sind, leben hier in frei umherziehenden Herden. In den Fjorden tummeln sich Seehunde und Robben, und an den Klippen brüten Millionen von Seevögeln.

Seyðisfjörður: Die bunte Hafenstadt

Seyðisfjörður ist das kulturelle Herz Ostislands und für viele Reisende der schönste kleine Ort des ganzen Landes. Die Stadt liegt am Ende eines 17 Kilometer langen Fjords, eingerahmt von steilen Bergen und Wasserfällen. Die bunten Holzhäuser stammen aus dem 19. Jahrhundert und geben dem Ort einen fast skandinavischen Charme, der sich vom typischen isländischen Wellblechstil deutlich abhebt.

Das bekannteste Fotomotiv ist die Regenbogenstraße (Regnbogagata), die von der blauen Kirche den Hügel hinab führt. Die Straße wurde im Rahmen der jährlichen LungA-Kunstfestivals in Regenbogenfarben bemalt und ist seitdem eines der meistfotografierten Motive Islands. Die Kirche selbst, Seyðisfjarðarkirkja, wurde 1922 erbaut und ist eine der wenigen blauen Kirchen des Landes.

Seyðisfjörður hat sich in den letzten Jahren zu einem Zentrum für Kunst und Kreativität entwickelt. Zahlreiche Ateliers, Galerien und Werkstätten haben sich in den alten norwegischen Holzhäusern niedergelassen. Das jährliche LungA Festival im Juli zieht Künstler aus ganz Europa an und verwandelt den kleinen Ort für eine Woche in ein lebendiges Kunstlabor mit Performances, Installationen und Konzerten.

Praktisch wichtig: Seyðisfjörður ist der einzige internationale Fährhafen Islands. Die Smyril Line verbindet den Ort mit den Färöer-Inseln und Hirtshals in Dänemark. Wer mit dem eigenen Auto nach Island reisen möchte, kommt hier an. Die Fähre Norröna verkehrt wöchentlich und macht den Osten zum logischen Startpunkt für Roadtrips über die Insel.

Egilsstaðir: Tor zum Osten

Egilsstaðir ist mit rund 2.500 Einwohnern die größte Siedlung Ostislands und der logistische Dreh- und Angelpunkt der Region. Die Stadt liegt am Ufer des Lagarfljót und ist alles andere als hübsch, das muss man ehrlich sagen. Es gibt keine historische Altstadt, keine schönen Gassen. Egilsstaðir ist ein modernes Versorgungszentrum mit Supermärkten, Tankstellen, dem regionalen Krankenhaus und einem Flughafen.

Trotzdem ist die Stadt als Ausgangspunkt unverzichtbar. Von hier aus sind es 27 Kilometer nach Seyðisfjörður (über den Fjarðarheiði-Pass), eine Stunde zum Hallormsstaðaskógur und weniger als zwei Stunden zum Borgarfjörður eystri. Der Flughafen Egilsstaðir hat mehrere tägliche Verbindungen nach Reykjavík (Flugzeit etwa 50 Minuten), was den Osten auch ohne die lange Fahrt über die Ringstraße erreichbar macht.

Wer einen Tag in Egilsstaðir verbringt, sollte das Ostisland-Kulturzentrum (Menningarmiðstöð Austurlands) besuchen. Es beherbergt eine Bibliothek, Ausstellungen zur Regionalgeschichte und wechselnde Kunstausstellungen. Im Sommer findet hier das Eistnaflug-Festival statt, Islands größtes Heavy-Metal-Festival, das Musikfans aus aller Welt in den Osten lockt.

Lagarfljót: Der Wurmsee

Lagarfljót See umgeben von Wäldern in Ostisland
Der Lagarfljót: Islands drittgrößter See, umgeben von Birkenwäldern und Sagen (KI-generiert)

Der Lagarfljót ist ein 25 Kilometer langer, schmaler See südlich von Egilsstaðir. Er ist bis zu 112 Meter tief und damit einer der tiefsten Seen Islands. Berühmt ist er vor allem wegen des Lagarfljótwurms (Lagarfljótsormurinn), Islands Antwort auf das Ungeheuer von Loch Ness. Die Legende geht auf das 14. Jahrhundert zurück: Ein junges Mädchen legte einen goldenen Ring auf einen kleinen Lindwurm, um den Wert des Rings zu mehren. Doch der Wurm wuchs und wuchs, bis er den gesamten See füllte.

Bis heute gibt es immer wieder Berichte über Sichtungen. 2012 sorgte ein Handyvideo für weltweite Aufmerksamkeit, das eine schlangenähnliche Bewegung im See zeigte. Eine offizielle Untersuchungskommission befand das Video für „echt", was in Island für einige Diskussionen sorgte. Ob man daran glaubt oder nicht: Die Atmosphäre am See ist bei Nebel tatsächlich unheimlich genug, um die Fantasie anzuregen.

Rund um den See führt eine Ringstraße, die sich gut mit dem Auto oder Fahrrad erkunden lässt. Am Westufer steht die Kirche von Vallaneskirkja mit ihrem markanten roten Dach, am Ostufer liegt der Hallormsstaðaskógur. Der See selbst wird von Gletscherwasser gespeist, das aus dem Vatnajökull kommt. Dadurch ist das Wasser trüb und graugrün, was die Sichtungen des Wurms natürlich begünstigt.

Hallormsstaðaskógur: Islands größter Wald

Ja, Island hat Wälder. Und der Hallormsstaðaskógur am Ostufer des Lagarfljót ist der größte davon. Mit 740 Hektar ist er zwar nach mitteleuropäischen Maßstäben winzig, für Island aber ein echtes Naturwunder. Als die Wikinger im 9. Jahrhundert ankamen, war die Insel zu etwa 30 Prozent bewaldet. Durch Rodung und Weidewirtschaft verschwanden die Wälder fast vollständig. Der Hallormsstaðaskógur ist einer der wenigen Orte, an denen der ursprüngliche Birkenwald überlebte.

Hallormsstaðaskógur Wald in Ostisland, Islands größter Wald
Hallormsstaðaskógur: Über 80 Baumarten wachsen in Islands größtem Wald (KI-generiert)

Seit den 1950er Jahren wird der Wald systematisch erweitert. Heute wachsen hier über 80 verschiedene Baumarten, darunter neben der einheimischen Birke auch Lärchen, Fichten und Kiefern aus aller Welt. Die Wege durch den Wald sind gut markiert und führen zu Aussichtspunkten über den Lagarfljót. Im Sommer ist der Wald ein beliebtes Ziel für Isländer, die hier campen, grillen und die seltene Erfahrung genießen, unter Bäumen zu sitzen.

Der nahe gelegene Hengifoss ist mit 128 Metern einer der höchsten Wasserfälle Islands. Der Weg dorthin führt vom Parkplatz am See etwa 2,5 Kilometer bergauf (45 Minuten pro Strecke). Besonders eindrucksvoll sind die rot gestreiften Basaltschichten in der Felswand hinter dem Wasserfall, die auf Jahrmillionen vulkanischer Aktivität hinweisen. Unterwegs passiert man den kleineren Litlanesfoss, der von perfekten Basaltsäulen eingerahmt wird.

Vatnajökull von Osten

Die meisten Besucher erleben den Vatnajökull von seiner Südseite, von der Jökulsárlón-Gletscherlagune oder dem Skaftafell-Gebiet aus. Von Osten betrachtet zeigt sich Europas größter Gletscher von einer ganz anderen Seite. Hier fallen die Gletscherzungen steil in die Täler hinab und sind weniger touristisch erschlossen. Die Zufahrtsstraßen sind teilweise Schotterpisten, und geführte Touren sind deutlich weniger überlaufen als im Süden.

Besonders lohnenswert ist die Gletscherzunge Eyjabakkajökull, die sich nördlich des Snæfell ins Tal schiebt. Der Snæfell selbst ist mit 1.833 Metern der höchste freistehende Berg Islands (nicht zu verwechseln mit dem Snæfellsjökull im Westen). Ambitionierte Wanderer besteigen ihn in einer langen Tagestour von der Snæfellsskáli-Hütte aus.

Die Kárahnjúkar-Talsperre östlich des Vatnajökull ist Islands umstrittenstes Bauprojekt. Der 198 Meter hohe Staudamm wurde 2007 fertiggestellt, um das Aluminiumwerk in Reyðarfjörður mit Strom zu versorgen. Das Projekt führte zu den größten Umweltprotesten in der Geschichte Islands und polarisiert bis heute. Der Stausee kann besichtigt werden und bietet einen eindrucksvollen Blick auf die Dimensionen des Bauwerks.

Die Fjorde des Ostens

Papageientaucher in Borgarfjörður eystri, Ostisland
Borgarfjörður eystri: Papageientaucher aus nächster Nähe beobachten (KI-generiert)

Borgarfjörður eystri im Nordosten ist einer der besten Orte auf der gesamten Insel, um Papageientaucher zu beobachten. Am Hafnarholmi-Felsen brüten von Mai bis August tausende Papageientaucher, und eine Aussichtsplattform bringt Besucher auf wenige Meter an die Vögel heran. Anders als auf den Vestmannaeyjar oder in Látrabjarg muss man hier weder eine Fähre nehmen noch stundenlang über Schotterpisten fahren. Die Straße 94 führt direkt zum kleinen Ort mit seinen 130 Einwohnern.

Borgarfjörður eystri ist auch der Ausgangspunkt für die Víknaslóðir-Wanderwege, ein Netz von markierten Routen durch die einsamen Buchten und Berge nördlich des Ortes. Die Mehrtageswanderung gilt als eine der schönsten Trekkingtouren Islands. Man wandert durch menschenleere Landschaften, übernachtet in Hütten und trifft oft stundenlang keinen anderen Menschen.

Reyðarfjörður ist der längste Fjord Ostislands (30 Kilometer) und beherbergt das Aluminiumwerk Fjarðaál, das die wirtschaftliche Grundlage der Region bildet. Der Ort selbst hat ein kleines, aber feines Kriegsmuseum (Stríðsárasafnið), das an die britische und amerikanische Militärpräsenz im Zweiten Weltkrieg erinnert. Island war damals von den Alliierten besetzt, und Reyðarfjörður diente als wichtiger Marinestützpunkt.

Küstenlandschaft der Ostfjorde in Island
Die Ostfjorde: Steil aufragende Berge treffen auf das offene Meer (KI-generiert)

Fáskrúðsfjörður hat eine einzigartige Geschichte. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war der Ort eine wichtige Basis für französische Fischer, die vor der isländischen Küste Kabeljau fingen. Bis zu 5.000 Franzosen hielten sich zeitweise hier auf, bauten ein Krankenhaus und eine Kapelle. Heute erinnert das Fransmenn-Museum (Musée des Pêcheurs Français) an diese Zeit. Die Ortsschilder sind zweisprachig auf Isländisch und Französisch, und das französische Konsulat besteht bis heute.

Weitere sehenswerte Fjorde sind Mjóifjörður (der „schmale Fjord"), der nur über eine abenteuerliche Schotterpiste erreichbar ist und am Ende einen einsamen Leuchtturm bietet, sowie Berufjörður mit seinen markanten Zeolitfelsen und dem Blick auf den Eystrahorn-Gipfel.

Praktische Tipps

Anreise: Egilsstaðir hat einen Inlandsflughafen mit täglichen Verbindungen nach Reykjavík (50 Minuten). Mit dem Auto sind es von Reykjavík über die Ringstraße (Nordroute) etwa 670 Kilometer (8 Stunden). Über die Südroute ist die Strecke kürzer, aber die Fahrt dauert ähnlich lang. Die Smyril-Line-Fähre kommt wöchentlich in Seyðisfjörður an.

Beste Reisezeit: Juni bis August für Papageientaucher, Wandern und die längsten Tage. Die Straße nach Borgarfjörður eystri ist oft erst ab Mitte Juni schneefrei. Im September und Oktober bieten die Herbstfarben der Birkenwälder am Lagarfljót ein besonderes Erlebnis. Im Winter sind einige Passstraßen (besonders der Fjarðarheiði nach Seyðisfjörður) häufig gesperrt.

Fahrzeug: Für die Ringstraße und die Hauptorte reicht ein normaler PKW im Sommer. Für Borgarfjörður eystri (Straße 94) und Mjóifjörður ist ein Allradfahrzeug empfehlenswert. Die Straße nach Seyðisfjörður (Route 93) ist ganzjährig asphaltiert, der Pass kann aber im Winter gesperrt sein.

Unterkünfte: Die Auswahl ist begrenzter als im Süden und Westen. In Egilsstaðir und Seyðisfjörður gibt es Hotels, Gästehäuser und Hostels. In den kleineren Fjordorten findet man oft nur einzelne Gästehäuser oder Ferienwohnungen. Im Hochsommer (Juli und August) sollte man vorbuchen, besonders wenn die Fähre ankommt und Seyðisfjörður sich schlagartig füllt.

Versorgung: Egilsstaðir hat die einzigen größeren Supermärkte (Bonus, Krónan) der Region. In Seyðisfjörður gibt es einen kleinen Laden und Restaurants. In den Fjordorten ist die Versorgung minimal. Tankstellen gibt es in allen größeren Orten, aber die Abstände können auf Nebenstrecken groß sein.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026