Zum Hauptinhalt springen
Wikinger-Geschichte auf Island
Von der Landnahme bis zum Erbe der nordischen Siedler

Wikinger-Geschichte auf Island

14 Min. Lesezeit

Island wurde nicht zufällig entdeckt. Im Jahr 874 setzte der Norweger Ingólfür Arnarson seinen Fuß auf die Insel im Nordatlantik und warf seine Hochsitzsäulen (ondvegissúlur) ins Meer, um die Götter über seinen Siedlungsplatz entscheiden zu lassen. Die Säulen trieben in eine Bucht, die er Reykjavík nannte, „Rauchbucht", wegen der dampfenden heißen Quellen am Ufer. So beginnt die Geschichte Islands, und sie beginnt mit den Wikingern.

Was folgte, war eine der bemerkenswertesten Siedlungsgeschichten Europas. Innerhalb von 60 Jahren war die gesamte Küste Islands besiedelt. Über 10.000 norwegische Auswanderer und ihre irischen und schottischen Sklaven schufen eine Gesellschaft ohne König, mit einem Parlament, eigenen Gesetzen und einer Literatur, die bis heute gelesen wird. Island ist das einzige Land, in dem man die Landnahmegeschichte so lückenlos nachverfolgen kann.

Die Landnahme Islands

Nachbau eines Wikinger-Langboots an der isländischen Küste
Ein Langboot-Nachbau: So kamen die ersten Siedler über den Nordatlantik nach Island (KI-generiert)

Vor den Norwegern waren bereits irische Mönche auf Island. Die Papar, wie sie genannt werden, suchten die Einsamkeit und hatten sich auf kleinen Inseln vor der Küste niedergelassen. Als die Norweger kamen, verschwanden die Mönche. Ob sie flohen oder vertrieben wurden, weiß niemand genau. In der Landnámabók (dem Buch der Landnahme) heißt es lapidar, sie hätten „das Land verlassen, weil sie nicht mit Heiden zusammenleben wollten".

Die meisten Siedler kamen aus Westnorwegen. Viele von ihnen waren Häuptlinge, die sich dem norwegischen König Harald Schönhaar nicht unterwerfen wollten. Sie nahmen ihre Familien, Tiere und irischen Sklaven (þrælar) mit auf die Reise. Die Überfahrt dauerte etwa eine Woche, je nach Wind und Wetter. Nicht alle Schiffe kamen an. Die Sagas berichten von Stürmen, Kursverlusten und Schiffbrüchen.

Die Landnámabók listet über 400 Erstbesiedler namentlich auf und beschreibt, welches Land sie beanspruchten. Das macht Island zum einzigen Land, dessen Besiedlung fast personengenau dokumentiert ist. DNA-Studien haben diese Berichte weitgehend bestätigt: Etwa 60 Prozent der isländischen Männer-DNA stammt aus Skandinavien, während die Frauen-DNA zu rund 60 Prozent keltischen Ursprungs ist. Die Siedlergesellschaft war von Anfang an gemischt.

Das Althing: Geburt der Demokratie

Im Jahr 930 gründeten die isländischen Häuptlinge das Althing in Þingvellir, ein allgemeines Parlament, das als eines der ältesten der Welt gilt. Zwei Wochen lang trafen sich die freien Männer Islands jeden Sommer an der Allmännerschlucht (Almannagjá), um Gesetze zu verabschieden, Streitigkeiten zu schlichten und Urteile zu fällen. Es gab keinen König, keinen Staat im modernen Sinn, nur die Versammlung der Häuptlinge.

Der Lögsögumaður (Gesetzessprecher) war der wichtigste Mann im Althing. Er hatte alle Gesetze auswendig gelernt und rezitierte sie bei jeder Versammlung vom Lögberg (Gesetzesfelsen) aus. Schriftliche Gesetze gab es erst ab dem 12. Jahrhundert. Vorher wurde alles mündlich überliefert. Das erforderte ein enormes Gedächtnis, und der Posten des Gesetzessprechers war das angesehenste Amt im Land.

Das Althing entschied im Jahr 1000 auch über die Christianisierung Islands. Der Gesetzessprecher Þorgeir Ljósvetningagoði lag angeblich einen Tag und eine Nacht unter seinem Umhang und meditierte, bevor er verkündete, dass alle Isländer Christen werden sollten. Als Kompromiss wurde erlaubt, privat weiterhin die alten Götter anzurufen und Pferdefleisch zu essen. Es war ein Beschluss durch Verhandlung, nicht durch Schwert.

Die Sagas als Geschichtsquelle

Nachbildung einer isländischen Saga-Handschrift auf Pergament
Die isländischen Sagas: Im 13. Jahrhundert niedergeschrieben, erzählen sie von der Wikingerzeit (KI-generiert)

Die isländischen Sagas sind mehr als Geschichten. Sie sind die umfangreichste Prosa-Literatur des mittelalterlichen Europas und eine der wichtigsten Quellen über die Wikingerzeit. Geschrieben im 13. und 14. Jahrhundert, erzählen sie von Ereignissen, die 200 bis 300 Jahre zurücklagen. Die Frage, wie viel davon historisch korrekt ist, beschäftigt Forscher seit Generationen.

Die Njáls Saga, die längste und wohl bekannteste, spielt im südlichen Island um das Jahr 1000. Sie erzählt von Freundschaft, Verrat und einem endlosen Blutrachekreislauf und liest sich wie ein moderner Justizroman. Die Egils Saga folgt dem Wikingerpoeten und Krieger Egill Skallagrímsson durch sein turbulentes Leben von Borgarfjörður bis England. Die Laxdæla Saga ist eine der wenigen, die eine Frau (Guðrún Ósvífrsdóttir) in den Mittelpunkt stellt.

Was die Sagas von anderen mittelalterlichen Texten unterscheidet, ist ihr nüchterner Stil. Es gibt wenig Ausschmückung, keine langen Beschreibungen von Gefühlen, dafür präzise Angaben über Orte, Verwandtschaftsbeziehungen und Reiserouten. Viele der beschriebenen Höfe existieren noch heute, und man kann die Saga-Schauplätze besuchen. Das macht eine Islandreise mit einem Saga-Taschenbuch im Gepäck zu einem besonderen Erlebnis.

Wikinger-Museen und Ausstellungen

Das Landnahmemuseum (Landnámssýningin) in Reykjavík zeigt die Überreste eines Langhauses aus dem 10. Jahrhundert, das bei Bauarbeiten im Stadtzentrum entdeckt wurde. Das Museum ist um die Ausgrabung herum gebaut, man geht buchstäblich über der Geschichte. Multimedia-Installationen zeigen, wie das Haus einst aussah. Eintritt: 2.700 ISK (18 Euro).

In Njarðvík bei Keflavík steht das Viking World Museum (Víkingaheimar) mit der Íslendingur, einem seetüchtigen Nachbau eines Wikingerschiffs aus Gokstad. Im Jahr 2000 segelte die Íslendingur von Island nach New York, um die Entdeckung Amerikas durch Leifür Eiríksson zu feiern. Man kann an Bord gehen und sich vorstellen, wie es war, mit einem solchen Schiff den Atlantik zu überqueren. Eintritt: 2.000 ISK (13 Euro).

Das Nationalmuseum Islands (Þjóðminjasafn Íslands) in Reykjavík hat die umfangreichste Sammlung von Artefakten aus der Wikingerzeit. Schwerter, Schmuck, Werkzeuge und die berühmte Þor-Statuette aus Eyjafjörður sind hier ausgestellt. Die Dauerausstellung „Die Entstehung einer Nation" führt chronologisch von der Landnahme bis in die Gegenwart. Eintritt: 2.500 ISK (17 Euro), für Kinder unter 18 kostenlos.

Weniger bekannt, aber empfehlenswert ist die Snorrastofa in Reykholt im Westen Islands. Hier lebte Snorri Sturluson, der im 13. Jahrhundert die Edda und die Heimskringla schrieb, die wichtigsten Quellen zur nordischen Mythologie und zu den norwegischen Königssagen. Man kann seinen heißen Pool (Snorralaug) besichtigen, der seit dem 12. Jahrhundert genutzt wird.

Historische Stätten besuchen

Die Allmännerschlucht Almannagjá in Þingvellir, historischer Versammlungsort der Wikinger
Almannagjá in Þingvellir: Hier tagte das Althing der Wikinger ab 930 (KI-generiert)

Þingvellir ist der wichtigste historische Ort Islands und Teil des Goldenen Kreises. Das Besucherzentrum erklärt die Geschichte des Althings, und man kann den Lögberg besuchen, wo der Gesetzessprecher seine Reden hielt. Der Ort liegt in einer tektonischen Spalte zwischen den Kontinentalplatten, was die Akustik verbesserte und gleichzeitig natürliche Grenzen schuf. Eintritt frei, Parkgebühr 750 ISK (5 Euro).

Eiríksstaðir in der Region Dalir ist der nachgebaute Hof von Eiríkur rauði (Erik der Rote), dem Entdecker Grönlands. Das Langhaus wurde nach archäologischen Befunden rekonstruiert, mit Grassoden-Mauern und einem offenen Feuer in der Mitte. Im Sommer führen kostümierte Guides durch die Anlage und erzählen von Eriks Verbannung aus Island und seiner Reise nach Grönland. Eintritt: 1.800 ISK (12 Euro).

Stöng im Þjórsárdalur-Tal ist die Ruine eines Wikingerhofs, der im Jahr 1104 beim Ausbruch der Hekla unter Asche begraben wurde. Wie ein isländisches Pompeji konservierte die Asche die Grundmauern. In der Nähe steht das Þjóðveldisbærin, eine Rekonstruktion des Hofs, in der man die Lebensbedingungen der Wikingerzeit nachvollziehen kann. Eintritt zur Rekonstruktion: 1.500 ISK (10 Euro).

Wikinger-Erbe im heutigen Island

Das Wikinger-Erbe ist in Island kein Museumsstück, sondern lebendiger Alltag. Die isländische Sprache hat sich seit der Wikingerzeit erstaunlich wenig verändert. Isländer können die Sagas im Original lesen, während Norweger oder Dänen die mittelalterlichen Texte ihrer Vorfahren kaum noch verstehen. Das liegt daran, dass Island Jahrhunderte lang isoliert war und die Sprache konservierte wie der Permafrost eine Mumie.

Auch das Namenssystem folgt noch dem Wikinger-Muster. Isländer haben keine Familiennamen im europäischen Sinn. Stattdessen trägt jeder den Vornamen des Vaters (oder der Mutter) mit der Endung -son (Sohn) oder -dóttir (Tochter). Der Fußballer Eiður Guðjohnsen heißt so, weil sein Vater Guðjón heißt. Im Telefonbuch stehen die Einträge nach Vornamen sortiert.

Nachgebautes Wikinger-Grassodenhaus in Island
Grassodenhaus nach Wikingerart: So lebten die Siedler vor tausend Jahren (KI-generiert)

Das Þorrablót ist ein Mittwinterfest mit Wurzeln in der heidnischen Zeit. Anfang Februar essen Isländer traditionelle Speisen wie fermentierten Hai (hákarl), Schafskopf (svið) und geräucherten Lammhoden (hrútspungar). Das Fest wurde im 19. Jahrhundert wiederbelebt und ist heute eine Mischung aus Kulturpflege und geselligem Beisammensein. Touristen können in Restaurants in Reykjavík Þorrablót-Menüs bestellen (ab 8.000 ISK/53 Euro).

Wikinger-Erlebnisse für Reisende

Wer tiefer in die Wikinger-Geschichte eintauchen will, kann eine Saga-Tour buchen. Mehrere Anbieter fahren die Schauplätze der großen Sagas ab und erzählen die Geschichten vor Ort. Eine Tagesfahrt zu den Schauplätzen der Njáls Saga (Südisland) kostet ab 25.000 ISK (167 Euro) und deckt Bergþórshvoll, Hlíðarendi und die Gegend um Fljótshlíð ab.

Das Ingólfshöfði-Kap in Südostisland ist der Ort, an dem Ingólfür Arnarson angeblich zum ersten Mal isländischen Boden betrat. Die Wanderung dorthin (nur mit Guide, wegen der Gezeitenwatts) dauert drei Stunden und führt über einen breiten schwarzen Sandstrand. In der Brutzeit nisten Papageientaucher auf den Klippen.

Tipp: Jedes Jahr am dritten Wochenende im Juni findet in Hafnarfjörður bei Reykjavík ein Wikinger-Festival statt. Es gibt Kampfvorführungen, Handwerk, Essen nach mittelalterlichen Rezepten und einen Wikingermarkt. Der Eintritt ist frei. Das Festival zieht sowohl Isländer als auch Touristen an und bietet einen guten Einstieg in die Wikinger-Kultur.

Wikinger-Festival in Island mit Kostümierten und historischen Zelten
Wikinger-Festival: Kampfvorführungen und Handwerk wie vor tausend Jahren (KI-generiert)

Häufige Fragen

Waren alle Isländer Wikinger?

Nicht alle Siedler waren Krieger im klassischen Sinn. „Wikinger" bezeichnet eigentlich Seefahrer auf Raubzügen. Viele isländische Siedler waren Bauern, die in Norwegen politisch in Ungnade gefallen waren. Zudem waren etwa 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung keltischen Ursprungs, meist Sklaven aus Irland und Schottland.

Wo ist das beste Wikinger-Museum auf Island?

Das Landnahmemuseum in Reykjavík ist am besten aufbereitet und zeigt echte Ausgrabungen unter Glas. Das Viking World Museum bei Keflavík hat mit der Íslendingur ein seetüchtiges Wikingerschiff. Beide sind einen Besuch wert und liegen günstig für Reisende.

Kann man isländische Sagas auf Deutsch lesen?

Ja. Die wichtigsten Sagas (Njáls Saga, Egils Saga, Laxdæla Saga) sind in guten deutschen Übersetzungen verfügbar. Der Fischer Verlag und der Reclam-Verlag haben günstige Taschenbuchausgaben im Programm. Als Einstieg eignet sich die Njáls Saga besonders gut.

Haben die Wikinger wirklich Amerika entdeckt?

Ja. Leifür Eiríksson, Sohn von Erik dem Roten, erreichte um das Jahr 1000 Nordamerika und nannte es Vinland. Die archäologische Stätte L'Anse aux Meadows in Neufundland bestätigt die Berichte der Sagas. Es war allerdings keine dauerhafte Besiedlung, die Wikinger verließen Vinland nach wenigen Jahren.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026