Isländische Kultur und Traditionen
Island ist mehr als Gletscher und Nordlichter. Hinter der Naturkulisse verbirgt sich eine Gesellschaft, die ihre Traditionen seit über tausend Jahren pflegt und trotzdem zu den modernsten der Welt gehört. Ein Land, in dem man an Elfen glaubt und gleichzeitig 99 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen bezieht. In dem die Menschen sich mit Vornamen ansprechen, auch den Premierminister, und in dem jeder zweite Einwohner im Laufe seines Lebens ein Buch veröffentlicht.
Wer Island bereist und nur die Natur sieht, verpasst die Hälfte. Die Esskultur, die Feste, der Umgang mit der Dunkelheit, die Badekultur, das alles gehört zum isländischen Erlebnis genauso wie der Goldene Kreis oder die Ringstraße.
Die isländische Mentalität
Isländer haben ein Konzept, das sie „þetta reddast" nennen. Es bedeutet so viel wie „das wird schon" oder „das regelt sich irgendwie". Es ist weder Fatalismus noch Gleichgültigkeit, sondern eine pragmatische Haltung, die aus Jahrhunderten des Überlebens auf einer Vulkaninsel gewachsen ist. Wenn die Erde bebt, der Vulkan ausbricht und der Winter acht Monate dauert, lernt man, mit Unsicherheit umzugehen.
Dazu kommt eine Gesellschaft, die Hierarchien misstraut. Es gibt keine Adelstitel, keine Familiennamen im europäischen Sinn, und man siezt niemanden. Der Premierminister heißt im Alltag mit Vornamen, die Telefonbücher sind nach Vornamen sortiert, und der Professor wird genauso angesprochen wie der Fischer. Das kommt nicht von ungefähr: In der mittelalterlichen Gesellschaft Islands gab es zwar Häuptlinge, aber keinen König und keinen Adel.
Gleichzeitig gibt es eine starke Gemeinschaftsorientierung. In einem Land mit 380.000 Einwohnern kennt jeder jeden über höchstens zwei Ecken. Das hat Vorteile (schnelle Hilfe, kurze Wege) und Nachteile (wenig Privatsphäre, Klatsch). Die Webseite Íslendingabók zeigt jedem Isländer seinen Stammbaum bis zur Landnahme im 9. Jahrhundert. Es gibt sogar eine App, mit der man vor einem Date prüfen kann, ob man zu nah verwandt ist.
Sprache und Namenssystem
Die isländische Sprache hat sich seit der Wikingerzeit erstaunlich wenig verändert. Während Schwedisch, Norwegisch und Dänisch sich durch den Kontakt mit dem Deutschen und untereinander stark gewandelt haben, blieb Isländisch weitgehend konserviert. Isländische Schüler können Texte aus dem 13. Jahrhundert lesen, mit etwas Übung und Vokabelhilfe. Ein Norweger bräuchte dafür ein Studium.
Das liegt an der bewussten Sprachpflege. Island hat eine Sprachkommission (Íslensk málnefnd), die für neue Konzepte isländische Wörter erfindet statt Fremdwörter zu übernehmen. Computer heißt auf Isländisch „tölva" (eine Mischung aus „tala", Zahl, und „völva", Seherin). Telefon heißt „sími" (ein altes Wort für „Faden"). Helikopter heißt „þyrla" (von „þyrla", wirbeln). Das funktioniert besser als man denken würde, die Isländer benutzen diese Wörter tatsächlich.
Das Namenssystem ist für Europäer ungewohnt. Es gibt keine Familiennamen. Stattdessen bekommt jeder den Vornamen seines Vaters (oder seiner Mutter) plus die Endung -son (Sohn) oder -dóttir (Tochter). Wenn Jón einen Sohn namens Ólafür bekommt, heißt der Ólafür Jónsson. Bekommt Ólafür eine Tochter namens Helga, heißt sie Helga Ólafsdóttir. Seit 2019 ist auch die geschlechtsneutrale Endung -bur erlaubt.
Neue Vornamen müssen von der Namengebungskommission genehmigt werden. Der Name muss in die isländische Grammatik passen (deklinierbar sein) und darf dem Kind keine Nachteile bringen. In der Praxis bedeutet das, dass Namen wie „Kevin" oder „Jennifer" abgelehnt werden, weil sie isländisch nicht deklinierbar sind.
Feste im Jahreskreis
Das Þorrablót findet im Januar/Februar statt und ist das wichtigste traditionelle Fest. Der Name geht auf den altnordischen Monat Þorri zurück. Beim Þorrablót werden Speisen serviert, die an die Zeiten erinnern, als Isländer jedes Gramm Nahrung konservieren mussten: hákarl (fermentierter Grönlandhai), svið (gesengter Schafskopf), hrútspungar (gepresste Lamm-Hoden in Molke), slátur (Blut- und Leberwurst) und harðfiskur (Trockenfisch).
Der Erste Sommertag (Sumardagurinn fyrsti) wird am dritten Donnerstag im April gefeiert. Nach dem alten isländischen Kalender hat das Jahr nur zwei Jahreszeiten: Sommer und Winter. Der Erste Sommertag markiert den Beginn der hellen Jahreszeit, auch wenn es im April noch kalt sein kann. Kinder bekommen kleine Geschenke, und es gibt Paraden in Reykjavík und anderen Orten.
Am 17. Juni feiert Island seinen Nationalfeiertag, den Geburtstag von Jón Sigurðsson, dem Anführer der Unabhängigkeitsbewegung. Es gibt Umzüge, Reden, Musik und in Reykjavík ein Straßenfest auf dem Austurvöllur-Platz. Der Tag ist arbeitsfrei, und die meisten Isländer nutzen ihn für Ausflüge ins Grüne oder Familienfeiern.
Im September findet der Réttir statt, der Schafabtrieb. Den ganzen Sommer über grasen die Schafe frei in den Bergen, ohne Zäune. Im Herbst reiten die Bauern in die Berge und treiben die Tiere in große Pferche, wo sie nach Ohrmarken sortiert und den Besitzern zugewiesen werden. Besucher können am Réttir teilnehmen, entweder zu Pferd oder zu Fuß. Es gibt kein Ticket, man muss einfach hingehen und mithelfen.
Jólabókaflóð und Weihnachten
Island hat ein eigenes Wort für die Weihnachts-Bücherflut: Jólabókaflóð. Im Oktober erscheint der Bókatalög, ein Katalog aller neuen Bücher, der in jeden Haushalt geliefert wird. Die meisten Buchkäufe finden dann zwischen November und Heiligabend statt. Am 24. Dezember ist es Tradition, sich gegenseitig Bücher zu schenken und den Rest des Abends lesend zu verbringen, meistens mit Schokolade.
Statt eines Weihnachtsmanns hat Island 13 Jólasveinar (Weihnachtskerle), die einer nach dem anderen in den 13 Nächten vor Weihnachten aus den Bergen kommen. Jeder hat einen eigenen Charakter und Namen: Stekkjastaur (Pferchpfosten) ist steif und stiehlt Milch, Gluggagægir (Fenstergaffer) schaut in die Häuser, Kertasníkir (Kerzendieb) klaut Kerzen. Kinder stellen ihre Schuhe aufs Fensterbrett und bekommen von den Jólasveinar kleine Geschenke oder eine rohe Kartoffel, wenn sie ungezogen waren.
Die Mutter der Jólasveinar ist Grýla, eine Trollfrau, die unartige Kinder fängt und kocht. Ihr riesiger schwarzer Kater, die Jólakötturinn (Weihnachtskatze), frisst angeblich jeden, der vor Weihnachten kein neues Kleidungsstück bekommen hat. Das klingt gruselig, ist aber im isländischen Humor verankert: Kinder fürchten sich ein bisschen und finden es gleichzeitig lustig.
Elfen, Trolle und Huldufólk
Umfragen zeigen regelmäßig, dass über 50 Prozent der Isländer die Existenz von Huldufólk (verborgenes Volk) nicht ausschließen. Das bedeutet nicht, dass sie alle fest daran glauben. Aber die Haltung ist: „Wer weiß das schon?" Straßenbauämter haben Straßen umgeleitet, um Felsen nicht zu zerstören, in denen angeblich Elfen wohnen. Bei Hafnarfjörður gibt es geführte Elfenwanderungen, die die Wohnstätten des verborgenen Volkes zeigen.
Der Glaube an das Huldufólk hat Wurzeln in der Isolation. Jahrhundertelang lebten die Isländer auf verstreuten Höfen, weit entfernt von den Nachbarn, umgeben von einer Landschaft, die sich ständig verändert. Felsen bewegen sich durch Frost, heiße Quellen erscheinen und verschwinden, Lava formt neue Formen. In einer solchen Umgebung liegt es nahe, der Natur eine eigene Intelligenz zuzuschreiben.
In Reykjavík gibt es die Elfenschule (Álfaskólinn), die von Magnús Skarphéðinsson geleitet wird. In einem vierstündigen Kurs (6.000 ISK/40 Euro) erzählt er von den 13 verschiedenen Elfenarten und den Regeln des Zusammenlebens mit dem verborgenen Volk. Ob man das ernst nimmt oder als Unterhaltung sieht, bleibt jedem selbst überlassen. Die Geschichten sind in jedem Fall gut.
Hot Pots und Schwimmbadkultur
Das Schwimmbad ist in Island, was das Pub in Irland ist: der Ort, an dem sich die Gemeinschaft trifft. Jede Gemeinde hat ein Schwimmbad, selbst Dörfer mit 200 Einwohnern. Der Eintritt liegt bei 800 bis 1.200 ISK (5 bis 8 Euro). Die meisten Bäder haben neben dem Schwimmbecken mehrere Hot Pots (heiße Becken) mit Temperaturen zwischen 36 und 44 Grad.
Die Hot Pots sind der soziale Treffpunkt. Hier werden Nachrichten ausgetauscht, Geschäfte besprochen und Freundschaften gepflegt. Isländer gehen oft morgens vor der Arbeit ins Schwimmbad, sitzen eine halbe Stunde im heißen Wasser und besprechen den Tag. Für Touristen ist das eine gute Gelegenheit, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Die Atmosphäre ist entspannt, und die meisten Isländer freuen sich über Interesse an ihrem Land.
Wichtig: Vor dem Betreten des Schwimmbeckens muss man sich gründlich duschen, ohne Badekleidung. Das wird kontrolliert und ist keine Empfehlung, sondern Pflicht. Die Isländer sehen das pragmatisch: Das Wasser bleibt sauber, Chemikalien werden reduziert, und die Badekleidung hält länger. Für mitteleuropäische Besucher ist das manchmal gewöhnungsbedürftig, aber man gewöhnt sich nach dem ersten Mal daran.
Die bekanntesten Bäder außerhalb der Blauen Lagune sind das Vesturbæjarlaug und das Sundhöllin in Reykjavík (beide ab 1.000 ISK/7 Euro) sowie das Mývatn Nature Bath im Norden (5.500 ISK/37 Euro). Letzteres ist die weniger überlaufene Alternative zur Blauen Lagune und liegt inmitten einer wilderen Vulkanlandschaft.
Literatur und Lesekultur
Island veröffentlicht mehr Bücher pro Kopf als jedes andere Land der Welt. Im Jahr erscheinen rund 1.500 neue Titel für 380.000 Einwohner. Das sind fast fünf Bücher pro tausend Einwohner, in Deutschland liegt die Zahl bei etwa einem Buch. Die Saga-Tradition lebt in der modernen Literatur weiter.
Die isländische Krimi-Szene hat international Bekanntheit erlangt. Arnaldur Indriðason schreibt düstere Krimis um Kommissar Erlendur, die in der Einsamkeit und den sozialen Problemen Reykjavíks spielen. Seine Bücher sind in über 40 Sprachen übersetzt. Yrsa Sigurðardóttir mischt Thriller mit übernatürlichen Elementen. Ragnar Jónasson hat mit der „Dark Iceland"-Reihe eine treue Leserschaft auch in Deutschland aufgebaut.
Jenseits der Krimis gibt es Halldór Laxness, den einzigen isländischen Nobelpreisträger für Literatur (1955). Sein Roman „Islandglocke" erzählt die Geschichte Islands im 17. und 18. Jahrhundert, als das Land unter dänischer Herrschaft litt. „Sein eigener Herr" (Sjálfstætt fólk) beschreibt den Kampf eines Bauern gegen die Natur und die Gesellschaft. Beide Bücher sind auf Deutsch erhältlich und lohnen die Lektüre vor einer Islandreise.
In Reykjavík gibt es mehrere gute Buchhandlungen. Mál og Menning auf der Laugavegur ist die größte und hat eine englische Abteilung mit isländischer Literatur in Übersetzung. Bóksala Stúdenta an der Universität hat eine akademischere Auswahl. Das Café Babalu ist zwar kein Buchladen, aber voller Bücherregale, aus denen man sich beim Kaffeetrinken bedienen kann.
Häufige Fragen
Glauben Isländer wirklich an Elfen?
Die meisten Isländer würden sagen: „Ich glaube nicht daran, aber ich schließe es auch nicht aus." Es geht weniger um festen Glauben als um Respekt vor der Natur und alten Geschichten. Praktisch äußert sich das darin, dass Felsen mit angeblichen Elfenwohnungen bei Bauprojekten oft umgangen werden.
Muss man sich im Schwimmbad wirklich nackt duschen?
Ja, das ist in allen isländischen Schwimmbädern Pflicht. Es gibt Einzelkabinen mit Vorhängen, man muss sich also nicht vor allen entkleiden. Die gründliche Dusche ohne Badekleidung dient der Hygiene und ist in Island völlig normal.
Wie schmeckt fermentierter Hai (hákarl)?
Der Geruch ist stärker als der Geschmack. Hákarl riecht intensiv nach Ammoniak und schmeckt scharf und fischig. Die meisten Touristen probieren ein kleines Stück mit Brennivín (isländischem Schnaps) und sind danach froh, dass sie es hinter sich haben. Im Reykjavíker Flohmarkt Kolaportið kann man es probieren.
Wann ist der beste Zeitpunkt, um isländische Kultur zu erleben?
Das Þorrablót im Januar/Februar ist das authentischste Fest. Die Weihnachtszeit (Dezember) bietet Jólabókaflóð und die Jólasveinar. Im September kann man beim Réttir (Schafabtrieb) mitmachen. Der Nationalfeiertag am 17. Juni zeigt Islands feierliche Seite. Kulturell ist jede Jahreszeit interessant.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026