Gletscherwanderung auf Island
Auf einem Gletscher zu stehen, der Hunderte von Metern dick ist und sich unter den Füßen langsam bewegt, das ist ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst. Island hat über 260 Gletscher, die zusammen etwa elf Prozent der Landesfläche bedecken. Einige davon sind für geführte Wanderungen zugänglich, und genau darum geht es hier: Wo kann man über isländisches Eis laufen, was kostet es, und wie bereitet man sich vor?
Vorweg die wichtigste Regel: Ohne Guide geht auf keinem isländischen Gletscher etwas. Die Spalten sind teils unter Schneebrücken verborgen, das Wetter schlägt ohne Vorwarnung um, und die Orientierung auf einer weißen Fläche bei Nebel ist praktisch unmöglich. Jeder seriöse Anbieter stellt Steigeisen, Eispickel und Klettergurt. Man braucht nur feste Wanderschuhe und warme Kleidung.
Warum eine Gletscherwanderung
Die Oberfläche eines Gletschers ist kein gleichförmiges Eisfeld. Man läuft über blaue Eisformationen, die wie Skulpturen aussehen, vorbei an meterbreiten Spalten, die sich tief ins Innere des Gletschers ziehen, und über schwarze Ascheschichten, die von vergangenen Vulkanausbrüchen erzählen. Auf dem Sólheimajökull kann man die Asche des Eyjafjallajökull-Ausbruchs von 2010 als dunkle Linie im Eis erkennen.
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Gleichzeitig macht eine Gletscherwanderung den Klimawandel greifbar. Islands Gletscher verlieren jedes Jahr etwa 10 Milliarden Tonnen Eis. Der Sólheimajökull ist seit dem Jahr 2000 um über einen Kilometer zurückgewichen. Wo vor 20 Jahren Eis war, liegt heute eine graue Gerölllandschaft. Die Guides zeigen gern alte Fotos und vergleichen sie mit dem aktuellen Zustand. Das hinterlässt Eindruck.
Und dann ist da noch der schlichte Spaß daran. Die Steigeisen knirschen auf dem Eis, man klettert über kleine Eiswände, schaut in Gletschermühlen hinein und trinkt Schmelzwasser, das Hunderte Jahre alt ist. Für Kinder ab zehn Jahren gibt es angepasste Touren, und die meisten Anbieter haben Gruppengrößen von 10 bis 15 Personen, was genug individuelle Betreuung ermöglicht.
Die wichtigsten Gletscher
Island hat fünf Hauptgletscher, auf denen Wanderungen angeboten werden. Der Vatnajökull im Südosten ist der größte Gletscher Europas mit 7.900 Quadratkilometern. Seine Gletscherzungen Svínafellsjökull und Falljökull sind die beliebtesten Startpunkte für Touren. Der Mýrdalsjökull im Süden beherbergt den aktiven Vulkan Katla und ist über die Gletscherzunge Sólheimajökull zugänglich.
Der Langjökull im westlichen Hochland ist für Schneemobil-Touren bekannt und hat seit 2015 einen künstlich angelegten Eistunnel, durch den man in den Gletscher hineingehen kann. Eintritt inklusive Transport: ab 29.900 ISK (200 Euro). Der Snæfellsjökull auf der gleichnamigen Halbinsel Snæfellsnes liegt auf einem Vulkan und wurde durch Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde" berühmt.
Für die meisten Reisenden kommen der Sólheimajökull oder der Vatnajökull in Frage, weil sie von der Ringstraße aus direkt erreichbar sind. Die anderen Gletscher erfordern längere Anfahrten oder Allradfahrzeuge.
Sólheimajökull: Der Einsteigergletscher
Der Sólheimajökull ist die mit Abstand populärste Gletscherzunge für Wanderungen, und dafür gibt es gute Gründe. Er liegt nur 160 Kilometer östlich von Reykjavík an der Ringstraße, die Anfahrt ist unkompliziert, und die Touren dauern zwei bis vier Stunden. Man muss kein erfahrener Bergsteiger sein, grundlegende Fitness reicht aus.
Vom Parkplatz aus geht man etwa 20 Minuten über Geröll bis zur Eiskante. Dort werden Steigeisen angelegt und der Guide erklärt die Grundregeln: Immer in die Fersen treten, nicht über Spalten springen, im Gänsemarsch gehen. Dann geht es aufs Eis. Die Standardtour führt etwa einen Kilometer auf den Gletscher, vorbei an tiefen Spalten, Eiskämmen und Schmelzwasserrinnen.
Die längere Version (4 bis 5 Stunden) geht höher hinauf und beinhaltet oft ein kurzes Eisklettern an einer senkrechten Eiswand. Das ist körperlich anstrengender, aber die Aussicht von weiter oben ist die Mühe wert. Bei klarem Wetter sieht man die Westmännerinseln und die Küste von Vík.
Vatnajökull: Der große Bruder
Der Vatnajökull ist eine andere Liga. Wer hier wandert, betritt den größten Gletscher Europas. Die Touren starten meist vom Skaftafell-Besucherzentrum im Vatnajökull-Nationalpark (Eintritt frei) und führen auf die Gletscherzunge Svínafellsjökull oder Falljökull. Beide sind steiler und rauer als der Sólheimajökull. Die Eisformationen sind größer, die Spalten tiefer, und die Guides gehen weiter hinauf.
Die Standardtour auf dem Svínafellsjökull dauert drei Stunden und kostet ab 14.990 ISK (100 Euro). Wer mehr will, bucht die 5-Stunden-Tour mit Eisklettern (ab 24.900 ISK/166 Euro). Diese Tour führt in höhere Regionen des Gletschers und beinhaltet das Klettern an einer 10 bis 15 Meter hohen Eiswand. Klettererfahrung ist nicht nötig, die Guides sichern alles ab.
In der Nähe liegt die berühmte Gletscherlagune Jökulsárlón, wo Eisberge vom Breiðamerkurjökull (ebenfalls eine Zunge des Vatnajökull) in einen See kalben und langsam zum Meer treiben. Die Kombination aus Gletscherwanderung am Vormittag und Jökulsárlón am Nachmittag ist ein voller, aber sehr lohnender Tag.
Anbieter und Kosten
Die drei größten Anbieter für Gletscherwanderungen auf Island sind Arctic Adventures, Glacier Guides und Icelandic Mountain Guides. Alle drei haben jahrzehntelange Erfahrung und zertifizierte Guides. Die Qualitätsunterschiede sind gering, der Preis hängt vor allem von Dauer und Strecke ab.
Eine grobe Übersicht der Preise (Stand 2025): Die 2-Stunden-Tour auf dem Sólheimajökull kostet 11.990 bis 13.990 ISK (80 bis 93 Euro). Die 3-Stunden-Tour auf dem Vatnajökull liegt bei 14.990 bis 17.900 ISK (100 bis 120 Euro). Die 5-Stunden-Tour mit Eisklettern kostet 22.900 bis 29.900 ISK (153 bis 200 Euro). Alle Preise beinhalten Ausrüstung (Steigeisen, Eispickel, Klettergurt, Helm).
Tipp: Frühbucher sparen bei vielen Anbietern 10 bis 15 Prozent. Wer über die Webseite Guide to Iceland bucht, kann Touren vergleichen und bekommt manchmal Kombi-Rabatte mit Eishöhlentouren oder Nordlichter-Exkursionen.
Ausrüstung und Vorbereitung
Die Anbieter stellen die gesamte technische Ausrüstung. Was man selbst mitbringen muss: Feste Wanderschuhe mit steifer Sohle (keine Turnschuhe, keine Sneaker). Die Steigeisen werden unter die Schuhe geschnallt, und das funktioniert nur mit stabilen Sohlen. Wer keine passenden Schuhe hat, kann bei den meisten Anbietern welche ausleihen (ab 1.500 ISK/10 Euro).
Außerdem nötig: Warme Kleidung in Schichten. Auf dem Gletscher ist es kälter als im Tal, der Wind bläst stärker, und Regen oder Graupel sind auch im Sommer möglich. Eine wasserdichte Jacke und Hose, Handschuhe und eine Mütze gehören in den Rucksack. Im Winter (November bis März) kann die Temperatur auf dem Eis auf minus 15 Grad fallen.
Fitness: Für die 2-Stunden-Tour reicht durchschnittliche Fitness. Man läuft auf relativ flachem Eis, die Steigung ist moderat. Die 5-Stunden-Tour verlangt mehr: Man klettert über Eisrücken, geht steile Passagen hoch und runter und steht zwischendurch auf unebenem Untergrund. Wer regelmäßig wandert, schafft das problemlos. Wer die letzten Jahre nur Büro und Sofa kannte, sollte mit der kurzen Tour anfangen.
Wasser und Snacks werden von den Anbietern nicht gestellt. Eine Flasche Wasser und einen Müsliriegel sollte man einpacken. Auf dem Gletscher gibt es nichts zu kaufen.
Eishöhlen im Winter
Von November bis März öffnen die natürlichen Eishöhlen im Vatnajökull. Das sind keine künstlich gegrabenen Tunnel, sondern natürliche Hohlräume, die durch Schmelzwasser unter dem Gletscher entstanden sind. Jedes Jahr bilden sich neue Höhlen, und die alten verschwinden wieder. Die Guides suchen in jedem Herbst nach stabilen Höhlen und prüfen sie auf Sicherheit.
Die Farben in den Höhlen sind schwer zu beschreiben. Das Eis ist an manchen Stellen so komprimiert, dass es fast alle Lichtwellen außer Blau absorbiert. Decke und Wände leuchten in verschiedenen Blautönen, durchsetzt von dunklen Aschebändern vergangener Vulkanausbrüche. Fotografen sollten ein Stativ mitbringen, die Lichtverhältnisse erfordern lange Belichtungszeiten.
Eishöhlentouren kosten 19.900 bis 29.900 ISK (133 bis 200 Euro) und dauern drei bis vier Stunden ab Jökulsárlón. Die Anfahrt erfolgt mit Geländewagen über das Gletschervorfeld. Im Dezember und Januar sind die Touren am beliebtesten und schnell ausgebucht. Zwei bis drei Wochen Vorlauf bei der Buchung sind ratsam. Wer im Winter nach Island kommt, sollte die Eishöhlentour mit einer Gletscherwanderung kombinieren. Viele Anbieter bieten Kombi-Pakete an.
Häufige Fragen
Kann man eine Gletscherwanderung ohne Guide machen?
Nein. Gletscher haben verborgene Spalten, das Wetter wechselt schnell, und ohne Erfahrung ist die Orientierung auf dem Eis kaum möglich. Alle isländischen Rettungsteams raten dringend von ungeführten Gletschertouren ab.
Welcher Gletscher ist für Anfänger am besten geeignet?
Der Sólheimajökull ist der klassische Einstiegsgletscher. Die 2-Stunden-Tour ist auch für Menschen ohne Wandererfahrung machbar. Die Anfahrt von Reykjavík dauert nur zwei Stunden, und die Touren finden das ganze Jahr über statt.
Was kostet eine Gletscherwanderung auf Island?
Die günstigste Option ist die 2-Stunden-Tour auf dem Sólheimajökull ab 11.990 ISK (80 Euro). Längere Touren mit Eisklettern kosten 22.900 bis 29.900 ISK (153 bis 200 Euro). Ausrüstung (Steigeisen, Helm, Eispickel) ist immer im Preis enthalten.
Gibt es Gletscherwanderungen auch im Sommer?
Ja. Gletscherwanderungen werden das ganze Jahr über angeboten. Im Sommer ist die Oberfläche etwas weicher und die Spalten sind besser sichtbar. Eishöhlen gibt es dagegen nur von November bis März, da sie im Sommer durch Schmelzwasser instabil werden.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026