Leuchttürme an der Ostsee
Leuchttürme stehen dort, wo das Land endet. An der Ostsee gibt es über 400 davon, verteilt auf die deutsche, dänische, schwedische und baltische Küste. Manche leuchten seit über 150 Jahren, andere sind längst außer Betrieb. Was sie alle gemeinsam haben: Sie markieren die Stellen, an denen die Küste gefährlich wird, und sie sehen dabei verdammt gut aus.
Die meisten Leuchttürme arbeiten heute automatisch. Leuchtturmwärter gibt es kaum noch. Aber viele Türme sind für Besucher geöffnet, einige wurden zu Unterkünften umgebaut, und alle erzählen eine Geschichte über Seefahrt, Handel und die Kräfte des Meeres. In diesem Artikel stelle ich 15 Leuchttürme vor, die einen Besuch rechtfertigen, von Rügen bis ins Baltikum.
Warum Leuchttürme an der Ostsee?
Die Ostsee war über Jahrhunderte eine der am stärksten befahrenen Handelsrouten Europas. Die Hansestädte verschifften Getreide, Bernstein und Holz zwischen Lübeck, Danzig und Riga. Die Küste ist dabei alles andere als harmlos: Flache Sandbänke vor Rügen, Felsriffe in den schwedischen Schären, enge Sunde zwischen den dänischen Inseln. Ohne Leuchtfeuer wäre die Seefahrt auf der Ostsee ein Vabanquespiel gewesen.
Die ersten Leuchtfeuer waren offene Feuer auf Hügeln, betrieben mit Holz oder Kohle. Im 18. Jahrhundert kamen Öllampen mit Spiegelreflektoren, im 19. Jahrhundert dann Fresnel-Linsen, die das Licht bündelten und über 40 Kilometer weit sichtbar machten. Heute läuft fast alles über LED und Fernsteuerung. Die Technik ist modern, aber die Türme selbst stehen noch, viele von ihnen unter Denkmalschutz.
Deutsche Ostseeküste
1. Kap Arkona, Rügen. Auf der Nordspitze von Rügen stehen zwei Leuchttürme nebeneinander. Der ältere ist ein quadratischer Backsteinturm von 1827, entworfen von Karl Friedrich Schinkel, 22 Meter hoch, heute Museum. Daneben steht der runde Turm von 1902, 35 Meter hoch, noch aktives Seezeichen. Beide sind begehbar. Bei klarem Wetter sieht man bis nach Bornholm. Eintritt: 3 Euro pro Turm. Die Zufahrt ist gesperrt, man läuft 1,8 Kilometer vom Parkplatz oder nimmt die Kap-Arkona-Bahn.
2. Warnemünde. 37 Meter hoch, Baujahr 1898, direkt am Alten Strom. 135 Stufen führen zur Plattform, von der man den Hafen, einlaufende Kreuzfahrtschiffe und die gesamte Küstenlinie überblickt. Geöffnet täglich 10 bis 19 Uhr (Sommer), Eintritt 2 Euro.
3. Darßer Ort. Am westlichsten Punkt des Darß, mitten im Nationalpark. Der 21 Meter hohe Turm von 1849 ist nur zu Fuß erreichbar, über einen 2,5 Kilometer langen Weg durch den Darßer Urwald. Kein Auto, kein Fahrrad. Im angrenzenden Natureum gibt es eine Ausstellung zur Küstendynamik. Der Turm ist von April bis Oktober besteigbar.
4. Greifswalder Oie. Auf einer kleinen Insel vor Usedom, erreichbar per Ausflugsschiff ab Peenemünde (90 Minuten Fahrzeit). Mit 49 Metern der höchste Leuchtturm an der deutschen Ostseeküste. Die Insel ist Vogelschutzgebiet, geführte Touren im Sommer, Besucherzahl begrenzt.
5. Travemünde. Der älteste Leuchtturm an der deutschen Ostseeküste, erbaut 1539, 31 Meter hoch. Er beherbergt eine Ausstellung zur Seefahrtsgeschichte. Von der Plattform sieht man die einlaufenden Skandinavien-Fähren und das Strandleben von Travemünde.
Dänische Ostseeküste
6. Hammeren Fyr, Bornholm. Ganz im Norden der Insel, auf 85 Metern Höhe über dem Meer. Der weiße Turm von 1895 ist nur 12 Meter hoch, braucht aber auch nicht mehr, weil die Klippe den Rest erledigt. Von oben reicht der Blick über die Granitfelsen bis nach Schweden. Mai bis Oktober zugänglich, kein Eintritt.
7. Gedser Fyr, Falster. Am südlichsten Punkt Dänemarks. Der 26 Meter hohe Turm von 1802 markiert die Einfahrt vom Fehmarnbelt in die Ostsee. Restauriert, mit einer Ausstellung über die Schifffahrt im Belt. Von Gedser fahren Fähren nach Rostock.
8. Stevns Fyr, Seeland. Auf den Kreidefelsen von Stevns Klint, einem UNESCO-Welterbe südlich von Kopenhagen. Der Turm von 1818 musste 1878 versetzt werden, weil die Klippe auszubrechen drohte. Heute Museum, Eintritt frei.
Schwedische Ostseeküste
9. Långe Jan, Öland. Mit 42 Metern der höchste Leuchtturm Schwedens. Steht an der Südspitze der Insel neben dem UNESCO-Welterbe Ottenby. Baujahr 1785, in heutiger Form seit 1820. Von Juni bis August besteigbar, 197 Stufen. Von oben überblickt man die Vogelstation und bei guter Sicht die Nordküste Bornholms.
10. Fårö Fyr, Gotland. Am nördlichsten Punkt der Insel Fårö. 30 Meter hoch, umgeben von Kalkstein und niedrigem Bewuchs. Ingmar Bergman lebte jahrelang auf Fårö und drehte dort mehrere Filme. Im Sommer begehbar, Anfahrt über eine kostenlose Fähre von Gotland.
11. Kullen Fyr, Skåne. Der stärkste Leuchtturm Skandinaviens, mit einer Reichweite von 50 Kilometern über den Öresund. 15 Meter Turmhöhe auf einem 75 Meter hohen Felsen. Bei gutem Wetter sieht man sowohl die schwedische als auch die dänische Küste. Das Naturreservat Kullaberg rund um den Turm eignet sich zum Wandern und Klettern.
Baltische Ostseeküste
12. Kõpu Tuletorn, Hiiumaa (Estland). Der drittälteste noch funktionierende Leuchtturm der Welt, erbaut 1531. 36 Meter hoch, aus massivem Stein. Er sieht eher aus wie eine Burg als wie ein Leuchtturm. Im Sommer besteigbar, Eintritt 5 Euro. Hiiumaa erreicht man per Fähre von Haapsalu (1,5 Stunden).
13. Kolka Bāka, Lettland. Am Kap Kolka, wo Ostsee und Rigaischer Meerbusen aufeinandertreffen. Der 21 Meter hohe Turm steht auf einer Sandbank 5 Kilometer vor der Küste im Wasser, erreichbar nur per Boot. Vom Strand aus gut sichtbar. Am Kap prallen zwei Strömungen zusammen, was bei Wind gut zu beobachten ist.
14. Sõrve Tuletorn, Saaremaa (Estland). An der Südspitze der Insel Saaremaa. Der 52 Meter hohe Turm wurde 1960 nach Kriegszerstörung neu gebaut. Die Aussichtsplattform bietet Rundumblick, an klaren Tagen bis nach Lettland. Im Erdgeschoss eine Ausstellung zu den Leuchtfeuern der estnischen Inseln. Eintritt 3 Euro.
15. Nida Švyturys, Kurische Nehrung (Litauen). Auf der Kurischen Nehrung, dem schmalen Landstreifen zwischen Ostsee und Kurischem Haff. Der rot-weiße Turm von 1874 steht in Nida, wo auch Thomas Mann sein Sommerhaus hatte. Der Turm ist nicht öffentlich zugänglich, aber die Parnidis-Düne nebenan (52 Meter hoch) bietet einen ähnlichen Blick über Meer und Haff.
Übernachten im Leuchtturm
Einige Leuchttürme an der Ostsee wurden zu Unterkünften umgebaut. Die Auswahl ist klein, die Nachfrage groß:
Leuchtturm Falshöft (Schleswig-Holstein): Das Wärterhaus neben dem Turm ist eine Ferienwohnung mit 2 Zimmern, Küche und direktem Strandzugang. Ab 85 Euro pro Nacht. Die Lage ist abgelegen, der nächste Ort Pommerby liegt 3 Kilometer entfernt.
Pater Noster (Schweden): Auf einer kahlen Felseninsel vor der Westküste. Fünf renovierte Zimmer im ehemaligen Wärtergebäude, Sauna am Meer. Ab 250 Euro inklusive Bootstransfer und Abendessen. Nur im Sommer, Buchung Monate im Voraus nötig.
Kõpu, Hiiumaa (Estland): Neben dem historischen Turm steht ein renoviertes Wärterhaus mit zwei Gästezimmern. Einfache Ausstattung, kein WLAN, dafür absolute Stille und ein Nachthimmel ohne Lichtverschmutzung. Ab 60 Euro pro Nacht.
Grundsätzlich gilt: Leuchtturm-Übernachtungen sind rar. Im Juli und August ist fast alles ausgebucht. Wer im Mai, Juni oder September reist, hat bessere Chancen.
Geschichte der Ostsee-Leuchttürme
Die ältesten Leuchtfeuer an der Ostsee stammen aus dem Mittelalter. Im 13. Jahrhundert unterhielten Mönche auf Bornholm und an der schwedischen Küste Feuer auf Anhöhen. Der älteste noch stehende Turm ist der Kõpu auf Hiiumaa, erbaut 1531 auf Anweisung der Hanse, um den Seeweg nach Tallinn zu sichern.
Den Höhepunkt erlebte der Leuchtturmbau im 18. und 19. Jahrhundert. Preußen, Dänemark, Schweden und Russland errichteten systematisch Leuchtfeuer an ihren Küsten. Die Fresnel-Linse ab 1823 war der entscheidende technische Sprung: Ein einzelner Turm konnte damit über 40 Kilometer weit sichtbar sein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verfielen viele Türme, vor allem im sowjetisch besetzten Baltikum. Erst nach der Unabhängigkeit Estlands, Lettlands und Litauens 1991 begann deren Restaurierung. Heute stehen die meisten unter Denkmalschutz. Ihre praktische Bedeutung nimmt ab, GPS hat die optische Navigation weitgehend abgelöst. Aber als Küstenmarken und Denkmäler haben sie ihren Platz fest.
Häufige Fragen
Kann man Leuchttürme an der Ostsee besteigen?
Viele der vorgestellten Türme sind für Besucher geöffnet, meist von April oder Mai bis Oktober. Die Eintrittspreise liegen zwischen 2 und 5 Euro. Die Treppen sind oft eng und steil, barrierefreier Zugang ist bei historischen Türmen praktisch nie gegeben. Im Winter haben die meisten geschlossen.
Welcher Leuchtturm an der Ostsee ist der älteste?
Der Kõpu auf der estnischen Insel Hiiumaa, erbaut 1531, ist der drittälteste noch funktionierende Leuchtturm weltweit. An der deutschen Ostsee hält Travemünde den Rekord (1539). Beide Türme stehen noch und lassen sich besichtigen.
Wo kann man im Leuchtturm übernachten?
An der deutschen Küste bietet der Leuchtturm Falshöft eine Ferienwohnung im Wärterhaus (ab 85 Euro). In Estland gibt es Zimmer am Kõpu auf Hiiumaa (ab 60 Euro). In Schweden ist Pater Noster eine gehobene Option (ab 250 Euro). Alle Unterkünfte sind im Sommer schnell ausgebucht, frühzeitige Reservierung ist ratsam.
Gibt es Leuchtturm-Routen zum Nachfahren?
Die Leuchtturmroute Mecklenburg-Vorpommern verbindet auf 350 Kilometern elf Türme von Travemünde bis Usedom. Auf Bornholm führt eine Radroute an allen vier Leuchttürmen der Insel vorbei (85 Kilometer). Lokale Tourismusbüros geben Routenkarten aus, auch geführte Touren werden in der Saison angeboten.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.