Tauchen in Norwegen
Inhaltsverzeichnis
Sechs Grad Wassertemperatur. Sichtweiten von 30 Metern. Ein Wrack aus dem Zweiten Weltkrieg auf 22 Metern Tiefe, überwachsen mit Seeanemonen in Orange und Weiss. Königskrabben so gross wie Autoreifen. Und dann, an einem Novembertag in der Finnmark, ein Orca, der drei Meter neben dir vorbeischwimmt.
Norwegen ist kein tropisches Tauchrevier. Aber wer einmal hier abgetaucht ist, versteht, warum Kaltwassertaucher aus ganz Europa hierher kommen. Die Sichtweiten sind oft besser als im Mittelmeer. Das Meeresleben ist dichter als erwartet. Und die Unterwasserlandschaft sieht aus wie die Landschaft über Wasser: steil, wild, voller Überraschungen.
Warum in Norwegen tauchen?
Die norwegische Küste ist 25.000 Kilometer lang. Zaehlt man Inseln und Fjorde mit, werden es über 100.000 Kilometer. Diese Küste liegt am Golfstrom, der warmes Wasser aus dem Atlantik nach Norden drückt. Das Ergebnis: artenreiche Gewässer, die weit mehr Leben beherbergen als man bei diesen Breitengraden erwarten würde.
Die Sichtweiten in norwegischen Gewässern liegen zwischen 5 und 40 Metern. Im Winter, wenn das Plankton abnimmt, sind die besten Sichtverhältnisse. 20 bis 30 Meter sind dann normal, in geschuetzten Fjorden manchmal 40 Meter. Das ist besser als die meisten Tauchplaetze im Mittelmeer.
Was unter der Oberflaeche wartet, überrascht die meisten. Seeanemonen in allen Farben, Seesterne, Seeigel, Krebse, Hummer, Dorsche, Lippfische, Seewolf. In Nordnorwegen kommen Königskrabben und Orcas dazu. Und überall: Kelpwaelder. Riesige Tangwaelder, die sich in der Stroemung wiegen, zehn Meter hoch, dicht genug, dass man sich darin verlieren kann.
Dazu die Wracks. Norwegen war im Zweiten Weltkrieg Schauplatz heftiger Seekaempfe. Hunderte Schiffe liegen auf dem Meeresgrund. Deutsche Zerstörer, britische U-Boote, norwegische Handelsschiffe. Viele in Tauchtiefen von 15 bis 40 Metern und gut erhalten, weil das kalte Wasser die Korrosion verlangsamt.
Fjordtauchen: Zwischen steilen Waenden
Fjorde sind tiefe, schmale Meeresarme. Unter Wasser geht es genauso steil hinab wie über Wasser. An manchen Stellen taucht man direkt neben einer senkrechten Felswand ab, die 200, 300, manchmal 500 Meter in die Tiefe faellt. Natürlich taucht man nicht bis zum Grund. Aber das Wissen, dass unter einem Hunderte Meter Nichts liegen, sorgt für ein Gefuehl, das man an keinem anderen Tauchplatz bekommt.
Die Felswande im Fjord sind bewachsen. Seeanemonen, Weichkorallen, Schwamme, Muscheln. In den oberen 20 Metern ist das meiste Leben. Die Wand wechselt die Farbe mit der Tiefe: oben gruenbraun durch Algen, dann orange und weiss durch Anemonen, weiter unten nur noch Grau und Schwarz.
Lysefjord bei Stavanger
Der Lysefjord ist 42 Kilometer lang und bis zu 497 Meter tief. Über Wasser kennt man ihn wegen des Preikestolen. Unter Wasser ist er genauso stark. Die Waende fallen steil ab, und in den oberen 30 Metern findet man dichte Bewachsung. Es gibt mehrere zugängliche Einstiegspunkte, die mit dem Boot oder per Auto erreichbar sind. Die Sichtweiten liegen im Sommer bei 10 bis 15 Metern, im Winter bei 20 bis 30 Metern.
Sognefjord
Mit 204 Kilometern der längste Fjord Norwegens und bis zu 1.308 Metern der tiefste. Tauchen ist hier nur an wenigen Stellen sinnvoll, weil der Fjord an vielen Stellen zu tief ist, um den Grund zu erreichen. Aber die Buchten und Seitenarme bieten flachere Bereiche mit gutem Meeresleben. In der Naehe von Balestrand gibt es einen beliebten Tauchplatz mit Kelpwaeldern und Felswand.
Wracktauchen an der norwegischen Küste
Norwegen hat mehr als 3.000 dokumentierte Schiffswracks. Davon liegen etwa 200 in sporttauchbaren Tiefen bis 40 Meter. Das kalte Wasser konserviert die Wracks gut. Stahlruempfe, die im Mittelmeer längst durchgerostet waeren, stehen hier noch aufrecht auf dem Meeresgrund.
Die DS Frankenwald bei Kristiansand
Die Frankenwald war ein deutsches Frachtschiff, das 1940 von der Royal Navy versenkt wurde. Das Wrack liegt auf 18 bis 28 Metern Tiefe und ist gut erhalten. Der Bug steht aufrecht, und man kann in einige Ladeluken hineinsehen. Seeanemonen und Dorsche haben das Wrack zu ihrem Zuhause gemacht. Sichtweiten liegen hier bei 8 bis 15 Metern.
Die DS Parat bei Bergen
Ein norwegischer Dampfer, der 1943 sank. Das Wrack liegt auf 12 bis 25 Metern, also perfekt für Sporttaucher. Der Rumpf ist intakt, und man kann das Deck entlangswimmen. In den Luken leben große Seelachse und Dorsche. Ein ideales Anfänger-Wrack: flach, übersichtlich, keine starke Stroemung.
Narvik: Kriegswracks im Fjord
Im Ofotfjord bei Narvik liegen mehrere deutsche Zerstörer, die in den Schlachten um Narvik 1940 versenkt wurden. Die bekanntesten sind die Georg Thiele und die Bernd von Arnim. Manche liegen in Tauchtiefen von 20 bis 40 Metern. Die Wracks sind gross, komplex und dicht bewachsen. Tauchen in Narvik erfordert Erfahrung: Gezeiten, Stroemung und tiefe Lagen machen die Plaetze anspruchsvoll. Lokale Tauchbasen bieten gefuehrte Wrack-Tauchgänge ab 1.500 NOK pro Tauchgang an.
Tauchen mit Orcas in Nordnorwegen
Jeden Winter, von Oktober bis Januar, folgen Hunderte Orcas den Heringschwaermen in die Fjorde Nordnorwegens. Tromso und die Region um Senja und Kvaloya sind die Hotspots. Und ja, man kann mit ihnen ins Wasser.
Schnorcheln ist die uebliche Methode. Man faehrt mit dem Boot raus, wartet bis die Orcas auftauchen, und springt dann ins Wasser. Mit Neoprenanzug und Schnorchel. Scuba-Tauchen ist bei den meisten Anbietern nicht erlaubt, weil die Blasen die Tiere stören können. Es gibt einzelne Anbieter, die Freitauchen (Apnoe) mit Orcas anbieten.
Die Begegnung ist kurz. Meistens wenige Minuten. Die Orcas schwimmen vorbei, manchmal in drei Metern Abstand, manchmal weiter weg. Man treibt an der Oberflaeche und beobachtet sie unter sich. Das Wasser ist 5 bis 7 Grad kalt. Ein 7-Millimeter-Neoprenanzug ist das Minimum.
Touren kosten ab 3.500 NOK pro Person für einen Halbtagesausflug. Ganztagestouren mit mehreren Stops liegen bei 5.000 bis 7.000 NOK. Die Chancen auf eine Begegnung liegen bei etwa 80 Prozent in der Hauptsaison (November/Dezember). Keine Garantie. Die Wale entscheiden, wo sie hinfahren.
Wichtig: Nur bei zertifizierten Anbietern buchen. Seit 2020 gibt es in Norwegen strengere Regeln für Orca-Tourismus. Mindestabstand 20 Meter, keine aktive Verfolgung, maximal drei Boote pro Walgruppe. Serioese Anbieter halten sich daran.
Die besten Tauchplaetze
Gulen bei Bergen
Gulen liegt nördlich von Bergen, wo der Sognefjord auf den Atlantik trifft. Der Tauchplatz ist bekannt für seine Nudibranch-Population (Nacktschnecken) und für den Kelpwald, der hier besonders dicht waechst. Die Sichtweiten im Winter erreichen 30 Meter. Es gibt eine Tauchbasis vor Ort (Gulen Dive Resort), die Unterkunft und Tauchpakete anbietet. Drei Tage mit sechs Tauchgängen, Unterkunft und Flaschen kosten ab 6.500 NOK.
Saltstraumen bei Bodo
Der staerkste Gezeitenstrom der Welt. Bis zu 400 Millionen Kubikmeter Wasser drücken sich bei jeder Tide durch einen 150 Meter schmalen Sund. Tauchen ist hier nur bei Stillwasser möglich, also in den wenigen Minuten zwischen Ebbe und Flut. In dieser Zeit sinkt die Stroemung auf null, und man kann abtauchen in ein Biotop, das von der Stroemung lebt: riesige Seeanemonen, Krabben, Seeigel, Dorsche, Heilbutt.
Saltstraumen ist nur für erfahrene Taucher. Man muss die Gezeiten genau kennen und das Timing stimmen. Ein erfahrener lokaler Guide ist Pflicht. Tauchgänge in Saltstraumen kosten ab 1.800 NOK mit Guide.
Lofoten und Vesteraalen
Die Lofoten bieten kristallklares Wasser und eine Unterwasserlandschaft, die der über Wasser in nichts nachsteht. Steile Felsen setzen sich unter der Wasserlinie fort. Kelpwaelder wiegen sich in der Stroemung. Im Sommer kann man unter der Mitternachtssonne tauchen. Im Winter bringt das Nordlicht ein schwaches Leuchten auch unter Wasser. Sichtweiten von 15 bis 25 Metern sind normal.
Königskrabben in der Finnmark
In Kirkenes und Umgebung kann man mit Königskrabben tauchen. Die Krabben haben Beinspannweiten von über einem Meter und leben auf dem sandigen Meeresgrund in 10 bis 30 Metern Tiefe. Die Anbieter bringen dich mit dem Boot raus, und du tauchst zwischen den Krabben. Eine surreale Erfahrung: rote Panzer, so weit man sehen kann. Kosten: ab 2.500 NOK für einen Tauchgang inklusive Ausrüstung.
Ausrüstung für norwegische Gewässer
Kaltwassertauchen erfordert andere Ausrüstung als Tauchen in den Tropen. Der größte Unterschied: der Anzug.
Trockenanzug
Ein Trockenanzug ist ab Wassertemperaturen unter 10 Grad Standard. In Norwegen bedeutet das: fast immer. Der Anzug hält das Wasser komplett vom Koerper fern. Man traegt Thermo-Unterwaesche darunter und bleibt den ganzen Tauchgang trocken. Ein guter Trockenanzug kostet ab 10.000 NOK neu. Gebraucht ab 4.000 NOK. Manche Tauchbasen verleihen sie für 400 bis 600 NOK pro Tag.
Wer keinen Trockenanzug hat, kommt mit einem 7-Millimeter-Halbtrockenanzug durch. Allerdings wird man nach 30 Minuten kalt. Für lange Tauchgänge oder Wassertemperaturen unter 6 Grad reicht das nicht.
Handschuhe und Kopfhaube
Hände und Kopf kühlen am schnellsten aus. Trockentauchhandschuhe (angesetzt am Trockenanzug) sind die beste Lösung. Alternativ 5-Millimeter-Neoprenhandschuhe. Die Kopfhaube sollte mindestens 5 Millimeter dick sein. Manche Taucher nutzen eine Vollgesichtsmaske, die auch den Unterkiefer bedeckt.
Atemregler für kaltes Wasser
Normale Atemregler können in kaltem Wasser vereisen. Das fuehrt zu einem unkontrollierten Freifluss: Die Luft stroemt kontinuierlich aus, die Flasche leert sich innerhalb von Minuten. Kaltwassergeeignete Regler (von Apeks, Scubapro oder Fourth Element) haben spezielle Dichtungen und Membranen, die das verhindern. Wenn du deinen eigenen Regler mitbringst, lass ihn vor der Norwegen-Reise auf Kaltwassertauglichkeit pruefen.
Tauchbasen und Anbieter
Norwegen hat kein dichtes Netz an Tauchbasen wie das Rote Meer oder die Kanaren. Aber die Basen, die es gibt, sind professionell, gut ausgestattet und auf Kaltwassertaucher spezialisiert.
Die wichtigsten Basen:
- Gulen Dive Resort (Bergen): Tauchpakete mit Unterkunft ab 6.500 NOK für 3 Tage/6 Tauchgänge.
- Narvik Dykkeklubb (Narvik): Wracktauchen im Ofotfjord. Einzelne Tauchgänge ab 1.500 NOK.
- Saltstraumen Dykkesenter (Bodo): Gezeitenstrom-Tauchen mit erfahrenen Guides. Ab 1.800 NOK.
- Arctic Dive (Tromso): Orca-Schnorcheln und Fjordtauchen. Halbtagestouren ab 3.500 NOK.
- Kirkenes Snowhotel (Finnmark): Königskrabben-Tauchen. Ab 2.500 NOK.
- Lofoten Diving (Kabelvag): Kelpwald- und Felswandtauchen. Einzeltauchgänge ab 1.200 NOK.
Die meisten Basen vermieten komplette Ausrüstung inklusive Trockenanzug. Eigene Ausrüstung mitbringen reduziert die Kosten pro Tauchgang um 300 bis 500 NOK. Flaschenfuellungen kosten 100 bis 200 NOK, Nitrox-Fuellungen 250 bis 350 NOK.
Beste Tauchzeit und Bedingungen
Tauchen in Norwegen geht das ganze Jahr. Es gibt keine "schlechte" Saison, nur unterschiedliche.
Winter (November bis Februar): Beste Sichtweiten (20 bis 40 Meter). Wenig Plankton. Kalt (3 bis 5 Grad). Kurze Tage, aber in Nordnorwegen Nordlichter und Orca-Saison. Trockenanzug und gute Handschuhe zwingend nötig.
Frühling (Maerz bis Mai): Planktonbluete ab April, die die Sichtweiten auf 5 bis 10 Meter reduziert. Dafür erwacht das Leben: Fische laichen, Krebse hauten sich, Seevogel tauchen nach Beute. Die Temperaturen steigen langsam (5 bis 8 Grad).
Sommer (Juni bis August): Längste Tage, Mitternachtssonne in Nordnorwegen. Wassertemperaturen bis 14 Grad an der Oberflaeche. Sichtweiten schwanken: 8 bis 20 Meter. Kelpwaelder in voller Pracht. Viele Tauchbasen haben nur im Sommer Vollbetrieb.
Herbst (September/Oktober): Sichtweiten verbessern sich wieder. Wassertemperaturen sinken (8 bis 10 Grad). Weniger Touristen. Guter Kompromiss aus Sichtweite, Temperatur und Ruhe.
Haeufige Fragen
Braucht man einen Tauchschein zum Tauchen in Norwegen?
Ja. Alle Tauchbasen verlangen ein gueltiges Brevet (Open Water Diver oder hoeher). Für Wracktauchen ist ein Advanced Open Water empfehlenswert, für Trockenanzugtauchen ein Dry Suit Specialty. Schnorcheln mit Orcas erfordert keinen Tauchschein.
Wie kalt ist das Wasser wirklich?
Die Oberflaechentemperaturen liegen zwischen 3 Grad (Winter, Nordnorwegen) und 14 Grad (Sommer, Suednorwegen). In der Tiefe ist es kalt: ab 30 Metern ganzjaehrig 4 bis 7 Grad. Mit einem guten Trockenanzug und Thermowasche ist das ertraeglich.
Was kostet ein Tauchgang in Norwegen?
Einzelne gefuehrte Tauchgänge kosten 1.200 bis 2.500 NOK, je nach Ort und Schwierigkeit. Tauchpakete (mehrere Tage) reduzieren den Preis pro Tauchgang auf 800 bis 1.200 NOK. Eigene Ausrüstung spart noch mehr.
Kann man in Norwegen Orcas unter Wasser sehen?
Ja, von Oktober bis Januar in den Fjorden um Tromso und Senja. Die meisten Anbieter bieten Schnorcheln (nicht Geraetetauchen) mit Orcas an. Die Chancen auf eine Begegnung liegen bei etwa 80 Prozent in der Hauptsaison. Preise ab 3.500 NOK pro Halbtagesausflug.
Ist Kaltwassertauchen gefaehrlich?
Nicht gefaehrlicher als Warmwassertauchen, wenn man die richtige Ausrüstung hat und die Sicherheitsregeln beachtet. Die größten Risiken sind Vereisung des Reglers (kaltwassertauglichen Regler verwenden) und Unterkühlung (Trockenanzug tragen, Tauchzeiten begrenzen). Ein Dry Suit Specialty vor der ersten Norwegen-Reise ist sinnvoll.
Ähnliche Artikel
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026