Tauchen in Skandinavien
Skandinavien steht auf keiner typischen Tauchliste. Keine bunten Riffe, keine Wassertemperaturen über 25 Grad, keine Palmstrände am Einstieg. Trotzdem reisen Taucher aus der ganzen Welt hierher, weil der Norden Europas Dinge unter Wasser bietet, die es sonst nirgendwo gibt: eine Gletscherspalte mit 120 Metern Sichtweite, hunderte versunkene Schiffe aus vier Jahrhunderten und Fjorde, in denen Kaltwasserkorallen wachsen.
Mein erster Tauchgang in Skandinavien war in der Silfra-Spalte auf Island. Ich bin in 2 Grad kaltes Wasser gestiegen, und nach zehn Sekunden hatte ich den Kälteschock vergessen, weil ich den Boden in 40 Metern Tiefe sehen konnte. So etwas hatte ich in zehn Jahren Tauchen in Ägypten, Thailand und Kroatien nie erlebt. Seitdem bin ich mehrfach zum Tauchen nach Skandinavien zurückgekehrt, und jedes Mal hat mich etwas anderes überrascht: ein 80 Jahre altes Wrack vor den Lofoten, Orcas vor Tromsø, leuchtend orangefarbene Nacktschnecken an einer Fjordwand in Gulen.
Kaltwasser mit Weltruf
Die skandinavischen Gewässer haben Wassertemperaturen zwischen 0 und 18 Grad, je nach Jahreszeit und Region. Die Ostsee vor Schwedens Ostküste erreicht im Hochsommer bis zu 18 Grad an der Oberfläche. Der Atlantik vor Nordnorwegen kommt selten über 10 Grad. Islands Silfra-Spalte liegt ganzjährig bei 2 bis 4 Grad. Was nach einem Nachteil klingt, hat einen entscheidenden Vorteil: Kaltes Wasser ist nährstoffreicher als warmes und beherbergt dichtere Populationen von Meereslebewesen pro Kubikmeter.
Statt tropischer Korallenriffe findet man hier Tangwälder, die bis zu 3 Meter hoch werden. In diesen Unterwasserwäldern leben Kabeljau, Seelachs, Hummer und Seeigel. An den steilen Fjordwänden wachsen Kaltwasserkorallen der Art Lophelia pertusa, die bis zu 8.000 Jahre alt werden können. Vor den Küsten Norwegens und Schwedens liegen tausende Schiffswracks aus der Wikingerzeit, dem Zweiten Weltkrieg und der Handelsschifffahrt.
Die Sichtweiten schwanken stark. In der Ostsee sind 5 bis 10 Meter normal. In den norwegischen Fjorden sieht man 10 bis 25 Meter weit. In Islands Silfra-Spalte wird die Sicht nur durch die Grenzen des menschlichen Auges begrenzt: 80 bis 120 Meter. Wer aus dem Roten Meer mit seinen 30 Metern Sicht kommt, hält das zuerst für einen Tippfehler. Ist es aber nicht.
In Norwegen gibt es über 50 registrierte Tauchcenter, in Schweden rund 30 und auf Island etwa 10. Die meisten arbeiten mit PADI- oder SSI-Zertifizierungen. Leihausrüstung ist überall verfügbar, und geführte Tauchgänge können in der Regel online vorgebucht werden.
Silfra auf Island: Tauchen zwischen Kontinenten
Die Silfra-Spalte im Thingvellir-Nationalpark ist der berühmteste Tauchspot Skandinaviens. Hier driftet die nordamerikanische Kontinentalplatte von der eurasischen auseinander, etwa 2 Zentimeter pro Jahr. Gletscherwasser vom Langjökull sickert durch poröses Lavagestein und wird dabei über 30 bis 100 Jahre natürlich gefiltert, bevor es in der Spalte ankommt. Das Ergebnis ist Wasser von einer Reinheit, die weltweit selten zu finden ist.
Der Tauchgang führt durch vier Abschnitte. In der Silfra Big Crack schwimmt man durch eine enge Spalte zwischen den Felswänden beider Kontinentalplatten. Im Silfra Hall öffnet sich der Raum auf eine Tiefe von bis zu 18 Metern, wo das Blau des Wassers am intensivsten wirkt. Die Silfra Cathedral ist der weiteste Abschnitt mit Sichtweiten in alle Richtungen. Am Ende liegt die Silfra Lagoon, ein flacher Bereich mit leuchtend grünen Algenteppichen auf dem Grund.
Getaucht wird ausschließlich im Trockentauchanzug. Ein geführter Tauchgang (zwei Tauchgänge, zusammen etwa 30 Minuten unter Wasser) kostet 350 bis 400 Euro pro Person. Schnorcheln ist die günstigere Alternative ab 120 Euro und erfordert keinen Tauchschein. Die Anbieter DIVE.IS und Arctic Adventures sind die etabliertesten. Voraussetzung fürs Tauchen: PADI Open Water Diver oder gleichwertiger Schein plus Trockentauch-Erfahrung mit mindestens 10 dokumentierten Trockentauchgängen oder PADI Dry Suit Specialty.
Im Sommer gibt es fast 24 Stunden Tageslicht, was die Sicht unter Wasser nochmals verbessert. Im Winter taucht man bei kürzerem Licht, dafür mit deutlich weniger anderen Gruppen. Die Wassertemperatur ändert sich nicht: 2 bis 4 Grad, 365 Tage im Jahr.
Wracktauchen in Norwegen und Schweden
Vor Norwegens Küste liegen schätzungsweise 3.000 registrierte Wracks. Viele stammen aus dem Zweiten Weltkrieg, als die deutsche Besatzung die norwegische Küste zum Schlachtfeld machte. Andere gehen auf die Handelsschifffahrt des 18. und 19. Jahrhunderts zurück, als Norwegens Handelsflotte zu den größten der Welt gehörte.
Die besten Wrackspots liegen bei Narvik, Stavanger und den Lofoten. In Narvik sanken 1940 bei der Seeschlacht um die Stadt 13 deutsche und 2 britische Zerstörer. Einige Wracks liegen in 10 bis 40 Metern Tiefe. Der Zerstörer "Georg Thiele" in 28 Metern Tiefe gehört zu den meistgetauchten Wracks Norwegens. Die Sichtweite im Sommer: 10 bis 20 Meter.
Bei Stavanger liegt die "DS Edda" in 25 Metern Tiefe, ein Dampfschiff aus dem 19. Jahrhundert. Vor den Lofoten ruht das deutsche U-Boot U-711 in 30 Metern auf dem Meeresgrund. Tauchcenter in Svolvær bieten geführte Tauchgänge zu diesem Wrack an, ab 150 Euro pro Person.
In Schweden konzentriert sich das Wracktauchen auf die Ostsee. Das brackige Wasser hat einen niedrigen Salzgehalt, was die Holzwürmer (Teredo navalis) fernhält. Holzschiffe bleiben in der Ostsee über Jahrhunderte erhalten, während sie im Atlantik innerhalb weniger Jahrzehnte zerfallen würden. Vor Stockholm liegt die "Dalarö-Wrackgruppe" mit mehreren historischen Schiffen in 15 bis 30 Metern Tiefe. Auf Gotland bieten Tauchcenter Touren zu Wracks aus dem Ersten Weltkrieg an.
Fjordtauchen in Norwegen
Die norwegischen Fjorde sind geschützte Gewässer mit wenig Strömung und oft gutem Sichtwasser. Unter Wasser setzen sich die steilen Felswände fort, manche bis in Tiefen von 200 Metern und mehr. An diesen Wänden wachsen Schwämme, Seeanemonen und Weichkorallen in dichten Polstern.
Am Sognefjord, Norwegens längstem und tiefstem Fjord (1.308 Meter), wachsen Kaltwasserkorallen ab 30 Metern Tiefe. Tauchcenter in Balestrand bieten geführte Wandtauchgänge an. Die Sichtweite im Sommer liegt bei 15 bis 25 Metern. Im Gulen-Tauchresort an der Mündung des Sognefjords trifft der Golfstrom auf das Fjordwasser. Das erzeugt eine Vielfalt an Meereslebewesen, die so weit nördlich überrascht: Nacktschnecken in leuchtenden Farben, Oktopusse und riesige Tangwälder. Ein Tauchpaket mit zwei Tagen, vier Tauchgängen und Unterkunft kostet ab 450 Euro.
Besonders das Tauchen bei Tromsø im Winter hat es in sich. Von November bis Januar folgen Orcas und Buckelwale den Heringsschwärmen in die Fjorde. Einige Anbieter organisieren Schnorchel- und Tauchtouren, bei denen man den Walen unter Wasser begegnet. Die Touren kosten 300 bis 500 Euro und erfordern solide Kaltwasser-Erfahrung. Das Wasser hat im Winter 4 bis 7 Grad.
Ausrüstung für Kaltwassertauchen
Der wichtigste Unterschied zum Warmwassertauchen: Der Trockentauchanzug ist Pflicht. Bei Wassertemperaturen unter 10 Grad hält ein Nassanzug die Körperkerntemperatur über einen 30- bis 60-minütigen Tauchgang nicht aufrecht. Der Trockentauchanzug schließt das Wasser komplett aus und wird mit Thermo-Unterwäsche als Unterzieher kombiniert.
Wer keinen eigenen Trocki besitzt, kann bei den meisten skandinavischen Tauchcentern einen leihen. Die Leihgebühr liegt bei 30 bis 60 Euro pro Tag. Eigene Neoprenhandschuhe (5 bis 7 mm Stärke) und eine Kopfhaube (5 mm) sollte man mitbringen, da die Auswahl bei Leihware in diesen Teilen oft begrenzt ist. Kaltwassertaugliche Atemregler mit Anti-Vereisungs-System sind ebenfalls wichtig, denn bei Wassertemperaturen nahe dem Gefrierpunkt kann ein normaler Atemregler vereisen und abblasen.
Trockentauch-Erfahrung setzen die meisten Anbieter voraus. Wer noch nie trocken getaucht hat, kann vor Ort den PADI Dry Suit Specialty absolvieren. Der Kurs dauert einen Tag und kostet 200 bis 300 Euro. Als Vorbereitung empfehle ich, vorher in heimischen Seen bei 8 bis 12 Grad zu tauchen. Der Körper gewöhnt sich schneller an die Kälte, wenn er sie schon kennt. Und die Handschuhe vor der Reise testen: Unter Wasser den Inflator-Schlauch nicht bedienen zu können, weil die Handschuhe zu steif sind, ist kein Vergnügen.
Weitere Tauchspots in Skandinavien
Åland-Inseln (Finnland): Die autonome Inselgruppe zwischen Schweden und Finnland ist ein unterschätztes Tauchgebiet. In den Gewässern rund um Åland liegen über 100 Wracks, darunter das russische Kriegsschiff "Rurik" aus dem 18. Jahrhundert. Die Sichtweite beträgt 5 bis 10 Meter. Tauchcenter in Mariehamn bieten geführte Wrack-Tauchgänge ab 80 Euro an.
Färöer-Inseln: Zwischen Norwegen und Island gelegen, bieten die Färöer Tauchen in weitgehend unberührten Gewässern. Taucher berichten von großen Kabeljauschwärmen und Unterwasserlandschaften aus Basaltformationen. Die Tauchszene ist noch sehr klein mit nur wenigen lokalen Anbietern. Wassertemperaturen: ganzjährig 6 bis 11 Grad.
Dänemark hat mit der Nordsee und dem Kattegat zwei unterschiedliche Tauchgebiete. In der Nordsee vor der Westküste liegen zahlreiche Wracks aus beiden Weltkriegen, allerdings mit starken Strömungen und oft unter 5 Metern Sicht. Besser geeignet für Sporttaucher ist das Kattegat zwischen Dänemark und Schweden mit 10 bis 15 Metern Sichtweite. Vor Gilleleje in Nordseeland liegt das Wrack der "Doris" in 18 Metern Tiefe.
Eistauchen in Lappland ist die extremste Variante. In Finnisch-Lappland bieten einige Anbieter Tauchgänge unter der Eisdecke zugefrorener Seen an. Das Eis wird aufgeschnitten, der Taucher steigt mit Sicherungsleine ins 1-Grad-Wasser. Das Sonnenlicht bricht durch die Eisschicht und erzeugt ein bläuliches Leuchten, das man so sonst nicht sieht. Anbieter in Inari und Rovaniemi verlangen ab 250 Euro pro Person. Voraussetzung: Advanced Open Water Diver und dokumentierte Trockentauch-Erfahrung.
Kosten und Planung
Ein einzelner geführter Tauchgang in Norwegen oder Schweden kostet 60 bis 120 Euro. Silfra auf Island liegt mit 350 bis 400 Euro für zwei Tauchgänge darüber, was an der aufwendigen Logistik und den Nationalparkauflagen liegt. Komplette Leihausrüstung schlägt mit 60 bis 100 Euro pro Tag zu Buche. Wer eigene Ausrüstung mitbringt, spart auf einer einwöchigen Tauchtour erheblich.
Die Hauptsaison für Tauchen in Skandinavien ist Juni bis September. In diesen Monaten liegen die Wassertemperaturen am höchsten, die Tage sind lang und die Sichtweiten gut. Für Wracktauchen in der Ostsee sind Juli und August optimal. Für Silfra gibt es keine Saison, da die Bedingungen ganzjährig konstant bleiben. Winter-Tauchgänge zu Orcas bei Tromsø oder Eistauchen in Lappland erfordern November bis Februar, Wassertemperaturen um den Gefrierpunkt und entsprechende Erfahrung.
Die meisten Tauchcenter erfordern eine Voranmeldung, besonders in der Hochsaison. Für Silfra sollte man mindestens zwei Wochen vorher buchen, im Sommer eher vier bis sechs Wochen. Die norwegischen Tauchspots erreicht man per Inlandsflug oder mit dem Auto entlang der Küste. Wer das Tauchen mit einem Sommerurlaub verbinden will, kann einzelne Tauchtage in eine Rundreise einbauen. Ein Tag Fjordtauchen oder ein Wrack-Tauchgang bei Gotland passen gut zwischen Wandertage und Städtetrips.
Häufig gestellte Fragen
Welchen Tauchschein brauche ich für Skandinavien?
Für die meisten Spots reicht ein PADI Open Water Diver oder ein gleichwertiger Schein (SSI, CMAS). Für Silfra auf Island verlangt man zusätzlich den PADI Dry Suit Specialty oder mindestens 10 dokumentierte Trockentauchgänge. Wracktauchen in größeren Tiefen erfordert den Advanced Open Water Diver. Eistauchen in Lappland setzt ebenfalls den Advanced-Schein plus Trockentauch-Erfahrung voraus.
Ist Kaltwassertauchen gefährlich?
Mit der richtigen Ausrüstung und Vorbereitung ist es nicht gefährlicher als Tauchen in warmen Gewässern. Die Hauptrisiken sind Unterkühlung bei zu langen Tauchgängen, Vereisen des Atemreglers bei ungeeigneter Ausrüstung und eingeschränkte Fingerfertigkeit durch dicke Handschuhe. Wer einen kaltwassertauglichen Atemregler nutzt, die Tauchgänge auf 30 bis 45 Minuten begrenzt und vorher in kühlen heimischen Gewässern geübt hat, ist gut vorbereitet.
Kann ich ohne eigene Ausrüstung in Skandinavien tauchen?
Ja. Alle größeren Tauchcenter in Norwegen und Island vermieten komplette Ausrüstung inklusive Trockentauchanzug. Die Leihgebühr liegt bei 60 bis 100 Euro pro Tag. In Silfra ist die Ausrüstung im Tourpreis enthalten. Eigene Handschuhe und Kopfhaube mitzubringen lohnt sich trotzdem, da die Leihauswahl bei diesen Teilen oft begrenzt ist und schlecht sitzende Handschuhe unter Wasser frustrierend werden.
Kann man in Silfra auch schnorcheln statt tauchen?
Ja. Die Klarheit des Wassers ist so groß, dass man auch von der Oberfläche den Grund sieht. Schnorcheltouren kosten ab 120 Euro und erfordern keinen Tauchschein. Man bekommt einen Trockentauchanzug gestellt und schwimmt auf der Oberfläche durch die Spalte. Für Nichttaucher ist das die beste Möglichkeit, Silfra zu erleben. Die Touren dauern etwa drei Stunden inklusive Einweisung und Umziehen.
Ähnliche Artikel
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026