Tauchen in der Ostsee
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Wer an gute Tauchreviere denkt, hat die Ostsee vermutlich nicht als erstes auf dem Zettel. Zu trüb, zu kalt, zu wenig Farbe unter Wasser. So lautet das Vorurteil. Die Realität sieht anders aus. In der Ostsee liegen mehr als 1.500 bekannte Schiffswracks, Steinriffe bieten Lebensraum für Dutzende Fischarten, und an guten Tagen reicht die Sicht 10 Meter und weiter. Das ist kein Rotes Meer, aber wer bereit ist, sich auf das Tauchen im Kaltwasser einzulassen, findet an der deutschen Ostseeküste erstaunlich viel unter der Oberfläche.
Rund 30 Tauchbasen arbeiten entlang der Küste zwischen Flensburg und der polnischen Grenze. Sie bieten geführte Tauchgänge, Kurse für Einsteiger und Ausrüstungsverleih an. Das Wracktauchen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer eigenen Szene entwickelt, mit Tauchern, die gezielt nach historischen Schiffen suchen und ihre Funde dokumentieren.
Warum die Ostsee ein besonderes Tauchrevier ist
Die Ostsee ist ein Brackwassermeer. Der Salzgehalt liegt bei 0,8 bis 1,8 Prozent, deutlich unter dem der Nordsee (3,5 Prozent). Das hat Konsequenzen für die Unterwasserwelt. Korallen gibt es nicht, dafür aber Steinriffe, die mit Algen und Seepocken sowie Miesmuscheln bewachsen sind. Diese Riffe entstanden nach der letzten Eiszeit, als Gletscher Geröll und Findlinge auf dem Meeresgrund hinterließen. Zwischen den Steinen leben Grundeln, Butterfische und Seeskorpione sowie Strandkrabben.
Der geringe Salzgehalt hat einen weiteren Effekt: Holz und Metall zersetzen sich in der Ostsee deutlich langsamer als in salzhaltigeren Meeren. Wracks aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind hier noch erstaunlich gut erhalten. Der Schiffsbohrwurm, der in der Nordsee Holzrümpfe innerhalb weniger Jahre zerstört, kommt in weiten Teilen der Ostsee nicht vor. Deshalb liegt hier eine der größten Sammlungen gut erhaltener historischer Schiffswracks weltweit.
Die Wassertemperatur variiert stark. Im Sommer erreicht sie an der Oberfläche 18 bis 22 Grad, auf dem Grund (15 bis 20 Meter Tiefe) bleibt sie bei 8 bis 12 Grad. Im Winter sinkt die Temperatur auf 2 bis 5 Grad. Tauchen in der Ostsee ist ganzjährig möglich, aber ein Trockentauchanzug oder ein dicker Halbtrockenanzug (7 mm) ist ab Oktober Pflicht. Die meisten Tauchbasen verleihen die entsprechende Ausrüstung.
Die besten Tauchspots an der deutschen Küste
Fehmarn gilt unter Tauchern als der beste Spot an der deutschen Ostseeküste. Die Insel hat über 20 betauchbare Stellen, darunter Steinriffe, Seegraswiesen und mehrere Wracks. Das Riff vor Staberhuk an der Ostküste fällt auf 12 Meter ab und ist mit Braunalgen und Miesmuscheln bedeckt. Zwischen den Steinen leben Seeskorpione, Butterfische und Aalmuttern. Am Südstrand gibt es einen bequemen Einstieg für Landtauchgänge, und die Sicht ist hier oft besser als an anderen Küstenabschnitten.
Eckernförder Bucht: Die Bucht fällt relativ steil auf 20 Meter Tiefe ab. Vor dem Campingplatz Surendorf liegt ein bekannter Tauchspot mit Steinriff und guter Sichtweite. In der Bucht liegen außerdem mehrere Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg, darunter das Wrack eines deutschen U-Bootes in 18 Meter Tiefe. Der Einstieg ist vom Strand aus möglich, was den Spot für Tauchgänge ohne Boot geeignet macht.
Rügen und Hiddensee: Die Gewässer rund um Rügen bieten eine Mischung aus Kreidegrund, Steinriffen und Wracks. Vor Kap Arkona liegt das Wrack der "Jan Heweliusz", einem 1993 gesunkenen polnischen Fährschiff. Es liegt in 12 bis 18 Meter Tiefe und ist mittlerweile stark bewachsen. Die Boddengewässer westlich von Rügen sind flacher (3 bis 8 Meter) und haben im Sommer oft eine gute Sicht. Dort kann man über Seegraswiesen tauchen und Seepferdchen beobachten, die hier in kleiner Population vorkommen.
Kühlungsborn und Warnemünde: Vor Kühlungsborn liegen Steinriffe in 8 bis 12 Meter Tiefe, die vom Strand aus erreichbar sind. Die Riffe sind mit Seenelken und Algen bewachsen und bieten Schutz für Plattfische und Grundeln. In Warnemünde starten Tauchboote zu den Wracks in der offenen See. Die Wracks liegen in 15 bis 25 Meter Tiefe und sind nur per Boot erreichbar.
Usedom und Greifswalder Bodden: Vor Usedom ist die Sicht im Sommer oft eingeschränkt (2 bis 4 Meter), aber im Frühjahr und Herbst kann sie auf 6 bis 8 Meter steigen. Im Greifswalder Bodden liegen mehrere historische Wracks, darunter ein schwedisches Handelsschiff aus dem 18. Jahrhundert. Die Tauchtiefe in den Boddengewässern ist gering (5 bis 10 Meter), was die Spots für Anfänger geeignet macht.
Wracktauchen: Versunkene Geschichte
In der Ostsee liegen geschätzt über 1.500 Wracks, von denen etwa 300 kartiert und betauchbar sind. Die ältesten stammen aus dem Mittelalter, die jüngsten aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Hansekoggen des 14. Jahrhunderts, die Kriegsschiffe Schwedens und Dänemarks, die Handelssegler des 18. Jahrhunderts und die U-Boote des 20. Jahrhunderts bilden eine Zeitreise auf dem Meeresgrund.
Eines der bekanntesten Wracks ist die "Undine", ein deutsches Torpedoschulboot, das 1944 vor der Küste Mecklenburgs versenkt wurde. Es liegt in 16 Meter Tiefe, aufrecht auf dem Grund, und ist weitgehend intakt. Die Aufbauten sind mit Muscheln bedeckt, und im Inneren des Schiffes leben Dorsche und Aale. Das Wrack ist ein beliebter Spot für erfahrene Taucher, erfordert aber gute Tarierung und Erfahrung im Wracktauchen.
Vor Fehmarn liegt das Wrack der "Nordwind", eines im 19. Jahrhundert gesunkenen Frachtschiffes. Es liegt in 11 Meter Tiefe und ist auch für fortgeschrittene Anfänger geeignet. Der Rumpf ist teilweise zusammengebrochen, aber der Bugbereich und Teile des Hecks stehen noch. Das Wrack ist ein künstliches Riff geworden, an dem sich Fische sammeln und Algen wachsen.
Wichtig: Wracks in der Ostsee stehen unter Denkmalschutz. Das Entfernen von Gegenständen ist verboten und wird mit Bußgeldern geahndet. Taucher dürfen die Wracks von außen betauchen und fotografieren, aber das Eindringen in Innenräume ist bei vielen Wracks aus Sicherheitsgründen untersagt oder nur mit spezieller Genehmigung erlaubt. Geführte Wracktauchgänge mit erfahrenen Guides sind der sicherste Weg, die versunkenen Schiffe zu erkunden.
Unterwasserwelt und marine Vielfalt
Die Unterwasserwelt der Ostsee ist weniger bunt als die tropischer Meere, aber keineswegs arm an Leben. Auf den Steinriffen wachsen Braunalgen (Blasentang, Zuckertang), die bis zu zwei Meter lang werden und dichte Unterwasserwälder bilden. In diesen Algenwäldern leben Hunderte von Kleintieren: Asseln, Flohkrebse und Garnelen sowie Schnecken.
Die Seegraswiesen der flacheren Küstenabschnitte sind ein eigenes Ökosystem. Das Seegras wächst auf sandigem Grund in 1 bis 6 Meter Tiefe und bietet Kinderstube für Fische und Versteck für Seepferdchen. Die Ostseepopulation der Seepferdchen ist klein, aber stabil. Wer aufmerksam durch Seegraswiesen taucht, kann sie mit etwas Glück entdecken. Die beste Chance besteht im Sommer, wenn das Seegras am dichtesten steht.
Zu den auffälligsten Bewohnern der Ostsee gehören Schweinswale, die einzige heimische Walart in der Ostsee. Die Population ist stark gefährdet (geschätzt 500 Tiere in der zentralen Ostsee), aber gelegentlich begegnen Taucher den kleinen Walen unter Wasser. Häufiger sind Begegnungen mit Seehunden, die vor allem rund um Fehmarn und in der Kieler Bucht vorkommen. Quallen treten im Sommer und Herbst in größerer Zahl auf, vor allem Ohrenquallen und Feuerquallen. Die Feuerqualle kann schmerzhaft nesseln, ist aber für Taucher im Neopren- oder Trockenanzug kein Problem.
Sichtweiten und beste Tauchzeiten
Die Sichtweite ist der größte Unsicherheitsfaktor beim Tauchen in der Ostsee. Sie hängt von Algenblüte und Strömung sowie der Jahreszeit ab. Im Hochsommer (Juli, August) sorgen Algenblüten regelmäßig für Sichtweiten unter 3 Metern, vor allem in Küstennähe und in den Boddengewässern. Die beste Sicht gibt es im Frühjahr (April bis Juni) und im Spätherbst (Oktober, November). In diesen Monaten können Sichtweiten von 8 bis 15 Metern auftreten.
Die Sicht variiert auch geografisch. Vor Fehmarn und in der Eckernförder Bucht ist die Sicht durchschnittlich besser als vor Usedom oder im Greifswalder Bodden, weil dort der Wasseraustausch mit der Nordsee stärker ist und weniger Sediment aufgewirbelt wird. Nach Stürmen kann die Sicht kurzfristig auf unter einen Meter fallen, zwei bis drei Tage nach einem Sturm ist sie dagegen oft deutlich besser als der Durchschnitt.
Die Wassertemperatur bestimmt die Ausrüstungswahl. Von Juni bis September kann man mit einem 7-mm-Halbtrockenanzug tauchen. Von Oktober bis Mai ist ein Trockentauchanzug sinnvoll, weil die Temperatur in der Tiefe selten über 8 Grad steigt. Die wärmsten Monate für das Tauchen sind Juli und August, wenn die Oberflächentemperatur 20 Grad erreicht. Die Sprungschicht (Thermokline) liegt im Sommer bei 10 bis 15 Metern. Darunter fällt die Temperatur sprunghaft um 5 bis 10 Grad.
Ausrüstung und Tauchbasen
Für das Tauchen in der Ostsee braucht man robustere Ausrüstung als in warmen Gewässern. Ein Trockentauchanzug ist die beste Wahl, weil er den Körper vom kalten Wasser isoliert und auch bei langen Tauchgängen warm hält. Wer keinen eigenen Trocki besitzt, kann ihn bei den Tauchbasen mieten. Die Leihgebühr liegt bei 30 bis 50 Euro pro Tag. Dazu kommen eigene Handschuhe (5 mm Neopren), Kopfhaube und Füßlinge.
Die wichtigsten Tauchbasen an der deutschen Ostseeküste sind auf Fehmarn (Tauchbasis Fehmarn, Tauchsport Fehmarn), in Eckernförde (Tauchzentrum Eckernförde), in Kühlungsborn und in Sassnitz auf Rügen. Die Basen bieten geführte Tauchgänge (35 bis 60 Euro pro Tauchgang mit Guide), Bootstauchgänge zu den Wracks (50 bis 80 Euro) und Ausrüstungsverleih. Eine komplette Leihausrüstung (Trockentauchanzug, Atemregler, Jacket, Flasche) kostet 60 bis 90 Euro pro Tag.
Für Landtauchgänge von Stränden und Molen braucht man kein Boot und keinen Guide. Viele Spots sind frei zugänglich. Allerdings sollte man sich vorher über die Strömungsverhältnisse informieren, die an manchen Stellen stark sein können. Eine Strömungsfahne (SMB, Surface Marker Buoy) ist Pflicht, weil der Bootsverkehr an der Ostsee im Sommer dicht ist und Taucher sonst leicht übersehen werden.
Kurse und Einstieg für Anfänger
Wer noch nie getaucht hat, kann an der Ostsee einen Schnuppertauchgang machen. Die Tauchbasen bieten diese Einführungen für 40 bis 70 Euro an. Der Tauchgang findet unter Aufsicht eines Tauchlehrers statt, dauert 30 bis 45 Minuten und führt in maximal 6 Meter Tiefe. Man lernt die Grundlagen der Unterwasseratmung, den Druckausgleich und die ersten Flossenschläge. Die meisten Schnuppertauchgänge finden in geschützten Buchten oder Hafenbecken statt.
Für den vollständigen Open Water Diver Kurs (OWD) muss man vier bis fünf Tage einplanen. Der Kurs umfasst Theorie, Schwimmbadübungen und vier Freiwassertauchgänge in der Ostsee. Die Kosten liegen bei 350 bis 500 Euro, je nach Tauchbasis und ob die Ausrüstung im Preis enthalten ist. Nach bestandener Prüfung darf man weltweit bis 18 Meter Tiefe tauchen. Wer den Kurs an der Ostsee macht, hat den Vorteil, dass man direkt im Kaltwasser lernt. Wer später in warmen Gewässern taucht, empfindet das dann als angenehmen Bonus.
Für das Wracktauchen empfiehlt sich eine Zusatzausbildung. Der Wreck Diver Kurs (Speciality) vermittelt die besonderen Techniken für das Tauchen an und in Wracks: Tarierung in engen Räumen, Orientierung bei eingeschränkter Sicht und der sichere Umgang mit Leinen. Der Kurs dauert zwei Tage und kostet 200 bis 300 Euro. Ohne diese Ausbildung sollte man Wracks nur von außen betauchen.
Häufig gestellte Fragen
Wie gut ist die Sicht beim Tauchen in der Ostsee?
Die Sichtweite schwankt zwischen 1 und 15 Metern, je nach Jahreszeit und Standort. Die beste Sicht gibt es im Frühjahr (April bis Juni) und im Spätherbst (Oktober, November), wenn keine Algenblüte herrscht. Vor Fehmarn und in der Eckernförder Bucht ist die Sicht durchschnittlich besser als vor Usedom. Im Hochsommer kann die Algenblüte die Sicht auf unter 3 Meter drücken.
Was kostet Tauchen an der Ostsee?
Ein geführter Landtauchgang kostet 35 bis 60 Euro. Bootstauchgänge zu Wracks liegen bei 50 bis 80 Euro. Eine komplette Leihausrüstung mit Trockentauchanzug kostet 60 bis 90 Euro pro Tag. Ein Schnuppertauchgang für Anfänger ist ab 40 Euro zu haben, der vollständige Open Water Diver Kurs kostet 350 bis 500 Euro. Wer eigene Ausrüstung hat, kann viele Spots kostenlos vom Strand aus betauchen.
Welche Wracks kann man in der Ostsee betauchen?
Rund 300 Wracks sind kartiert und betauchbar. Die bekanntesten liegen vor Fehmarn, in der Eckernförder Bucht und vor Rügen. Darunter sind Handelsschiffe aus dem 18. Jahrhundert, Kriegsschiffe aus dem Zweiten Weltkrieg und ein polnisches Fährschiff von 1993. Die meisten Wracks liegen in 10 bis 25 Meter Tiefe. Für das Eindringen in Wrackinnenräume braucht man eine spezielle Ausbildung (Wreck Diver).
Brauche ich einen Trockentauchanzug für die Ostsee?
Von Juni bis September kann man mit einem dicken Halbtrockenanzug (7 mm) tauchen, wenn man sich auf flache Tauchgänge (bis 10 Meter) beschränkt. Für tiefere Tauchgänge und die Monate Oktober bis Mai ist ein Trockentauchanzug dringend empfohlen. Die Wassertemperatur in der Tiefe liegt selten über 10 Grad. Tauchbasen verleihen Trockentauchanzüge für 30 bis 50 Euro pro Tag.
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Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026