Beeren und Pilze sammeln in Norwegen
Norwegens Wälder und Fjells gehören zu den ergiebigsten Sammelgebieten Europas. Im August stehen die Blaubeersträucher so dicht, dass man bei jedem Schritt blaue Flecken an den Schuhen hat. Im September leuchten Pfifferlinge gelb aus dem Moos. Und irgendwo in den Hochmooren wächst die Moltebeere, das teuerste Obst Skandinaviens, das die Norweger behandeln, als wäre es Gold.
Ich sammle seit Jahren Beeren und Pilze in Norwegen. Meine erste Erfahrung war ein Blaubeerfleck auf einer neuen Wanderhose, der nie wieder rausging. Seitdem trage ich zum Sammeln nur noch dunkle Kleidung. Meine wichtigste Erfahrung: Norwegen hat so viele Beeren, dass man einfach nicht alle pflücken kann. Man muss Prioritäten setzen.
Das Jedermannsrecht (Allemannsretten) erlaubt das Sammeln in ganz Norwegen. Kostenlos. Überall, wo kein Zaun steht und kein Garten beginnt. Was genau erlaubt ist und was nicht, erkläre ich weiter unten.
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Das Jedermannsrecht und das Sammeln
Das norwegische Jedermannsrecht (Friluftsloven) erlaubt jedem, sich frei in der Natur zu bewegen und wilde Früchte zu sammeln. Das gilt für Beeren, Pilze und Kräuter. Man darf so viel sammeln, wie man für den eigenen Verbrauch benötigt. Es gibt keine festgelegte Höchstmenge.
Drei wichtige Einschränkungen. Erstens: Auf landwirtschaftlich genutzten Flächen darf man nicht sammeln. Wiesen mit Zäunen, Äcker und Gärten sind tabu. Zweitens: In Naturschutzgebieten können besondere Regeln gelten. Vor dem Betreten eines Nationalparks sollte man sich über lokale Bestimmungen informieren. Drittens: Moltebeergebiete in Nordnorwegen (Nordland, Troms, Finnmark) unterliegen teilweise dem sogenannten Multebærland-Gesetz. Grundbesitzer können hier das Pflücken auf ihrem Land einschränken.
In der Praxis ist das Sammeln unkompliziert. Man geht in den Wald, pflückt und nimmt die Beeren mit. Niemand kontrolliert. Die meisten Norweger sammeln selbst und verstehen, dass andere das auch tun wollen.
Moltebeere: Das Gold des Fjells
Die Moltebeere (multe, Rubus chamaemorus) ist die wertvollste Beere Norwegens. Sie wächst in feuchten Hochmooren und Sumpfgebieten, meistens über 400 Meter Höhe. Die Pflanze wird nur 10 bis 25 Zentimeter hoch. Jede Pflanze trägt eine einzige Beere. Reif ist sie, wenn sie gelb-orange wird und weich ist. Unreife Beeren sind rot und hart.
Die Erntezeit ist kurz. Zwei bis drei Wochen im Juli und August, je nach Höhenlage. In guten Jahren sind die Moore voller Beeren. In schlechten Jahren findet man fast nichts. Spätfrost im Mai zerstört die Blüten. Zu viel Regen im Juni verhindert die Bestäubung. Die Moltebeere ist launisch.
Der Preis zeigt, wie begehrt die Beere ist. Im norwegischen Supermarkt kostet ein Glas Multebeermarmelade (300 g) zwischen 120 und 180 NOK. Frische Moltebeeren auf dem Markt in Tromsø oder Trondheim kosten 300 bis 500 NOK pro Kilo. Selbst sammeln ist der einzige Weg, an größere Mengen zu kommen, ohne ein Vermögen auszugeben.
Die Norweger essen Moltebeeren traditionell als Dessert. Multekrem heißt das Gericht: geschlagene Sahne mit Moltebeeren und etwas Zucker. Dazu Waffeln. Es ist eines der besten Desserts, die ich kenne. Die Beere schmeckt säuerlich-süß mit einer leicht harzigen Note. Nichts sonst schmeckt so.
Die beste Sammelregion für Moltebeeren ist das Fjell in Troms und Finnmark. Aber auch in Trøndelag und Nordland gibt es ergiebige Moore. Man erkennt gute Stellen am Terrain: feuchte, sumpfige Flächen mit Torfmoos. Gummistiefel sind Pflicht. Ich bin einmal in Trekkingschuhen losgegangen und hatte nach einer Stunde nasse Füße bis zu den Knöcheln.
Blaubeeren und Preiselbeeren
Blaubeeren (Blåbær)
Die wilde Blaubeere (Vaccinium myrtillus) ist die häufigste Beere Norwegens. Sie wächst überall: in Nadelwäldern, auf Lichtungen, an Berghängen und in Moorgebieten. Von Ende Juli bis Anfang September ist sie reif. In höheren Lagen beginnt die Reife später.
Norwegische Waldblaubeeren sind kleiner als Kulturheidelbeeren aus dem Supermarkt, aber geschmacklich in einer anderen Liga. Sie sind intensiver, säuerlicher und färben Mund und Finger dunkelblau. Ein Kilo pflücken dauert etwa eine Stunde, wenn die Sträucher dicht stehen. Mit einem Beerenkamm (bærplukker) geht es schneller, aber man nimmt auch Blätter mit.
Die Menge an Blaubeeren in norwegischen Wäldern ist enorm. An guten Stellen stehen die Sträucher so dicht, dass der Boden blau aussieht. Man kann an einem Nachmittag problemlos fünf bis zehn Kilo pflücken. Die meisten Norweger machen daraus Marmelade, Saft oder frieren die Beeren ein.
Preiselbeeren (Tyttebær)
Preiselbeeren reifen später als Blaubeeren. September und Oktober sind die Hauptmonate. Die kleinen roten Beeren wachsen an niedrigen, immergrünen Sträuchern, oft an denselben Stellen wie Blaubeeren. Sie sind sauer und herb im Rohzustand. Erst gekocht, mit Zucker, entfalten sie ihren vollen Geschmack.
Preiselbeermarmelade (tyttebærsyltetøy) ist in Norwegen eine Standardbeilage zu Wildgerichten, Fleischbällchen und Pfannkuchen. Die Zubereitung ist einfach: gleiche Mengen Beeren und Zucker aufkochen, kurz köcheln lassen, fertig. Die Marmelade hält sich im Kühlschrank monatelang.
Weitere Beeren
Norwegen hat noch weitere essbare Wildbeeren. Die Krähenbeere (krekling) wächst auf Heideflächen an der Küste und im Fjell. Klein, schwarz, leicht wässrig. Nicht aufregend, aber gut als Zugabe zu anderen Beeren. Die Moosbeere (tranebær) findet sich in Sumpfgebieten. Säuerlich, reich an Vitamin C. In Nordamerika als Cranberry bekannt.
Die Rauschbeere (blokkebær) sieht der Blaubeere ähnlich, ist aber größer und heller. Sie wächst in feuchteren Gebieten. Ihr Geschmack ist milder. Manche verwechseln sie mit der Blaubeere, aber die Rauschbeere hat grünliches Fruchtfleisch, nicht dunkelblaues.
Himbeeren (bringebær) wachsen wild an Waldrändern und auf Lichtungen. Im Süden Norwegens sind sie von Juli bis August reif. In Nordnorwegen etwas später. Wilde Himbeeren sind kleiner als Kulturhimbeeren, aber aromatischer.
Pilze in Norwegen
Pfifferlinge (Kantarell)
Der Pfifferling ist der beliebteste Speisepilz Norwegens. Er wächst in Nadelwäldern, besonders unter Fichten und Kiefern, in moosigem Boden. Die Saison beginnt im August und läuft bis Oktober. An guten Stellen findet man Dutzende auf wenigen Quadratmetern.
Pfifferlinge erkennt man an der goldgelben Farbe, den Leisten (keine Lamellen) unter dem Hut und dem fruchtigen Geruch, der an Aprikosen erinnert. Sie können nicht mit giftigen Pilzen verwechselt werden, wenn man auf die Leisten achtet. Der Falsche Pfifferling (narrkantarell) hat echte Lamellen und ist dünner. Er ist essbar, schmeckt aber nach nichts.
Die besten Pfifferlingsgebiete liegen in Østlandet und Trøndelag. Die Wälder um den Lillehammer und im Hallingdal sind berühmt für ihre Pfifferlingsmengen. Aber auch in Westnorwegen, etwa in den Wäldern hinter Bergen, gibt es gute Stellen.
Steinpilze (Steinsopp)
Der Steinpilz (Boletus edulis) ist seltener als der Pfifferling, aber geschmacklich überlegen. Er wächst in Nadel- und Mischwäldern, oft unter Birken und Fichten. Die Saison läuft von August bis Oktober. Gute Jahre und schlechte Jahre wechseln. Nach einem warmen, feuchten August stehen die Chancen am besten.
Steinpilze können groß werden. Exemplare mit 20 Zentimeter Hutdurchmesser sind keine Seltenheit. Die jungen, festen Pilze sind am besten. Alte Exemplare werden oft madig. Tipp: Den Stiel anschneiden und prüfen, ob er fest und weiß ist. Wenn er Löcher hat, sind Maden drin.
Weitere essbare Pilze
Birkenpilze (brunskrubb) sind häufig und leicht zu erkennen: brauner Hut, schwarze Schuppen am Stiel. Sie wachsen unter Birken und sind essbar, wenn auch im Geschmack milder als Steinpilze. Rotkappen (rødskrubb) stehen unter Birken und Espen. Ihr orange-roter Hut ist unverwechselbar.
Wer unsicher ist, sollte nur Pilze sammeln, die er sicher bestimmen kann. In Norwegen gibt es giftige Pilze, darunter den Grünen Knollenblätterpilz (grønn fluesopp), der tödlich sein kann. Er kommt allerdings in Norwegen selten vor, da er wärmere Laubwälder bevorzugt. Häufiger ist der Fliegenpilz (rød fluesopp), der leicht erkennbar und giftig ist.
Die Norsk Soppforening (Norwegische Pilzgesellschaft) organisiert im Herbst Pilzwanderungen mit Experten in vielen Regionen des Landes. Teilnahme: meist kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr von 100 bis 200 NOK. Die App "Soppkontroll" hilft bei der Bestimmung, ersetzt aber keinen Experten.
Die besten Sammelgebiete
Für Blaubeeren: Die Wälder in Hedmark, Oppland und Buskerud (Østlandet) sind die produktivsten. Auch die Wälder im Trøndelag und im Innern von Nordland bieten große Mengen. Grundregel: Wo Nadelwald ist, wachsen Blaubeeren.
Für Moltebeeren: Die Hochmoore in Troms und Finnmark, das Hardangervidda-Plateau und die Fjellgebiete in Trøndelag. Man braucht feuchten Boden und Höhenlage (400 bis 800 Meter). In Südnorwegen wachsen Moltebeeren auf der Hardangervidda ab etwa 1.000 Meter.
Für Pfifferlinge: Nadelwälder in Østlandet, besonders Hedmark, Oppland und Telemark. Auch die Wälder rund um Bergen in Westnorwegen. Nach einem feuchten August explodieren die Mengen.
Für Steinpilze: Gleiche Gebiete wie Pfifferlinge, aber unter Birken und Fichten. Mischwälder mit älteren Bäumen sind am ergiebigsten. Der Sørlandet (Südnorwegen) hat überraschend gute Steinpilzgebiete.
Ausrüstung und Tipps
Für Beeren braucht man wenig. Einen Eimer oder eine Schüssel. Einen Beerenkamm (bærplukker), erhältlich in jedem Sportgeschäft oder Supermarkt für 50 bis 150 NOK. Gummistiefel für Moltebeergebiete. Dunkle Kleidung, weil Blaubeerflecken nicht mehr rausgehen.
Für Pilze empfehle ich einen Korb (keinen Plastikbeutel, darin schwitzen die Pilze). Ein kleines Messer zum Abschneiden. Ein Pilzbestimmungsbuch oder eine gute App. Und die Grundregel: Im Zweifel stehen lassen.
Mückenschutz nicht vergessen. Im August, wenn die Blaubeeren reif sind, sind auch die Mücken auf dem Höhepunkt. Im Fjell und in Sumpfgebieten (Moltebeere) können die Mücken unerträglich werden. Ein Kopfnetz hilft. Mückenspray mit DEET ebenfalls.
Bei Pilzen gilt: immer in einem luftigen Behälter transportieren. Plastiktüten sind schlecht, weil die Pilze darin matschig werden. Ein Weidenkorb oder ein Leinenbeutel sind besser. Die Pilze nach der Rückkehr sofort putzen und verarbeiten. Pfifferlinge halten sich im Kühlschrank maximal zwei Tage.
Rezepte
Multekrem (Moltebeer-Dessert)
300 g Moltebeeren, 3 EL Zucker, 300 ml Schlagsahne. Die Beeren mit dem Zucker verrühren und eine Stunde ziehen lassen. Die Sahne steif schlagen. Die Beeren vorsichtig unterheben. Sofort servieren, am besten mit einer frischen Waffel. Für vier Personen.
Pfifferlinge in Butter
500 g Pfifferlinge putzen (nicht waschen, nur mit einer Bürste abreiben). In einer heißen Pfanne mit 2 EL Butter 8 bis 10 Minuten braten, bis die Flüssigkeit verdampft ist. Salz, Pfeffer, eine Knoblauchzehe (gehackt) und frische Petersilie dazugeben. Auf getoastetem Brot servieren. Oder als Beilage zu Elchbraten.
Blaubeerkuchen (Blåbærpai)
Mürbeteig aus 200 g Mehl, 100 g Butter, 50 g Zucker, 1 Ei. In eine Tarteform drücken, 10 Minuten bei 180 °C vorbacken. 400 g Blaubeeren darauf verteilen. Guss aus 2 Eiern, 100 ml Sahne und 3 EL Zucker darübergießen. Weitere 25 Minuten backen. Warm servieren mit einer Kugel Vanilleeis.
Häufige Fragen
Darf ich als Tourist in Norwegen Beeren und Pilze sammeln?
Ja, das Jedermannsrecht gilt für alle, auch für Touristen. Man darf auf öffentlichem Land und in Wäldern sammeln, solange man keine eingezäunten Grundstücke betritt.
Wann ist die beste Sammelzeit?
Blaubeeren: Ende Juli bis Anfang September. Moltebeeren: Juli bis August (kurzes Zeitfenster). Preiselbeeren: September bis Oktober. Pfifferlinge: August bis Oktober. Steinpilze: August bis Oktober. In Nordnorwegen beginnt die Saison etwas früher als im Süden.
Gibt es giftige Beeren in Norwegen?
Ja. Die Einbeere (firblad) ist giftig und wächst in Wäldern. Sie hat eine einzelne schwarze Beere auf einem Blattkranz. Die Tollkirsche kommt in Südnorwegen vor. Grundregel: Nur essen, was man sicher kennt. Im Zweifel stehen lassen.
Kann man Beeren und Pilze über die Grenze nach Deutschland mitnehmen?
Ja, für den persönlichen Verbrauch ist das erlaubt. Frische Beeren und Pilze fallen nicht unter die EU-Einfuhrbeschränkungen für pflanzliche Produkte, solange es sich um Wildfrüchte in üblichen Mengen handelt.
Wo kaufe ich einen Beerenkamm in Norwegen?
In jedem XXL Sport, bei Biltema oder in vielen Supermärkten (Coop, Rema 1000) während der Beerensaison. Preis: 50 bis 150 NOK. Der Kamm beschleunigt das Pflücken erheblich, besonders bei Blaubeeren.
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026