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Die 13 isländischen Weihnachtsgesellen
Jólasveinar: Vom Löffelschlecker bis zum Türknaller - Islands ganz eigene Weihnachtstradition

Die 13 isländischen Weihnachtsgesellen

14 Min. Lesezeit

Während in den meisten europäischen Ländern ein einziger Weihnachtsmann die Geschenke bringt, hat Island gleich 13 davon. Die Jólasveinar, wörtlich übersetzt "Weihnachtsgesellen" oder "Yule Lads", kommen nacheinander vom 12. bis zum 24. Dezember aus den Bergen herab in die Dörfer. Jeder hat seinen eigenen Charakter, seinen eigenen Streich und seinen eigenen Namen, der verrät, was er am liebsten anstellt. Es ist eine der originellsten Weihnachtstraditionen der Welt, und sie sagt viel darüber aus, wie isländischer Humor funktioniert.

Die Jólasveinar sind keine freundlichen Gabenbringer im modernen Sinne. Ursprünglich waren sie Trolle, die den Menschen das Leben schwer machten. Erst im 20. Jahrhundert wurden sie zu einer Art isländischem Weihnachtsmann umgedeutet, allerdings ohne je ihren schrägen Charakter zu verlieren. Wer Island zur Weihnachtszeit besucht, begegnet ihnen überall: als Dekorationsfiguren in Schaufenstern, als verkleidete Gestalten auf Weihnachtsmärkten und als allgegenwärtige Referenz in Gesprächen.

Wer sind die Jólasveinar?

Geschnitzte Figuren der 13 isländischen Jólasveinar in traditioneller Kleidung
Die 13 Jólasveinar: Jeder hat seinen eigenen Charakter und seinen eigenen Unfug (KI-generiert)

Die Jólasveinar sind die 13 Söhne der Trollfrau Grýla und ihres dritten Ehemannes Leppalúði. Sie leben in den Bergen, meistens wird die Dimmuborgir-Lavaformation am Mývatn als ihr Zuhause genannt, obwohl andere Überlieferungen sie in den Westfjorden oder im Hochland verorten. Jeder der 13 kommt an einem bestimmten Tag im Dezember ins Tal, beginnend am 12. Dezember (Stekkjastaur, der Pferchpfosten) und endend am 24. Dezember (Kertasníkir, der Kerzenschnorrer).

Nach Weihnachten gehen sie in derselben Reihenfolge zurück in die Berge: Der erste kommt am 25. Dezember, der letzte geht am 6. Januar, dem Dreikönigstag. Das heißt, jeder Geselle bleibt genau 13 Tage lang im Tal. In der alten Überlieferung stahlen und plünderten sie, was sie konnten. Heute legen sie vor allem kleine Geschenke in die Schuhe der Kinder, die diese am Abend aufs Fensterbrett stellen.

Optisch ähneln die Jólasveinar keinem modernen Weihnachtsmann. Sie tragen traditionelle isländische Wollkleidung, manche haben lange Nasen, andere wilde Bärte. In neueren Darstellungen tragen sie zwar manchmal rote Jacken (Einfluss des amerikanischen Santa Claus), aber die isländische Version bleibt deutlich ruppiger und humorvoller als ihr internationaler Kollege.

Alle 13 Weihnachtsgesellen im Überblick

Hier sind alle 13 Jólasveinar in der Reihenfolge ihres Erscheinens, mit ihren isländischen Namen, deutschen Übersetzungen und bevorzugten Streichen:

12. Dezember: Stekkjastaur (Pferchpfosten) - Der erste Geselle hat steife Beine und versucht, die Schafe im Pferch zu melken. Sein Name kommt von den Holzpfosten, die zum Bau von Schafpferchen verwendet wurden.

13. Dezember: Giljagaur (Schluchtenkobold) - Er versteckt sich in Schluchten und wartet darauf, unbemerkt in den Kuhstall zu schleichen und den Milchschaum aus den Eimern zu trinken.

14. Dezember: Stúfür (Knirps) - Der kleinste der 13 Brüder. Er stiehlt Pfannen, um die Krusten am Boden abzukratzen und zu essen. Dass er sich für angebrannte Essensreste begeistert, sagt viel über den Speiseplan in den Bergen.

15. Dezember: Þvörusleikir (Löffelschlecker) - Er leckt hölzerne Kochlöffel ab. In Zeiten, als jeder Löffel Essen zählte, war das kein harmloses Vergehen.

Isländische Weihnachtsdekoration mit Jólasveinar-Motiven in Reykjavík
In der Adventszeit begegnet man den Jólasveinar überall in Island: in Schaufenstern, auf Postkarten und als Dekorationsfiguren (KI-generiert)

16. Dezember: Pottaskefill (Topfkratzer) - Er klaut Töpfe und leckt sie aus. Zusammen mit Stúfür und Þvörusleikir bildet er das kulinarische Trio unter den Gesellen.

17. Dezember: Askasleikir (Schüsselschlecker) - Er wartet unter dem Bett (Askur waren flache Holzschüsseln mit Deckel, die unter dem Bett aufbewahrt wurden) und stiehlt die Schüssel, sobald jemand sie abstellt.

18. Dezember: Hurðaskellir (Türknaller) - Er knallt nachts die Türen, um die schlafenden Bewohner aufzuwecken. Besonders beliebt in dunklen, stürmischen Nächten, von denen Island im Dezember mehr als genug hat.

19. Dezember: Skyrgámur (Skyr-Gierschlund) - Er verschlingt den Skyr, das traditionelle isländische Milchprodukt. Skyr war im Winter oft eine der wenigen Proteinquellen, und sein Verlust traf die Familie hart.

20. Dezember: Bjúgnakrækir (Wurststibitzer) - Er stiehlt die geräucherten Würste, die unter dem Dach hingen. In einer Zeit, als Fleisch über den Winter reichen musste, war das ein ernsthafter Diebstahl.

21. Dezember: Gluggagægir (Fensterglotzer) - Er schaut durchs Fenster in die Häuser hinein und sucht nach Dingen, die er stehlen kann. Manche Überlieferungen beschreiben ihn als den gruseligsten der 13, weil sein bleiches Gesicht plötzlich am Fenster auftaucht.

22. Dezember: Gáttaþefür (Türschlitzschnüffler) - Er hat eine enorm große Nase und riecht durch den Türschlitz das Weihnachtsbrot (Laufabrauð), das drinnen gebacken wird.

23. Dezember: Ketkrókur (Fleischhaken) - Er benutzt einen langen Haken, um geräuchertes Fleisch (besonders das Weihnachtslamm) aus dem Rauch zu angeln. Zusammen mit Bjúgnakrækir bildet er das Fleischdieb-Duo.

24. Dezember: Kertasníkir (Kerzenschnorrer) - Der letzte Geselle stiehlt Kerzen. In einer Zeit, als Kerzen aus teurem Talg bestanden und das einzige Licht in den dunklen Winternächten spendeten, war das der vielleicht gemeinste Streich von allen.

Grýla und die Weihnachtskatze

Die 13 Gesellen sind nur ein Teil der isländischen Weihnachtsmythologie. Ihre Mutter Grýla ist eine der ältesten Figuren der isländischen Sagenwelt, erstmals erwähnt in der Snorra Edda im 13. Jahrhundert, also noch bevor sie mit Weihnachten in Verbindung gebracht wurde. Grýla ist eine riesige Trollfrau, die in einer Höhle in den Bergen lebt und unartige Kinder fängt, in einen Sack steckt und in ihrem großen Kessel kocht.

Das klingt heute drastisch, und in der Tat hat die isländische Regierung 1746 per Erlass verboten, Kindern mit Grýla Angst zu machen. Trotzdem überlebte die Figur in abgemilderter Form. Heutige isländische Kinder kennen Grýla vor allem als etwas komische alte Trollfrau, die gerne kocht und deren 13 Söhne mehr nervig als gefährlich sind. In Schaufenstern und auf Weihnachtskarten wird sie humorvoll dargestellt, oft mit einem großen Löffel und einem leeren Kochtopf.

Darstellung der Trollfrau Grýla und der Weihnachtskatze Jólakötturinn
Grýla, die Trollmutter der 13 Jólasveinar, gehört seit dem 13. Jahrhundert zur isländischen Sagenwelt (KI-generiert)

Noch gruseliger als Grýla ist die Jólakötturinn, die Weihnachtskatze. Diese riesige schwarze Katze streift in der Weihnachtsnacht durch Island und frisst jeden, der kein neues Kleidungsstück zu Weihnachten bekommen hat. Der Hintergrund ist praktisch: Die Sage motivierte dazu, die Wollarbeit vor Weihnachten abzuschließen, damit jedes Familienmitglied ein neues Kleidungsstück hatte. Wer fleißig spann und strickte, war sicher. Wer faul war, bekam Ärger mit der Katze.

Der isländische Dichter Jóhannes úr Kötlum schrieb 1932 das berühmte Gedicht "Jólakötturinn", das die Geschichte der Weihnachtskatze in 22 Strophen erzählt. Es ist eines der bekanntesten Gedichte Islands und wird in der Weihnachtszeit regelmäßig im Radio vorgelesen.

Die Schuh-Tradition

Die mit den Jólasveinar verbundene Kindertradition funktioniert so: Ab dem 12. Dezember stellen Kinder jeden Abend einen Schuh auf das Fensterbrett. Über Nacht kommt der jeweilige Geselle und legt ein kleines Geschenk hinein - wenn das Kind brav war. War es das nicht, findet es am nächsten Morgen eine rohe Kartoffel im Schuh.

Die Geschenke sind traditionell klein: Süßigkeiten, kleine Spielzeuge, Bücher (Island hat die höchste Pro-Kopf-Buchproduktion der Welt, und Bücher zu Weihnachten sind heilig). In den 13 Nächten sammelt sich so eine beträchtliche Menge an Geschenken an, was die Jólasveinar-Tradition für Kinder deutlich ergiebiger macht als den einmaligen Besuch eines Weihnachtsmanns.

Manche Familien nehmen die Tradition streng, andere lockerer. In einigen Haushalten kommen die Geschenke auch in aufgehängte Socken (Einfluss der angelsächsischen Stocking-Tradition), aber der Schuh auf dem Fensterbrett bleibt der Klassiker. Die Kartoffel für unartige Kinder wird heute meist nur noch scherzhaft angedroht, tatsächlich eingelegt wird sie selten, manchmal wird aber eine Kartoffel zusammen mit einem kleinen Geschenk in den Schuh gelegt, als humorvoller Wink.

Wo man die Jólasveinar trifft

Dimmuborgir-Lavaformation am Mývatn, legendäres Zuhause der Jólasveinar
Dimmuborgir am Mývatn: Die bizarren Lavaformationen gelten als das Zuhause der 13 Jólasveinar (KI-generiert)

Dimmuborgir am Mývatn: Die Lavaformation in Nordisland gilt als das offizielle Zuhause der Jólasveinar. In der Adventszeit kommen hier verkleidete Gesellen aus den Lavafelsen heraus und verteilen Süßigkeiten an Kinder. Der Ort ist ganzjährig zugänglich und auch ohne Weihnachtsbezug sehenswert: Die bizarren Lavaformationen sehen tatsächlich aus wie die Ruinen einer Trollstadt.

Reykjavík Weihnachtsmarkte: In der Adventszeit tauchen die Jólasveinar auf verschiedenen Weihnachtsmärkten in Reykjavík auf, etwa auf dem Markt am Ingólfstorg-Platz oder in der Hlaðan-Scheune im Stadtteil Hafnarfjörður. Verkleidete Darsteller posieren für Fotos und erzählen (auf Englisch) die Geschichten der einzelnen Gesellen.

Jólahúsið in Akureyri: Das Weihnachtshaus in Akureyri ist ganzjährig geöffnet und widmet sich der isländischen Weihnachtstradition. Hier findet man eine große Auswahl an Jólasveinar-Figuren, Büchern und Dekoartikeln. Der Eintritt ist frei, ein kleiner Laden verkauft Souvenirs und handgemachte Weihnachtsdekoration.

Nationalmuseum Reykjavík: In der Weihnachtszeit zeigt das Nationalmuseum Sonderausstellungen zur Geschichte der Jólasveinar, inklusive historischer Darstellungen, die zeigen, wie sich das Bild der Gesellen über die Jahrhunderte verändert hat.

Geschichte und Wandel der Tradition

Die ältesten Erwähnungen der Jólasveinar stammen aus dem 17. Jahrhundert, als sie in Volksliedern und mündlichen Überlieferungen auftauchten. Damals waren sie reine Schreckgestalten: Trolle, die stahlen, Lärm machten und Kinder bedrohten. Die Zahl 13 war nicht von Anfang an festgelegt. In manchen Regionen gab es mehr, in anderen weniger Gesellen, und ihre Namen variierten.

Die heutige "kanonische" Liste von 13 Jólasveinar geht auf das Gedicht "Jólasveinarnir" von Jóhannes úr Kötlum aus dem Jahr 1932 zurück. Er legte die Namen und Reihenfolge fest, die seitdem als Standard gelten. Sein Gedicht vermenschlichte die Trolle zu schelmischen, aber letztlich harmlosen Figuren. Statt Kinder zu fressen, stehlen sie Würste und lecken Löffel ab. Diese Version setzte sich innerhalb weniger Jahrzehnte landesweit durch.

Ab den 1950er Jahren begann der Einfluss des amerikanischen Santa Claus auf die isländische Weihnachtstradition. Die Jólasveinar bekamen rote Kleidung und freundlichere Gesichter, und statt nur zu stehlen, brachten sie plötzlich auch Geschenke. Diese Entwicklung war umstritten: Viele Isländer sahen darin eine Verwässerung der eigenen Tradition. In den 1990er Jahren gab es eine bewusste Rückbesinnung auf die "echten" Jólasveinar als schelmische Trolle statt als isländische Weihnachtsmänner.

Jólasveinar im modernen Island

Heute sind die Jólasveinar ein selbstverständlicher Teil der isländischen Weihnacht, vergleichbar mit dem Nikolaus in Deutschland. Isländische Kinder kennen alle 13 Namen und ihre Geschichten. In Kindergärten und Schulen werden Lieder über die Gesellen gesungen, und die Schuh-Tradition wird in den meisten Familien gepflegt.

Im Fernsehen gibt es im Dezember Jólasveinar-Specials, und der Staatssender RÚV strahlt jedes Jahr Kurzfilme aus, in denen die Gesellen in komischen Situationen dargestellt werden. Die Werbebranche nutzt die Figuren ausgiebig, und in Reykjavíks Geschäften sind Jólasveinar-Souvenirs ein fester Bestandteil des Weihnachtsgeschäfts: Figuren aus Keramik (ab 3.000 ISK / 20 EUR), Bücher auf Englisch (ab 4.000 ISK / 26 EUR) und Postkarten mit humorvollen Darstellungen.

Für Reisende, die Island zur Weihnachtszeit besuchen, bieten die Jólasveinar einen willkommenen kulturellen Zugang. Anders als der universelle Weihnachtsmann sind die 13 Gesellen etwas, das es nur auf Island gibt, und das Gespräch darüber öffnet Türen. Fragen Sie einen Isländer nach seinem Lieblings-Jólasveinn, und Sie bekommen fast immer eine leidenschaftliche Antwort.

Häufige Fragen zu den Jólasveinar

Gibt es auf Island keinen Weihnachtsmann?

Doch, der internationale Weihnachtsmann (Jólasveinn in der Einzahl) ist den Isländern bekannt, hat aber nie die Jólasveinar ersetzt. Die 13 Gesellen sind die eigentlichen Weihnachtsfiguren Islands. Isländische Kinder kennen beide Traditionen, feiern aber nach dem Jólasveinar-System mit Schuhen auf dem Fensterbrett.

Wann ist die beste Zeit, um die Jólasveinar-Tradition zu erleben?

Vom 12. bis zum 24. Dezember, wenn die Gesellen der Reihe nach ankommen. Die stärkste Atmosphäre herrscht rund um den 21. bis 24. Dezember, wenn alle 13 im Tal sind. In Reykjavík finden in dieser Zeit Weihnachtsmärkte und Veranstaltungen statt, und die Jólasveinar sind auf den Straßen unterwegs.

Ist die Grýla-Geschichte nicht zu gruselig für Kinder?

Die moderne Version ist deutlich entschärft. Isländische Kinder kennen Grýla eher als komische Trollfigur denn als echte Bedrohung. Die Regierung hat bereits 1746 versucht, das Erschrecken von Kindern mit Grýla einzuschränken. Heute wird die Geschichte mit Humor erzählt, und die Kartoffel im Schuh ist die "schlimmste" Strafe.

Wo kann man Jólasveinar-Figuren als Souvenir kaufen?

In Reykjavík gibt es zahlreiche Geschäfte mit Jólasveinar-Souvenirs, etwa in der Laugavegur-Einkaufsstraße. Handgemachte Keramikfiguren kosten ab 3.000 ISK (20 EUR), Sets mit allen 13 Gesellen ab 25.000 ISK (165 EUR). Das Weihnachtshaus in Akureyri hat ganzjährig eine große Auswahl.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026