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Isländische Musik
Von Björk und Sigur Rós bis zu Reykjavíks Clubszene

Isländische Musik

13 Min. Lesezeit

Ein Land mit 380.000 Einwohnern, das Björk, Sigur Rós, Of Monsters and Men und Kaleo hervorgebracht hat. Pro Kopf gerechnet produziert Island mehr Musiker mit internationalem Erfolg als jedes andere Land der Welt. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Kultur, in der Musik seit Jahrhunderten Teil des täglichen Lebens ist, und einer Szene, die so klein ist, dass jeder jeden kennt.

Reykjavík hat mehr Bars mit Live-Musik pro Einwohner als jede andere Hauptstadt Europas. An einem normalen Freitagabend kann man in der Laugavegur und den Seitenstraßen zwischen 15 und 20 Konzerten wählen, von Punk im Keller bis zu Jazz im Hotelfoyer. Die Grenzen zwischen Genres verschwimmen, und es ist völlig normal, dass der Barkeeper nach seiner Schicht die Gitarre auspackt und auf die Bühne geht.

Warum Island so viel Musik produziert

Live-Konzert in einem kleinen Club in Reykjavík
Reykjavíks Clubszene: Kleine Bühnen, großer Sound, kurze Wege (KI-generiert)

Mehrere Faktoren spielen zusammen. Erstens: Musikunterricht ist in Island Teil des Schulsystems. Jedes Kind lernt ein Instrument, die meisten Gemeinden haben Musikschulen mit subventionierten Gebühren (ab 15.000 ISK/100 Euro pro Semester). Das Ergebnis: Fast jeder Isländer spielt etwas, und die Hemmschwelle, eine Band zu gründen, ist niedrig.

Zweitens: Island ist klein. In Reykjavík kennt jeder Musiker die anderen Musiker. Es gibt keine hierarchische Szene mit Gatekeepern, sondern ein Netzwerk, in dem Sängerinnen, Produzenten und Toningenieure regelmäßig die Projekte wechseln. Jón Þór Birgisson von Sigur Rós hat mit Mitgliedern von Múm zusammengearbeitet, die wiederum Sessions mit Ólafür Arnalds gespielt haben. So entsteht ein Sound, der sich gegenseitig befruchtet.

Drittens: Die langen Winter. Wenn es von November bis Februar nur vier bis fünf Stunden hell ist und draußen Sturm tobt, bleibt viel Zeit zum Proben. Isländische Musiker beschreiben die Dunkelheit und das Wetter regelmäßig als Einfluss auf ihre Musik. Der weite, offene Klang von Sigur Rós oder die minimalistische Elektronik von Ólafür Arnalds klingen nach Landschaft und Isolation.

Björk: Die Botschafterin

Björk Guðmundsdóttir, geboren 1965 in Reykjavík, ist die bekannteste isländische Musikerin aller Zeiten. Ihr Weg begann mit elf Jahren, als sie ihr erstes Album veröffentlichte, ein Kinderalbum, das in Island zum Hit wurde. Als Sängerin der Punkband Tappi Tíkarrass und später der alternativen Rockband The Sugarcubes machte sie sich in den 1980er Jahren einen Namen.

Mit ihrem Solo-Debüt „Debut" (1993) wurde Björk international bekannt. Seitdem hat sie 10 Studioalben veröffentlicht, jedes davon grundverschieden vom vorherigen. „Homogenic" (1997) verband Streichorchester mit aggressiven Beats, „Vespertine" (2001) war fast schon Kammermusik, „Biophilia" (2011) nutzte iPads als Instrumente und wurde als erste App-Album veröffentlicht. Björk hat 15 Millionen Alben verkauft und wurde für einen Oscar nominiert (für ihre Rolle im Film „Dancer in the Dark").

In Reykjavík kann man Björks Einfluss überall spüren. Sie hat die Harpa-Konzerthalle mitentwickelt, Island bei der Expo vertreten und sich politisch für den Schutz des isländischen Hochlands eingesetzt. Eine Statue gibt es nicht, denn Isländer machen keinen Personenkult. Aber ihre Musik läuft in jedem zweiten Café.

Sigur Rós und der isländische Sound

Die Harpa Konzerthalle in Reykjavík bei Abenddämmerung
Die Harpa: Reykjavíks Konzerthalle und Zentrum der isländischen Musikszene (KI-generiert)

Wenn Björk die Tür geöffnet hat, dann hat Sigur Rós den ganzen Raum betreten. Die Band aus Reykjavík, gegründet 1994, hat den Begriff „isländischer Sound" geprägt wie keine andere. Ihre Musik besteht aus langsam aufbauenden Gitarrenlandschaften, Falsettgesang, Streichern und einer Klangfülle, die in keinem Studio der Welt entsteht, sondern nur in Island.

Das Album „Ágætis byrjun" (1999, „Ein guter Anfang") ist das vielleicht wichtigste isländische Album überhaupt. Es verkaufte sich weltweit über eine Million Mal und machte die Band in Europa und den USA bekannt. Sänger Jónsi spielt seine E-Gitarre mit einem Cello-Bogen, was den charakteristischen schimmernden Klang erzeugt. Teile der Texte sind in „Vonlenska" (Hoffnungsländisch) gesungen, einer Phantasiesprache ohne Bedeutung.

Die Band hat ihre Wurzeln nie vergessen. Ihr Film „Heima" (2007) dokumentiert eine Tour durch das isländische Hinterland, bei der sie in Dorfgemeindehäusern, auf Wiesen und in verlassenen Fischfabriken spielte. Das Konzert in Ólafsvík auf Snæfellsnes fand vor 200 Menschen statt, die auf Campingstühlen saßen. Es ist einer der schönsten Musikfilme, die je gedreht wurden.

Die nächste Generation

Of Monsters and Men schafften 2011 mit „Little Talks" den Durchbruch in den USA. Die Indie-Folk-Band um Nanna Bryndís Hilmarsdóttir gewann zuvor den isländischen Bandwettbewerb Músíktilraunir und wurde praktisch über Nacht zum Exportschlager. Ihr Debütalbum „My Head Is an Animal" erreichte Platz 6 der US-Charts.

Kaleo kommen aus Mosfellsbær bei Reykjavík und spielen Blues-Rock mit isländischem Akzent. Ihr Song „Way Down We Go" wurde in über 20 US-Fernsehserien verwendet (Grey's Anatomy, The Blacklist, Blindspot). Das offizielle Musikvideo dazu wurde in einer isländischen Eishöhle gedreht. Die Band hat über 2 Milliarden Streams auf Spotify.

Ólafür Arnalds bewegt sich zwischen klassischer Musik und Elektronik. Der Multiinstrumentalist aus Mosfellsbær komponiert Filmmusik (darunter die britische Serie „Broadchurch") und füllt Konzertsäle weltweit. Sein Album „re:member" (2018) nutzt selbst programmierte Software-Pianos, die autonom auf sein Spiel reagieren. Konzerte in Reykjavík kosten ab 6.000 ISK (40 Euro) und sind oft ausverkauft.

Abseits der internationalen Stars gibt es eine dichte Szene in fast jedem Genre. Hatari vertraten Island 2019 beim Eurovision Song Contest mit Industrial-Techno und politischen Statements. Ásgeir verkaufte mit seinem Debüt „Dýrð í dauðaþögn" mehr Exemplare in Island als es Einwohner gibt (einer von zehn Isländern kaufte das Album). Daði Freyr wurde 2021 mit seinem Eurovision-Beitrag „10 Years" zur Internet-Berühmtheit.

Rímur und traditionelle Musik

Isländische Musiker spielen traditionelle Instrumente in einer Kirche
Traditionelle isländische Musik: Gesangstradition mit Wurzeln im Mittelalter (KI-generiert)

Islands musikalische Tradition reicht weit über Pop und Rock hinaus. Die Rímur sind eine Form des epischen Gesangs, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Ein Sänger (kvæðamaður) trägt lange Erzählungen in einem monotonen, hypnotischen Stil vor, der an gregorianische Gesänge erinnert. Die Texte basieren oft auf den Sagas oder der Edda. Bis ins 19. Jahrhundert war das Rímur-Singen die wichtigste Unterhaltungsform auf den abgelegenen Höfen.

Die Tvísöngur (Zweistimmigkeit) ist eine isländische Besonderheit. Zwei Sänger singen die gleiche Melodie, aber in Quinten versetzt. Das klingt rau und fremd für europäische Ohren, hat aber eine kraftvolle Wirkung, besonders in den alten Steinkirchen. Bei Dániel Bjarnason nahe Seyðisfjörður steht eine Klangskulptur namens Tvísöngur, die speziell für diese Gesangstradition gebaut wurde.

Die Langspil ist das einzige traditionelle isländische Saiteninstrument. Es sieht aus wie eine langgezogene Zither mit ein bis zwei Melodiesaiten und wird auf den Schoß gelegt. Ein verwandtes Instrument ist die Fiðla, eine zweisaitige Geige. Beide Instrumente sind selten geworden, aber im Nationalmuseum in Reykjavík kann man sie sehen, und gelegentlich spielen Musiker bei Kulturveranstaltungen darauf.

Festivals und Live-Musik

Iceland Airwaves ist das wichtigste Musikfestival Islands und findet jedes Jahr Anfang November in Reykjavík statt. Über 200 Bands spielen in vier Tagen in Clubs, Bars, Kirchen und Schwimmbädern (ja, wirklich). Die Bandbreite reicht von isländischen Newcomern bis zu internationalen Acts. Tickets kosten ab 27.900 ISK (186 Euro) für den Festivalpass. Einzeltickets für Off-Venue-Konzerte gibt es oft kostenlos.

Secret Solstice fand früher um die Sommersonnenwende im Juni statt und nutzte die Mitternachtssonne als Kulisse. Das Festival war für seine VIP-Erlebnisse bekannt, darunter ein Konzert in einer Eishöhle des Langjökull für 1.500.000 ISK (10.000 Euro) pro Person. Ob und in welcher Form das Festival 2026 stattfindet, war bei Redaktionsschluss noch unklar.

Publikum beim Iceland Airwaves Musikfestival in Reykjavík
Iceland Airwaves: Vier Tage Musik in Clubs, Kirchen und Schwimmbädern (KI-generiert)

Außerhalb von Reykjavík gibt es das Bræðslan Festival in Borgarfjörður eystri (Ostisland), das in einer ehemaligen Heringsfabrik stattfindet. Kaleo haben hier eines ihrer ersten Konzerte gespielt. Tickets kosten ab 12.000 ISK (80 Euro). In Akureyri findet jeden Sommer das Akureyri Backyard Festival statt, ein kleineres, familiäres Event mit lokalen Bands.

Musik erleben in Reykjavík

Die Harpa ist Reykjavíks Konzerthalle und Opernhaus. Das Gebäude am Hafen, entworfen vom dänisch-isländischen Künstler Ólafür Elíasson, ist schon von außen sehenswert. Die Glasfassade spiegelt Himmel und Meer und verändert sich mit dem Licht. Im Inneren spielen das Isländische Sinfonieorchester und internationale Gastsolisten. Konzerttickets kosten ab 4.000 ISK (27 Euro).

Für kleinere Konzerte sind Kex Hostel, Mengi und Gaukurinn die besten Adressen. Kex hat fast jeden Abend Live-Musik bei freiem Eintritt, Mengi konzentriert sich auf experimentelle Klänge und zeitgenössische Komposition, und Gaukurinn ist der Treffpunkt für Metal, Punk und alles, was laut ist. Der Eintritt liegt bei 2.000 bis 4.000 ISK (13 bis 27 Euro).

Tipp für den Samstag: Der isländische Rúntur (Barhopping) beginnt spät. Vor Mitternacht ist in den meisten Bars wenig los, aber ab ein Uhr nachts wird es voll, und die Live-Musik geht bis drei oder vier Uhr morgens. Viele Isländer trinken zu Hause vor (weil Alkohol in Bars teuer ist: ein Bier kostet 1.500 bis 2.000 ISK/10 bis 13 Euro) und gehen erst gegen Mitternacht los.

Das Rokksafn Íslands (Rock 'n' Roll Museum) in Keflavík bietet einen Überblick über die gesamte isländische Musikgeschichte. Man kann Instrumente ausprobieren, Interviews mit Musikern hören und sich durch Jahrzehnte isländischer Popkultur klicken. Wer auf dem Weg vom oder zum Flughafen noch eine Stunde übrig hat, ist hier gut aufgehoben.

Plattenladenregal mit isländischen Vinyl-Alben in Reykjavík
Plattenläden in Reykjavík: Hier gibt es isländische Musik auf Vinyl und CD (KI-generiert)

Häufige Fragen

Warum ist Island musikalisch so produktiv?

Die Kombination aus subventioniertem Musikunterricht, einer kleinen Szene ohne Konkurrenzdenken, langen Wintern zum Proben und einer Kultur, in der Kreativität hoch geschätzt wird. Dazu kommt, dass der Sprung von der lokalen zur internationalen Bühne dank Internet und Streaming heute viel kürzer ist.

Wann findet Iceland Airwaves statt?

Anfang November in Reykjavík. Das Festival verteilt sich auf vier Tage und zahlreiche Locations in der Innenstadt. Tickets sollte man mindestens zwei Monate vorher kaufen, besonders die Off-Venue-Konzerte in Kirchen und kleinen Bars sind schnell voll.

Wo kann man in Reykjavík kostenlos Live-Musik hören?

Das Kex Hostel hat fast jeden Abend Live-Musik bei freiem Eintritt. Viele Bars auf der Laugavegur haben freitags und samstags kostenlose Auftritte ab 22 Uhr. Im Sommer gibt es Open-Air-Konzerte im Hljómskálagarður-Park, ebenfalls gratis.

Welche isländischen Bands sollte man kennen?

Björk, Sigur Rós, Of Monsters and Men und Kaleo sind die international bekanntesten. Für experimentellere Klänge lohnen sich Ólafür Arnalds, Múm und Ásgeir. Wer es härter mag, sollte Sólstafir (Post-Metal) und Hatari (Industrial-Techno) probieren.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026