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Weihnachten in Skandinavien
Jul-Traditionen im hohen Norden

Weihnachten in Skandinavien

16 Min. Lesezeit

Dezember im Norden. Es wird um 15 Uhr dunkel, manchmal schon um 14 Uhr. In Lappland kommt die Sonne gar nicht mehr über den Horizont. Und genau in diese Dunkelheit hinein stellen die Skandinavier Kerzen in jedes Fenster, hängen Lichterketten an Balkone und Bäume, backen Plätzchen und zünden den Adventskranz an. Weihnachten im Norden ist kein kurzer Feiertag. Es ist eine wochenlange Gegenbewegung zur Dunkelheit.

In Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland und Island heißt Weihnachten "Jul" (oder auf Finnisch "Joulu"). Das Wort geht auf vorchristliche Mittwinterfeste zurück, die schon die Wikinger feierten. Vieles hat sich seitdem verändert, aber der Kern ist geblieben: Man kommt zusammen, isst gut, trinkt vielleicht ein Glas zu viel und vergisst für ein paar Tage, wie kurz die Tage sind.

Jedes skandinavische Land hat seine eigenen Traditionen. Manche sind ähnlich, andere überraschen selbst die Nachbarländer. Was alle verbindet: Jul ist ein Familienfest, und das Essen spielt eine zentrale Rolle.

Jul: das nordische Weihnachtsfest

Die Adventszeit beginnt in Skandinavien am ersten Adventsonntag, genau wie in Deutschland. Aber sie fühlt sich anders an. In Schweden zünden Kinder Adventskalenderkerzen an, in Dänemark hat fast jedes Wohnzimmer einen Kalenderlys, eine hohe Kerze mit 24 Markierungen, die jeden Tag ein Stück weiter abbrennt. In Norwegen gibt es den Julekalender im Fernsehen, eine tägliche Serie, die am 1. Dezember startet und am 24. endet. Jedes Jahr ein neues Programm, und die ganze Nation schaut zu.

Adventskerzen auf einer Fensterbank in einem skandinavischen Holzhaus mit Schnee draußen
Kerzen im Fenster gehören zum skandinavischen Advent wie der Schnee zum Winter (KI-generiert)

Der Heiligabend, der 24. Dezember, ist in allen nordischen Ländern der wichtigste Tag. Nicht der 25. nicht der 26. Am 24. wird gefeiert, gegessen, getrunken, Geschenke werden ausgepackt. Die Kirchen sind voll, auch bei Leuten, die sonst nie hingehen. In Schweden besuchen viele die Julotta, den Frühgottesdienst am Morgen des 25. Dezember, aber das eigentliche Fest findet am Vorabend statt.

Eine Sache, die alle skandinavischen Länder teilen: der Julgranen, der Weihnachtsbaum. Er wird meist erst kurz vor Heiligabend aufgestellt und mit echten Kerzen geschmückt. In Norwegen verschenkt die Stadt Oslo jedes Jahr eine riesige Fichte an London, die auf dem Trafalgar Square steht. Ein Dankeschön für die britische Hilfe im Zweiten Weltkrieg. Seit 1947, jedes einzelne Jahr.

Schweden: Lucia, Julbord und Donald Duck

Die schwedische Weihnachtssaison hat einen eigenen Startschuss: den Lucia-Tag am 13. Dezember. An diesem Morgen tritt in jeder Schule, jedem Kindergarten und vielen Firmen ein Lucia-Zug auf. An der Spitze geht eine junge Frau mit einem Kerzenkranz auf dem Kopf, weiß gekleidet, gefolgt von Sängerinnen und Sternenjungen. Sie singen "Sankta Lucia" und verteilen Lussekatter, safrangelbe Hefeteilchen. Der Brauch stammt ursprünglich aus Sizilien, hat sich aber in Schweden so fest verwurzelt, dass er heute als urchwedisch gilt.

Lucia-Prozession mit Kerzenkranz und weißen Gewändern in einer schwedischen Kirche
Der Lucia-Zug am 13. Dezember ist in Schweden ein emotionaler Höhepunkt der Adventszeit (KI-generiert)

Das Julbord ist das schwedische Weihnachtsbuffet. Es beginnt Wochen vor Heiligabend, denn Restaurants und Firmen laden zum Julbord ein. Das Angebot ist riesig: Hering in verschiedenen Marinaden, Lachs, Köttbullar, Prinskorv (kleine Würstchen), Janssons frestelse (ein Kartoffelauflauf mit Anchovis), Weihnachtsschinken mit Senf, und zum Nachtisch Ris à la Malta, ein Milchreis mit Mandelsplittern. Wer die ganze Mandel findet, darf sich etwas wünschen.

Und dann ist da die Sache mit Donald Duck. Jedes Jahr am 24. Dezember um 15 Uhr sendet SVT die Sendung "Kalle Anka och hans vänner önskar God Jul". Die gleichen alten Disney-Kurzfilme, seit 1959. Und Schweden schaut zu. Jedes Jahr. Über 30 Prozent Marktanteil. Wer um 15 Uhr anruft, wird gebeten, später nochmal zu versuchen.

Nach dem Essen kommt der Jultomte, der schwedische Weihnachtsmann. Er klopft an die Tür und fragt: "Finns det några snälla barn här?" (Gibt es hier artige Kinder?). Meistens ist es der Nachbar oder Onkel, der sich verkleidet hat. Die Kinder wissen es, tun aber so, als wüssten sie es nicht.

Norwegen: Julenisse und Pinnekjøtt

In Norwegen bringt der Julenisse die Geschenke. Er sieht aus wie ein kleiner Gnom mit roter Mütze und langem weißem Bart. Ursprünglich war der Nisse ein Hofgeist, der den Bauernhof beschützte, solange man ihn gut behandelte. Am Heiligabend stellte man ihm eine Schale Grøtbrei (Grützbrei) vor die Scheune. Wer das vergaß, musste im neuen Jahr mit Ärger rechnen. Heute hat sich der Nisse mit dem modernen Weihnachtsmann vermischt, aber die Grøt-Tradition lebt weiter.

Das norwegische Weihnachtsessen variiert stark nach Region. An der Westküste, besonders in Bergen und Umgebung, isst man Pinnekjøtt: gesalzene und getrocknete Lammrippen, die über Birkenzweigen gedämpft werden. Der Geschmack ist intensiv, salzig, und das Fleisch fällt vom Knochen. Im Osten des Landes, rund um Oslo, bevorzugt man Svineribbe, knusprigen Schweinebauch. Im Norden gibt es oft Lutefisk, in Lauge eingelegten Stockfisch, den man entweder liebt oder hasst.

Norwegisches Pinnekjøtt mit Kohlrabi-Stampf und Kartoffeln auf einem weihnachtlich gedeckten Tisch
Pinnekjøtt ist das typische Weihnachtsessen in Westnorwegen (KI-generiert)

Norwegische Weihnachtsbäckerei ist eine ernste Angelegenheit. Traditionell backt man sieben Sorten Plätzchen, die Syv slag. Dazu gehören Berlinerkranser (buttrige Kringel), Sandkaker (Sandgebäck), Krumkaker (knusprige Waffelröllchen) und Fattigmann (frittiertes Gebäck). Wer weniger als sieben Sorten hat, gilt als faul. In manchen Familien sind es eher vierzehn.

Am 23. Dezember, dem Lille Julaften (Kleiner Heiligabend), wird der Weihnachtsbaum geschmückt, Risgrøt (Milchreis) gekocht und das Haus für den nächsten Tag vorbereitet. Viele Familien essen an diesem Abend Risgrøt mit Zucker, Zimt und einem Butterauge in der Mitte.

Dänemark: Hygge und Risalamande

Wenn es ein Land gibt, das Weihnachten als Lebensgefühl versteht, dann Dänemark. Das Wort Hygge, das sich nur unzureichend mit "Gemütlichkeit" übersetzen lässt, erreicht im Dezember seinen Höhepunkt. Kerzen brennen überall, Decken liegen auf Sofas, Glögg (Glühwein) steht warm auf dem Herd, und über allem liegt der Duft von Æbleskiver, runden Pfannkuchenbällchen, die in Puderzucker und Marmelade getaucht werden.

Das Julefrokost, das dänische Weihnachtsmittagessen, zieht sich über Wochen. Firmen, Vereine, Freundesgruppen veranstalten ab Ende November ihre eigenen Julefrokost-Feiern. Es gibt eingelegten Hering, Leverpostej (Leberpastete), warmen Rotkohl, Frikadeller und jede Menge Bier und Akvavit. Die Stimmung ist ausgelassen, und es wird getanzt. Wer in Kopenhagen im Dezember ein Restaurant besucht, findet die Hälfte der Tische für Julefrokost reserviert.

Am Heiligabend wird in den meisten dänischen Familien Ente oder Gans serviert, dazu Kartoffeln, braune Soße und Rotkohl. Der Höhepunkt des Abends ist das Dessert: Risalamande, ein kalter Milchreis mit gehackten Mandeln und warmer Kirschsoße. In einer Portion ist eine ganze Mandel versteckt. Wer sie findet, bekommt die Mandelgave, ein kleines Geschenk. Das Spiel dabei: Man kaut langsam, behält die Mandel im Mund und verrät erst am Ende, dass man sie hat. Manche Familien spielen das Spiel über eine halbe Stunde.

Dänische Risalamande mit warmer Kirschsoße in einer weißen Schale auf einem weihnachtlichen Tisch
Risalamande mit Kirschsoße ist das dänische Weihnachtsdessert schlechthin (KI-generiert)

Nach dem Essen tanzen die Dänen um den Weihnachtsbaum. Alle fassen sich an den Händen und gehen singend im Kreis um den geschmückten Baum. Das klingt kitschig, aber wenn man dabei steht und "Nu er det jul igen" singt, während die Kerzen am Baum brennen, dann versteht man, warum die Dänen so an dieser Tradition hängen. Danach werden die Geschenke ausgepackt.

Finnland: Sauna und Joulupukki

Finnland hat einen Trumpf, den kein anderes Land hat: den offiziellen Wohnort des Weihnachtsmanns. Der Joulupukki lebt am Korvatunturi in Lappland, und sein Büro steht im Santa Claus Village in Rovaniemi, direkt am Polarkreis. Jedes Jahr besuchen Hunderttausende den Ort, schreiben Briefe an den Weihnachtsmann und lassen sich fotografieren. Die Finnen finden das etwas kommerziell, gehen aber trotzdem hin, wenn Besuch aus dem Ausland kommt.

Der Name Joulupukki bedeutet wörtlich "Weihnachtsbock". Ursprünglich war er eine Schreckfigur, die an Weihnachten von Haus zu Haus zog und Essen verlangte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde er zum freundlichen Geschenkebringer, behielt aber den Namen. In finnischen Familien kommt der Joulupukki am Heiligabend persönlich vorbei, klopft an die Tür und fragt: "Onko täällä kilttejä lapsia?" (Gibt es hier brave Kinder?).

Eine finnische Weihnachtstradition, die Besucher oft berührt: Am Heiligabend gehen Familien auf den Friedhof und stellen Kerzen auf die Gräber ihrer Verstorbenen. Wenn Tausende Kerzen im Schnee flackern, ist das ein stiller, ergreifender Moment. Besonders der Hietaniemi-Friedhof in Helsinki verwandelt sich in ein Lichtermeer.

Vor dem Festessen geht die ganze Familie in die Sauna. Das ist Pflicht. Die Weihnachtssauna, Joulusauna, gehört zum Heiligabend wie der Baum. Danach kommt das Essen: Joulukinkku, ein großer Weihnachtsschinken, der über Nacht im Ofen gegart wird, dazu Lanttulaatikko (Steckrübenauflauf), verschiedene Aufläufe aus Kartoffeln und Möhren, Rosolli-Salat aus Roter Bete, und natürlich Glögi, der finnische Glühwein mit Mandeln und Rosinen.

Island: die 13 Weihnachtsgesellen

Island hat statt einem Weihnachtsmann gleich dreizehn: die Jólasveinar, die Weihnachtsgesellen. Sie kommen ab dem 12. Dezember, einer pro Tag, aus den Bergen herab in die Dörfer. Jeder hat seinen eigenen Charakter und Namen. Stekkjastaur (Schafschreck) kommt am 12. Dezember und belästigt Schafe. Giljagaur (Schaumschlürfer) am 13. und stiehlt Milchschaum. Stúfür (Stumpi), Þvörusleikir (Löffellecker), Pottaskefill (Topfkratzer), Askasleikir (Schüssellecker), Hurðaskellir (Türenknaller), Skyrgámur (Skyrgierig), Bjúgnakrækir (Wursträuber), Gluggagægir (Fensterglotzer), Gáttaþefür (Türschlitzschnüffler), Ketkrókur (Fleischhaken) und Kerzenschnorrer kommen in den folgenden Tagen.

Kinder stellen abends einen Schuh ins Fenster. Waren sie brav, finden sie am nächsten Morgen ein kleines Geschenk darin. Waren sie ungezogen, gibt es eine rohe Kartoffel. Ab dem 25. Dezember verschwinden die Weihnachtsgesellen wieder, einer pro Tag, zurück in die Berge.

Noch düsterer ist die Grýla, die Mutter der Weihnachtsgesellen. Sie ist eine Trollfrau, die unartige Kinder in ihrem Sack sammelt und in einem Topf kocht. Dazu kommt die Jólakötturinn, die Weihnachtskatze, ein riesiges Tier, das Kinder frisst, die zu Weihnachten keine neuen Kleider bekommen haben. Klingt brutal, aber isländische Kinder finden das eher lustig als gruselig.

Beleuchtete Weihnachtsdekoration in Reykjavik mit Bergen im Hintergrund
Weihnachtsstimmung in Reykjavik: In Island beginnt das Fest schon am 12. Dezember (KI-generiert)

Das isländische Weihnachtsessen ist deftig: Hangikjöt (geräuchertes Lammfleisch) mit Kartoffeln und Béchamelsauce, oder Rjúpa (Schneehuhn), das lange als Delikatesse galt. Dazu gibt es Laufabrauð, das Blattbrot, dünne runde Fladenbrote mit eingeritzten Mustern, die kurz frittiert werden. Die Muster zu ritzen ist eine Familienaktivität, und in manchen Häusern werden die Werkzeuge von Generation zu Generation weitergegeben.

Weihnachtsmärkte in Skandinavien

Die skandinavischen Weihnachtsmärkte sind kleiner als die deutschen, dafür oft atmosphärischer. Hier die besten:

In Stockholm findet der älteste Weihnachtsmarkt im Freilichtmuseum Skansen statt. Seit 1903. Handwerker zeigen traditionelle Techniken, es gibt Glögg und Pepparkakor (Pfefferkuchen), und über allem liegt der Duft von Bienenwachskerzen. In Göteborg verwandelt sich der Vergnügungspark Liseberg in "Jul på Liseberg" mit fünf Millionen Lichtern.

Kopenhagen hat mehrere Weihnachtsmärkte. Der im Tivoli ist der bekannteste: 70.000 Glühbirnen, Karussells, Glögg-Stände. Auf Schloss Frederiksborg nördlich der Stadt findet ein kleinerer Markt in historischer Kulisse statt. In Oslo lohnt der Julemarked vor dem Volksmuseum in Bygdøy, wo man zwischen historischen Holzhäusern steht.

In Helsinki findet der Weihnachtsmarkt auf dem Senatsplatz statt, mit der weißen Kathedrale als Kulisse. Und wer es richtig nordisch will, fährt nach Rovaniemi in Finnisch-Lappland, wo im Santa Claus Village das ganze Jahr über Weihnachten ist, aber im Dezember die Stimmung nochmal eine andere Qualität bekommt, wenn tatsächlich Schnee liegt und die Polarnacht regiert.

Häufige Fragen zu Weihnachten in Skandinavien

Wann feiern die Skandinavier Weihnachten?

Der 24. Dezember, Heiligabend, ist in allen nordischen Ländern der Hauptfeiertag. Das Festessen findet am Abend statt, Geschenke werden danach ausgepackt. Der 25. und 26. Dezember sind ebenfalls Feiertage, aber ruhiger. In Island beginnen die Festlichkeiten schon am 12. Dezember mit dem ersten Weihnachtsgesellen.

Liegt an Weihnachten in Skandinavien Schnee?

In Lappland und Nordfinnland so gut wie sicher, oft schon ab Oktober. In Stockholm und Kopenhagen ist Schnee an Weihnachten eher Glückssache. Die dänische Hauptstadt hat statistisch nur alle drei bis vier Jahre weiße Weihnachten. Wer Schneegarantie will, fährt nach Nordschweden, Nordnorwegen oder Finnisch-Lappland.

Kann man als Tourist Weihnachten in Skandinavien erleben?

Weihnachtsmärkte und öffentliche Veranstaltungen sind natürlich für alle zugänglich. Hotels in den Städten bieten oft spezielle Weihnachtspakete an. In Lappland kann man die Feiertage in einer Blockhütte verbringen. Restaurants servieren Julbord oder Julefrokost auch für Gäste. Die eigentlichen Familienfeiern am 24. sind aber privat.

Was schenkt man in Skandinavien zu Weihnachten?

Ähnlich wie in Deutschland: Bücher, Kleidung, Spiele, Elektronik. In Schweden sind Bücher besonders beliebt, da viele Verlage ihre großen Titel pünktlich zu Weihnachten veröffentlichen (die sogenannte Julbok-Tradition). In Dänemark und Norwegen sind Gesellschaftsspiele sehr gefragt. Teure Geschenke werden oft gemeinsam in der Familie finanziert.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.