Rentiere in Schweden
Inhaltsverzeichnis
- 1 250.000 Rentiere im schwedischen Fjäll
- 2 Rentiere und die Sámi-Kultur
- 3 Wo man Rentiere beobachten kann
- 4 Jokkmokk: Das kulturelle Zentrum
- 5 Sámi-Rentierfarmen für Touristen
- 6 Rentiere im Straßenverkehr
- 7 Der Jahreszyklus der Rentierhaltung
- 8 Rentierfleisch: Von Renskav bis Suovas
- 9 Häufige Fragen
Wer zum ersten Mal auf der E10 Richtung Abisko unterwegs ist und plötzlich eine Herde Rentiere auf der Straße stehen sieht, vergisst das nicht so schnell. Die Tiere schauen dich an, als gehöre die Straße ihnen. Streng genommen stimmt das auch. Rund 250.000 halbdomestizierte Rentiere leben in Schweden, fast alle unter der Obhut samischer Rentierhirten.
Ich bin mittlerweile viele Male durch Schwedisch-Lappland gefahren und gewandert. Rentiere begegnen mir jedes Mal. Auf Wanderwegen, an Straßenrändern, beim Zeltplatz am Fjäll. Trotzdem bin ich nie gleichgültig geworden. Jede Begegnung hat etwas, das mich innehalten lässt. Vielleicht liegt es daran, dass diese Tiere eine jahrtausendealte Verbindung zu den Menschen hier verkörpern.
250.000 Rentiere im schwedischen Fjäll
Schweden hat eine der größten Rentierpopulationen Europas. Die Zahl schwankt je nach Jahr und Wetterbedingungen, liegt aber stabil bei rund 250.000 Tieren. Anders als in Norwegen, wo auch Wildrene vorkommen, sind praktisch alle schwedischen Rentiere halbdomestiziert. Sie gehören samischen Rentierhaltungsgemeinschaften, den sogenannten Samebyar.
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Die Tiere leben das ganze Jahr über draußen. Im Sommer weiden sie im Fjäll oberhalb der Baumgrenze, wo der Wind die Mücken fernhält und frische Gräser wachsen. Im Winter ziehen sie hinunter in die Wälder, wo sie unter dem Schnee nach Flechten graben. Dieses Wandermuster zwischen Sommerweide und Winterweide prägt das Leben der Rentiere und ihrer Hirten seit Jahrhunderten.
Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über etwa 55 Prozent der schwedischen Landfläche. Von Karesuando im Norden bis Idre in Dalarna im Süden. Die höchste Dichte findet man in Norrbottens län und Västerbottens län. Wer in diesen Regionen unterwegs ist, hat gute Chancen auf Begegnungen, besonders entlang der E10, E45 und Riksväg 45.
Rentiere und die Sámi-Kultur
Rentierhaltung ist in Schweden per Gesetz ein exklusives Recht der Sámi. Nur Mitglieder einer Sameby dürfen Rentiere besitzen und halten. Es gibt 51 Samebyar in Schweden, die sich über das gesamte Rentierhaltungsgebiet verteilen. Rund 4.600 Sámi sind aktiv in der Rentierhaltung tätig.
Für die samische Kultur ist das Rentier weit mehr als ein Nutztier. Es ist Identität, Sprache, Lebensweise. Im Nordsamischen gibt es über 300 verschiedene Wörter für Rentiere. Abhängig von Alter, Geschlecht, Farbe, Geweihform und Charakter. Ein junges weibliches Rentier im zweiten Jahr heißt anders als eines im dritten. Diese Differenzierung zeigt, wie genau Sámi ihre Tiere kennen.
Jedes Rentier trägt eine individuelle Ohrmarkierung. Ein System aus Schnitten und Kerben, das seit Generationen verwendet wird. Anhand dieser Markierung erkennt der Hirte, wem ein Tier gehört, auch in einer Herde von tausend Tieren. Die Muster werden innerhalb der Familie weitergegeben. Zusätzlich kommen heute GPS-Halsbänder zum Einsatz, mit denen Hirten die Wanderungen per Smartphone verfolgen können.
Die Rentierhaltung steht unter Druck. Klimawandel verändert die Schneebedingungen. Eisregen im Winter legt eine harte Kruste über den Schnee, durch die die Tiere nicht graben können. Windkraftanlagen und Bergbau schrumpfen die Weideflächen. Und die Preise für Rentierfleisch sind in den letzten Jahren gesunken. Viele junge Sámi fragen sich, ob die Rentierhaltung noch eine wirtschaftliche Zukunft hat.
Wo man Rentiere beobachten kann
Die kurze Antwort: überall nördlich von Dorotea. Wer durch Norrbotten, Västerbotten oder Jämtland fährt, wird früher oder später Rentiere treffen. Bestimmte Orte sind aber besonders zuverlässig.
Die Strecke zwischen Kiruna und Abisko auf der E10 ist fast schon garantiert. Hier grasen im Sommer große Herden direkt neben der Straße. Und auf der Straße. Im Padjelanta-Nationalpark und im Sarek trifft man auf Herden, die seit Jahrhunderten dieselben Routen nutzen.
Der Kungsleden, Schwedens bekanntester Fernwanderweg, führt direkt durch Rentierhaltungsgebiet. Auf den Etappen zwischen Abisko und Kvikkjokk sind Begegnungen die Regel, nicht die Ausnahme. Im Padjelanta-Nationalpark bin ich einmal auf eine Herde von geschätzt 500 Tieren gestoßen, die sich über einen ganzen Berghang verteilte. Ich saß eine Stunde lang still und habe zugeschaut. Das war eindringlicher als jede geführte Tour.
Jokkmokk: Das kulturelle Zentrum
Jokkmokk ist das kulturelle Zentrum der Sámi in Schweden. Beim jährlichen Wintermarkt Anfang Februar kann man Rentiere hautnah erleben. Der Markt findet seit 1605 statt und zieht jedes Jahr rund 30.000 Besucher an. Rentiere werden vorgeführt, es gibt Renrennen, und samische Kunsthandwerker verkaufen Produkte aus Rentierleder und Geweih.
Im Ájtte Museum in Jokkmokk wird die Geschichte der samischen Rentierhaltung ausführlich dokumentiert. Alte Fotografien, traditionelle Werkzeuge, interaktive Karten der Wanderrouten. Für mich war der Besuch im Ájtte ein Schlüsselerlebnis. Erst danach habe ich verstanden, dass die Rentiere, die ich auf dem Kungsleden traf, nicht einfach „da waren". Sie folgten Routen, die Generationen von Hirten vor ihnen kannten.
In Jokkmokk gibt es auch das Restaurant Ájtte, das samische Gerichte mit lokalem Rentierfleisch anbietet. Nicht billig, aber authentisch. Wer sich traut, probiert auch Blutbrot (sautisleipä). Es schmeckt milder als es klingt und ist traditionell sehr nahrhaft.
Sámi-Rentierfarmen für Touristen
Mehrere samische Unternehmen bieten geführte Rentier-Erlebnisse an. In Jokkmokk, Gällivare und Kiruna gibt es Anbieter, bei denen man Rentiere füttern, eine Rentierschlittenfahrt machen oder an einer traditionellen Kota (Samenzelt) sitzen und samisches Essen probieren kann. Preise liegen zwischen 800 und 2.500 SEK pro Person, je nach Programm und Dauer.
Nutti Sámi Siida in Jukkasjärvi, direkt neben dem berühmten Eishotel, bietet ganzjährig Touren an. Im Winter fährt man mit dem Rentierschlitten durch die verschneite Landschaft. Im Sommer besucht man die Herde auf der Sommerweide. Die Guides sind selbst Sámi und erzählen aus ihrer Lebenswirklichkeit. Kein Folklore-Programm, sondern echte Einblicke.
Ein weiterer guter Anbieter ist Sámi Siida in Gällivare. Hier verbringt man einen halben Tag mit einer samischen Familie, füttert Rentiere, lernt über Ohrmarkierungen und trinkt Kaffee am Lagerfeuer. Die Atmosphäre ist entspannt und persönlich. Man spürt, dass die Menschen das nicht nur als Geschäft betreiben, sondern ihr Leben teilen wollen. Ein Halbtagesausflug kostet ca. 1.200 SEK pro Person.
Rentiere im Straßenverkehr
Jedes Jahr werden in Schweden rund 4.000 bis 6.000 Rentiere im Straßenverkehr getötet oder verletzt. Das ist eine ernsthafte Zahl. Für die Tiere, für die Hirten (die entschädigt werden, aber unter dem Marktwert) und für die Autofahrer. Rentiere haben kein Konzept von Straßen. Sie stehen auf dem Asphalt, weil er warm ist. Sie laufen vor Autos her, statt zur Seite zu weichen. Sie kreuzen plötzlich.
Besonders gefährlich sind die E10 zwischen Luleå und Kiruna, die E45 durch Jämtland und Västerbotten sowie die Riksväg 45. In diesen Gebieten stehen Warnschilder mit Rentiersymbolen, aber die helfen nur begrenzt. Die eigentliche Regel lautet: Geschwindigkeit anpassen. Wer mit 90 km/h durch Norrbotten fährt und ein Rentier auf der Straße sieht, hat wenig Reaktionszeit. 70 km/h sind in Rentierhaltungsgebieten vernünftiger, auch wenn das Tempolimit höher liegt.
Wichtig: Wenn ein Rentier die Straße kreuzt, kommen fast immer weitere nach. Rentiere sind Herdentiere. Einzelne Tiere bedeuten, dass die Herde irgendwo in der Nähe ist. Motor drosseln, warten, weiterfahren, wenn die Straße frei ist. Hupen hilft wenig. Die Tiere reagieren darauf unberechenbar.
Bei einem Unfall: Sofort die Polizei anrufen unter 112. In Schweden besteht Meldepflicht bei Wildunfällen, die auch für Rentiere gilt. Die Polizei informiert den Rentierhirten. Den Unfallort markieren und das Tier nicht selbst bewegen.
Der Jahreszyklus der Rentierhaltung
Das Jahr eines Rentierhirten folgt einem festen Rhythmus. Im Frühjahr (April bis Mai) kalben die Weibchen. Die Kalbung findet in geschützten Gebieten statt, oft in Birkenwaldzonen zwischen Fjäll und Tiefland. Hirten meiden Störungen so gut es geht. Ein einzelnes Kalb wiegt bei der Geburt 5 bis 7 Kilogramm und steht innerhalb einer Stunde auf den Beinen.
Im Sommer (Juni bis August) ziehen die Herden ins Hochfjäll. Die Tiere fressen sich Fettreserven an: Gräser, Kräuter, Pilze, Birkenblätter. Gleichzeitig fliehen sie vor den berüchtigten Mücken- und Bremsschwärmen der Tiefebene. Im Juli können die Mücken so dicht sein, dass die Rentiere in Panikbewegungen (Stampeden) ausbrechen. Hirten nutzen heute Helikopter und Drohnen, um die Herden im Blick zu behalten.
Der Herbst (September bis Oktober) bringt die Rentierscheidung, auf Samisch renskiljning. Die Herden werden zusammengetrieben, die Kälber markiert, Schlachttiere aussortiert. Diese Arbeit ist körperlich hart und emotional. In den Corrals, kreisrunden Gehegen aus Holzzäunen, laufen Tausende Tiere zusammen. Hirten greifen einzelne Tiere, prüfen Markierungen, sortieren. Das geht tagelang.
Im Winter (November bis März) ziehen die Rentiere in die Nadelwälder der Tiefebene. Dort graben sie mit den Hufen durch den Schnee, um an Rentierflechten zu gelangen. In Wintern mit Eisregen, wenn eine harte Eiskruste den Schnee bedeckt, wird die Futtersuche zum Problem. Dann müssen Hirten zufüttern, was teuer ist und die ohnehin schmalen Margen weiter drückt.
Rentierfleisch: Von Renskav bis Suovas
Rentierfleisch ist eines der gesündesten Fleischsorten überhaupt. Fettarm, proteinreich, mit hohem Eisengehalt. Die Tiere fressen ausschließlich natürliche Nahrung: Flechten, Gräser, Pilze. Sie leben ihr ganzes Leben draußen. Massentierhaltung gibt es nicht. Das schmeckt man.
Das bekannteste Gericht ist Renskav (Rentierschnitzel): dünn geschnittenes Rentierfleisch, in der Pfanne gebraten, mit Sahnesauce, Preiselbeeren und Kartoffelpüree serviert. In Nordschweden steht Renskav auf fast jeder Speisekarte. In Jokkmokk, Kiruna und Gällivare bekommt man es in Restaurants ab 180 bis 250 SEK.
Suovas ist über offenem Feuer geräuchertes Rentierfleisch. Eine samische Spezialität, die man auf dem Jokkmokk-Markt direkt probieren kann. Der Geschmack ist intensiver als bei frischem Fleisch, rauchig und würzig. Geräuchertes Rentierfleisch (rökren) und Trockenfleisch (torkad renkött) findet man auch in Supermärkten. Ein Paket Renskav im ICA kostet ca. 90 bis 120 SEK.
Verhaltensregeln bei Begegnungen: Abstand halten, mindestens 30 bis 50 Meter. Hunde an die Leine, denn ein freilaufender Hund kann eine ganze Herde in Panik versetzen. Nicht füttern. Keine Drohnen in der Nähe von Herden. Und wenn man auf dem Kungsleden auf eine renskiljning trifft: warten oder einen großen Bogen machen. Die Hirten arbeiten dort, und Störungen können stundenlange Arbeit zunichtemachen.
Häufige Fragen
Wie viele Rentiere gibt es in Schweden?
Rund 250.000 halbdomestizierte Rentiere leben in Schweden. Die Zahl schwankt je nach Kalbjahr und Wetterbedingungen. Wildrentiere gibt es praktisch nicht. Fast alle Tiere gehören samischen Rentierhaltungsgemeinschaften (Samebyar).
Wo in Schweden sieht man Rentiere am besten?
Die zuverlässigsten Gebiete sind die E10 zwischen Kiruna und Abisko, der Kungsleden, der Padjelanta-Nationalpark und die Region um Jokkmokk. Im Sommer grasen die Tiere im offenen Fjäll, im Winter ziehen sie in die Wälder der Tiefebene.
Darf man Rentiere füttern?
Nein. Füttern gewöhnt die Tiere an Menschen und Straßen, was zu mehr Unfällen führt. Rentiere sind halbdomestizierte Nutztiere und gehören samischen Hirten. Abstand halten und die Tiere in Ruhe lassen ist der beste Respekt.
Was kostet eine Rentier-Erlebnistour?
Geführte Rentier-Erlebnisse kosten zwischen 800 und 2.500 SEK pro Person. Rentierschlittenfahrten, Fütterungen und Besuche bei samischen Familien sind typische Angebote. Anbieter wie Nutti Sámi Siida in Jukkasjärvi oder Sámi Siida in Gällivare bieten ganzjährig Programme an.
Wie schmeckt Rentierfleisch?
Rentierfleisch hat einen milden, leicht würzigen Wildgeschmack. Es ist deutlich magerer als Rind und hat einen hohen Eisengehalt. Das bekannteste Gericht ist Renskav (dünn geschnittenes Fleisch mit Sahnesauce und Preiselbeeren). Geräuchertes Rentierfleisch (Suovas) schmeckt intensiver und eignet sich als Snack auf Wanderungen.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026





