Der Olavsweg
Es gibt Wanderwege, die man geht, um die Natur zu sehen. Den Olavsweg geht man, um sich selbst zu finden, oder zumindest, um eine Weile lang nichts anderes zu tun als einen Fuß vor den anderen zu setzen. 643 Kilometer trennen Oslo von Trondheim, und der Pilegrimsleden verbindet die beiden Städte auf einem Weg, der seit dem Mittelalter von Pilgern begangen wird. Das Ziel war damals wie heute der Nidarosdom, die Grabkirche des heiligen Olav, des Königs, der Norwegen christianisierte und dafür mit seinem Leben bezahlte.
Ich habe den Olavsweg nicht am Stück gemacht, sondern in drei Abschnitten über zwei Sommer verteilt. Das liegt daran, dass ich kein Profi bin und dass 643 Kilometer in norwegischem Gelände etwas anderes bedeuten als 643 Kilometer auf dem Jakobsweg in Spanien. Hier gibt es keine flachen Meseta-Ebenen. Hier geht es durch Täler, über Pässe, entlang von Flüssen und durch Wälder, die so dicht sind, dass man das Tageslicht nur von oben sieht. Aber genau das macht diesen Weg besonders.
Der Pilegrimsleden im Überblick
Der Olavsweg, auf Norwegisch Pilegrimsleden, führt von Oslo nach Norden durch das Østerdalen oder das Gudbrandsdal (es gibt mehrere Varianten), über das Dovrefjell und hinunter nach Trondheim. Die Hauptroute durch das Gudbrandsdal ist die beliebteste und am besten markierte. Sie folgt weitgehend dem historischen Weg, den die mittelalterlichen Pilger genommen haben.
Die gesamte Strecke ist in 32 Etappen unterteilt, die zwischen 15 und 30 Kilometer lang sind. Für die Hauptroute sollte man vier bis fünf Wochen einplanen. Geübte Wanderer schaffen es auch in drei Wochen, aber dann bleibt wenig Zeit für Pausen und Besichtigungen. Der Weg ist mit dem St.-Olavs-Kreuz markiert, einem roten Kreuz auf weißem Grund, das man an Bäumen, Zäunen und Steinen findet.
Der Höhenunterschied auf der Gesamtstrecke ist beträchtlich. Man startet in Oslo auf Meeresniveau, steigt im Gudbrandsdal auf über 1.000 Meter auf dem Dovrefjell und fällt dann wieder auf Meeresniveau in Trondheim ab. Die anspruchsvollsten Abschnitte liegen im Dovrefjell, wo der Weg über offenes Fjell führt und das Wetter unberechenbar ist. Die meisten anderen Etappen verlaufen durch bewaldetes Hügelland und sind technisch einfach.
Die Geschichte des Pilgerwegs
Alles begann mit König Olav Haraldsson, der im Jahr 1030 in der Schlacht bei Stiklestad fiel. Olav hatte versucht, Norwegen unter einer Krone zu vereinen und den christlichen Glauben im Land zu verbreiten. Nach seinem Tod begannen Wunderheilungen an seinem Grab in Trondheim, und innerhalb weniger Jahre wurde er heiliggesprochen. Der Nidarosdom wurde über seinem Grab errichtet und entwickelte sich zum wichtigsten Wallfahrtsort Nordeuropas.
Im Mittelalter kamen Pilger aus ganz Skandinavien, aus England, Schottland und sogar aus Island nach Trondheim. Der Weg von Oslo, damals Christiania, war die meistbenutzte Route. Entlang des Weges entstanden Herbergen, Hospitäler und Kapellen, deren Überreste man heute noch findet. Mit der Reformation im 16. Jahrhundert endete die Pilgerfahrt abrupt. Die protestantischen Könige verboten den Heiligenkult, und der Weg geriet in Vergessenheit.
Erst 1997 wurde der Pilegrimsleden offiziell wiedereröffnet, inspiriert vom Erfolg des Jakobswegs in Spanien. Seitdem sind die Pilgerzahlen stetig gestiegen. Rund 3.000 Menschen gehen jedes Jahr den gesamten Weg oder Teile davon. Das ist deutlich weniger als auf dem Camino de Santiago, was den Olavsweg zu einem stillen, einsamen Erlebnis macht. An manchen Tagen begegnet man keinem anderen Wanderer.
Die Etappen von Oslo nach Trondheim
Der Weg beginnt an der Domkirche in Oslo, mitten in der Innenstadt. Die ersten Etappen führen durch Oslos Vororte und dann in die Wälder des Nordmarka. Das Stadtgebiet lässt man nach etwa 20 Kilometern hinter sich. Die erste richtige Etappe endet in Kløfta, einem kleinen Ort nördlich von Oslo. Ab hier wird die Landschaft ländlicher: Bauernhöfe, Birkenwälder und der Fluss Vorma, dem man eine Weile folgt.
In Eidsvoll, etwa 70 Kilometer nördlich von Oslo, passiert man den Ort, an dem 1814 die norwegische Verfassung unterzeichnet wurde. Das Eidsvoll-Gebäude kann besichtigt werden und bietet einen willkommenen Kulturhalt. Weiter geht es entlang des Mjøsa, Norwegens größtem See. Der Weg führt am Ostufer entlang, vorbei an Hamar mit seiner mittelalterlichen Domruine unter einem modernen Glasdach, einem architektonischen Kuriosum, das man gesehen haben sollte.
Durch das Gudbrandsdal
Ab Lillehammer betritt man das Gudbrandsdal, eines der schönsten Täler Norwegens. Der Fluss Lågen fließt durch das Tal, eingerahmt von bewaldeten Bergen. Die Ortschaften werden kleiner, die Abstände zwischen ihnen größer. In Ringebu steht eine der besterhaltenen Stabkirchen Norwegens, ein rotbraunes Holzbauwerk aus dem 13. Jahrhundert mit einem markanten Turm. Die Kirche war eine wichtige Station für mittelalterliche Pilger, und das ist sie noch heute.
Weiter nördlich passiert man Vinstra, Kvam und Dombås. Die Landschaft wird rauer, die Berge höher, die Baumgrenze rückt näher. Zwischen den Orten führt der Weg oft über alte Hofwege und durch Almgebiete, wo im Sommer Kühe grasen und die Sennhütten noch bewirtschaftet werden. An einigen Stellen sieht man die Überreste mittelalterlicher Steinbrücken, die vor 700 Jahren gebaut wurden und immer noch ihren Dienst tun.
Das Gudbrandsdal ist auch ein kulinarisches Erlebnis. Die Bauernhöfe entlang des Weges verkaufen Brunost (braunen Käse), geräucherte Forelle und selbst gebackenes Brot. In einigen Orten gibt es Pilgerherbergen, die ein einfaches Abendessen anbieten. Die Qualität der lokalen Produkte ist sehr gut, und nach einem langen Wandertag schmeckt ein Stück Brunost auf frischem Brot wie ein Festmahl.
Über das Dovrefjell nach Trondheim
Bei Dombås verlässt der Weg das Gudbrandsdal und steigt auf das Dovrefjell. Dies ist der anspruchsvollste Abschnitt des Olavswegs. Das Gelände wird alpin, die Vegetation verschwindet, und der Weg führt über offenes Fjell auf einer Höhe von über 1.000 Metern. Hier lebt eine Herde Moschusochsen, die letzten in Europa. Mit etwas Glück sieht man die zottigen Tiere in der Ferne grasen. Man sollte ihnen allerdings nicht zu nahe kommen, denn Moschusochsen können aggressiv werden.
Die historische Pilgerherberge Hjerkinn liegt am Fuß des Dovrefjells und ist ein guter Übernachtungsort, bevor man den Pass überquert. Von hier sind es noch etwa 150 Kilometer bis Trondheim. Der Abstieg nach Oppdal auf der Nordseite des Fjells führt durch eine Landschaft, die sich mit jedem Höhenmeter verändert: von karger Tundra über Zwergbirken bis hin zu dichten Nadelwäldern.
Die letzten Etappen nach Trondheim verlaufen durch sanftes Hügelland und entlang des Flusses Nidelva. Je näher man der Stadt kommt, desto mehr Zeichen der Zivilisation tauchen auf: Straßen, Häuser, andere Menschen. Der letzte Tag führt am Flussufer entlang in die Altstadt von Trondheim. Und dann steht man plötzlich vor dem Nidarosdom, der größten gotischen Kathedrale Skandinaviens, und es ist vorbei. Viele Pilger weinen in diesem Moment. Nicht aus Trauer, sondern weil 643 Kilometer Weg in einem Augenblick zusammenfallen und man begreift, was man gerade geschafft hat.
Unterkünfte und Verpflegung
Entlang des Olavswegs gibt es verschiedene Unterkunftstypen. Pilgerherbergen bieten einfache Mehrbettzimmer zu Preisen zwischen 300 und 500 NOK pro Nacht. Einige sind historische Gebäude, andere moderne Einrichtungen. In den Dörfern gibt es Pensionen und kleine Hotels, die zwischen 600 und 1.200 NOK kosten. Campingplätze finden sich in regelmäßigen Abständen, und wildes Zelten ist dank des Jedermannsrechts überall erlaubt.
Die Verpflegung kann eine Herausforderung sein. Nicht jeder Ort hat einen Supermarkt, und die Abstände zwischen den Einkaufsmöglichkeiten betragen manchmal 50 Kilometer oder mehr. Es lohnt sich, Proviant für zwei bis drei Tage im Rucksack zu haben. Die Pilgerherbergen bieten oft ein einfaches Frühstück und manchmal ein Abendessen. In den größeren Orten wie Lillehammer, Ringebu und Oppdal gibt es Restaurants und Cafés.
Praktische Tipps und Packliste
Der Pilgerpass ist das wichtigste Dokument auf dem Weg. Man erhält ihn in der Domkirche in Oslo oder online beim Pilegrimssenter. An den einzelnen Stationen sammelt man Stempel, und in Trondheim bekommt man mit dem vollgestempelten Pass die Olavs-Urkunde, das norwegische Pendant zur Compostela. Der Pass dient auch als Nachweis für ermäßigte Übernachtungspreise in den Pilgerherbergen.
Die beste Reisezeit ist Juni bis September. Im Juni sind die Tage am längsten, aber der Schnee auf dem Dovrefjell kann noch liegen. Der Juli ist der wärmste Monat, aber auch der touristischste. Im August werden die Nächte kühler und die Wälder färben sich. Im September ist man oft allein auf dem Weg, muss aber mit Frost und frühem Schnee auf den Höhen rechnen.
Für die Packliste gilt: Weniger ist mehr. Der Rucksack sollte nicht mehr als 10 bis 12 Kilogramm wiegen. Unverzichtbar sind wasserdichte Wanderschuhe, Regenkleidung, ein warmer Fleece, ein Hüttenschlafsack, Blasenpflaster und eine gute Karte. Die offizielle Wanderkarte des Pilegrimsleden im Maßstab 1:50.000 deckt den gesamten Weg ab und enthält alle Unterkünfte und Versorgungspunkte.
Häufig gestellte Fragen
Wie lange braucht man für den gesamten Olavsweg?
Für die gesamte Strecke von 643 Kilometern sollte man vier bis fünf Wochen einplanen. Geübte Wanderer schaffen es in drei Wochen, aber dann bleibt kaum Zeit für Pausen und Besichtigungen. Man kann den Weg auch in Etappen über mehrere Jahre verteilen.
Muss man religiös sein, um den Olavsweg zu gehen?
Nein, der Olavsweg steht allen offen, unabhängig von Glaube oder Motivation. Viele Wanderer gehen den Weg aus sportlichen Gründen, zur Selbstfindung oder einfach, weil sie Norwegen erleben wollen. Die spirituelle Dimension ist ein Angebot, keine Voraussetzung.
Ist der Olavsweg gut markiert?
Die Hauptroute durch das Gudbrandsdal ist gut mit dem St.-Olavs-Kreuz markiert. Auf dem Dovrefjell können die Markierungen bei schlechtem Wetter schwer zu sehen sein. Eine Karte und ein GPS-Gerät sind trotzdem empfehlenswert, besonders auf den Fjellabschnitten.
Was kostet der Olavsweg insgesamt?
Bei Übernachtung in Pilgerherbergen und Selbstverpflegung sollte man mit etwa 500 bis 800 NOK pro Tag rechnen. Für fünf Wochen sind das 17.500 bis 28.000 NOK (etwa 1.500 bis 2.400 Euro). Wer zeltet und selbst kocht, kommt günstiger weg. Hotels und Restaurants erhöhen das Budget deutlich.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026