Sognefjellet Norwegen
Die Sognefjellet-Straße ist die höchste Passstraße Nordeuropas. Das klingt nach einem Superlativ, der auf Postkarten gedruckt wird, und genau das ist er auch. Aber wenn man dort oben steht, auf 1434 Metern, und die Landschaft in alle Richtungen offen daliegt, dann vergisst man die Zahlen. Dann sieht man nur noch Schneefelder im Juli, braune Flechten auf grauem Gestein und einen Himmel, der näher scheint als unten im Tal.
Ich bin die Strecke von Lom nach Gaupne gefahren, an einem Mittwoch im August. Das Wetter wechselte innerhalb einer Stunde dreimal. Unten im Bøverdalen schien die Sonne, auf halber Höhe zog Nebel auf, und am Pass selbst war es klar, aber so kalt, dass ich die Fleecejacke brauchte. Elf Grad, mitten im Sommer. Die Rv55 ist keine Straße für Eilige. Sie verlangt Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, immer wieder anzuhalten. Wer das mitbringt, erlebt eine der großartigsten Bergfahrten, die Europa zu bieten hat.
Über den höchsten Pass Nordeuropas
Die Sognefjellet-Straße, offiziell ein Abschnitt der Riksvei 55, verbindet das Gudbrandsdalen im Osten mit dem Sognefjord im Westen. Der höchste Punkt liegt auf 1434 Metern über dem Meer, zwischen den Gebirgsmassiven Jotunheimen und Breheimen. Der Name Sognefjellet bezieht sich auf das Gebirgsplateau, über das die Straße führt. Die eigentliche Passhöhe ist ein flacher, windgepeitschter Sattel, der sich kaum als dramatischer Gipfelpunkt inszeniert. Es gibt ein Schild, einen Parkplatz und eine Weite, die einen schlucken lässt.
Der Jotunheimen-Nationalpark grenzt direkt an die Straße. Von mehreren Parkplätzen entlang der Route starten Wanderwege zu Gipfeln, Gletschern und Bergseen. Die höchsten Berge Norwegens, Galdhøpiggen (2469 m) und Glittertind (2465 m), liegen nur wenige Kilometer entfernt. Das Gebiet gehört zu den alpinsten Landschaften Skandinaviens. Wer die Alpen kennt, wird Parallelen sehen, aber auch Unterschiede: Die Vegetation ist karger, die Baumgrenze liegt tiefer, und die Einsamkeit ist größer.
Was mich überrascht hat, war die Stille. Auf den Alpenpässen gibt es Motorradkolonnen, Souvenirshops und Restaurants. Am Sognefjellet gibt es einen Parkplatz, einen Steinmann und Wind. An einem Dienstagmorgen im August stand ich dort mit vier anderen Autos. In den Alpen wäre derselbe Pass von hundert Fahrzeugen belagert gewesen. Norwegen hat noch Platz, auch auf seinen berühmtesten Straßen.
Die Route im Detail: Von Lom nach Gaupne
Die klassische Fahrt über das Sognefjellet beginnt in Lom, einem kleinen Ort am Zusammenfluss von Otta und Bøvra. Lom hat eine der schönsten Stabkirchen Norwegens, ein Bergmuseum und eine Bäckerei, die landesweit bekannt ist. Von hier führt die Rv55 zunächst durch das Bøverdalen, ein grünes Tal mit Birken, Almwiesen und einzelnen Höfen. Die Straße steigt sanft an, der Fluss rauscht neben der Fahrbahn, und die Berge rücken langsam näher.
Nach etwa 20 Kilometern beginnt der eigentliche Aufstieg. Die Straße windet sich in Kehren nach oben, die Bäume werden kleiner und verschwinden schließlich ganz. Auf etwa 1000 Metern erreicht man die Baumgrenze. Ab hier dominieren Flechten, Moose und kurzes Gras. Die Farben wechseln von Grün zu Braun. Schneefelder tauchen auf, selbst im Hochsommer. Die Luft wird dünner und kälter.
Der höchste Punkt kommt fast beiläufig. Kein dramatischer Gipfel, sondern ein weites Plateau, das sich in alle Richtungen erstreckt. Hier oben liegt der Schnee bis weit in den Juli hinein. Die Straße führt durch eine Landschaft, die arktisch wirkt: steinig und menschenleer. Nur der Asphalt erinnert daran, dass man sich noch in der Zivilisation befindet.
Auf der Westseite geht es steil hinunter ins Lustrafjord-Tal, einen Seitenarm des Sognefjords. Der Abstieg ist der dramatischere Teil der Route. Die Straße fällt in engen Kehren ab, links der steil aufragende Berg, rechts der Blick über das Tal und den Fjord in der Ferne. An klaren Tagen sieht man das Wasser schon von oben, ein blauer Streifen zwischen grünen Hängen. Gaupne, der Endpunkt auf der Westseite, liegt direkt am Fjord.
Die gesamte Strecke von Lom nach Gaupne beträgt etwa 108 Kilometer. Ohne Stopps braucht man zweieinhalb Stunden. Aber ohne Stopps fährt hier niemand. Rechnet mit vier bis fünf Stunden, wenn ihr wandern, fotografieren und einfach schauen wollt. Die Straße ist durchgehend asphaltiert und gut ausgebaut, aber stellenweise schmal. Gegenverkehr erfordert an manchen Stellen Ausweichmanöver.
Schnee im Sommer: Warum die Straße nur wenige Monate offen ist
Die Sognefjellet-Straße ist eine Sommerstraße. Sie wird in der Regel zwischen Anfang Juni und Mitte Oktober geöffnet, abhängig von der Schneelage. In schneereichen Jahren kann die Öffnung bis Mitte Juni dauern. Im Herbst wird die Straße geschlossen, sobald der erste Schnee liegenbleibt. Im Winter liegt hier oben vier bis sechs Meter Schnee. Die Räumungskosten wären immens, und es gibt schlicht keinen Bedarf: Die wenigen Bewohner der Region nutzen alternative Routen.
Die Schneewände bei der Öffnung im Frühsommer sind eine Attraktion für sich. Direkt neben der Fahrbahn türmen sich Schneemauern von zwei bis drei Metern Höhe. Die Kontraste sind surreal: schwarzer Asphalt, weiße Schneewände, blauer Himmel. Viele Reisende kommen gezielt in den ersten Wochen nach der Öffnung, um dieses Bild zu erleben. Mitte Juli sind die Schneewände meist geschmolzen, aber einzelne Schneefelder halten sich bis in den September.
Das Wetter am Pass ist unberechenbar. Selbst an warmen Sommertagen kann es oben neblig, windig und kalt sein. Temperaturen unter zehn Grad sind normal. Regen kann in Schneeregen übergehen. Ich empfehle dringend, warme Kleidung mitzunehmen, auch wenn im Tal 25 Grad sind. Die Wetterumschwünge kommen schnell, und wer auf dem Plateau bei einer Wanderung in kurzen Hosen überrascht wird, hat ein Problem.
Wanderungen am Sognefjellet
Das Sognefjellet ist ein Tor zum Jotunheimen-Nationalpark, und einige der besten Wanderungen Norwegens starten direkt an der Straße. Man braucht kein Auto abzustellen und stundenlang zum Ausgangspunkt zu laufen. Der Parkplatz ist der Ausgangspunkt.
Fannaråken (2068 m)
Der Fannaråken ist einer der lohnendsten Gipfel in Jotunheimen. Der Weg startet an der Sognefjellshytta und führt über etwa 12 Kilometer zum Gipfel. Die Steigung beträgt rund 800 Höhenmeter. Oben steht die Fannaråkhytta, eine DNT-Hütte auf 2068 Metern, die höchste bewirtschaftete Hütte Norwegens. Die Aussicht reicht bei klarem Wetter bis zum Meer. Der Aufstieg dauert fünf bis sechs Stunden, der Abstieg drei bis vier. Man kann in der Hütte übernachten und am nächsten Tag absteigen. DNT-Mitglieder zahlen rund 500 NOK pro Nacht mit Halbpension.
Galdhøpiggen über Spiterstulen
Von der Rv55 bei Røisheim zweigt eine Mautstraße (60 NOK) nach Spiterstulen ab, dem klassischen Ausgangspunkt für die Besteigung des Galdhøpiggen. Die Route über den Styggebreen-Gletscher erfordert einen Führer (geführte Touren ab 500 NOK) und Gletscherausrüstung. Die Route ohne Gletscher über die Westseite ist länger, aber ohne Seilschaft machbar. Hin und zurück dauert die Tour sechs bis acht Stunden.
Kürzere Touren am Pass
Wer nicht gleich auf einen Zweitausender will, findet am Sognefjellet mehrere kürzere Wanderungen. Vom Parkplatz Mefjellet (1185 m) führt ein markierter Pfad zu einem Aussichtspunkt mit Blick über die Hochebene, etwa 45 Minuten einfach. Die Landschaft ist offen und übersichtlich, Orientierung ist auch ohne Karte möglich. Am Turtagrø-Parkplatz startet eine zweistündige Rundwanderung entlang eines Bergsees, die auch für Familien mit älteren Kindern geeignet ist.
Mit dem Rad über den Pass
Die Sognefjellet-Straße ist eine der großen Herausforderungen für Radfahrer in Norwegen. Der Aufstieg von Lom ist lang, aber nicht übermäßig steil. Die durchschnittliche Steigung liegt bei vier bis fünf Prozent, mit einzelnen Abschnitten bis acht Prozent. Von Lom bis zum Pass sind es etwa 55 Kilometer und rund 1100 Höhenmeter. Das ist eine Tagesleistung für trainierte Radfahrer.
Die Abfahrt auf der Westseite ist steil und kurvenreich. Bremsbeläge kontrollieren, Geschwindigkeit drosseln, und die Kurven nicht unterschätzen. Ich habe Radfahrer gesehen, die auf der Abfahrt schneller waren als die Autos. Das ist möglich, aber nicht klug. Die Straße ist an manchen Stellen feucht von Schmelzwasser, und der Belag kann rutschig sein.
Für die Radtour empfehle ich Juli oder August, wenn die Tage lang und die Temperaturen erträglich sind. Wind ist auf dem Plateau ein Faktor. Gegenwind auf den letzten Kilometern vor dem Pass kann die Kräfte aufbrauchen. Warme Kleidung für die Abfahrt einpacken: Oben ist es kalt, und der Fahrtwind verstärkt das noch. Ein Windbreaker ist Pflicht.
Die Tour lässt sich gut mit einer Übernachtung in der Sognefjellshytta oder der Turtagrø-Lodge verbinden. So kann man den Aufstieg und die Abfahrt auf zwei Tage verteilen und hat Zeit, die Umgebung zu genießen. Die Sognefjellshytta liegt direkt am Pass und bietet Zimmer ab 900 NOK pro Nacht.
Geschichte der Passstraße
Der Weg über das Sognefjellet ist alt. Schon in der Wikingerzeit nutzten Händler den Pass, um Waren zwischen dem Gudbrandsdalen und dem Sognefjord zu transportieren. Im Mittelalter war die Route ein wichtiger Handelsweg für getrockneten Fisch, Eisen und Pelze. Die Überquerung dauerte mehrere Tage und war gefährlich. Schneestürme, selbst im Sommer, konnten tödlich sein.
Die erste befahrbare Straße wurde 1938 eröffnet. Sie war eine Schotterstraße, schmal und abenteuerlich, und nur wenige Monate im Jahr passierbar. In den 1960er Jahren wurde die Straße ausgebaut und asphaltiert. Seit 1997 ist die Sognefjellet-Straße eine der 18 Norwegischen Landschaftsrouten (Nasjonale Turistveger), was zusätzliche Investitionen in Aussichtspunkte, Rastplätze und Architektur gebracht hat.
Die Norwegischen Landschaftsrouten zeichnen sich durch ihre architektonisch gestalteten Rastplätze aus. Am Sognefjellet gibt es mehrere davon, entworfen von norwegischen Architekten. Sie sind minimalistisch, aus Stahl, Beton und Holz, und fügen sich erstaunlich gut in die karge Landschaft ein. Mein Favorit ist der Rastplatz Mefjellet, eine geschwungene Plattform aus Cortenstahl, die wie ein natürlicher Felsvorsprung über das Tal ragt. Der Blick von dort ist den Stopp wert, auch wenn man keine Pause braucht.
Übernachten und Einkehr
Am Sognefjellet gibt es wenige, aber gute Übernachtungsmöglichkeiten. Die wichtigsten liegen direkt an der Straße oder in kurzer Entfernung davon.
Die Sognefjellshytta liegt auf 1400 Metern direkt am Pass. Sie ist eine der höchstgelegenen Berghütten Norwegens, die man mit dem Auto erreichen kann. Das Haus hat eine lange Tradition und bietet sowohl einfache Zimmer als auch komfortablere Varianten. Das Restaurant serviert norwegische Küche mit Wild, Fisch und lokalen Zutaten. Zimmer kosten ab 900 NOK pro Nacht. Im Sommer ist Reservierung empfehlenswert.
Das Turtagrø Hotel liegt auf der Westseite des Passes auf 884 Metern Höhe. Es ist seit 1888 ein Ausgangspunkt für Bergsteiger und hat sich seinen alpinen Charakter bewahrt. Das Hotel wurde 2001 nach einem Brand neu aufgebaut, im traditionellen Stil, aber mit modernem Komfort. Das Restaurant gehört zu den besten in der Region. Übernachtungen ab 1200 NOK.
Das Røisheim Hotel im Bøverdalen, ein historischer Gasthof aus dem 18. Jahrhundert, ist eine gute Option für die Nacht vor oder nach der Passfahrt. Die Zimmer sind in alten Holzgebäuden untergebracht, das Essen ist lokal und saisonal. Das Ambiente erinnert an ein Freilichtmuseum, aber es ist ein echtes, bewohntes Hotel. Ab 1100 NOK pro Nacht.
Wer mit Zelt oder Wohnmobil unterwegs ist, findet in Lom und Gaupne Campingplätze. Wildcampen ist dank des Jedermannsrechts erlaubt, aber auf dem Plateau gibt es wenig Schutz vor Wind und Wetter. Ein Zelt auf 1400 Metern im Wind aufzubauen, ist machbar, aber kein Vergnügen. Besser etwas unterhalb des Passes zelten, im Schutz der letzten Bäume.
Praktische Tipps für die Sognefjellet-Straße
Anreise: Von Oslo nach Lom sind es etwa 350 Kilometer über die E6 und Rv15, rund vier Stunden Fahrzeit. Von Bergen nach Gaupne sind es 280 Kilometer, ebenfalls etwa vier Stunden. Die Rv55 ist Teil einer beliebten Rundtour durch Westnorwegen, die sich gut mit dem Geirangerfjord und der Trollstigen-Route verbinden lässt.
Tanken: Die letzte Tankstelle vor dem Pass befindet sich in Lom (Ostseite) bzw. Gaupne (Westseite). Auf der Strecke selbst gibt es keine Tankstelle, keinen Kiosk und keinen Automaten. Vollgetankt losfahren. Elektroautos sollten mit mindestens 80 Prozent Ladestand starten. Eine Ladesäule gibt es in Lom.
Wohnmobile: Die Straße ist für Wohnmobile geeignet, aber an einigen Stellen schmal. Fahrzeuge über 10 Meter Länge sollten vorsichtig sein. Die Kehren auf der Westseite sind eng. Gegenverkehr kann bedeuten, dass einer zurücksetzen muss. Im Hochsommer (Juli/August) ist der Verkehr am stärksten.
Öffnungszeiten: Die Straße ist wetterabhängig geöffnet, in der Regel von Anfang Juni bis Mitte Oktober. Die aktuellen Straßenverhältnisse findet man auf vegvesen.no. Nach der Sperrung im Herbst gibt es keine Alternative über das Gebirge. Man muss dann den Umweg über Fagernes oder den Lærdalstunnel nehmen.
Maut: Die Sognefjellet-Straße selbst ist mautfrei. Nur die Stichstraße nach Spiterstulen kostet 60 NOK. Bezahlung vor Ort in bar oder per Karte.
Häufige Fragen
Wann ist die Sognefjellet-Straße geöffnet?
In der Regel von Anfang Juni bis Mitte Oktober, abhängig von der Schneelage. In manchen Jahren öffnet die Straße erst Mitte Juni. Die aktuellen Öffnungszeiten findet man auf der Webseite der norwegischen Straßenverwaltung (vegvesen.no).
Ist die Straße auch mit dem Wohnmobil befahrbar?
Ja, aber mit Einschränkungen. Die Straße ist an einigen Stellen schmal, besonders die Kehren auf der Westseite. Wohnmobile bis etwa 8 Meter Länge haben keine Probleme. Größere Fahrzeuge sollten vorsichtig sein und bei Gegenverkehr ausweichen können.
Wie kalt wird es auf dem Pass im Sommer?
Selbst im Juli und August liegen die Temperaturen auf dem Pass oft zwischen 5 und 12 Grad Celsius. Wind und Regen können das Kälteempfinden verstärken. Warme Kleidung ist in jeder Jahreszeit empfehlenswert. Im Juni und September kann es auf dem Pass schneien.
Gibt es Einkehrmöglichkeiten auf der Strecke?
Die Sognefjellshytta liegt direkt am Pass und bietet Essen und Getränke. Das Turtagrø Hotel auf der Westseite hat ebenfalls ein Restaurant. Ansonsten gibt es auf der Strecke keine Versorgung. Proviant und Wasser mitnehmen.
Kann man am Sognefjellet wild campen?
Ja, das Jedermannsrecht gilt auch hier. Man darf im Abstand von mindestens 150 Metern zu bewohnten Gebäuden zelten. Auf dem Plateau ist es windig und exponiert, daher empfehle ich, etwas unterhalb des Passes im Schutz von Geländeformationen zu zelten. Feuermachen ist im Sommer oft verboten.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026