Dovrefjell Nationalpark
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Das Dovrefjell ist Norwegens geografisches und kulturelles Rückgrat. Ein Gebirgszug, der das Land von Ost nach West teilt und seit Jahrhunderten als natürliche Grenze zwischen Nord und Süd gilt. "Enig og tro til Dovre faller" schworen die norwegischen Verfassungsväter 1814: "Einig und treu, bis das Dovrefjell fällt." Das Gebirge steht noch. Und die Moschusochsen, die hier leben, auch.
Der Nationalpark erstreckt sich über 289 Quadratkilometer in der Provinz Innlandet, zwischen Oppdal und Hjerkinn. Zusammen mit den umliegenden Schutzgebieten umfasst das zusammenhängende Naturgebiet über 4.000 Quadratkilometer. Die E6 und die Dovrebahn durchqueren das Gebiet, was die Anreise einfach macht. Man fährt durch, sieht die Berge rechts und links, und kann an mehreren Stellen anhalten und loswandern.
Im Dovrefjell treffen Hochgebirge und arktische Tundra aufeinander. Die Vegetation erinnert an Spitzbergen, obwohl man nur 350 Kilometer nördlich von Oslo ist. Und es gibt ein Tier hier, das es sonst nirgendwo in Skandinavien gibt.
Das Dovrefjell: Norwegens Rückgrat
Schon die Wikinger kannten den Dovre als Grenze. Wer von Trondheim nach Oslo wollte, musste über das Gebirge. Die alten Wege sind noch heute sichtbar, einige als Wanderpfade ausgebaut. Der Königsweg (Kongevegen) zwischen Hjerkinn und Tofte wurde restauriert und ist heute eine der historisch bedeutsamsten Wanderrouten des Landes. Pilger und Könige nutzten ihn über Jahrhunderte, ebenso wie Kaufleute auf dem Weg zwischen den Landesteilen.
Der Nationalpark wurde 2002 in seiner heutigen Form eingerichtet, nachdem ein ehemaliger Militärschießplatz bei Hjerkinn stillgelegt und renaturiert wurde. Das Gelände wurde von Munitionsresten geräumt und der Natur zurückgegeben. Heute grasen Moschusochsen und Rentiere dort, wo früher Panzer rollten. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür, was möglich ist, wenn man eine Landschaft in Ruhe lässt.
Die Hochebene liegt auf 1.000 bis 1.500 Metern. Darüber ragen die Gipfel auf, allen voran die Snøhetta mit ihren 2.286 Metern. Die Landschaft wirkt weit und offen, fast karg. Nur Flechten und Moose, dazu ein paar Zwergweiden. Im Herbst wird alles goldbraun. Im Winter weiß. Im Frühling, wenn der Schnee schmilzt, türkis von den Schmelzwasserbächen.
Moschusochsen: Relikte der Eiszeit
Die Moschusochsen im Dovrefjell sind ein Stück lebende Erdgeschichte. Die Tiere überlebten die letzte Eiszeit zusammen mit Mammuts und Wollnashörnern. In Europa waren sie ausgestorben. 1931 wurden zehn Tiere aus Grönland nach Dovrefjell gebracht. Die Herde wuchs langsam, hatte Rückschläge, aber überlebte. Heute leben etwa 250 bis 300 Moschusochsen im Gebiet. Es ist die einzige wilde Population in Europa.
Die Tiere sehen aus wie aus einer anderen Zeit. Massig, tief hängender Kopf, langes Fell, das fast den Boden berührt. Bullen wiegen bis zu 400 Kilogramm. Im Winter schützt sie eine Unterwolle namens Qiviut, die wärmer ist als jede Schafswolle. Im Frühling werfen sie das Unterfell ab, und überall im Gelände findet man graue Wollfetzen in den Büschen hängen.
Man kann die Moschusochsen auf eigene Faust suchen. Sie halten sich meist in den offenen Gebieten bei Kongsvold und Hjerkinn auf. Aber Vorsicht: Die Tiere können aggressiv werden, besonders Kühe mit Kälbern und Bullen während der Brunft im August und September. 200 Meter Mindestabstand sind Pflicht. Wenn ein Tier den Kopf senkt und mit den Hufen scharrt, sofort zurückweichen. Nicht rennen. Langsam gehen.
Sicherer ist eine geführte Safari. Mehrere Anbieter in Oppdal und Hjerkinn organisieren Touren mit erfahrenen Guides, die wissen, wo die Herden stehen und wie man sich nähert, ohne die Tiere zu stören. Die Touren dauern vier bis sechs Stunden und kosten zwischen 600 und 900 NOK pro Person. Die Erfolgsquote liegt bei über 90 Prozent. Man sieht fast immer Moschusochsen. Manchmal aus 50 Metern Entfernung.
Snøhetta: der berühmte Gipfel
Bis 1813 galt die Snøhetta als höchster Berg Norwegens. Dann stellte sich heraus, dass Galdhøpiggen im Jotunheimen höher ist. Trotzdem hat die Snøhetta nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Sie ist einer der meistbestiegenen Berge des Landes. Der Name bedeutet "Schneehut", und den trägt sie meistens: Auf dem Gipfelplateau liegt fast ganzjährig Schnee.
Die Standardroute startet an der Snøheim-Hütte auf 1.502 Metern. Von dort sind es etwa fünf Stunden zum Gipfel, über Geröllfelder und Schneefelder. Technisch nicht schwierig, aber die Länge und die Höhenmeter (rund 800) erfordern gute Kondition. Im Sommer, wenn die Tage lang sind, ist die Tour gut an einem Tag machbar. Bei Nebel allerdings kann man sich auf dem weitläufigen Gipfelplateau leicht verirren. Karte und Kompass sind hier keine Option, sondern Voraussetzung.
Die Aussicht vom Gipfel reicht bei klarem Wetter über das halbe Mittelnorwegen. Im Westen sieht man die Küste, im Osten die Rondane, im Norden den Trollheimen. Ein Gipfelbuch liegt aus, und wer es aufschlägt, liest Einträge aus über hundert Jahren. Das Architekturbüro Snøhetta, eines der bekanntesten der Welt, hat sich übrigens nach diesem Berg benannt. Der Gründer sah den Gipfel bei einer Wanderung und entschied sich sofort.
Wanderwege und Hütten
Das Dovrefjell ist durchzogen von markierten Wanderwegen, die vom DNT (Norwegischer Wanderverein) betreut werden. Die Hütten Reinheim und Snøheim bilden zusammen mit der Åmotdalshytta ein Dreieck, das sich perfekt für eine Drei-Tages-Tour eignet. Die Etappen sind zwischen 15 und 20 Kilometer lang, mit moderaten Höhenunterschieden. Zwischendurch kann man die Snøhetta besteigen oder die Moschusochsen-Gebiete durchqueren.
Die Reinheim-Hütte ist der beste Ausgangspunkt, um Moschusochsen zu beobachten. Sie liegt mitten im Kerngebiet der Herde, und morgens stehen die Tiere manchmal direkt vor der Tür. Die Hütte ist im Sommer bewirtschaftet und bietet warme Mahlzeiten. Im Winter ist sie offen, aber unbewirtschaftet. Der Zustieg von Hjerkinn dauert etwa vier Stunden.
Kongsvold Fjeldstue an der E6 ist ein historischer Gasthof, der seit dem 12. Jahrhundert Reisende beherbergt. Heute ist er ein komfortables Hotel mit Restaurant, das regionale Küche serviert. Von hier starten mehrere Tageswanderungen ins Dovrefjell, darunter der Aufstieg zur Knutshøe (1.690 m), ein relativ leichter Gipfel mit guter Aussicht auf die Snøhetta. Die Tour dauert fünf bis sechs Stunden.
Für Tagesausflügler ist die Wanderung von Hjerkinn zur Vesllie-Hütte ideal. Etwa zweieinhalb Stunden einfach, flaches Gelände, gute Chancen auf Moschusochsen. Die Hütte liegt an einem kleinen See und eignet sich als Picknickplatz. Von dort kann man entweder zurückgehen oder weiter zur Reinheim wandern.
Viewpoint Snøhetta: Architektur auf 1.500 Metern
2011 wurde am ehemaligen Schießplatz Hjerkinn ein Gebäude eröffnet, das sofort internationale Aufmerksamkeit bekam. Viewpoint Snøhetta, entworfen vom Architekturbüro Snøhetta (ja, die heißen wirklich so), ist ein frei zugänglicher Aussichtspavillon auf 1.500 Metern Höhe. Das Gebäude besteht aus Cortenstahl und Glas und duckt sich wie ein Steinhaufen in die Landschaft. Von außen fast unsichtbar, von innen ein Panoramafenster auf die Snøhetta.
Der Weg zum Viewpoint startet am Parkplatz Hjerkinn Fjellstue und dauert etwa eineinhalb Stunden. Leicht, flach, auch für Familien mit Kindern machbar. Am Pavillon angekommen, setzt man sich auf die Holzbänke, schaut durch die große Glasscheibe und hat den Berg vor sich. Im Sommer kann man die Wildrentiere auf den Hängen erkennen. Im Herbst leuchtet die Tundra in Rottönen.
Das Gebäude hat auch einen Bildungszweck. Ausstellungstafeln erklären die Renaturierung des ehemaligen Militärgeländes. Zwischen 1999 und 2020 wurden über 2.000 Tonnen Metallschrott und Munitionsreste entfernt. Die Natur hat sich erstaunlich schnell erholt. Wo vor 20 Jahren Panzer fuhren, wachsen heute wieder Flechten und grasen Moschusochsen.
Winter im Dovrefjell
Im Winter wird das Dovrefjell arktisch. Temperaturen von minus 30 Grad sind keine Seltenheit. Der Wind kann die gefühlte Temperatur noch weiter drücken. Trotzdem kommen Winterwanderer und Skitourengeher, denn die Landschaft in Weiß ist von einer Stille, die man körperlich spürt. Kein Rauschen, kein Plätschern, nichts. Nur der Schnee unter den Skiern.
Die Hütten des DNT sind auch im Winter zugänglich. Die Snøheim und die Reinheim haben offene Winterräume mit Brennholz, Gaskocher und Decken. Man braucht einen DNT-Schlüssel (erhältlich gegen Kaution bei DNT) und muss sich selbst versorgen. Die Wege sind mit Stangen markiert, die über den Schnee herausragen. Bei schlechter Sicht können sie die einzige Orientierung sein.
Moschusochsen-Safaris werden auch im Winter angeboten. Die Tiere sind dann durch ihr dichtes Fell besonders gut gegen die Kälte geschützt, und die Gruppen stehen oft eng zusammen, was die Beobachtung erleichtert. Gegen den weißen Schnee sind die dunklen Silhouetten schon aus großer Entfernung sichtbar. Die Wintertouren sind kürzer als die Sommertouren, aber intensiver. Man muss sich warm anziehen: Skiunterwäsche, Daunen und Windschutz. Gesichtsmaske nicht vergessen.
Für Langläufer gibt es in der Region Oppdal ein umfangreiches Loipennetz. 200 Kilometer gespurte Loipen, von leichten Rundkursen bis zu anspruchsvollen Strecken ins Gebirge. Oppdal war Austragungsort der nordischen Ski-Junioren-WM und hat die Infrastruktur dafür. Von der Loipe aus sieht man die Gipfel des Dovrefjell am Horizont.
Flora, Fauna und Geologie
Das Dovrefjell ist geologisch alt. Die Gesteine stammen teilweise aus dem Kambrium, über 500 Millionen Jahre. Die Hochebene wurde während der Eiszeiten mehrfach von Gletschern überformt, was die sanften, gerundeten Bergformen erklärt. Anders als im Jotunheimen gibt es hier keine steilen Grate und spitzen Gipfel, sondern weite, offene Flächen, die fast tischeben wirken.
Die Flora des Dovrefjell ist für Botaniker ein Schatz. Hier wachsen über 40 Pflanzenarten, die sonst nur in der Arktis vorkommen. Darunter der Dovrefjell-Steinbrech und die Gletscherhahnenfuß, die auf den kalkhaltigen Böden der Hochebene gedeihen. Im Juni und Juli blühen die Berghänge, und die Polsterblumen bilden bunte Teppiche zwischen den Steinen. Wer sich für alpine Botanik interessiert, findet im Dovrefjell eine der artenreichsten Hochgebirgsfloren Europas.
Neben den Moschusochsen leben im Dovrefjell Wildrentiere und Vielfraße. Auch Polarfüchse und Lemminge kommen vor. Der Steinadler kreist über den Hochflächen, und der Gerfalke brütet an den Felswänden. In den Feuchtgebieten der Täler rasten Zugvögel auf ihrem Weg nach Norden. Das Ökosystem ist intakt und komplex, trotz der scheinbaren Kargheit.
Ein besonderes Phänomen ist der Fokstumyra-Moor im Südosten des Parks. Eines der am besten erhaltenen Hochmoore Norwegens, Heimat seltener Vögel und Pflanzen. Es gibt einen Naturlehrpfad mit Stegen und Infotafeln. Der Besuch dauert ein bis zwei Stunden und lässt sich gut mit einer Wanderung im Dovrefjell kombinieren.
Anreise und praktische Infos
Das Dovrefjell ist gut erreichbar. Die E6 durchquert das Gebiet, und die Dovrebahn hält in Hjerkinn, Kongsvold und Oppdal. Von Oslo sind es mit dem Zug etwa fünf Stunden nach Hjerkinn. Von Trondheim nur zwei. Wer mit dem Auto kommt, parkt am besten in Hjerkinn oder an der Kongsvold Fjeldstue.
Oppdal ist der größte Ort in der Nähe und hat Hotels sowie Restaurants. Auch Sportgeschäfte sind vorhanden. Auch ein Supermarkt ist da. Hier kann man sich mit Proviant und Ausrüstung eindecken. Hjerkinn ist deutlich kleiner, hat aber die Fjellstue und den direkten Zugang zum Park. Für die Moschusochsen-Safaris bucht man am besten über die lokalen Anbieter Moskus Safari oder Dovrefjell Adventure.
Die beste Reisezeit ist von Juni bis Oktober. Im Hochsommer sind die Tage lang, die Hütten bewirtschaftet und die Bedingungen am stabilsten. Im September und Oktober kommen die Herbstfarben. Der Winter (Dezember bis April) ist für Erfahrene, die Kälte und Navigation im Schnee beherrschen.
Ein Ferienhaus in der Region Oppdal oder im Gudbrandsdalen ist eine gute Basis für Tagesausflüge ins Dovrefjell. Von dort erreicht man die Ausgangspunkte in 30 bis 60 Minuten. Alternativ bieten die DNT-Hütten im Park Übernachtungsmöglichkeiten direkt in der Natur.
Häufig gestellte Fragen
Kann man Moschusochsen garantiert sehen?
Bei einer geführten Safari liegt die Erfolgsquote bei über 90 Prozent. Auf eigene Faust ist es Glückssache, aber im Gebiet um Hjerkinn und Kongsvold stehen die Chancen gut. Fernglas und Geduld mitbringen.
Wie gefährlich sind Moschusochsen?
Sie greifen selten an, aber es passiert. 200 Meter Abstand sind Pflicht. Wenn ein Tier Drohgebärden zeigt (Kopf senken, Scharren), langsam zurückweichen. Nicht rennen. Hunde im Dovrefjell immer anleinen.
Ist die Snøhetta schwer zu besteigen?
Technisch nein, konditionell ja. 800 Höhenmeter über Geröll und Schneefelder. Gute Schuhe, Regenschutz und Proviant sind Pflicht. Bei Nebel ist Orientierung auf dem Gipfelplateau schwierig. Karte und Kompass mitnehmen.
Wie viele Tage braucht man für das Dovrefjell?
Zwei Tage für Moschusochsen-Safari und Tageswanderung. Vier bis fünf Tage für die Hüttenrunde mit Snøhetta-Besteigung. Einen Tag für den Viewpoint Snøhetta und den Fokstumyra-Moor.
Kann man das Dovrefjell mit der Rondane kombinieren?
Ja, die beiden Gebiete liegen nebeneinander. Von Hjerkinn zum Spranget (Rondane) sind es etwa 90 Minuten mit dem Auto. Man kann auch zu Fuß von Hütte zu Hütte wandern, dann braucht man aber mehrere Tage.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026