Jotunheimen
Jotunheimen ist das höchste Gebirge Nordeuropas. Und eines der beliebtesten Wandergebiete Norwegens. Der Name stammt aus der nordischen Mythologie und bedeutet "Heim der Riesen". Wer einmal zwischen den über 250 Gipfeln oberhalb von 1.900 Metern gewandert ist, versteht sofort, warum die alten Norweger hier Trolle und Riesen vermuteten. Die Dimensionen sind gewaltig, die Natur roh und ungezähmt. Die Stille zwischen den Berggipfeln lässt sich kaum in Worte fassen.
Jotunheimen liegt im Herzen Südnorwegens, zwischen den Tälern Valdres und Gudbrandsdalen. Der Nationalpark umfasst eine Fläche von rund 1.150 Quadratkilometern und wurde 1980 gegründet, um diese ganz eigene Hochgebirgslandschaft zu schützen. Doch die Geschichte des Wanderns in Jotunheimen reicht viel weiter zurück. Schon im 19. Jahrhundert zog das Gebirge Naturforscher, Dichter und Abenteurer an, die von den schroffen Gipfeln und den smaragdgrünen Bergseen fasziniert waren.
Jotunheimen unterscheidet sich von anderen Gebirgsregionen Europas durch die alpine Höhe und die nordische Weite. Es gibt keine Seilbahnen, keine asphaltierten Höhenstraßen und keine überlaufenen Bergrestaurants. Stattdessen findet man ein Netz aus gut markierten Wanderwegen, bewirtschafteten Hütten des norwegischen Wandervereins DNT und eine Landschaft, die sich seit der letzten Eiszeit kaum verändert hat.
Das Gebirge der Riesen
Jotunheimen beherbergt die beiden höchsten Berge Norwegens und ganz Skandinaviens. Der Galdhøpiggen ragt 2.469 Meter empor, und der benachbarte Glittertind erreicht 2.465 Meter. Insgesamt zählt das Gebirge über 250 Gipfel, die höher als 1.900 Meter sind, und mehr als 60 Gletscher, die sich zwischen den Bergen erstrecken. Diese Zahlen mögen im Vergleich zu den Alpen bescheiden wirken, doch das Erlebnis vor Ort ist alles andere als das.
Die Landschaft im Jotunheimen ist geprägt von Kontrasten. Schroffe Felswände ragen neben sanften Hochebenen auf. Türkisfarbene Gletscherseen liegen eingebettet zwischen grauen Geröllfeldern. Reißende Gebirgsbäche stürzen über Felsstufen in tiefe Täler. Die Vegetation wechselt mit der Höhe: Unten wachsen Birken und Weidenbüsche, weiter oben dehnen sich alpine Matten mit Wildblumen aus, und ab etwa 1.500 Metern herrscht kahler Fels und Eis.
Der Name "Heim der Riesen" wurde dem Gebirge erst im 19. Jahrhundert verliehen. Zuvor mieden die Einheimischen das Hochgebirge weitgehend. Man glaubte, dass dort oben übernatürliche Wesen hausten, und nur Jäger und Hirten wagten sich in die höheren Lagen. Erst als norwegische und britische Bergsteiger die Region im 19. Jahrhundert für sich entdeckten, begann der Wandel. Heute ist Jotunheimen das meistbesuchte Wandergebiet Norwegens, und der Besseggen-Grat zählt zu den berühmtesten Wanderrouten des Landes.
Der Besseggen-Grat
Der Besseggen ist wahrscheinlich die bekannteste Wanderung Norwegens. Jedes Jahr machen sich rund 30.000 Menschen auf den Weg über den schmalen Grat, der zwischen dem grünen Gjende-See und dem tiefblauen Bessvatnet verläuft. Der Farbkontrast zwischen den beiden Seen ist überwältigend: Gjende leuchtet milchig-grün durch das feine Gletschermehl im Wasser, während Bessvatnet ein klares, dunkles Blau zeigt.
Die klassische Besseggen-Tour startet an der Memurubu-Hütte am Westufer des Gjende und führt über den Grat zurück zur Gjendesheim-Hütte am Ostufer. Dafür nimmt man morgens das Boot über den See nach Memurubu und wandert dann in sechs bis acht Stunden zurück. Die Route ist rund 14 Kilometer lang und überwindet etwa 1.100 Höhenmeter. An der engsten Stelle des Grats ist der Weg nur wenige Meter breit, und zu beiden Seiten fallen die Hänge steil zu den Seen ab.
Schon der Dichter Henrik Ibsen beschrieb den Besseggen-Ritt in seinem Werk "Peer Gynt" aus dem Jahr 1867. In der berühmten Szene reitet Peer Gynt auf einem Rentier über den Grat und stürzt in den See. Ibsen selbst war 1862 im Jotunheimen gewandert und hatte sich von der Landschaft zu dieser Episode inspirieren lassen. Seitdem ist der Besseggen untrennbar mit der norwegischen Literaturgeschichte verbunden.
Die Wanderung erfordert Trittsicherheit und eine gewisse Grundkondition, ist aber für erfahrene Wanderer gut machbar. An schönen Sommertagen kann es auf dem Grat eng werden, da viele Wanderer gleichzeitig unterwegs sind. Wer die Route in Ruhe genießen möchte, sollte unter der Woche oder außerhalb der Hauptsaison starten. Im Juni, wenn noch Schneereste auf dem Grat liegen, ist besondere Vorsicht geboten.
Galdhøpiggen: höchster Berg Skandinaviens
Mit seinen 2.469 Metern ist der Galdhøpiggen der höchste Berg nicht nur Norwegens, sondern ganz Skandinaviens. Die Besteigung ist überraschend zugänglich und gehört zu den beliebtesten Bergtouren des Landes. Von der Juvasshytta, einer Berghütte auf 1.841 Metern, führt die Standardroute in etwa drei bis vier Stunden zum Gipfel. Der Weg überquert den Styggebrean-Gletscher, weshalb die Tour nur mit einem erfahrenen Guide und Seil durchgeführt werden sollte.
Bei klarem Wetter reicht die Sicht vom Gipfel in alle Richtungen. In alle Himmelsrichtungen erstreckt sich die norwegische Bergwelt, und an besonders klaren Tagen kann man die Küste bei Ålesund erahnen. Der Gipfel selbst ist eine breite Kuppe, auf der eine kleine Steinpyramide den höchsten Punkt markiert. Im Sommer steht dort oben eine kleine Steinhütte, in der man sich vor dem Wind schützen und die Aussicht in Ruhe genießen kann.
Für Wanderer, die den Gipfel ohne Gletscherquerung erreichen möchten, gibt es eine Alternative: die Route von Spiterstulen im Visdalen. Diese Hütte liegt auf 1.104 Metern, und der Aufstieg über die Ostseite des Berges führt über felsiges Gelände ohne Gletscherkontakt. Die Tour ist länger und konditionell anspruchsvoller, bietet aber ein intensiveres Bergerlebnis und die Freiheit, ohne Guide unterwegs zu sein.
Der Gjende-See
Der Gjende ist das Kern des Jotunheimen und einer der schönsten Bergseen Norwegens. Er erstreckt sich über 18 Kilometer Länge und liegt auf 984 Metern Höhe, eingebettet zwischen steilen Bergflanken. Seine milchig-grüne Farbe verdankt er dem feinen Gletschermehl, das die Schmelzwasser der umliegenden Gletscher in den See tragen. Je nach Lichteinfall und Tageszeit wechselt die Farbe von hellem Türkis über tiefes Smaragd bis hin zu einem fast unwirklichen Grau.
Am östlichen Ende des Sees liegt die Gjendesheim-Hütte, eine der bekanntesten DNT-Hütten Norwegens. Von hier starten die Boote nach Memurubu und Gjendebu, den beiden anderen Hütten am See. Die Bootsfahrt über den Gjende ist schon für sich genommen ein Erlebnis, denn die Berge spiegeln sich im ruhigen Wasser, und die Stille wird nur vom Motorengeräusch des kleinen Schiffes unterbrochen.
Rund um den Gjende gibt es zahlreiche Wandermöglichkeiten. Neben dem berühmten Besseggen-Grat auf der Nordseite führt auf der Südseite der Bukkelægret-Weg entlang, der weniger bekannt, aber ebenso lohnend ist. Die Route bietet fantastische Blicke auf den See und die gegenüberliegenden Berge und ist deutlich weniger frequentiert als der Besseggen.
Gletscher im Jotunheimen
Über 60 Gletscher liegen im Jotunheimen, und sie gehören zu den südlichsten Gletschern des europäischen Festlands. Der größte ist der Smørstabbreen, dessen Eismassen sich zwischen den Gipfeln Knutshulstinden und Store Smørstabbtind erstrecken. Die Gletscher des Jotunheimen sind lebendige Zeugen der Eiszeit und formen die Landschaft bis heute durch Erosion und Ablagerung.
Geführte Gletscherwanderungen sind eine der aufregendsten Aktivitäten im Jotunheimen. Mit Steigeisen und Seil ausgerüstet betritt man eine Welt aus blauem Eis und tiefen Spalten. Die erfahrenen Guides erklären die Entstehung und Dynamik der Gletscher und sorgen dafür, dass die Tour sicher verläuft. Die Gletscherwanderung auf dem Styggebrean, dem "hässlichen Gletscher", ist Teil der Galdhøpiggen-Besteigung und vermittelt einen eindrucksvollen Einblick in die Welt des ewigen Eises.
Wie überall auf der Welt ziehen sich auch die Gletscher im Jotunheimen zurück. Alte Fotografien zeigen, wie weit die Eismassen noch vor wenigen Jahrzehnten reichten. Heute hinterlassen die schmelzenden Gletscher neue Bergseen und freigelegte Moränenlandschaften. Für Geologen und Naturfreunde sind diese Veränderungen faszinierend und beunruhigend zugleich. Die Gletscher des Jotunheimen heute noch zu erleben, lohnt sich gerade deshalb.
Hüttenwandern im Jotunheimen
Das Hüttennetz im Jotunheimen gehört zu den am besten ausgebauten in ganz Norwegen. Der norwegische Wanderverein DNT (Den Norske Turistforening) betreibt mehrere bewirtschaftete Hütten und zahlreiche unbewirtschaftete Selbstversorgerhütten, die über markierte Wege miteinander verbunden sind. Eine mehrtägige Hüttenwanderung durch das Jotunheimen ist eines der schönsten Erlebnisse, die Norwegen zu bieten hat.
Die bewirtschafteten Hütten wie Gjendesheim, Memurubu, Leirvassbu und Spiterstulen bieten Übernachtung in Mehrbettzimmern, warme Mahlzeiten und eine gastfreundliche Atmosphäre. Abends sitzen die Wanderer zusammen in der Gaststube, tauschen Erfahrungen aus und planen die Route für den nächsten Tag. Die Verpflegung in den DNT-Hütten ist herzhaft und reichhaltig: Suppen, frisch gebackenes Brot und norwegischer Käse gehören zum Standard. Kaffee sowieso.
Wer unabhängiger unterwegs sein möchte, kann die unbewirtschafteten Hütten nutzen. Mit einem DNT-Schlüssel, den man als Mitglied erhält, hat man Zugang zu einfachen, aber gut ausgestatteten Hütten mit Kochgelegenheit, Brennholz und Decken. In der Vorratskammer liegen Konserven und Grundnahrungsmittel bereit, die man gegen eine Gebühr entnehmen kann. Das System basiert auf Vertrauen und funktioniert seit über 150 Jahren reibungslos.
Beliebte Mehrtagestouren verbinden Gjendesheim mit Memurubu, Gjendebu und Olavsbu, wobei jede Etappe vier bis sieben Stunden dauert. Unterwegs wechseln sich Grate, Hochebenen, Flussquerungen und Gletscherblicke ab. Wer eine Woche Zeit mitbringt, kann eine große Runde durch das gesamte Gebirge drehen und dabei die unterschiedlichsten Landschaften erleben.
Tierwelt und Natur
Für ein Hochgebirge hat das Jotunheimen eine vielfältige Tierwelt. Rentiere ziehen in kleinen Herden über die Hochebenen. Lemminge huschen zwischen den Steinen umher, und der Steinadler kreist hoch über den Gipfeln. Mit etwas Glück kann man auch Vielfraße beobachten, die als scheuste und seltenste Raubtiere Norwegens gelten.
Die Pflanzenwelt im Jotunheimen ist trotz der Höhenlage bemerkenswert artenreich. In den unteren Lagen wachsen Zwergbirken und Weiden, darüber folgen Heiden mit Blaubeeren und Preiselbeeren. Auf den alpinen Matten blühen im Sommer Gletscherhahnenfuß, Alpenazaleen und verschiedene Steinbrecharten. Der Gletscherhahnenfuß hält sogar den Rekord als die am höchsten wachsende Blütenpflanze Norwegens und wurde auf über 2.300 Metern gefunden.
Die Gewässer im Jotunheimen sind Heimat der Gebirgsforelle. Angeln ist in vielen Bergseen erlaubt und erfordert lediglich eine einfache Angelkarte, die man in den Hütten oder online erwerben kann. Wer abends an einem stillen Bergsee sitzt und auf den Biss wartet, erlebt die Bergwelt von ihrer kontemplativsten Seite.
Anreise und praktische Tipps
Jotunheimen liegt im Herzen Südnorwegens und ist von Oslo aus gut erreichbar. Mit dem Auto dauert die Fahrt über die E6 und die Rv15 nach Gjendesheim rund fünf Stunden. Vom Flughafen Oslo-Gardermoen gibt es zudem Busverbindungen, die direkt zu den wichtigsten Ausgangspunkten im Jotunheimen fahren.
Die Wandersaison im Jotunheimen erstreckt sich von Mitte Juni bis Mitte September. In den Hochlagen kann bis in den Juli hinein Schnee liegen, und einige Passübergänge sind erst ab Juli sicher begehbar. Die bewirtschafteten Hütten öffnen in der Regel Ende Juni und schließen Mitte September. Im Hochsommer, besonders im Juli, ist der Andrang am Besseggen am größten. Wer Ruhe sucht, wählt die Monate Juni oder September.
Für Wanderungen im Jotunheimen empfiehlt sich festes Schuhwerk mit guter Sohle, wetterfeste Kleidung und ausreichend Proviant. Das Wetter in den Bergen kann schnell umschlagen, und auch im Sommer sind Temperaturen um den Gefrierpunkt in den Hochlagen möglich. Eine Karte und ein Kompass gehören zur Grundausstattung, auch wenn die Wege gut markiert sind. Handyempfang ist in weiten Teilen des Gebirges eingeschränkt.
Die DNT-Mitgliedschaft kostet rund 850 NOK im Jahr und bietet ermäßigte Übernachtungspreise in den Hütten, Zugang zu den unbewirtschafteten Hütten und Kartenmaterial. Für Wanderer, die mehrere Tage im Jotunheimen verbringen, lohnt sich die Mitgliedschaft in jedem Fall.
Häufige Fragen zum Jotunheimen
Wie schwer ist die Besseggen-Wanderung?
Die Besseggen-Tour ist anspruchsvoll, aber für geübte Wanderer gut machbar. Sie erfordert Trittsicherheit, Schwindelfreiheit an der engsten Stelle des Grats und eine gute Grundkondition für rund sechs bis acht Stunden Gehzeit. Die Tour ist nicht für kleine Kinder oder ungeübte Wanderer geeignet.
Kann man den Galdhøpiggen ohne Guide besteigen?
Die Route von Spiterstulen über die Ostseite ist ohne Guide möglich, da sie keinen Gletscher überquert. Die Standardroute von der Juvasshytta führt über den Styggebrean-Gletscher und erfordert einen Guide mit Seil und Steigeisen. Geführte Touren starten täglich im Sommer.
Muss man die DNT-Hütten vorher buchen?
In den bewirtschafteten Hütten wird in der Hochsaison (Juli bis August) eine Reservierung empfohlen, da die Plätze begrenzt sind. Grundsätzlich wird aber niemand abgewiesen. Bei großem Andrang werden Notlager eingerichtet. Die unbewirtschafteten Hütten stehen ohne Reservierung offen.
Wann ist die beste Zeit für eine Wanderung im Jotunheimen?
Die Hauptsaison läuft von Mitte Juni bis Mitte September. Juli und August bieten die stabilsten Wetterbedingungen und die längsten Tage. Im Juni kann noch Schnee liegen, und im September werden die Tage kürzer, dafür sind die Wege ruhiger und die Herbstfarben wunderschön.
Ist Jotunheimen auch für Familien geeignet?
Ja, es gibt zahlreiche leichtere Wanderungen rund um die Hütten, die auch mit Kindern gut machbar sind. Die Hütten Gjendesheim und Spiterstulen sind gute Basislager für Familienausflüge. Einige Routen im Tal sind flach und kindgerecht, und die Bootsfahrt über den Gjende begeistert Kinder jeden Alters.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026