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Borgarnes
Wo Islands Geschichte begann: Sagas und Siedler am Borgarfjörður

Borgarnes

12 Min. Lesezeit

Borgarnes ist einer dieser Orte, an denen sich isländische Geschichte und Gegenwart auf engem Raum berühren. Hier lebte Egill Skallagrímsson, einer der berühmtesten Wikinger und Dichter Islands. Hier landeten die ersten Siedler im 9. Jahrhundert und bauten Höfe, deren Überreste noch heute unter der Grasnarbe liegen. Und hier steht man auf einer schmalen Landzunge am Borgarfjörður, blickt über das Wasser zu den Bergen und versteht, warum die Wikinger genau diesen Platz gewählt haben.

Borgarnes liegt 74 Kilometer nördlich von Reykjavík und ist über die Ringstraße (Route 1) in etwa einer Stunde erreichbar. Seit der Eröffnung des Hvalfjörður-Tunnels 1998 muss man nicht mehr den 60 Kilometer langen Umweg um den Hvalfjörður fahren, und Borgarnes ist zu einem beliebten Tagesausflugsziel von der Hauptstadt geworden. Mit 1.900 Einwohnern ist es die größte Siedlung am Borgarfjörður und ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge in die Region.

Borgarnes kennenlernen

Borgarnes mit Blick über den Borgarfjörður und die Berge Westislands
Borgarnes am Borgarfjörður: kleine Stadt mit großer Geschichte (KI-generiert)

Borgarnes liegt auf einer Halbinsel, die in den Borgarfjörður hinausragt. Diese Lage gibt dem Ort eine ungewöhnliche Atmosphäre: Wasser auf drei Seiten, Berge am Horizont und ein Licht, das sich je nach Wetter und Tageszeit ständig verändert. Die Ringstraße führt über eine Brücke direkt in den Ort, weshalb fast jeder Reisende, der den Norden oder die Snæfellsnes-Halbinsel ansteuert, hier vorbeikommt.

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Der Ortskern ist klein und fußläufig. An der Hauptstraße reihen sich ein Supermarkt (Bónus), eine Bäckerei, ein Schwimmbad und das Settlement Centre aneinander. Am Skallagrímur-Park (Skallagrímsgarður) steht ein Grabhügel, der der Überlieferung nach die sterblichen Überreste von Skallagrímur Kveldúlfsson enthält, dem Vater von Egill und einem der ersten Siedler der Region. Ein Gedenkstein daneben zeigt Szenen aus der Egils Saga.

Direkt am Fjord, unterhalb des Ortskerns, liegt der Brákarey-Strand. Hier spielt eine tragische Episode der Egils Saga: Die Sklavin Bráka rettete den jungen Egill vor dem Ertrinken, wurde aber von Skallagrímur ins Meer geworfen und ertrank selbst. Ein Denkmal am Strand erinnert an sie. Die Geschichte klingt brutal, aber sie ist typisch für die isländischen Sagas, die das Leben der Wikingerzeit ohne Beschönigung schildern.

Das Settlement Centre: Landnahme erleben

Das Landnámssetur Íslands (Settlement Centre) ist das wichtigste Museum in Borgarnes und gehört zu den besten kleinen Museen Islands. Es befindet sich in einem restaurierten Lagerhaus am Hafen und erzählt auf zwei Etagen zwei Geschichten: die Landnahme Islands im 9. und 10. Jahrhundert und die Egils Saga.

Settlement Centre in Borgarnes mit Ausstellung zur Landnahme
Das Settlement Centre: Islands Besiedlungsgeschichte in zwei Ausstellungen (KI-generiert)

Die Landnahme-Ausstellung im Erdgeschoss verwendet Audioguides (auf Deutsch verfügbar), die man durch eine Reihe von Räumen führen. Jeder Raum zeigt eine andere Phase der Besiedlung: die Überfahrt aus Norwegen, die Entdeckung der Insel, den Bau der ersten Höfe, die Gründung des Althings im Jahr 930. Die Darstellung ist bewusst schlicht gehalten, mit Holzfiguren und Modellen, aber die Geschichten, die erzählt werden, sind packend und gut recherchiert.

Die Egils-Saga-Ausstellung im Obergeschoss erzählt das Leben des Wikingers, Dichters und Berserkers Egill Skallagrímsson (ca. 910 bis 990). Egill war ein komplexer Charakter: Er tötete seinen ersten Gegner im Alter von sieben Jahren, dichtete Verse von großer Schönheit und war ein gefürchteter Krieger. Die Ausstellung folgt seinem Leben von der Kindheit bis zum Tod und erklärt, warum die Egils Saga als eines der großen Werke der mittelalterlichen Literatur gilt.

Der Eintritt kostet 2.700 ISK (ca. 18 EUR) für beide Ausstellungen oder 1.800 ISK (ca. 12 EUR) für eine. Kinder unter 14 sind kostenlos. Im Museum gibt es auch ein gutes Restaurant, das Settlement Centre Restaurant, das Lammsuppe, Fischgerichte und selbstgebackenen Kuchen serviert. Die Lammsuppe für 2.400 ISK (ca. 16 EUR) ist legendär und wird aus einem Rezept zubereitet, das angeblich seit Jahrzehnten unverändert ist.

Egils Saga und die Wikinger

Die Egils Saga ist eine der längsten und detailliertesten Isländersagas und spielt zu großen Teilen in der Region um den Borgarfjörður. Sie wurde vermutlich im 13. Jahrhundert geschrieben, möglicherweise von Snorri Sturluson selbst, und erzählt die Geschichte dreier Generationen einer Wikingerfamilie. Wer die Saga gelesen hat (eine deutsche Übersetzung gibt es als Taschenbuch), kann die Handlungsorte in der Region besuchen.

Der Hof Borg á Mýrum, etwa 10 Kilometer nördlich von Borgarnes, war der Stammsitz von Egills Familie. Heute steht hier eine Kirche und ein moderner Bauernhof. Eine Skulptur des Künstlers Ásmundur Sveinsson zeigt Egill, wie er seinen ertrunkenen Sohn Böðvar aus dem Meer trägt. Die Szene stammt aus der Saga: Als Böðvar ertrank, wollte Egill sich in seinem Zimmer einschließen und verhungern. Seine Tochter Þorgerður überredete ihn, stattdessen ein Trauergedicht zu schreiben. Das Ergebnis, die Sonatorrek (Söhneverlust), gilt als eines der größten Gedichte der altnordischen Literatur.

Im Skallagrímur-Park in Borgarnes kann man den Grabhügel besuchen, unter dem der Überlieferung nach Skallagrímur begraben liegt. Archäologische Untersuchungen haben hier tatsächlich Knochen aus der Wikingerzeit gefunden, allerdings ist nicht zweifelsfrei bewiesen, dass es sich um Skallagrímur handelt. Trotzdem ist der Ort für viele Isländer ein wichtiger Gedenkort, und die Stadt pflegt den Park sorgfältig.

Hraunfossar und Barnafoss

Hraunfossar Wasserfälle in Westisland mit klarem Gletscherwasser
Hraunfossar: hunderte kleine Wasserfälle, die aus dem Lavafeld heraussickern (KI-generiert)

Die Hraunfossar liegen 55 Kilometer östlich von Borgarnes und gehören zu den ungewöhnlichsten Wasserfällen Islands. Hier stürzt das Wasser nicht über eine Felskante, sondern sickert auf einer Strecke von fast einem Kilometer aus dem porösen Lavafeld Hallmundarhraun heraus. Hunderte kleine Rinnsale und Bäche treten aus der Lava und fließen in den Fluss Hvítá. Das Wasser ist kristallklar, weil es durch die Lava gefiltert wird, und hat eine türkisblaue Farbe, die besonders im Herbst, wenn das Laub der umliegenden Birken sich verfärbt, wie gemalt wirkt.

Direkt neben den Hraunfossar liegt der Barnafoss (Kinderwasserfall). Hier zwängt sich der Fluss Hvítá durch eine enge Schlucht aus blauem Basalt und bildet einen wilden Strudel. Der Name geht auf eine Sage zurück, in der zwei Kinder auf einem natürlichen Steinbogen über den Wasserfall liefen und in die Tiefe stürzten. Die Mutter ließ daraufhin den Steinbogen zerstören. Die Zufahrt zu beiden Wasserfällen ist kostenlos, es gibt einen Parkplatz und befestigte Wege.

Von Borgarnes aus erreicht man die Hraunfossar über die Route 50 und dann die Route 518. Die Straße ist asphaltiert, die Fahrzeit beträgt etwa 45 Minuten. Auf dem Weg liegt das Dorf Reykholt, das ebenfalls einen Stopp wert ist (siehe unten). Wer alle drei Orte an einem Tag besuchen will (Borgarnes, Reykholt, Hraunfossar), braucht etwa 5 bis 6 Stunden.

Deildartunguhver: Heißeste Quelle Europas

Deildartunguhver heiße Quelle in Westisland mit aufsteigendem Dampf
Deildartunguhver: 180 Liter kochendes Wasser pro Sekunde, die ergiebigste heiße Quelle Europas (KI-generiert)

Etwa 35 Kilometer östlich von Borgarnes, an der Route 50, liegt die Deildartunguhver. Diese heiße Quelle liefert 180 Liter kochendes Wasser pro Sekunde und ist damit die ergiebigste heiße Quelle Europas. Das Wasser hat eine Temperatur von 97 Grad und dampft das ganze Jahr über. Man kann die Quelle von einem befestigten Weg aus beobachten, sollte aber nicht zu nahe herangehen, weil das Wasser tatsächlich kochend heiß ist.

Direkt neben der Quelle hat 2017 das Krauma Geothermal Bath eröffnet, ein modernes Geothermalbad, das mit dem heißen Wasser der Deildartunguhver gespeist wird. Das Wasser wird zunächst auf 38 bis 40 Grad abgekühlt, bevor es in die fünf Außenbecken fließt. Es gibt außerdem ein Kaltbecken, eine Dampfsauna und einen Ruheraum. Der Eintritt kostet 5.200 ISK (ca. 34 EUR), Handtücher kann man für 800 ISK (ca. 5 EUR) leihen. Krauma ist deutlich weniger überlaufen als die Blaue Lagune bei Reykjavík und bietet ein vergleichbares Erlebnis.

Das heiße Wasser der Deildartunguhver wird auch praktisch genutzt: Eine Pipeline transportiert es 34 Kilometer nach Borgarnes und weitere 64 Kilometer nach Akranes, wo es zur Beheizung von Häusern und öffentlichen Gebäuden verwendet wird. Island heizt fast 90 Prozent seiner Gebäude mit Geothermie, und die Deildartunguhver ist eine der Hauptquellen für Westisland.

Reykholt und Snorri Sturluson

Snorralaug in Reykholt, der heiße Pool von Snorri Sturluson
Snorralaug in Reykholt: der heiße Pool, in dem Snorri Sturluson vor 800 Jahren badete (KI-generiert)

Das Dorf Reykholt, 45 Kilometer östlich von Borgarnes, ist ein Wallfahrtsort für Literaturfreunde. Hier lebte und arbeitete Snorri Sturluson (1179 bis 1241), der bedeutendste Schriftsteller des mittelalterlichen Islands. Snorri schrieb die Prosa-Edda (die Hauptquelle für die nordische Mythologie), die Heimskringla (eine Geschichte der norwegischen Könige) und möglicherweise die Egils Saga. Er war zugleich Häuptling, Diplomat und einer der reichsten Männer Islands.

In Reykholt kann man die Snorralaug besichtigen, einen runden, gemauerten Pool, der von einer heißen Quelle gespeist wird und in dem Snorri vor 800 Jahren gebadet hat. Der Pool ist das älteste menschengemachte Bauwerk Islands, das noch in seiner ursprünglichen Form erhalten ist. Ein unterirdischer Gang verband den Pool einst mit Snorris Wohnhaus. Man kann den Pool anschauen, aber nicht darin baden.

Das Snorrastofa, ein modernes Forschungszentrum neben der alten Kirche, widmet sich Snorris Werk und der mittelalterlichen isländischen Literatur. Die Ausstellung ist klein, aber gut gemacht und erklärt, warum Snorris Texte für die Überlieferung der nordischen Mythologie und der Wikingergeschichte so wichtig sind. Eintritt: 1.200 ISK (ca. 8 EUR). Im Garten steht eine Statue von Snorri, die der norwegische Bildhauer Gustav Vigeland geschaffen hat, ein Geschenk Norwegens an Island.

Essen und Übernachten

Das Settlement Centre Restaurant im Museum serviert die beste Lammsuppe der Region (2.400 ISK / ca. 16 EUR). Das Englendingavík am Hafen bietet Fisch und Lamm mit Blick auf den Fjord (Hauptgerichte ab 3.500 ISK / ca. 23 EUR). Für einen schnellen Stopp eignet sich die Bókakaffi, eine Kombination aus Buchladen und Café, in der man bei Kaffee und Kuchen (1.200 ISK / ca. 8 EUR) in isländischen Büchern blättern kann.

Zum Übernachten bietet das B59 Hotel am Ortseingang moderne Zimmer (ab 20.000 ISK / ca. 132 EUR). Das Borgarnes HI Hostel ist die günstige Alternative mit Schlafsälen und Gemeinschaftsküche (ab 6.000 ISK / ca. 40 EUR). Der Campingplatz liegt am Sportplatz und hat Duschen, WC und einen Spielplatz (1.800 ISK / ca. 12 EUR pro Person). In der Umgebung gibt es mehrere Farmstays, die ländliche Ruhe mit isländischer Gastfreundschaft verbinden.

Borgarnes eignet sich auch als Tagesausflug von Reykjavík: morgens losfahren, das Settlement Centre besuchen, mittags dort essen, nachmittags weiter nach Reykholt und Hraunfossar, abends zurück. Die Strecke ist gut zu schaffen, und man sieht an einem Tag erstaunlich viel.

Häufige Fragen

Wie weit ist Borgarnes von Reykjavík entfernt?

74 Kilometer, Fahrzeit etwa eine Stunde über die Ringstraße und den Hvalfjörður-Tunnel. Die Tunnelgebühr wurde inzwischen abgeschafft, die Durchfahrt ist kostenlos.

Lohnt sich das Settlement Centre auch für Kinder?

Ja, besonders die Egils-Saga-Ausstellung mit ihren Figuren und dem Audioguide spricht auch Kinder an. Der Eintritt für Kinder unter 14 ist kostenlos. Für jüngere Kinder gibt es im Park Skallagrímsgarður einen Spielplatz.

Kann man Borgarnes, Reykholt und Hraunfossar an einem Tag schaffen?

Ja, wenn man früh startet. Eine gute Reihenfolge ist: Borgarnes (Settlement Centre, 2 Stunden), dann Reykholt (Snorralaug, 1 Stunde), Hraunfossar und Barnafoss (1 Stunde), und optional Krauma Geothermalbad (2 Stunden). Insgesamt 5 bis 7 Stunden plus Fahrzeiten.

Ist Borgarnes ein guter Ausgangspunkt für Snæfellsnes?

Ja, von Borgarnes zur Snæfellsnes-Halbinsel sind es etwa 100 Kilometer (1,5 Stunden) bis nach Stykkishólmur. Wer Westisland erkunden will, kann Borgarnes als Zwischenstopp nutzen.

Lokale Tipps

Gut zu wissen

Sundlaug (Schwimmbad): Jeder Ort in Island hat ein geothermales Schwimmbad mit Hot Pots für 5-10 EUR. Dort treffen sich die Locals. Viel authentischer und günstiger als Blue Lagoon.

Bonus-Supermarkt: Das rosa Schweinchen-Logo ist dein bester Freund. Günstigster Supermarkt Islands. Abends gibt es oft reduzierte Fertiggerichte.

Spartipp: Duty-Free am Flughafen Keflavik bei Ankunft: Alkohol kostet in der Stadt das 3-4-fache. Fast jeder Isländer kauft beim Landen ein.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026