Reiten in Island: Ausritte auf Islandpferden
Das Pferd unter mir hat ein dickes, rotbraunes Fell und Augen, die aussehen, als wüsste es genau, wohin es will. Es heißt Gletta, und als ich die Zügel leicht anlege und das Signal zum Tölt gebe, fällt der kleine Körper in einen Rhythmus, der so gleichmäßig ist, dass ich den Kaffee in der Hand hätte halten können. Unter den Hufen knirscht schwarzer Lavasand, links ragt ein moosbedeckter Krater in den Himmel, rechts erstreckt sich das Hochland bis zum Horizont. Kein Zaun, kein Weg, kein Mensch, nur das Pferd und ich und diese Landschaft, die kein Foto einfangen kann.
Reiten in Island ist anders als überall sonst. Die Pferde sind anders, die Landschaft ist anders, und das Gefühl, das man dabei hat, ist anders. Die Islandpferde gehören zu den ältesten und reinsten Pferderassen der Welt. Seit über tausend Jahren hat kein fremdes Pferd isländischen Boden betreten, und kein Islandpferd, das die Insel verlässt, darf je zurückkehren. Diese Isolation hat eine Rasse hervorgebracht, die robust, trittsicher und unerschütterlich ruhig ist.
Islandpferde
Islandpferde sind klein. Mit einem Stockmaß von 130 bis 145 Zentimetern würden sie in den meisten Ländern als Ponys gelten. In Island aber heißen sie Pferde, und wer je auf einem gesessen hat, versteht warum. Diese Tiere tragen problemlos erwachsene Reiter über Flüsse, durch Lavafelder und über steile Bergpfade. Ihre Statur täuscht: Die kurzen Beine, der kräftige Hals und der breite Rücken machen sie stärker und ausdauernder, als es ihr Aussehen vermuten lässt.
Die Isolation Islands hat noch etwas Besonderes bewirkt: Islandpferde kennen keine Raubtiere. In über tausend Jahren auf einer Insel ohne Wölfe, Bären oder andere Fressfeinde haben sie eine Gelassenheit entwickelt, die in der Pferdewelt selten zu finden ist. Sie scheuen selten, sie lassen sich von Autos und Touristenbussen nicht aus der Ruhe bringen, und sie tragen Anfänger mit einer Geduld, die an Gleichgültigkeit grenzt.
Rund 80.000 Islandpferde leben auf der Insel, dazu kommen geschätzte 250.000 Islandpferde weltweit. In Deutschland ist das Islandpferd eine der beliebtesten Rassen, und viele Reiterhöfe hierzulande bieten Reitunterricht auf Isländern an. Aber das Erlebnis, auf einem Islandpferd in Island zu reiten, ist durch nichts zu ersetzen. Die Pferde in ihrer Heimatlandschaft zu sehen und zu reiten, macht einen Unterschied, den man schwer in Worte fassen kann.
Die Zucht der Islandpferde wird streng überwacht. Jedes Pferd ist im isländischen Zuchtregister WorldFengur eingetragen, und die Zuchtwerte werden bei öffentlichen Bewertungen ermittelt. Seit 982 n. Chr. gilt das Importverbot für Pferde, das vom Althing (dem isländischen Parlament) erlassen wurde. Es ist das älteste Tierseuchengesetz der Welt und gleichzeitig der Grund dafür, dass die Rasse so rein geblieben ist.
Der Tölt: Islands fünfte Gangart
Was Islandpferde von allen anderen Pferderassen unterscheidet, ist der Tölt. Neben Schritt, Trab, Galopp und (bei manchen Pferden) dem Rennpass beherrschen Islandpferde diese fünfte Gangart, die es bei anderen Rassen nicht gibt. Der Tölt ist ein lateraler Viertakt, bei dem immer mindestens ein Huf am Boden bleibt. Das Ergebnis: eine fließende, nahezu erschütterungsfreie Bewegung, bei der der Reiter ruhig im Sattel sitzt, während das Pferd unter ihm glatt dahingleitet.
Im Tölt kann ein Islandpferd Geschwindigkeiten von 5 bis 30 km/h erreichen. Im Gegensatz zum Trab, bei dem man traben muss (aufstehen und sich hinsetzen im Rhythmus des Pferdes), sitzt man im Tölt einfach und genießt die Landschaft. Für Anfänger ist der Tölt eine Offenbarung, denn er eliminiert das, was viele Menschen vom Reiten abhält: das Gerüttelt- und Geschütteltwerden.
Nicht jedes Islandpferd töltet gleich gut. Es gibt Pferde, die einen natürlich sauberen Tölt haben, und solche, die eher zum Trab neigen. Die besten Reiterhöfe achten darauf, Anfängern Pferde mit gutem Tölt zuzuweisen, damit das Erlebnis von der ersten Minute an funktioniert. Wer den Tölt einmal erlebt hat, möchte nicht mehr anders reiten, sagen viele Reiter.
Der Rennpass ist die fünfte Gangart, die nicht alle Islandpferde beherrschen. Im Rennpass bewegen sich die Beine seitengleich (rechts vorne und rechts hinten gleichzeitig), und das Pferd schwebt zwischen den Schritten kurz über dem Boden. Der Rennpass wird nur bei Wettbewerben und auf geraden Strecken geritten und erreicht Geschwindigkeiten von über 40 km/h. Auf normalen Reittouren kommt er nicht zum Einsatz.
Reittouren für Anfänger
Island ist einer der besten Orte der Welt, um mit dem Reiten anzufangen. Die Pferde sind ruhig, die Guides erfahren, und die Landschaft bietet genug Ablenkung, damit man vergisst, dass man gerade etwas Neues lernt. Viele Reiterhöfe bieten Touren an, die explizit für Anfänger konzipiert sind. Die kürzesten dauern eine bis zwei Stunden und führen durch sanftes Gelände in der Nähe des Hofes.
Eine typische Anfängertour beginnt mit einer kurzen Einführung auf dem Hof. Der Guide erklärt die Grundlagen: Wie man aufsteigt, wie man das Pferd lenkt, wie man anhält. Dann geht es los, zunächst im Schritt, um ein Gefühl für das Tier zu bekommen. Nach einigen Minuten wird der Tölt ausprobiert, und die meisten Anfänger sind verblüfft, wie weich und angenehm diese Gangart ist.
Die beliebteste Anfängertour in der Nähe von Reykjavík führt durch das Laxnes-Tal, 30 Minuten nördlich der Hauptstadt. Die Route geht durch Birkenwald, über Wiesen und entlang eines Flusses. Die Landschaft ist sanft und grün, ganz anders als das dramatische Hochland, und perfekt für den ersten Kontakt mit dem Islandpferd. Dauer: 1,5 bis 2 Stunden. Kosten: ab 12.000 ISK (78 Euro).
Etwas wilder sind die Strandausritte an der Südküste. Mehrere Höfe in der Nähe von Vík bieten Ritte entlang der schwarzen Sandstrände an, bei denen man im Tölt durch die Brandung galoppiert und den Blick auf die Basaltsäulen genießt. Diese Touren dauern zwei bis drei Stunden und setzen etwas Reiterfahrung voraus, sind aber auch für motivierte Anfänger machbar.
Mehrtagesritte durchs Hochland
Für erfahrene Reiter sind die Mehrtagesritte durchs isländische Hochland das absolute Highlight. Diese Touren dauern zwischen drei und zehn Tagen und führen durch Landschaften, die auf dem Landweg kaum anders zu erreichen sind. Man reitet über endlose Lavafelder, durchquert Flüsse zu Pferd, campiert in der Wildnis und erlebt die Weite des Hochlands, die mit jedem Kilometer unter den Hufen wächst.
Die klassische Route ist der Ritt von Landmannalaugar nach Þórsmörk (oder umgekehrt), der fünf bis sieben Tage dauert. Die Strecke führt durch bunte Rhyolithberge, an heißen Quellen vorbei und über den Fimmvörðuháls-Pass zwischen den Gletschern Eyjafjallajökull und Mýrdalsjökull. Übernachtet wird in Berghütten oder Zelten, gekocht wird über dem Gaskocher, und abends sitzt man in einer natürlichen heißen Quelle und lässt die Erschöpfung aus den Muskeln fließen.
Ein besonderes Erlebnis ist der jährliche Schafabtrieb (Réttir) im September. Auf vielen Höfen können Reisende daran teilnehmen und zusammen mit den Bauern die halbwilden Schafe aus dem Hochland in die Täler treiben. Man verbringt zwei bis drei Tage im Sattel, kämpft sich durch Regen, Wind und Nebel, und am Ende werden die Schafe in den Réttir (Sortiergehege) getrieben und ihren Besitzern zugeordnet. Es folgt ein Fest mit Musik, Essen und dem isländischen Branntwein Brennivín. Die Teilnahme am Schafabtrieb kostet zwischen 80.000 und 150.000 ISK (520 bis 975 Euro) inklusive Pferd, Verpflegung und Unterkunft.
Bei Mehrtagesritten werden sogenannte Handpferde (lausahross) mitgeführt, Pferde ohne Reiter, die neben der Gruppe herlaufen. Mehrmals am Tag werden die Pferde gewechselt, sodass jedes Tier ausreichend Pausen bekommt. Die Tradition der Handpferde ist typisch isländisch und sorgt dafür, dass die Pferde auch auf langen Strecken fit und motiviert bleiben.
Die besten Reiterhöfe
Íshestar in Hafnarfjörður bei Reykjavík ist einer der größten und erfahrensten Reiterhöfe Islands. Der Hof bietet Touren von einer Stunde bis zu zehn Tagen an und hat über 200 Pferde. Die Guides sprechen Deutsch, Englisch und Isländisch. Die Lage, nur 20 Minuten von Reykjavík entfernt, macht Íshestar besonders für Kurzreisende attraktiv.
Laxnes Horse Farm im Mosfellsdalur nördlich von Reykjavík hat sich auf Familientouren und Anfänger spezialisiert. Die Atmosphäre ist persönlich, die Gruppen klein, und die Pferde werden mit offensichtlicher Zuneigung behandelt. Der Hof bietet auch Übernachtungen in einem Gästehaus an, sodass man den Abend zwischen den Pferden verbringen kann.
Hestasport in Varmahlíð im Skagafjörður (Nordisland) ist der Hof für Mehrtagesritte. Das Skagafjörður-Tal gilt als das Pferdetal Islands, hier leben mehr Pferde als Menschen. Die mehrtägigen Ritte von Hestasport führen durch das Hochland und über Gebirgspässe und gehören zu den besten Pferdetrekkings, die es weltweit gibt.
Eldhestar in Hveragerði, eine halbe Stunde südöstlich von Reykjavík, bietet Touren durch geothermale Landschaften. Man reitet durch dampfende Täler, an heißen Quellen vorbei und über die Flanken des Berges Hengill. Die Kombination aus Reiten und Geothermie ist anders als alles andere und macht Eldhestar zu einem Geheimtipp unter Reitern.
Kosten und Buchung
Die Preise für Reittouren in Island richten sich nach Dauer und Anbieter. Hier eine Übersicht der gängigen Formate:
Ein kurzer Ausritt von 1 bis 2 Stunden kostet zwischen 10.000 und 16.000 ISK (65 bis 104 Euro). Das ist das Einstiegsformat für Anfänger und Reisende mit wenig Zeit. Ein halber Tag im Sattel (3 bis 4 Stunden) liegt bei 18.000 bis 25.000 ISK (117 bis 163 Euro) und führt in der Regel durch abwechslungsreichere Landschaft als die Kurztouren.
Ein Ganztagesritt (6 bis 8 Stunden inklusive Mittagspause) kostet ab 30.000 ISK (195 Euro) und beinhaltet oft ein Mittagessen im Freien oder auf einem abgelegenen Hof. Diese Touren eignen sich für geübte Reiter, die einen ganzen Tag in der isländischen Landschaft verbringen möchten.
Mehrtagesritte beginnen bei etwa 80.000 ISK (520 Euro) für drei Tage und können bei gehobenen Touren mit Hüttenübernachtung und Vollverpflegung bis zu 350.000 ISK (2.275 Euro) für zehn Tage kosten. In diesen Preisen sind Pferd, Ausrüstung und Verpflegung enthalten. Der Transport zum Startpunkt und zurück ist bei den meisten Anbietern ebenfalls inbegriffen.
Buchungen sollten mindestens zwei Wochen im Voraus erfolgen, bei Mehrtagesritten eher drei bis sechs Monate vorher. Im Juli und August sind die beliebtesten Touren schnell ausgebucht. Alle genannten Höfe haben Websites mit Online-Buchungssystemen und akzeptieren Kreditkarten.
Ausrüstung und Vorbereitung
Die Reiterhöfe stellen Helm und bei Bedarf eine Regenjacke zur Verfügung. Eigene Reitkleidung ist erlaubt, aber nicht vorgeschrieben. Die wichtigsten Dinge, die man selbst mitbringen sollte:
Hose: Eine robuste, enganliegende Hose ohne Innennähte an den Beinen. Jeans gehen im Notfall, aber Reithosen oder Leggings unter einer Regenhose sind besser. Bei Mehrtagesritten sind Chaps (Beinschützer) empfehlenswert, manche Höfe verleihen sie kostenlos.
Schuhe: Feste Schuhe oder Stiefel mit einem kleinen Absatz, damit der Fuß nicht durch den Steigbügel rutscht. Wanderstiefel eignen sich gut. Keine Turnschuhe, Sandalen oder Schuhe mit dicker Profilsohle, die im Steigbügel hängen bleiben können.
Oberkörper: Mehrere Schichten nach dem Zwiebelprinzip. Eine Merinowolle-Unterwäsche, ein Fleece oder Wollpullover und darüber eine wind- und wasserdichte Jacke. Auch im Sommer kann es auf dem Pferd kalt werden, wenn der Wind bläst und der Regen einsetzt. Handschuhe sind bei Touren über zwei Stunden ratsam.
Für die Fitness gilt: Reiten beansprucht Muskeln, die man im Alltag selten benutzt. Wer seit Jahren nicht geritten ist, sollte die erste Tour nicht zu lang wählen. Zwei Stunden sind ein guter Einstieg. Wer plant, einen Mehrtagesritt zu machen, sollte in den Wochen vorher ein paar Reitstunden nehmen, um sich körperlich vorzubereiten und die Grundlagen aufzufrischen.
Häufige Fragen
Gibt es ein Gewichtslimit für Reiter?
Ja, die meisten Höfe haben ein Limit von 100 bis 110 Kilogramm. Islandpferde sind zwar kräftig, aber klein, und das Tierwohl hat Vorrang. Bei der Buchung wird in der Regel nach Größe und Gewicht gefragt, damit das passende Pferd zugewiesen werden kann.
Kann man auch im Winter reiten?
Ja, viele Höfe bieten Winterreittouren an. Die Islandpferde sind an die Kälte gewöhnt und haben im Winter ein dichtes Fell. Die Landschaft im Winter hat einen ganz besonderen Reiz, und bei kurzen Tagen besteht sogar die Chance, während des Ausritts Nordlichter zu sehen.
Was ist der Tölt, und kann man ihn als Anfänger reiten?
Der Tölt ist eine spezielle Gangart der Islandpferde, die besonders gleichmäßig und bequem ist. Im Tölt sitzt man ruhig im Sattel, ohne zu traben. Anfänger kommen mit dem Tölt meistens schon nach wenigen Minuten zurecht, und die Guides helfen beim Erlernen der richtigen Hilfengebung.
Warum darf kein Islandpferd zurück nach Island?
Das Importverbot für Pferde gilt seit 982 n. Chr. und schützt die Rasse vor Krankheiten, gegen die Islandpferde keine Immunität besitzen. Wird ein Islandpferd einmal exportiert, darf es nie wieder isländischen Boden betreten. Dasselbe gilt für gebrauchte Reitausrüstung, die nicht nach Island eingeführt werden darf.
Welche Tour eignet sich für absolute Anfänger?
Ein kurzer Ausritt von 1 bis 2 Stunden ist ideal. Die Höfe Laxnes und Íshestar bei Reykjavík sind besonders anfängerfreundlich, mit kleinen Gruppen und geduldigen Pferden. Der Guide erklärt alles vor Ort, Vorerfahrung ist nicht nötig. Kosten: ab 10.000 ISK (65 Euro).
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026