Architektur in Kopenhagen
Kopenhagen gehört zu jenen Städten, in denen sich Architekturgeschichte beim Spazierengehen von selbst erzählt. Wer durch die Straßen der dänischen Hauptstadt geht, wandert durch Jahrhunderte der Baukunst, vom spiralförmigen Turm des 17. Jahrhunderts über expressionistische Backsteinkathedralen bis zu den kühnen Entwürfen der Gegenwart, die weltweit für Aufsehen sorgen.
Was Kopenhagen von vielen anderen europäischen Metropolen unterscheidet, ist die Selbstverständlichkeit, mit der alte und neue Architektur nebeneinander existieren. Hier steht kein Gebäude im Widerspruch zur Umgebung, sondern fügt sich in ein Gesamtbild ein, das über Generationen gewachsen ist. Die Stadt hat es verstanden, ihre historische Substanz zu bewahren und gleichzeitig Raum für Experimente zu schaffen.
Die dänische Architekturszene genießt weltweit einen herausragenden Ruf. Büros wie BIG (Bjarke Ingels Group), Henning Larsen Architects und 3XN haben Dänemark zum Exporteur architektonischer Ideen gemacht. Viele ihrer wildesten Entwürfe stehen in Kopenhagen und lassen sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder per Boot erkunden.
Rundetaarn und die Altstadt
Der Rundetaarn, der Runde Turm, ist eines der ältesten und zugleich ungewöhnlichsten Bauwerke Kopenhagens. König Christian IV. ließ ihn zwischen 1637 und 1642 als astronomisches Observatorium errichten. Statt einer Treppe führt eine breite, spiralförmige Rampe auf die 34,8 Meter hohe Aussichtsplattform. Die Rampe windet sich siebeneinhalb Mal um den Kern des Turms und ist so breit, dass Zar Peter der Große sie angeblich zu Pferd hinaufgeritten sein soll.
Christian IV. war ein Bauherr von unersättlichem Ehrgeiz. Unter seiner Regentschaft entstanden Schloss Rosenborg, die Börse mit ihrem gedrehten Drachenturm, der Stadtteil Christianshavn und zahlreiche weitere Gebäude, die das Gesicht Kopenhagens bis heute prägen. Sein Renaissance-Stil, eine Mischung aus niederländischen und norddeutschen Einflüssen mit markanten roten Backsteinfassaden und grünen Kupferdächern, wurde zum architektonischen Markenzeichen der Stadt.
Die Altstadt rund um den Rundetaarn zeigt dieses Erbe in konzentrierter Form. Die engen Gassen der Strøget-Fußgängerzone führen an Bürgerhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert vorbei, deren Fassaden in warmen Pastelltönen leuchten. Am Nyhavn, dem alten Hafen, reihen sich die bunten Giebelhäuser aneinander, die zum meistfotografierten Motiv Kopenhagens geworden sind.
Der Eintritt zum Rundetaarn kostet 40 DKK (etwa 5 EUR) für Erwachsene. Von der Plattform bietet sich ein Panoramablick über die Dächer der Stadt, der bei klarem Wetter bis nach Schweden reicht. Im Inneren des Turms gibt es wechselnde Kunstausstellungen und den historischen Bibliothekssaal, der einst die Universitätsbibliothek beherbergte.
Grundtvigs Kirke
Im Stadtteil Bispebjerg, abseits der touristischen Pfade, steht eines der außergewöhnlichsten Kirchengebäude Europas. Die Grundtvigs Kirke wurde zwischen 1921 und 1940 nach Plänen von Peder Vilhelm Jensen-Klint errichtet und ist ein Meisterwerk des expressionistischen Backsteinstils. Die gewaltige Westfassade erinnert an eine überdimensionierte Kirchenorgel, deren Pfeifen aus gelbem Backstein in den Himmel ragen.
Der Bau benötigte rund sechs Millionen handgeformte Backsteine, die alle eigens für dieses Projekt hergestellt wurden. Jensen-Klint, der den Wettbewerb für den Entwurf 1913 gewonnen hatte, erlebte die Fertigstellung nicht mehr. Sein Sohn Kaare Klint, selbst ein bedeutender Architekt und Möbeldesigner, vollendete das Werk. Der Innenraum ist von einer erhabenen Schlichtheit: schmucklose Backsteinwände, spitzbogige Gewölbe und ein Lichteinfall, der je nach Tageszeit die Stimmung verändert.
Grundtvigs Kirke ist nach dem dänischen Theologen und Dichter N.F.S. Grundtvig benannt, der im 19. Jahrhundert das dänische Bildungswesen und die Volkskirche maßgeblich reformierte. Die Kirche sollte ihm ein Denkmal setzen und zugleich als Gemeindekirche für das umliegende Viertel dienen. Die Siedlung rund um die Kirche, mit ihren gelbbraunen Reihenhäusern und baumbestandenen Straßen, wurde ebenfalls von Jensen-Klint und seinem Sohn entworfen und bildet ein harmonisches Gesamtensemble.
Der Eintritt ist frei, Führungen werden in den Sommermonaten angeboten. Die Anfahrt mit dem Bus oder der Metro lohnt sich, auch wenn die Kirche etwas abgelegen liegt. Wer das Gebäude bei Sonnenlicht sehen möchte, sollte vormittags kommen, wenn die Westfassade von der Sonne angestrahlt wird und die Backsteine golden leuchten.
Die Königliche Oper
Die Königliche Oper auf der Insel Holmen ist eines der teuersten Opernhäuser, die jemals gebaut wurden. Der dänische Reeder Mærsk Mc-Kinney Møller stiftete das Gebäude der dänischen Nation, und die Baukosten beliefen sich auf geschätzte 2,5 Milliarden DKK (rund 335 Millionen EUR). Das Haus wurde 2005 eröffnet und stammt vom Büro Henning Larsen Architects.
Das Gebäude besteht aus einem massiven, skulpturalen Baukörper, der von einem weit auskragenden Dach überspannt wird. Die Fassade wechselt zwischen dunklem Kalkstein und großen Glasflächen, die den Blick auf das Innere freigeben. Von der Terrasse aus schaut man direkt auf die Marmorkirche und Schloss Amalienborg auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens, eine Achse, die architektonisch beabsichtigt ist.
Der große Saal bietet Platz für 1.400 Zuschauer und gehört akustisch zu den besten Opernhäusern der Welt. Die Technik ist auf dem neuesten Stand: Drehbühne, versenkbare Orchestergraben und eine Beleuchtungsanlage, die keine Wünsche offen lässt. Neben dem großen Saal gibt es einen kleineren Saal für Kammermusik und experimentelle Produktionen.
Wer nicht ins Innere möchte, kann das Gebäude von außen bewundern. Die Uferpromenade rund um die Oper ist öffentlich zugänglich und bietet einen der schönsten Spaziergänge am Kopenhagener Hafen. Im Foyer gibt es ein Restaurant, das auch ohne Vorstellungsbesuch geöffnet ist. Führungen durch das Haus kosten 125 DKK (etwa 17 EUR) und finden an ausgewählten Tagen statt.
BLOX und das Architekturzentrum
Das BLOX-Gebäude am Christians Brygge, entworfen vom niederländischen Büro OMA unter der Leitung von Rem Koolhaas, wurde 2018 eröffnet und ist seitdem eines der markantesten neuen Gebäude am Kopenhagener Hafen. Der kantige, gläserne Bau schwebt gewissermaßen über dem Wasser und verbindet die Stadt auf mehreren Ebenen mit dem Hafenbereich.
Im Inneren beherbergt BLOX das Dänische Architekturzentrum DAC, das Ausstellungen zu Architektur, Design und Stadtplanung zeigt. Die Ausstellungen wechseln regelmäßig und befassen sich mit Themen von der Wohnungsnot in Großstädten über nachhaltige Baumaterialien bis zur Geschichte der dänischen Architektur. Die Dauerausstellung im Erdgeschoss gibt einen Überblick über die wichtigsten Bauwerke Dänemarks und erklärt die Prinzipien, die die dänische Architektur so besonders machen.
BLOX ist mehr als ein Museum. In dem Gebäude befinden sich auch Büros, ein Fitnessstudio, Wohnungen und Restaurants. Diese Mischung aus Nutzungen ist programmatisch: Das Gebäude soll zeigen, wie modernes Stadtleben in einem einzigen Bauwerk funktionieren kann. Auf dem Dach gibt es einen öffentlichen Spielplatz, und die Terrassen am Wasser laden zum Verweilen ein.
Der Eintritt zum DAC kostet 100 DKK (rund 13 EUR), für Studenten 60 DKK (8 EUR). Kinder bis 17 Jahre kommen kostenlos hinein. Besonders empfehlenswert ist der Besuch an einem der regelmäßig stattfindenden offenen Abende, an denen Architekten ihre Projekte vorstellen und Fragen aus dem Publikum beantworten.
CopenHill und die grüne Zukunft
CopenHill, offiziell Amager Bakke, ist vielleicht das ungewöhnlichste Gebäude, das je in Kopenhagen errichtet wurde, und zugleich das bekannteste Werk des Architekten Bjarke Ingels. Was von außen wie ein Skihang mitten in der Stadt aussieht, ist in Wirklichkeit eine Müllverbrennungsanlage, auf deren Dach eine Skipiste, eine Kletterwand und Wanderwege angelegt wurden.
Die Idee klingt absurd, funktioniert aber erstaunlich gut. CopenHill verarbeitet jährlich rund 440.000 Tonnen Müll und erzeugt daraus Strom und Fernwärme für 150.000 Haushalte. Die Abgase werden so gründlich gefiltert, dass die Anlage als eine der saubersten Müllverbrennungen der Welt gilt. Und auf dem Dach wedeln Skifahrer und Snowboarder auf künstlichem Schnee 85 Meter über dem Meeresspiegel.
Die Skipiste ist 400 Meter lang und wird über einen Skilift erschlossen. Im Winter herrschen hier erstaunlich authentische Bedingungen, und selbst erfahrene Skifahrer haben ihren Spaß. Im Sommer verwandelt sich die Piste in einen Wanderweg mit Aussichtspunkten, von denen man über den Hafen und die Stadt blickt. Die Kletterwand an der Außenfassade ist mit 85 Metern die höchste künstliche Kletterwand der Welt und zieht Kletterer aus ganz Europa an.
CopenHill steht stellvertretend für einen Ansatz, der die dänische Architektur weltweit bekannt gemacht hat: die Verbindung von Nachhaltigkeit, Funktionalität und Freude. Das Gebäude erfüllt eine notwendige Aufgabe, die Müllverbrennung, und verwandelt sie in ein öffentliches Vergnügen. Bjarke Ingels nennt diesen Ansatz hedonistische Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit, die Spaß macht.
Der Zugang zur Skipiste kostet je nach Saison zwischen 100 und 200 DKK (13 bis 27 EUR) pro Stunde inklusive Ausrüstung. Der Wanderweg auf dem Dach ist kostenlos. Die Anlage liegt im Stadtteil Amager und ist mit der Metro (Station Lergravsparken) erreichbar.
Weitere architektonische Highlights
8-Tallet und die Ørestad
Im neuen Stadtteil Ørestad auf Amager steht das 8-Tallet, ein Wohnkomplex in Form einer liegenden Acht. Ebenfalls von Bjarke Ingels entworfen, bietet das Gebäude 476 Wohnungen, die sich um zwei Innenhöfe gruppieren. Die Rampe, die vom Erdgeschoss bis zum zehnten Stockwerk führt, kann zu Fuß oder mit dem Fahrrad befahren werden. Das 8-Tallet wurde mehrfach mit internationalen Architekturpreisen ausgezeichnet und gilt als eines der innovativsten Wohnbauprojekte Europas.
Die Superkilen
Superkilen im Stadtteil Nørrebro ist kein Gebäude, sondern ein öffentlicher Park, der von BIG, dem Landschaftsarchitekturbüro Topotek1 und dem Künstlerkollektiv Superflex gestaltet wurde. Der Park besteht aus drei Abschnitten: dem Roten Platz, dem Schwarzen Markt und dem Grünen Park. Jeder Abschnitt hat eine eigene Farbgebung und Atmosphäre. Über den gesamten Park verteilt stehen Objekte aus aller Welt: eine Schaukel aus dem Irak, ein Brunnen aus Marokko, ein Boxring aus Thailand. Die Idee dahinter ist, die kulturelle Vielfalt des multikulturellen Viertels Nørrebro widerzuspiegeln.
Die Schwarze Diamant
Die Königliche Bibliothek, bekannt als Den Sorte Diamant (Der Schwarze Diamant), ist ein Erweiterungsbau der alten Bibliothek am Slotsholmen. Das 1999 eröffnete Gebäude besteht aus zwei geneigten Quadern, die mit schwarzem Granit verkleidet sind und in der Mitte durch ein verglastes Atrium verbunden werden. Der Entwurf stammt von Schmidt Hammer Lassen Architects. Im Inneren befinden sich neben den Bibliotheksräumen ein Konzertsaal, Ausstellungsräume und ein Café mit Hafenblick.
Tietgenkollegiet
Ebenfalls in der Ørestad steht das Studentenwohnheim Tietgenkollegiet, ein kreisrundes Gebäude, das sich chinesischen Tulou-Rundhäusern verdankt. Die 360 Zimmer sind um einen gemeinsamen Innenhof angeordnet, und die unregelmäßig vorspringenden und zurückweichenden Fassadenelemente verleihen dem Bau eine lebendige, fast organische Wirkung. Die Architekten Lundgaard und Tranberg schufen damit ein Wohnheim, das weit über die üblichen funktionalen Standards hinausgeht.
Architekturtouren und praktische Tipps
Die beste Art, Kopenhagens Architektur zu erleben, ist zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Die meisten historischen Gebäude befinden sich im Stadtzentrum und lassen sich in einem ausgedehnten Spaziergang abdecken. Für die neueren Bauten in der Ørestad und auf Amager empfiehlt sich die Metro, die selbst ein architektonisches Erlebnis ist.
Das DAC im BLOX-Gebäude bietet geführte Architekturtouren an, die verschiedene Themen abdecken: von der historischen Altstadt über die Haferentwicklung bis zu den neuesten Bauprojekten. Die Touren dauern zwei bis drei Stunden und kosten zwischen 150 und 250 DKK (20 bis 34 EUR). Eine Anmeldung über die Website ist empfehlenswert, besonders in der Hochsaison.
Für Architekturfans lohnt sich auch eine Bootsfahrt durch den Hafen. Von den Kanaltour-Booten aus lassen sich die Oper, BLOX, die Schwarze Diamant und CopenHill aus einer Perspektive betrachten, die vom Land aus nicht möglich ist. Die Wasserseite vieler Gebäude zeigt Details, die man von der Straße nicht sehen kann.
Wer sich intensiver mit dänischer Architektur beschäftigen möchte, findet in der Buchhandlung des DAC eine sehr gute Auswahl an Architekturführern, Bildbänden und Monographien über dänische Architekten. Der Kopenhagen-Architekturführer von Politikens Forlag ist ein kompaktes Nachschlagewerk, das über 200 Gebäude beschreibt und in jede Jackentasche passt.
Die Copenhagen Card bietet freien Eintritt in mehrere architektonisch interessante Gebäude, darunter den Rundetaarn, das DAC und die Königliche Bibliothek. Die Karte kostet ab 459 DKK (etwa 62 EUR) für 24 Stunden und deckt zusätzlich den öffentlichen Nahverkehr ab, was die Anreise zu entfernteren Gebäuden wie CopenHill oder dem 8-Tallet erleichtert.
Häufige Fragen zur Architektur in Kopenhagen
Welches ist das bekannteste moderne Gebäude in Kopenhagen?
CopenHill (Amager Bakke) von Bjarke Ingels ist international das bekannteste moderne Bauwerk. Die Müllverbrennungsanlage mit Skipiste auf dem Dach wurde vielfach ausgezeichnet und zieht Architekturinteressierte aus aller Welt an.
Kann man die Oper besichtigen?
Ja, Führungen kosten 125 DKK (ca. 17 EUR) und finden an ausgewählten Tagen statt. Alternativ kann man das Foyer und das Restaurant ohne Vorstellungsbesuch betreten und die Uferpromenade rund um das Gebäude frei nutzen.
Gibt es organisierte Architekturtouren?
Das DAC im BLOX-Gebäude organisiert regelmäßig geführte Touren zu verschiedenen Themen (historisch, modern, Hafen). Kosten: 150 bis 250 DKK (20 bis 34 EUR). Anmeldung über die DAC-Website empfohlen.
Ist Grundtvigs Kirke einen Abstecher wert?
Unbedingt. Die expressionistische Backsteinkirche in Bispebjerg gehört zu den eindrucksvollsten Sakralbauten Europas. Der Eintritt ist frei. Anfahrt per Bus oder Metro, idealerweise vormittags bei Sonnenlicht.
Wie erreiche ich CopenHill?
Am besten mit der Metro bis Station Lergravsparken und dann zehn Minuten zu Fuß. Die Skipiste und Kletterwand kosten Eintritt (ab 100 DKK / 13 EUR pro Stunde), der Wanderweg auf dem Dach ist kostenlos.
Kann man das 8-Tallet besuchen?
Das 8-Tallet ist ein bewohntes Gebäude und daher nicht frei zugänglich. Die Rampe im Erdgeschoss und der öffentliche Bereich können aber betreten werden. Am besten von außen mit dem Fahrrad umrunden, um die Form zu erfassen.
Kopenhagens Architektur erzählt die Geschichte einer Stadt, die sich immer wieder neu erfindet und dabei ihre Wurzeln nicht vergisst. Vom spiralförmigen Rundetaarn des 17. Jahrhunderts bis zur Skipiste auf der Müllverbrennungsanlage spannt sich ein Bogen, der vier Jahrhunderte Baukunst umfasst und zeigt, warum dänische Architektur weltweit als Maßstab gilt.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026