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Husky-Touren in Skandinavien: Warum die Hunde am dritten Tag frischer sind als du

Husky-Touren in Skandinavien: Warum die Hunde am dritten Tag frischer sind als du

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Am Anfang steht Krach. Vierzig Hunde bellen gleichzeitig, sie springen in die Zugleinen, der Schlitten zerrt am Schneeanker, und der Guide ruft Anweisungen, die im Lärm untergehen. Dann löst er die Bremse. Zwei Sekunden später ist Ruhe. Man hört die Kufen auf dem Schnee und das Hecheln der Hunde, sonst nichts.

Diesen Umschwung bekommt kein Katalogfoto hin, und er ist der Grund, warum Leute so eine Tour überhaupt buchen. Was danach kommt, ist ein Tag oder eine Woche in einer Landschaft ohne Motorengeräusch. Und ein paar Dinge, die man besser vorher weiß, weil sie die Buchung verändern.

Was auf einer Tour tatsächlich passiert

Du fährst selbst. Das überrascht die meisten. Bei fast allen Anbietern seid ihr zu zweit an einem Schlitten, einer steht auf den Kufen, einer sitzt im Korb, zur Halbzeit wird getauscht. Gas gibt es nicht. Der einzige Hebel ist die Bremse, ein Metallbügel, den du mit dem Fuß in den Schnee drückst. Der Rest ist Gewichtsverlagerung in den Kurven und die Bereitschaft, bergauf abzusteigen und mitzuschieben.

Eine Schnuppertour dauert ein bis drei Stunden, davor laufen vier bis sechs Hunde. Auf einer Mehrtagestour mit dem Hundeschlitten sind es fünf bis acht, du machst 40 bis 60 Kilometer am Tag und schläfst abends in einer Wildnishütte ohne Strom. Dort gehört das Versorgen der Hunde zum Programm: anschirren, ausschirren, Pfoten kontrollieren, Futter warm machen. Manche Gäste empfinden das als Arbeit, für die sie eigentlich bezahlt haben. Genau darüber kommt man den Tieren aber näher als auf jeder Zweistundenrunde. Wer nur die Fahrt will, ist mit der kurzen Variante ehrlicher bedient.

Zwei Schlittenhunde ruhen im Schnee neben einem Holzschlitten vor einer roten Wildnishütte in Lappland
Pause an der Wildnishütte: Auf Mehrtagestouren versorgst du das Gespann selbst (KI-generiert)

Der Fakt, den kein Reiseanbieter erzählt

Michael Davis, Tierphysiologe an der Oklahoma State University, hat Schlittenhunden während mehrtägiger Läufe streichholzgroße Muskelproben entnommen. Immer nach der gleichen Distanz, Tag für Tag. Was dabei herauskam, hat mit dem, was man über Ausdauer zu wissen glaubt, wenig zu tun.

Am ersten Tag benehmen sich die Hunde wie menschliche Ausdauersportler. Das Muskelglykogen, der schnell verfügbare Zuckerspeicher in der Zelle, sinkt. So weit erwartbar. Ab dem zweiten Tag hört das auf. Der Glykogenspiegel bleibt oben, obwohl die Hunde dieselbe Strecke laufen. Die Muskelzellen holen sich die Energie stattdessen direkt aus der Blutbahn, größtenteils als Fett. Schlittenhunde schleusen zehn- bis zwanzigmal mehr Energie pro Zeiteinheit aus dem Blut in die Muskulatur als ein Mensch. Beim Iditarod frisst ein einzelner Hund dafür bis zu 12.000 Kalorien am Tag, zu 60 bis 70 Prozent aus Fett.

Übersetzt heißt das: Der Hund vor deinem Schlitten wird über die Tage nicht müde, er schaltet um. Du bist derjenige, der am dritten Tag Muskelkater in Waden und Unterarmen hat, weil Bremsen und Anschieben in dicken Klamotten anstrengender ist, als es aussieht.

Man sollte damit trotzdem vorsichtig argumentieren. Die Werte stammen aus dem Leistungssport, von Hunden, die ganzjährig trainiert werden, und sie sagen nichts über den Betrieb aus, bei dem du gerade buchst. Was sie aber aufräumen, ist eine verbreitete Sorge: Die lange Tour ist für die Hunde nicht die härtere. Härter ist für sie die Zeit ohne Arbeit.

Warum der Hund vor dir wahrscheinlich kein Husky ist

Der Siberian Husky ist eine anerkannte Rasse, mit Zuchtstandard, blauen Augen und Fell fürs Prospekt. Vor deinem Schlitten steht meistens etwas anderes: ein Alaskan Husky. Den erkennt kein Zuchtverband an, es gibt keinen Standard, weil das kein Rassehund ist, sondern eine Leistungskreuzung. Drin steckt, was schnell läuft und Kälte aushält, also Siberian Husky, Pointer, Greyhound, Saluki.

Skandinavien hat dabei kräftig mitgemischt. Der Eurohound, eine Kreuzung aus Alaskan Husky und Deutsch Kurzhaar, ist hier entstanden. Möglich wurde er 1985, als der norwegische Schlittenhundeverband die Vorschrift kippte, dass Rennhunde reinrassig sein müssen. Danach züchteten die Musher nach Leistung statt nach Papieren. Herausgekommen ist ein Hund, der im Sprint an die 40 Kilometer pro Stunde erreicht und deutlich schlanker gebaut ist als das, was die meisten im Kopf haben, wenn sie Schlittenhund hören.

Wenn dein Leithund also drahtig und langbeinig wirkt statt plüschig: Das ist kein Zeichen für schlechte Haltung, sondern der Punkt der ganzen Zucht.

Und noch etwas, das gern durcheinandergerät. Der Hundeschlitten ist in Lappland kein samisches Erbe. Die Sámi zogen mit Rentieren, ihr Hund war der Lapinporokoira, ein Hütehund, der die Herde zusammenhielt statt den Schlitten. Wer beides erleben will, bucht zwei verschiedene Dinge: eine Husky-Tour und eine Fahrt mit dem Rentierschlitten bei einer samischen Familie.

Finnland, Schweden oder Norwegen

Finnisch-Lappland hat das dichteste Angebot. Rovaniemi, Levi und Ylläs liegen nah an Flughäfen mit Direktflügen, buchen lässt sich alles zwischen einer halben Stunde und einer Woche. Der Preis dafür ist Betrieb, und es ist auch die Region, aus der die meisten kritischen Berichte kommen.

Schwedisch-Lappland ist stiller. Um Kiruna und Abisko herum arbeiten viele kleine Kennel, und Abisko liegt im Regenschatten der Berge, was dort für auffällig viele klare Nächte sorgt. Wer Hundeschlitten und Nordlicht in einer Reise zusammenbringen will, fährt am besten dorthin.

Nordnorwegen ist der Sonderfall. Tromsø und Alta liegen küstennah, es ist milder und wolkiger, dafür fährst du zwischen Bergen und Fjorden statt durch Wald. In Alta startet außerdem das Finnmarksløpet, mit 1.200 Kilometern das längste Schlittenhunderennen Europas. Einige Kennel dort fahren selbst Rennen. Das merkt man den Hunden an, und dem Tempo auch.

Woran du einen verantwortlichen Betrieb erkennst

Für Tiere im Tourismus gibt es in Finnland kein eigenes Gesetz. Der finnische Rundfunk Yle und die Tierschutzorganisation SEY haben in Dutzenden Betrieben Missstände dokumentiert, von unterernährten Hunden bis zu unbehandelten Verletzungen. Wer will, kann Hunde kaufen und in der nächsten Woche Touren verkaufen.

Immerhin gibt es seit 2021 einen Maßstab. Die Universität Lappland hat zusammen mit Going Green Oy Kriterien für Schlittenhunde im Tourismus erarbeitet, die im Siegel Green Activities stecken. Zertifizierte Betriebe müssen Arbeitszeiten und Gesundheit der Tiere dokumentieren, für Bewegung und Beschäftigung im Sommer sorgen, den Ruhestand alter Hunde regeln und ungeplante Würfe verhindern. Geprüft wird vor Ort. Bisher ist das das einzige nordische Nachhaltigkeitssiegel, das Tierwohl überhaupt behandelt. Viele gute kleine Kennel haben es nicht, weil Zertifizierung Geld kostet, das Fehlen des Siegels ist also kein Urteil.

Drei Fragen bringen dich auch ohne Zertifikat weiter. Was machen die Hunde im Sommer? Was passiert mit denen, die nicht mehr laufen können? Und darf ich den Zwinger sehen? Wer bei der dritten Frage ausweicht, hat sie beantwortet.

Saison, Kleidung, Buchung

Die Saison läuft von Dezember bis April, verlässlich sind Januar bis März. Im Dezember fehlt im südlichen Lappland manchmal noch der Schnee, mehr dazu steht bei der besten Reisezeit für Lappland. Kleidung wird fast überall gestellt, also Thermoanzug, Stiefel und Fäustlinge. Selbst dabeihaben solltest du eine dünne Wollschicht direkt auf der Haut, dicke Wollsocken, einen Buff fürs Gesicht und eine Skibrille. Auf den Kufen stehst du weitgehend still, und das kühlt vollkommen anders aus als eine Wanderung. Das Handy überlebt bei minus zwanzig Grad kaum eine halbe Stunde, es gehört in die Innentasche. Selbst fahren darfst du meist ab 14 oder 15 Jahren, jüngere Kinder sitzen im Korb.

Bleibt der unromantische Teil. Mehrtagestouren sind früh weg, über Weihnachten, Neujahr und in den Februarferien am frühesten. Wenn du eine bestimmte Woche im Kopf hast, solltest du fast ein Jahr vorher Husky Touren buchen statt im Oktober loszusuchen. Was sonst noch in die Winterplanung gehört, steht in unserer Übersicht zu den Aktivitäten in Lappland.

Im Kopf bleibt am Ende ohnehin nicht die Kilometerzahl, sondern diese zwei Sekunden, in denen der Lärm abreißt.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.