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Sámi-Kultur in Lappland
Geschichte, Traditionen und respektvolles Reisen

Sámi-Kultur in Lappland

15 Min. Lesezeit

In einem kleinen Raum im Siida-Museum in Inari steht ein älterer Mann vor einer Gruppe Touristen. Er trägt Jeans und einen Fleecepulli, keine samische Tracht. Er erzählt, wie sein Großvater mit den Rentierherden über die Finnmarksvidda zog. Wie seine Mutter in der Schule bestraft wurde, wenn sie Samisch sprach. Wie er selbst die Sprache seiner Familie erst als Erwachsener neu lernen musste, weil sie ihm als Kind abgewöhnt worden war. Er klagt nicht. Er stellt fest. Und diese Feststellungen treffen härter als jeder Vorwurf.

Die Sámi sind das einzige offiziell anerkannte indigene Volk Europas. Ihr Siedlungsgebiet, Sápmi, erstreckt sich über den Norden von Norwegen, Schweden, Finnland und die russische Kola-Halbinsel. Wer nach Lappland reist, betritt samisches Land. Das zu verstehen ist der erste Schritt zu einem Besuch, der beiden Seiten gerecht wird.

Wer die Sámi sind

Samische Flagge in den Farben Rot, Blau, Grün und Gelb vor einer lappländischen Fjälllandschaft
Die samische Flagge vereint die Farben des Volkes: Rot, Blau, Grün und Gelb (KI-generiert)

Die Sámi leben seit mindestens 3.500 Jahren in Nordskandinavien. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass ihre Vorfahren bereits vor 10.000 Jahren in der Region siedelten, kurz nach dem Ende der letzten Eiszeit. Die genaue Herkunft ist umstritten, aber DNA-Analysen zeigen eine Verwandtschaft sowohl zu europäischen als auch zu sibirischen Populationen. Die Sámi sind damit eines der ältesten noch existierenden Völker des Kontinents.

Heute leben schätzungsweise 80.000 bis 100.000 Sámi in den vier Ländern ihres Siedlungsgebiets. Die größte Gruppe findet sich in Norwegen (40.000 bis 60.000), gefolgt von Schweden (20.000 bis 40.000), Finnland (etwa 10.000) und Russland (etwa 2.000). Die genauen Zahlen sind schwer zu bestimmen, weil die Kriterien für samische Identität je nach Land unterschiedlich definiert werden. Die meisten Sámi leben heute in Städten und arbeiten in gewöhnlichen Berufen.

Ein verbreiteter Irrtum: Die Sámi sind keine homogene Gruppe. Es gibt Küsten-Sámi, die vom Fischfang leben, Wald-Sámi im Binnenland und Fjäll-Sámi in den Bergen. Die bekanntesten sind die Rentier-Sámi, deren Wanderungen mit ihren Herden das populäre Bild prägen. Aber nur etwa zehn Prozent der heutigen Sámi betreiben noch Rentierhaltung. Der Rest lebt wie die skandinavische Mehrheitsbevölkerung in der modernen Gesellschaft.

Die samischen Sprachen gehören zur finno-ugrischen Sprachfamilie und sind mit dem Finnischen verwandt, aber nicht gegenseitig verständlich. Es gibt neun verschiedene samische Sprachen. Nordsamisch wird von etwa 25.000 Menschen gesprochen und ist die verbreitetste. Mehrere kleinere samische Sprachen sind vom Aussterben bedroht. Ume-Samisch zum Beispiel hat weniger als 20 Muttersprachler.

Geschichte und Unterdrückung

Die Geschichte der Sámi ist eine Geschichte der schrittweisen Verdrängung. Ab dem 17. Jahrhundert drangen die skandinavischen Staaten systematisch in samisches Gebiet vor. Missionare christianisierten die Bevölkerung, oft unter Zwang. Heilige Stätten wurden zerstört, samische Trommeln verbrannt, schamanische Praktiken verboten. Die Kirche übernahm die Rolle der kulturellen Kontrolle.

Im 19. und 20. Jahrhundert verschärfte sich die Lage durch die Politik der Norwegisierung (in Norwegen) und Schwedisierung (in Schweden). Samische Kinder wurden in Internatsschulen geschickt, wo sie ihre Sprache nicht sprechen durften. Bestrafungen bei Gebrauch des Samischen reichten von Nachsitzen bis zu körperlicher Züchtigung. Diese Politik dauerte in Norwegen bis in die 1960er Jahre, in Schweden teilweise noch länger. Die Folgen sind bis heute spürbar: Eine ganze Generation wuchs auf, ohne ihre Muttersprache zu beherrschen.

In Schweden kam die Rassenhygiene hinzu. Das Staatliche Institut für Rassenbiologie in Uppsala (gegründet 1922) führte Schädelvermessungen an Sámi durch und klassifizierte sie als „minderwertige Rasse". Diese pseudowissenschaftlichen Studien dienten der Rechtfertigung für Zwangssterilisierungen und Diskriminierung. Schweden hat sich für diese Praktiken erst 2021 offiziell entschuldigt.

In Finnland war die Assimilierungspolitik weniger aggressiv als in Norwegen, aber dennoch wirksam. Die finnische Besiedlung des Nordens verdrängte die Sámi schrittweise aus ihren traditionellen Gebieten. Landrechte wurden ignoriert, Wälder gerodet, Flüsse gestaut. Die Konflikte um Landnutzung dauern bis heute an.

Traditionen und Lebensweise

Traditionelles samisches Lavvu-Zelt in der lappländischen Landschaft
Das Lavvu ist das traditionelle Zelt der Sámi, ähnlich einem nordamerikanischen Tipi (KI-generiert)

Die traditionelle samische Lebensweise war an den Rhythmus der Jahreszeiten gebunden. Die Rentier-Sámi zogen mit ihren Herden zwischen Sommerweiden an der Küste und Winterweiden im Binnenland. Die Wald-Sámi lebten von Jagd, Fischfang und kleinen Rentierherden. Die Küsten-Sámi betrieben Fischerei und Robbenjagd. All diese Lebensweisen erforderten ein tiefes Verständnis der Natur und ihrer Zyklen.

Das Lavvu ist das traditionelle Zelt der Sámi, äußerlich dem nordamerikanischen Tipi ähnlich. Es besteht aus Holzstangen und Rentierfellen (heute oft Segeltuch) und lässt sich in wenigen Minuten auf- und abbauen. Im Zentrum brennt ein offenes Feuer. Das Lavvu wird heute bei kulturellen Veranstaltungen und im Tourismus eingesetzt, manche Rentierhirten nutzen es noch bei ihren Wanderungen.

Die Gákti (samische Tracht) ist kein Kostüm, sondern ein Kleidungsstück mit Bedeutung. Farben, Muster und Schnitt verraten die regionale Zugehörigkeit des Trägers. Die Gákti wird bei Festen, Hochzeiten und offiziellen Anlässen getragen. Sie zu Karneval oder als Verkleidung zu tragen wäre respektlos, vergleichbar mit dem Missbrauch anderer kultureller Symbole.

Acht Jahreszeiten statt vier kennen die Sámi traditionell. Der Kalender orientiert sich am Verhalten der Rentiere: Kalbezeit, Markierungszeit, Sommerwanderung, Herbstschlachtung. Jede Jahreszeit hat eigene Aufgaben und Rituale. Dieses System ist kein Relikt, sondern wird von den Rentierhirten bis heute angewendet.

Joik und Kunsthandwerk

Der Joik ist die traditionelle Gesangsform der Sámi und eine der ältesten Musiktraditionen Europas. Ein Joik ist kein Lied über jemanden oder etwas. Man joikt eine Person, ein Tier oder einen Ort. Der Unterschied ist subtil, aber wichtig: Der Joik soll das Wesen des Besungenen einfangen, nicht es beschreiben. Ein Joik für einen Fluss klingt nach fließendem Wasser, ein Joik für einen Freund fängt dessen Charakter ein.

Joiken wurde während der Christianisierung als „Teufelsgesang" verboten und ging in vielen Familien verloren. Seit den 1970er Jahren erlebt er eine Wiederbelebung. Samische Musiker wie Mari Boine, Sofia Jannok und Jon Henrik Fjällgren haben den Joik in die moderne Musikwelt getragen. Mari Boines Alben verbinden Joik mit Jazz und Weltmusik und haben internationales Publikum erreicht.

Das samische Kunsthandwerk heißt Duodji und umfasst die Verarbeitung von Rentierhorn, Birkenholz und Leder. Typische Produkte sind Messer mit Rentierhorngriff (die berühmten Sámi-Messer), Trinkbecher aus Birkenholz, gewebte Bänder und Schmuck aus Zinn und Leder. Echtes Duodji ist Handarbeit und hat seinen Preis: Ein Sámi-Messer kostet ab 80 EUR, ein aufwendiger Trinkbecher ab 50 EUR. Wer Duodji kaufen will, sollte auf das Sámi-Duodji-Gütesiegel achten, das garantiert, dass das Produkt von einem samischen Handwerker gefertigt wurde.

Museen und kulturelle Orte

Außenansicht des Siida Sámi Museums in Inari, Finnisch-Lappland
Das Siida-Museum in Inari ist das wichtigste Museum der samischen Kultur in Finnland (KI-generiert)

Siida in Inari (Finnland) ist das Nationalmuseum der finnischen Sámi und das am besten aufbereitete Museum zur samischen Kultur insgesamt. Nach einer umfangreichen Renovierung 2022 zeigt es auf zwei Etagen die Geschichte und Lebensweise der Sámi. Das Freigelände mit rekonstruierten historischen Gebäuden ergänzt die Ausstellung. Eintritt: 15 EUR für Erwachsene. Öffnungszeiten: täglich 10 bis 17 Uhr (im Sommer bis 18 Uhr).

Ájtte in Jokkmokk (Schweden) ist das schwedische Fjäll- und Sámi-Museum. Es dokumentiert die samische Kultur aus schwedischer Perspektive und hat eine gute Sammlung an Duodji-Handwerkskunst. Jokkmokk ist auch der Ort des Jokkmokks Marknad, eines samischen Marktes, der seit 1605 jeden ersten Donnerstag im Februar stattfindet. Der Markt dauert drei Tage und zieht bis zu 30.000 Besucher an. Hier kann man echtes Duodji kaufen, Rentierprodukte probieren und Joik-Konzerte besuchen.

Saemien Sijte in Snåsa (Norwegen) ist das südsamische Kulturzentrum und widmet sich der am stärksten bedrohten samischen Gruppe. Die Südsamische Sprache hat weniger als 500 Muttersprachler. Das Zentrum dokumentiert die südsamische Rentierhaltung, die sich von der nordsamischen unterscheidet, weil die Herden durch Waldgebiete statt über offene Fjälls wandern.

RiddoDuottarMuseat in Karasjok (Norwegen) umfasst das Samische Kunsthandwerksmuseum und die Samische Kunstsammlung. Karasjok ist auch der Sitz des norwegischen Sameting (Sámi-Parlament) und gilt als die inoffizielle samische Hauptstadt auf norwegischer Seite. Das Sámi-Parlament ist für Besucher zugänglich, wenn keine Sitzungen stattfinden.

Respektvolles Reisen in Sámi-Gebieten

Als Tourist in Sápmi ist man Gast in einem Land, das von einem anderen Volk bewohnt wird. Das klingt selbstverständlich, wird aber in der Praxis oft vergessen. Hier einige konkrete Hinweise:

Fotografieren: Sámi in Tracht nicht ohne Erlaubnis fotografieren. Das gilt besonders bei Festen und kulturellen Veranstaltungen. Die Gákti ist kein Fotomotiv, sondern ein persönliches Kleidungsstück. Fragen kostet nichts und wird meistens positiv beantwortet, wenn man höflich fragt.

Kulturelle Angebote: Die besten Kulturerlebnisse sind die, bei denen Sámi selbst die Gastgeber sind. Es gibt samische Reiseführer, samisch geführte Rentierfarm-Besuche und samische Kulturveranstaltungen. Diese Angebote sind oft teurer als generische Touristenattraktionen, aber das Geld fließt direkt in die samische Gemeinschaft. Anbieter wie Visit Sápmi (Schweden) oder Sámi Siida (Finnland) sind von Sámi geführt.

Sprache: Die Bezeichnung „Lappen" ist abwertend und sollte vermieden werden. Der korrekte Name ist „Sámi" (oder „Samen" im Deutschen). Das Wort „Lappland" als Ortsbezeichnung wird von den meisten Sámi akzeptiert, aber Sápmi ist der samische Name für ihr Siedlungsgebiet.

Rentiere: Auf Straßen haben Rentiere Vorfahrt. Langsam fahren und warten. Die Tiere gehören jemandem, auch wenn sie frei herumlaufen. In der Kalbezeit (Mai bis Juni) und bei der Herbstschlachtung (Oktober bis November) die Herden nicht stören. Wanderwege in Rentiergebieten nicht verlassen, Hunde an der Leine halten.

Sámi-Kultur heute

Modernes samisches Kulturzentrum in Lappland mit traditionellen Elementen
Die samische Kultur verbindet Tradition mit modernem Leben (KI-generiert)

Die politische Situation der Sámi hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert. In Norwegen (seit 1989), Schweden (seit 1993) und Finnland (seit 1996) gibt es gewählte Sámi-Parlamente (Sameting). Diese haben beratende Funktion, können aber keine Gesetze verabschieden. Ihre Macht ist begrenzt, und Konflikte um Landrechte und Windkraftprojekte in samischen Gebieten sind an der Tagesordnung.

In Norwegen kämpften die Sámi 2021 erfolgreich gegen einen Windpark auf der Fosen-Halbinsel. Der Oberste Gerichtshof urteilte, dass der Windpark die Rechte der Rentier-Sámi verletzt. Die Regierung entfernte die Windräder trotzdem nicht, was zu Protesten vor dem Parlament in Oslo führte. Die Aktivistin Ella Marie Hætta Isaksen und Greta Thunberg beteiligten sich. Dieser Fall zeigt, wie aktuell die Konflikte zwischen wirtschaftlichen Interessen und samischen Rechten sind.

Die samische Sprache erlebt eine vorsichtige Wiederbelebung. In allen drei skandinavischen Ländern gibt es samischsprachige Kindergärten und Schulen. NRK Sápmi (Norwegen) und YLE Sápmi (Finnland) senden Radio und Fernsehen auf Samisch. Samische Literatur und Musik erreichen zunehmend ein internationales Publikum. Der Film „Sami Blood" (2016) über die schwedische Rassenpolitik gewann Preise in Venedig und Toronto.

Der Sámi-Nationaltag am 6. Februar wird seit 1993 in allen vier Ländern begangen. An diesem Tag hissten 1917 die Sámi zum ersten Mal eine gemeinsame Flagge. Die Feierlichkeiten umfassen Joik-Konzerte und Flaggenhissen Programme. In Tromsø und Jokkmokk sind die Feierlichkeiten am größten.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Sámi und Lappen?

„Lappen" ist eine alte Fremdbezeichnung, die von den Sámi als abwertend empfunden wird. Der korrekte Name ist „Sámi" (oder „Samen" auf Deutsch). Das Wort „Lappland" als geographische Bezeichnung wird meistens toleriert, aber der samische Name für ihr Siedlungsgebiet ist „Sápmi".

Wo kann man die Sámi-Kultur am besten kennenlernen?

Das Siida-Museum in Inari (Finnland) ist die beste Anlaufstelle für einen umfassenden Überblick. Der Jokkmokks Marknad im Februar in Schweden bietet lebendige Kultur. In Karasjok (Norwegen) sitzt das Sámi-Parlament. Für persönliche Begegnungen empfehlen sich samisch geführte Rentierfarm-Besuche oder Kulturtouren bei Anbietern wie Visit Sápmi.

Darf man Sámi in Tracht fotografieren?

Immer zuerst fragen. Die Gákti (samische Tracht) ist kein Kostüm, sondern ein persönliches Kleidungsstück mit kultureller Bedeutung. Die meisten Sámi sind freundlich, wenn man höflich um Erlaubnis bittet. Ungefragt Fotos zu schießen, besonders bei kulturellen Veranstaltungen, gilt als respektlos.

Gibt es noch Sámi, die als Rentierhirten leben?

Ja, etwa zehn Prozent der Sámi betreiben noch Rentierhaltung. In Schweden ist die Rentierhaltung gesetzlich den Sámi vorbehalten. In Norwegen und Finnland gibt es ähnliche Regelungen. Die meisten Hirten nutzen heute Schneemobile, GPS-Tracker und Drohnen für die Arbeit mit ihren Herden. Die Rentierhaltung ist aber wirtschaftlich schwierig, und viele Hirten haben Nebeneinkünfte.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026