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Wikinger und ihre Sagas
Auf den Spuren der Nordmänner durch Skandinavien

Wikinger und ihre Sagas

14 Min. Lesezeit

Zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert brachen die Wikinger von den Küsten Skandinaviens auf und veränderten Europa. Sie waren Händler, Siedler, Entdecker und ja, auch Plünderer. Aber die populäre Vorstellung vom gehörnten Helm tragenden Barbaren hat mit der historischen Realität wenig zu tun. Die Wikinger waren hochentwickelte Seefahrer, geschickte Handwerker und Schöpfer einer der reichsten literarischen Traditionen des Mittelalters.

Wer heute durch Schweden, Norwegen, Dänemark oder Island reist, stolpert fast zwangsläufig über die Spuren dieser Epoche. Runensteine stehen an Straßenrändern, Schiffsgräber liegen unter Weideflächen, und in Museen lassen sich Originalobjekte betrachten, die über tausend Jahre alt sind. In diesem Artikel geht es um die wichtigsten Orte, Museen und Erlebnisse rund um die Wikinger und ihre Sagas.

Die Wikingerzeit im Überblick

Die Wikingerzeit wird üblicherweise auf den Zeitraum von 793 bis 1066 datiert. Das Anfangsdatum markiert den Überfall auf das Kloster Lindisfarne an der englischen Küste, das Ende die Schlacht bei Stamford Bridge, in der der norwegische König Harald Hardråde fiel. Dazwischen liegen knapp 300 Jahre, in denen skandinavische Seefahrer die Küsten Europas, Nordafrikas und des Nahen Ostens erreichten.

Die Wikinger kamen aus dem, was heute Norwegen, Schweden und Dänemark ist. Die norwegischen Wikinger zog es vorwiegend nach Westen: zu den Färöer-Inseln, nach Island, Grönland und sogar nach Nordamerika, wo Leif Eriksson um das Jahr 1000 in Neufundland landete. Die dänischen Wikinger konzentrierten sich auf England und Frankreich, gründeten das Danelag in England und erhielten die Normandie als Lehen. Die schwedischen Wikinger, oft als Waräger bezeichnet, orientierten sich nach Osten und drangen über die russischen Flüsse bis nach Konstantinopel und Bagdad vor.

Nachbau eines Wikinger-Langschiffs an einem norwegischen Fjord
Nachbau eines Wikinger-Langschiffs an einem norwegischen Fjord (KI-generiert)

Ihre Gesellschaft war komplexer als man denkt. Es gab drei Stände: Jarle (Adel), Karle (Freie) und Þrællar (Unfreie). Thing-Versammlungen regelten Rechtsstreitigkeiten, und das isländische Althing, gegründet 930, gilt als eines der ältesten Parlamente der Welt. Frauen hatten in der Wikingergesellschaft mehr Rechte als in vielen anderen Kulturen des Mittelalters. Sie konnten Eigentum besitzen, sich scheiden lassen und Handel treiben.

Die Religion der Wikinger drehte sich um Götter wie Odin, Thor, Freya und Loki. Der Übergang zum Christentum vollzog sich schrittweise zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert und verlief je nach Region unterschiedlich. In Dänemark wurde Harald Blauzahn um 965 getauft, Norwegen folgte unter Olav Tryggvason um 1000, und Island beschloss die Christianisierung per Parlamentsbeschluss im Jahr 1000.

Die großen Sagas: Literatur aus Eis und Blut

Die altnordischen Sagas gehören zum Wertvollsten, was die mittelalterliche Literatur hervorgebracht hat. Geschrieben wurden sie größtenteils im 13. Jahrhundert auf Island, oft Jahrhunderte nach den Ereignissen, die sie beschreiben. Sie berichten von Fehden und Familienehre Konflikten zwischen altem Glauben und neuem Christentum. Der Stil ist nüchtern, fast journalistisch. Kein Pathos, wenig Kommentar. Die Handlung spricht für sich.

Die Edda gibt es in zwei Varianten. Die Ältere Edda (Lieder-Edda) ist eine Sammlung von Götterliedern und Heldenliedern, die in der Handschrift Codex Regius überliefert sind. Sie erzählt von der Entstehung der Welt aus dem Nichts (Ginnungagap), vom Kampf der Götter gegen die Riesen und vom Ragnarök, dem Weltuntergang. Die Jüngere Edda (Prosa-Edda) wurde von Snorri Sturluson um 1220 als Handbuch für Skalden (Dichter) verfasst und enthält die systematischste Darstellung der nordischen Mythologie.

Die Isländersagas (Íslendingasögur) bilden den Kern der Saga-Literatur. Die bekannteste ist die Njáls saga, die von der Fehde zwischen dem weisen Njáll Þorgeirsson und seinem Freund Gunnar handelt und die isländische Gesellschaft des 10. Jahrhunderts lebendig werden lässt. Die Laxdæla saga erzählt ein Liebesdreieck vor dem Hintergrund der Besiedlung Islands. In der Egils saga steht der Wikingerkrieger und Skalde Egill Skallagrímsson im Mittelpunkt, ein Mann, der gleichzeitig ein brutaler Kämpfer und ein feinsinniger Dichter war.

Alte isländische Saga-Handschrift in einer Museumsvitrine
Isländische Saga-Handschriften werden in Reykjavik aufbewahrt (KI-generiert)

Die Königssagas berichten von den norwegischen Königen. Die wichtigste Sammlung ist Snorri Sturlusons Heimskringla, die von den mythischen Anfängen der norwegischen Dynastie bis ins 12. Jahrhundert reicht. Besonders die Saga des Heiligen Olav wurde immer wieder erzählt und umgeschrieben. Die Vinlandsagas (Grænlendinga saga und Eiríks saga rauða) berichten von den Fahrten nach Nordamerika und wurden durch archäologische Funde in L'Anse aux Meadows auf Neufundland bestätigt.

Archäologische Fundorte in Skandinavien

Skandinavien ist voll von Wikinger-Fundorten, manche weltberühmt, andere kaum bekannt. Hier die wichtigsten, sortiert nach Ländern.

Birka (Schweden) liegt auf der Insel Björkö im Mälarsee, etwa eine Bootsstunde von Stockholm entfernt. Birka war zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert einer der wichtigsten Handelsplätze Nordeuropas. Archäologen haben hier über 3.000 Gräber freigelegt, darunter das berühmte Kriegergrab Bj 581, das sich als Frauenbestattung herausstellte und die Debatte über weibliche Wikingerkrieger neu entfachte. Birka ist UNESCO-Welterbe und im Sommer per Boot erreichbar. Der Eintritt ins Museum auf der Insel kostet etwa 100 SEK.

Jelling (Dänemark) ist das politische Zentrum der Wikingerzeit in Dänemark. König Gorm der Alte errichtete hier einen Runenstein für seine Frau Thyra, sein Sohn Harald Blauzahn setzte einen größeren daneben, auf dem er die Christianisierung Dänemarks verkündete. Der große Jellingstein wird manchmal als "Taufschein Dänemarks" bezeichnet. Dazu kommen zwei große Grabhügel und eine Kirche, die über einer älteren Holzkirche steht. Der Eintritt zum Freigelände und Museum ist kostenlos.

Oseberg und Gokstad (Norwegen) sind die Fundorte der beiden berühmtesten Wikingerschiffe der Welt. Das Oseberg-Schiff wurde 1904 auf einem Bauernhof in Vestfold ausgegraben und enthielt die reichste Wikinger-Grabausstattung, die jemals gefunden wurde: Schlitten, Wagen und Textilien Überreste zweier Frauen. Das Gokstad-Schiff ist das seetüchtigere der beiden und wurde als Vorlage für Nachbauten verwendet. Beide Schiffe stehen im Vikingskipshuset in Oslo, das derzeit zum neuen Museum of the Viking Age umgebaut wird.

Þingvellir (Island) ist der Ort, an dem die Wikinger ab 930 ihr Althing abhielten. Das Parlamentsfeld liegt in einem Grabenbruch zwischen der nordamerikanischen und der eurasischen Kontinentalplatte. Hier wurden Gesetze beschlossen, Streitigkeiten beigelegt und im Jahr 1000 die Christianisierung Islands verkündet. Þingvellir ist UNESCO-Welterbe und gehört zum Golden Circle, der meistbesuchten Touristenstrecke Islands.

Die besten Wikinger-Museen

Wer die Wikingerzeit wirklich verstehen will, kommt an den Museen nicht vorbei. Hier werden Funde gezeigt, die in Büchern nur Abbildungen sind, und der Kontext wird greifbar.

Wikingerschiffsmuseum in Roskilde mit originalen Schiffen
Das Wikingerschiffsmuseum in Roskilde zeigt fünf originale Schiffe (KI-generiert)

Das Wikingerschiffsmuseum in Roskilde (Dänemark) zeigt fünf Wikingerschiffe, die um 1070 im Roskilde Fjord absichtlich versenkt wurden, um den Fjord vor feindlichen Angriffen zu schützen. Die Schiffe wurden in den 1960er Jahren geborgen und restauriert. Im Sommer kann man im Museumshafen auf Nachbauten mitsegeln. Der Eintritt liegt bei 160 DKK für Erwachsene, Kinder unter 17 sind frei. Die Bootswerft zeigt, wie Wikingerschiffe mit historischen Werkzeugen gebaut werden.

Das Historiska Museet in Stockholm besitzt die weltweit größte Sammlung von Wikinger-Silber, darunter Hortfunde von Gotland mit arabischen und byzantinischen Münzen. Die Goldhalle im Untergeschoss zeigt über 3.000 Goldobjekte. Der Eintritt ist kostenlos. Das Museum liegt zentral und lässt sich gut mit einem Besuch der Altstadt Gamla Stan verbinden.

Das Lofotr Wikingermuseum auf den Lofoten steht am Fundort eines Häuptlingshofs aus dem 5. bis 9. Jahrhundert. Das rekonstruierte Langhaus ist mit 83 Metern eines der größten, das jemals nachgebaut wurde. Besucher können hier Bogenschießen und im Sommer auf einem Wikingerschiff rudern. Der Eintritt beträgt 250 NOK. Es gibt auch ein Wikingerfest im August mit Rollenspiel und historischer Küche.

Das Nationalmuseum in Reykjavik zeigt die Saga-Handschriften und den berühmten Türsturz von Valþjófsstaður mit seinen Schnitzereien. Die Ausstellung "The Settlement Exhibition" in der Innenstadt präsentiert die Überreste eines Wikingerhauses aus dem 10. Jahrhundert, das bei Bauarbeiten entdeckt wurde. Hier wird auch die Geschichte der isländischen Besiedlung mit modernen Medien erzählt.

Wikinger-Erlebnisse zum Mitmachen

Neben Museen und Fundorten gibt es in Skandinavien zahlreiche Orte, an denen man die Wikingerzeit aktiv erleben kann. Das geht über das bloße Anschauen hinaus und macht besonders mit Kindern Spaß.

Foteviken (Schweden) bei Malmö ist ein rekonstruiertes Wikingerdorf mit rund 20 Gebäuden, darunter ein Marktplatz, ein Hafen und Werkstätten. Im Sommer leben hier Reenactment-Gruppen im Wikingerstil und führen historisches Handwerk vor. Das Dorf ist von Mai bis September geöffnet. Eintritt: 120 SEK für Erwachsene.

Gudvangen (Norwegen) im Nærøyfjord beherbergt das Njardarheimr Wikingerdorf. Hier wurde ein komplettes Wikingerdorf in einem Fjordtal errichtet, mit Schmiede und Langhaus. Die Guides tragen authentische Kleidung und erklären den Alltag der Wikinger. Man kann Met trinken und Brot nach historischen Rezepten probieren. Im Sommer finden regelmäßig Wikingermärkte statt.

Wikinger-Reenactment mit Schwert und Schild bei einem Wikingerfest
Wikinger-Reenactment auf einem skandinavischen Wikingerfest (KI-generiert)

Die Trelleborg (Dänemark) bei Slagelse ist eine der am besten erhaltenen Ringburgen aus der Zeit Harald Blauzahns (um 980). Das zugehörige Museum erklärt, wie diese geometrisch präzisen Festungen gebaut und genutzt wurden. Im Sommer gibt es Workshops für Kinder: Schwertschmieden aus Holz und Runenritzen. Die Anlage liegt direkt neben der Autobahn E20 und ist gut erreichbar.

Auf Gotland (Schweden) findet jede Woche im August die Medeltidsveckan statt, die größte Mittelalterwoche Skandinaviens. Obwohl der Schwerpunkt auf dem Mittelalter liegt, sind die Wikinger stark vertreten. Die Altstadt von Visby verwandelt sich in einen historischen Markt, es gibt Ritterspiele und Handwerksdemonstrationen mit mittelalterlicher Musik. Hotels sollte man Monate im Voraus buchen.

Wikinger-Routen durch Skandinavien

Wer mehrere Wikinger-Stätten besuchen möchte, kann sich eine Route zusammenstellen, die mehrere Länder verbindet. Hier zwei Vorschläge für Selbstfahrer.

Route 1: Dänemark und Schweden (10 Tage) Kopenhagen als Startpunkt, dann nach Roskilde zum Schiffsmuseum (1 Tag). Weiter nach Jelling in Jütland (1 Tag). Fähre von Frederikshavn nach Göteborg, dann nach Birka bei Stockholm (2 Tage). Abstecher nach Gotland per Fähre (2 Tage) und zurück nach Stockholm zum Historiska Museet (2 Tage). Gesamte Strecke: ca. 1.800 km.

Route 2: Norwegen mit Lofoten (14 Tage) Oslo als Startpunkt: Museum of the Viking Age und Kulturhistorisk Museum (2 Tage). Weiter nach Borre in Vestfold, wo ein Wikingerfriedhof mit großen Grabhügeln liegt (1 Tag). Dann nach Trondheim, das als Nidaros Hauptstadt des Wikingerreichs war (2 Tage). Küstenfahrt oder Flug zu den Lofoten für das Lofotr Museum (3 Tage). Rückweg über Tromsø und das Nordnorwegische Wissenschaftszentrum (2 Tage).

Beide Routen funktionieren am besten zwischen Juni und August, wenn alle Museen und Freilichtanlagen geöffnet sind. Im Winter sind viele Wikinger-Stätten geschlossen oder nur eingeschränkt zugänglich.

Wikinger in der modernen Kultur

Die Wikinger erleben seit Jahren einen Boom in der Populärkultur. Die TV-Serie "Vikings" (2013 bis 2020) hat das Interesse an der Wikingerzeit weltweit neu entfacht. Die Serie basiert lose auf den Sagas von Ragnar Lodbrok und wurde in Irland gedreht, nicht in Skandinavien. Wer die echten Schauplätze sehen will, muss also selbst nach Norden reisen.

Die nordische Mythologie hat sich auch in andere Bereiche ausgebreitet. Marvels Thor-Filme basieren auf den Göttergeschichten der Edda, auch wenn die Verbindung zur Vorlage dünn ist. Neil Gaimans Buch "Nordische Mythen und Sagen" bietet eine zugängliche Nacherzählung der wichtigsten Geschichten. Und das Computerspiel "Assassin's Creed Valhalla" schickt Spieler in die Wikingerzeit Englands, wobei die Spielwelt erstaunlich detailliert historische Orte nachbildet.

Runenstein aus der Wikingerzeit in der schwedischen Landschaft
Runensteine aus der Wikingerzeit stehen überall in Schweden (KI-generiert)

In Skandinavien selbst ist das Erbe der Wikinger Teil der nationalen Identität. Das norwegische Wappen zeigt einen Löwen mit Axt, ein Symbol, das auf die Königssagas zurückgeht. Die schwedische Provinz Uppland hat über 1.000 Runensteine, mehr als jeder andere Ort der Welt. Und auf Island werden die Sagas bis heute in der Schule gelesen und gelten als Grundlage der nationalen Literatur.

Für Reisende bedeutet das: Die Wikingerzeit ist in Skandinavien kein abgeschlossenes Kapitel. Sie ist Teil des Alltags. Ortsnamen und Traditionen die modernen skandinavischen Sprachen tragen ihre Spuren. Wer mit offenen Augen durch die Region reist, wird immer wieder auf Verbindungen stoßen, die über tausend Jahre zurückreichen.

Häufige Fragen zu Wikingern und Sagas

Trugen Wikinger wirklich Helme mit Hörnern?

Nein. Kein einziger archäologischer Fund belegt gehörnte Helme bei den Wikingern. Dieses Bild stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde durch Opernaufführungen und Illustrationen populär. Die wenigen erhaltenen Wikingerhelme sind schlicht und rund, wie der Gjermundbu-Helm aus Norwegen, der einzige komplett erhaltene Wikingerhelm.

Welches Wikinger-Museum ist das beste für Kinder?

Das Lofotr Wikingermuseum auf den Lofoten ist ideal. Kinder können Bogenschießen und auf einem Wikingerschiff rudern. Auch das Wikingerschiffsmuseum in Roskilde bietet im Sommer Mitmachprogramme, bei denen Kinder an Bord historischer Schiffsnachbauten gehen können.

Kann man die isländischen Sagas auf Deutsch lesen?

Ja. Die meisten großen Sagas sind in guten deutschen Übersetzungen erhältlich. Die Njáls saga und die Egils saga gibt es bei Fischer Klassik, die Edda in mehreren Ausgaben. Als Einstieg empfiehlt sich "Die Saga von den Leuten aus dem Lachswassertal" (Laxdæla saga), die gut lesbar und spannend geschrieben ist.

Wann ist die beste Zeit für Wikinger-Festivals?

Die Hauptsaison ist Juni bis August. Das Lofotr Wikingerfest findet im August statt, die Medeltidsveckan auf Gotland ebenfalls. In Roskilde gibt es Sommerevents am Museum, und Foteviken bei Malmö ist von Mai bis September geöffnet. Im Winter sind die meisten Wikinger-Erlebnisse geschlossen.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.