Wandern in Skandinavien
Inhaltsverzeichnis
- 1 Warum Skandinavien zum Wandern?
- 2 Kungsleden: Schwedens bekanntester Fernwanderweg
- 3 Norwegen: Trolltunga, Preikestolen und mehr
- 4 Island: Laugavegur und Fimmvörðuháls
- 5 Finnland: Bärenrunde und Nationalparks
- 6 Das Jedermannsrecht und wilde Übernachtung
- 7 Ausrüstung und Vorbereitung
- 8 Häufig gestellte Fragen
Skandinavien hat etwas, das den Alpen fehlt: Weite. Hier wanderst du stundenlang, ohne einem anderen Menschen zu begegnen. Keine Seilbahnen, keine Berghütten mit Speisekarten, keine asphaltierten Wege. Stattdessen markierte Pfade durch Hochebenen, Birkenwald und Tundra, mit Hütten im Abstand von 15 bis 25 Kilometern und dem Jedermannsrecht, das dir erlaubt, fast überall dein Zelt aufzuschlagen.
Ich bin in den letzten Jahren Teile des Kungsleden in Schweden, den Besseggen-Grat in Norwegen und den Laugavegur in Island gewandert. Jede Tour war anders, jede hatte ihre eigenen Herausforderungen. Hier mein Überblick über die wichtigsten Wanderungen in Skandinavien, mit konkreten Infos zu Routen, Hütten und Kosten.
Warum Skandinavien zum Wandern?
Der größte Unterschied zu den Alpen: In Skandinavien wanderst du nicht aufwärts und abwärts, sondern meistens durch. Die Berge sind niedriger (die höchsten Gipfel liegen bei 2.400 Metern in Norwegen, der schwedische Kebnekaise hat 2.097 Meter), aber die Landschaft ist weit. Hochebenen, sogenannte Fjälls in Schweden oder Vidder in Norwegen, erstrecken sich über Dutzende Kilometer. Die Baumgrenze liegt bei 800 bis 1.000 Metern, darüber gibt es nur Gras, Flechten und Steine.
Das Klima ist eine Herausforderung. Die Wandersaison in Skandinavien dauert von Mitte Juni bis Mitte September. Außerhalb dieses Fensters liegt oft noch Schnee, die Hütten sind geschlossen, und die Tage werden kurz. Im Juli und August herrscht in Nordskandinavien Mitternachtssonne, du kannst also theoretisch rund um die Uhr wandern. Die Temperaturen liegen tagsüber bei 10 bis 20 Grad in den Tieflagen, in den Bergen bei 5 bis 15 Grad. Regen ist jederzeit möglich, manchmal tagelang. Wind ist auf den Hochebenen ein ständiger Begleiter.
Mücken sind das große Thema, über das niemand gerne spricht. Von Mitte Juni bis Ende Juli sind die Stechmücken in Nordschweden und Nordnorwegen eine echte Plage. In der Nähe von Wasser und bei Windstille können sie in Schwärmen auftreten. Ein Moskitonetz für den Kopf und DEET-haltiges Mückenmittel sind Pflicht. Ab August nimmt die Mückenbelastung deutlich ab.
Was Skandinavien als Wanderregion besonders macht: das Hüttennetz. In Schweden betreibt der STF (Svenska Turistföreningen) über 80 Fjällstationen und Hütten entlang der großen Wanderwege. In Norwegen hat der DNT (Den Norske Turistforening) über 500 Hütten, von einfachen Selbstversorgerhütten bis zu bewirtschafteten Stationen mit Abendessen und Sauna. Die Hütten stehen in Abständen von 15 bis 25 Kilometern, das entspricht einer Tagesetappe.
Kungsleden: Schwedens bekanntester Fernwanderweg
Der Kungsleden (Königspfad) ist mit 440 Kilometern der längste markierte Fernwanderweg Schwedens. Er führt von Abisko im Norden bis Hemavan im Süden, durch Schwedisch-Lappland und die Provinz Västerbotten. Die komplette Strecke dauert vier bis fünf Wochen. Die meisten Wanderer gehen den nördlichen Abschnitt von Abisko nach Nikkaluokta (105 Kilometer, sechs bis sieben Tage), der als der landschaftlich stärkste gilt.
Die Route von Abisko nach Nikkaluokta führt durch das Tal von Abiskojåkka, über den Pass zwischen Keron und Singi (700 Meter), durch das Tjäktja-Tal und vorbei am Kebnekaise, Schwedens höchstem Berg. Die STF-Hütten auf dieser Strecke (Abiskojaure, Alesjaure, Tjäktja, Sälka, Singi, Kebnekaise Fjällstation) kosten ab 550 SEK (48 Euro) pro Nacht für Nicht-Mitglieder, ab 390 SEK (34 Euro) für STF-Mitglieder. Eine Jahresmitgliedschaft kostet 395 SEK (34 Euro) und lohnt sich ab drei Hüttennächten.
Die Schwierigkeit des Kungsleden ist moderat. Der Weg ist gut markiert (rote Kreuze an Steinen und Pfählen), es gibt keine technisch schwierigen Passagen. Flussüberquerungen sind das größte Hindernis: Einige Flüsse werden mit Ruderbooten überquert, die an den Ufern liegen (Selbstbedienung, kostenlos). Nach starkem Regen können die Furten knietief sein. Trittsicherheit und eine gute Grundkondition reichen aus. Alpinerfahrung ist nicht nötig.
Wer weniger Zeit hat: Der Abschnitt Abisko - Singi (50 Kilometer, drei bis vier Tage) zeigt die schönsten Teile des nördlichen Kungsleden. Von Singi kann man einen Seitenweg nach Kebnekaise Fjällstation nehmen (14 Kilometer) und von dort mit dem Helikopter oder Bus nach Nikkaluokta und weiter nach Kiruna. Alternativ bietet sich der südliche Kungsleden an, der weniger begangen ist: Der Abschnitt Ammarnäs - Hemavan (78 Kilometer, fünf Tage) führt durch die Vindelfjällen, eines der größten Naturschutzgebiete Europas.
Norwegen: Trolltunga und Preikestolen
Norwegen hat die dramatischste Wanderlandschaft Skandinaviens. Fjorde und Gletscher Felswände sorgen für Routen, die wilder aussehen als die meisten Alpenwanderungen, aber teilweise auch anspruchsvoller sind.
Trolltunga (die Trollzunge) ist die berühmteste Wanderung Norwegens. Ein Felsvorsprung, der 700 Meter über dem Ringedalsvatnet-See hängt, wurde durch Social Media zum Inbegriff der norwegischen Wanderkultur. Die Strecke ist 27 Kilometer lang (hin und zurück), mit 800 Höhenmetern. Die reine Gehzeit beträgt 10 bis 12 Stunden. Start ist in Skjeggedal bei Odda in der Region Hardanger. Von Juni bis September ist die Tour ohne Führung möglich, außerhalb dieser Zeit ist ein zertifizierter Guide Pflicht (ab 2.500 NOK / 215 Euro pro Person).
Preikestolen (die Kanzel) ist kürzer und einfacher: 8 Kilometer hin und zurück, 350 Höhenmeter, 4 Stunden Gehzeit. Der Felsvorsprung ragt 604 Meter senkrecht über den Lysefjord hinaus. Die Wanderung startet am Parkplatz Preikestolhytta (Parkgebühr 300 NOK / 26 Euro). Im Sommer kommen bis zu 3.000 Wanderer pro Tag, deshalb früh starten (vor 7 Uhr). Stavanger ist der nächste Ausgangspunkt, von dort per Fähre und Bus zum Startpunkt (1,5 Stunden).
Besseggen ist eine Gratwanderung im Jotunheimen-Nationalpark. Der schmale Grat zwischen dem grünen Gjende-See und dem blauen Bessvatnet liegt auf 1.743 Metern. Die Wanderung ist 14 Kilometer lang, dauert 6 bis 8 Stunden und hat ein paar ausgesetzte Stellen, die Schwindelfreiheit erfordern. Start per Boot über den Gjende-See von Gjendesheim nach Memurubu (100 NOK / 9 Euro), dann über den Grat zurück. Die Tour ist von Juli bis September machbar, im Juni liegt oft noch Schnee auf dem Grat.
Für Mehrtagestouren in Norwegen eignet sich der Romsdalseggen (Tageswanderung, 10 Kilometer, 5 bis 7 Stunden) bei Åndalsnes und die Hardangervidda-Überquerung, eine mehrtägige Wanderung über Europas größte Hochebene. Die Hardangervidda kann in 5 bis 7 Tagen von Finse nach Rjukan durchquert werden (etwa 100 Kilometer). DNT-Hütten stehen alle 15 bis 20 Kilometer.
Island: Laugavegur und Fimmvörðuháls
Der Laugavegur in Island ist einer der berühmtesten Fernwanderwege der Welt. 55 Kilometer von Landmannalaugar nach Þórsmörk, durch Rhyolithberge in allen Farben (rot, gelb, grün, violett), Obsidianfelder, heiße Quellen und Gletscherflüsse Lavawüsten. Die Wanderung dauert drei bis vier Tage, mit Hütten oder Zelten an vier Stationen.
Die Hütten auf dem Laugavegur (Hrafntinnusker, Álftavatn, Hvanngil, Emstrur) werden von Ferðafélag Íslands (dem Isländischen Wanderverein) betrieben. Eine Nacht kostet 11.500 ISK (etwa 75 Euro) für Nicht-Mitglieder. Zeltplätze neben den Hütten kosten 2.500 ISK (16 Euro) pro Person. Reservierung ist dringend empfohlen, besonders im Juli und August. Die Saison ist kurz: Ende Juni bis Anfang September. Außerhalb dieses Zeitraums sind die Hütten geschlossen und Flussüberquerungen gefährlich.
Die Verlängerung über den Fimmvörðuháls von Þórsmörk nach Skógar addiert 25 Kilometer und einen Tag. Der Weg führt zwischen den Gletschern Eyjafjallajökull und Mýrdalsjökull hindurch, vorbei an den Kratern des Eyjafjallajökull-Ausbruchs von 2010 und mündet am Skógafoss-Wasserfall. Die Kombination Laugavegur + Fimmvörðuháls (80 Kilometer, vier bis fünf Tage) gilt als die beste Mehrtageswanderung Islands.
Wichtig für Island: Die Flussüberquerungen auf dem Laugavegur können bei Regen oder Schneeschmelze gefährlich werden. Manche Furten sind knie- bis hüfttief und das Wasser ist Gletscherwasser, also eiskalt. Wanderstöcke und Neoprensocken helfen. Bei hohem Wasserstand sollte man warten oder umkehren. Der Isländische Wanderverein informiert auf seiner Website über aktuelle Bedingungen.
Finnland: Bärenrunde und Nationalparks
Finnland ist flach, aber das macht die Wanderwege nicht weniger lohnend. Die Landschaft besteht aus endlosen Wäldern und Mooren, die eine ganz andere Stimmung erzeugen als die norwegischen Fjorde oder die isländischen Vulkane.
Die Bärenrunde (Karhunkierros) im Oulanka-Nationalpark bei Kuusamo ist Finnlands bekanntester Wanderweg. 82 Kilometer in vier bis sechs Tagen, durch Schluchten, entlang von Stromschnellen, über Hängebrücken und durch alte Kiefernwälder. Die Hütten (kostenlose offene Schutzhütten, Autiotupa genannt) stehen im Abstand von 10 bis 15 Kilometern. Sie haben Holzpritschen, einen Ofen und Brennholz. Matratzen und Schlafsack muss man selbst mitbringen.
Wer kürzer wandern will: Die kleine Bärenrunde (Pieni Karhunkierros) ist 12 Kilometer lang und an einem Tag machbar. Sie führt durch die Oulanka-Schlucht mit der berühmten Hängebrücke über den Kiutaköngäs-Wasserfall. Weitere lohnende Wanderungen in Finnland sind der Nuuksio-Nationalpark bei Helsinki (Tageswanderungen, 5 bis 15 Kilometer), der Hetta-Pallas-Trail in Lappland (55 Kilometer, drei bis vier Tage) und der UKK-Trail (250 Kilometer durch Finnisch-Lappland).
Das Jedermannsrecht und wilde Übernachtung
Das Jedermannsrecht (Allemansrätten in Schweden, Allemannsretten in Norwegen, Jokamiehenoikeus in Finnland) erlaubt dir, fast überall in der Natur zu wandern, Rad zu fahren, zu zelten und Beeren sowie Pilze zu sammeln. Du darfst dein Zelt für ein bis zwei Nächte aufstellen, solange du 150 Meter Abstand zu bewohnten Gebäuden hältst und keine Schäden verursachst.
In der Praxis heißt das: Du brauchst keine Campingplatzgebühren zu zahlen und keinen Bauern um Erlaubnis zu fragen. Suche dir einen trockenen, ebenen Platz abseits des Weges, stelle dein Zelt auf, und räume am nächsten Morgen alles auf, als wärst du nie da gewesen. Offenes Feuer ist in Schweden und Finnland nur an ausgewiesenen Feuerstellen erlaubt (oder bei sehr nassem Boden, aber frag im Zweifelsfall beim Nationalparkbüro nach). In Norwegen darfst du in den Bergen oberhalb der Waldgrenze Feuer machen, solange du den Boden nicht beschädigst.
In Island gibt es kein Jedermannsrecht im gleichen Umfang. Wildes Zelten ist auf Kulturland (also fast überall außerhalb des Hochlands) nur mit Erlaubnis des Grundstückseigentümers erlaubt. Im unbewohnten Hochland ist es gestattet, aber die Nationalparkverwaltung verlangt auf beliebten Routen wie dem Laugavegur die Nutzung der ausgewiesenen Zeltplätze. Dänemark hat ebenfalls kein vollwertiges Jedermannsrecht, erlaubt aber wildes Zelten auf Staatswald-Flächen und speziell ausgewiesenen "Shelter"-Plätzen.
Ausrüstung und Vorbereitung
Für Mehrtageswanderungen in Skandinavien brauchst du robuste Ausrüstung. Hier die wichtigsten Punkte:
Schuhe: Stabile Wanderschuhe mit Knöchelschutz und griffiger Sohle. In Norwegen und Island ist der Untergrund oft felsig und nass. Leichte Trailrunner reichen für gut markierte Wege in Finnland, aber für den Kungsleden oder Trolltunga sind feste Stiefel besser. Neoprensocken für Flussüberquerungen in Island einpacken.
Zelt: Ein drei-Jahreszeiten-Zelt mit gutem Windschutz. In Skandinavien weht es oft stark, vor allem oberhalb der Baumgrenze. Tunnelzelte (Hilleberg, Fjällräven, Nordisk) stehen stabiler im Wind als Kuppelzelte. Ein guter Schlafsack mit Komforttemperatur bis 0 Grad reicht für den Sommer, für September eher bis minus 5 Grad.
Verpflegung: Auf Hütten gibt es oft einen kleinen Kiosk mit Grundnahrungsmitteln (Nudeln, Suppen, Schokolade), aber die Auswahl ist begrenzt und die Preise hoch. Die meisten Wanderer bringen ihr Essen mit. Gefriergetrocknete Mahlzeiten (Real Turmat aus Norwegen ist die beste skandinavische Marke) wiegen wenig und brauchen nur heißes Wasser. Ein Gaskocher (MSR, Primus, Trangia) ist Standard.
Karten und Navigation: Die skandinavischen Wanderwege sind gut markiert, aber eine Karte sollte trotzdem dabei sein. In Schweden gibt es die Fjällkartan-Serie (Maßstab 1:100.000, ab 200 SEK im Buchhandel). Digitale Karten auf Outdooractive oder Komoot decken die wichtigsten Routen ab. GPS-Geräte oder Offline-Karten auf dem Smartphone sind bei schlechter Sicht nützlich, aber bedenke: Handyempfang gibt es auf den meisten Fernwanderwegen nicht oder nur sporadisch.
Häufig gestellte Fragen
Welche Wanderung in Skandinavien eignet sich für Anfänger?
Der Preikestolen in Norwegen (8 Kilometer, 4 Stunden) ist die beste Einstiegswanderung: kurz, gut markiert und mit einer tollen Aussicht am Ende. Für Mehrtageswanderungen eignet sich der Kungsleden in Schweden, weil der Weg flach und gut markiert ist und die STF-Hütten Komfort bieten. Die kleine Bärenrunde in Finnland (12 Kilometer, ein Tag) ist ebenfalls anfängerfreundlich.
Muss ich die Hütten in Skandinavien vorher buchen?
In Schweden (STF-Hütten): Reservierung empfohlen, aber nicht zwingend. In der Hochsaison (Juli/August) können die Hütten voll sein, dann schläfst du auf dem Boden. In Norwegen (DNT-Hütten): Bei bewirtschafteten Hütten ist Reservierung empfohlen, unbewirtschaftete Hütten sind immer offen (Schlüssel über DNT-Mitgliedschaft). In Island: Reservierung auf dem Laugavegur ist Pflicht, die Hütten sind ab Februar ausgebucht.
Gibt es Bären oder Wölfe auf den Wanderwegen?
In Schweden leben etwa 2.800 Braunbären, hauptsächlich in Norrbotten und Dalarna. Begegnungen auf dem Kungsleden sind sehr selten, die Bären meiden Menschen. In Finnland gibt es 2.300 Bären, besonders im Osten nahe der russischen Grenze. In Norwegen leben etwa 180 Bären. Wölfe gibt es in allen drei Ländern, aber sie sind extrem scheu. Eine Bärenglocke oder lautes Reden reicht als Vorsichtsmaßnahme. In Island gibt es keine Bären oder Wölfe.
Was kostet eine Woche Wandern auf dem Kungsleden?
Die reinen Wanderkosten liegen bei 350 bis 500 Euro pro Person für eine Woche (sechs bis sieben Nächte in STF-Hütten, Selbstverpflegung). Dazu kommen Anreise (Flug nach Kiruna ab 100 Euro, Bus nach Abisko 200 SEK) und Verpflegung (40 bis 60 Euro pro Tag bei Hüttenkauf, günstiger mit eigenem Proviant). Wer zeltet statt in Hütten zu schlafen, spart etwa die Hälfte der Übernachtungskosten. Eine STF-Mitgliedschaft (395 SEK / 34 Euro) reduziert die Hüttenpreise um 30 Prozent.
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026