Schwedische Volksmusik
In Schweden lebt Volksmusik. Nicht als Museumsstück, sondern als Praxis, die tausende Menschen regelmäßig betreiben. Jeden Sommer treffen sich Spielleute (spelmän) in Parks, auf Marktplätzen und in Vereinshäusern, um gemeinsam zu spielen. Polskor, walzer, gånglåtar, Melodien, die seit Generationen weitergegeben werden, von Fiddler zu Fiddler, von Ohr zu Ohr.
Ich bin über die schwedische Volksmusik gestolpert, ohne es geplant zu haben. Bei einem Midsommar-Fest in Dalarna stand plötzlich ein alter Mann mit einer Geige neben dem Maibaum und spielte. Kein Mikrofon, kein Verstärker, nur die Fidel und der Wind. Die Melodie war einfach, eine Polska in Moll -, aber sie hatte etwas, das mich festhielt. Eine Schwere und eine Leichtigkeit gleichzeitig. Seitdem achte ich darauf, und je mehr man hinhört, desto mehr entdeckt man.
Es geht um Instrumente, Traditionen, Treffen und die Menschen dahinter. Und darum, wo man als Besucher zuhören kann.
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Volksmusik in Schweden: Ein Überblick
Schwedische Volksmusik (svensk folkmusik) hat Wurzeln, die bis ins Mittelalter zurückreichen. Die ältesten überlieferten Melodien stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, aber die Tradition selbst ist älter. Hirten spielten auf Luren (Holzblasinstrumenten), um ihr Vieh zu rufen. Bauern feierten Erntedank mit Tanz und Musik. Die Kirche nutzte Gesang, der sich mit weltlichen Melodien vermischte.
Im 18. und 19. Jahrhundert erreichte die ländliche Musikkultur ihren Höhepunkt. Jede Region, manchmal jedes Dorf, hatte eigene Melodien und Spielweisen. Ohne den Spelman (Spielmann) ging im Dorf nichts, er spielte bei Hochzeiten, Festen und jeder größeren Zusammenkunft. Die Melodien wurden nicht aufgeschrieben, sondern mündlich weitergegeben. So entstand eine große regionale Bandbreite an Stilen.
Die wichtigsten musikalischen Formen der schwedischen Volksmusik:
- Polska: Der zentrale Tanz der schwedischen Volksmusik. Ein Dreierrhythmus, oft asymmetrisch, mit regionalen Varianten. Die Dalarna-Polska klingt anders als die aus Uppland oder Hälsingland.
- Gånglåt: Ein Marsch oder Gehstück. Wurde gespielt, wenn die Hochzeitsgesellschaft zur Kirche ging.
- Vals: Der Walzer kam im 19. Jahrhundert aus Mitteleuropa und wurde schnell Teil des schwedischen Repertoires.
- Schottis: Ein Tanz im Zweiertakt, verwandt mit der Schottischen Polka.
- Kulning: Kein Tanz, sondern ein Hirtenruf. Frauen sangen mit hoher, tragender Stimme, um die Kühe von den Almen herbeizurufen. Der Klang ist durchdringend und melancholisch.
Im 20. Jahrhundert ging die Volksmusik zunächst zurück. Radio, Schlagermusik und Urbanisierung drängten sie an den Rand. Aber ab den 1970er Jahren begann eine Wiederbelebung. Junge Musiker entdeckten die alten Melodien neu, gründeten Folkmusikgruppen und organisierten Festivals. Die schwedische Folkmusik-Szene hat sich seitdem so kräftig erholt, dass sie heute zu den aktivsten in Europa gehört.
Die Nyckelharpa: Schwedens Nationalinstrument
Die Nyckelharpa (wörtlich: Schlüsselharfe) ist ein Streichinstrument mit Tasten. Man streicht die Saiten mit einem Bogen, greift aber die Töne nicht direkt mit den Fingern, sondern über hölzerne Tasten (tangenter), die gegen die Saiten drücken. Dazu kommen Resonanzsaiten (strängar), die mitschwingen und dem Instrument seinen charakteristischen, schwebenden Klang geben.
Das Instrument ist seit dem Mittelalter dokumentiert. Die älteste bildliche Darstellung einer Nyckelharpa in Schweden stammt von einem Kirchenrelief in Källunge auf Gotland, datiert auf etwa 1350. Über die Jahrhunderte entwickelte sich die Nyckelharpa weiter. Die moderne Chromatic Nyckelharpa, wie sie heute gespielt wird, geht auf den Instrumentenbauer Eric Sahlström (1912-1986) aus Uppland zurück. Sahlström baute das Instrument so um, dass es drei Oktaven chromatisch abdecken kann. Er gilt als der wichtigste Nyckelharpa-Spieler des 20. Jahrhunderts.
Heute gibt es in Schweden schätzungsweise 10.000 aktive Nyckelharpa-Spieler. Die meisten kommen aus Uppland, der historischen Hochburg des Instruments. Aber die Nyckelharpa hat sich über ganz Schweden und mittlerweile auch international verbreitet. In Deutschland, Frankreich und den USA gibt es aktive Nyckelharpa-Szenen.
Wer eine Nyckelharpa live hören will, sollte im Sommer nach Uppland fahren. In Tobo, dem Heimatort Eric Sahlströms, gibt es das Eric Sahlström Institutet, das Kurse und Konzerte anbietet. Das Nyckelharpa-Stämma in Österbybruk (Ende Juli) ist das größte jährliche Treffen von Nyckelharpa-Spielern weltweit. Hunderte Musiker kommen für ein Wochenende zusammen und spielen in Workshops, Konzerten und offenen Jam-Sessions.
Der Klang einer guten Nyckelharpa ist schwer zu beschreiben. Er hat die Wärme einer Geige, aber eine zusätzliche Tiefe durch die Resonanzsaiten. Es klingt, als ob die Töne nachhallen, selbst wenn der Bogen stillsteht. Bei langsamen Stücken, einer Sordin-Polska oder einer Vallåt, kann das eine Gänsehaut-Wirkung haben.
Fiddler und Spelmän
Die Fidel (fiol) ist das am weitesten verbreitete Instrument der schwedischen Volksmusik. Vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert war jede ländliche Gemeinde auf ihren Fiddler angewiesen. Er spielte bei jeder Hochzeit, bei jedem Fest, bei jeder Zusammenkunft. Gute Fiddler waren bekannt und gefragt. Manche wurden zu lebenden Legenden, etwa Hjort Anders Olsson aus Bingsjö in Dalarna, der als einer der größten Spelmän aller Zeiten gilt.
Die schwedische Fiddler-Tradition unterscheidet sich von der irischen oder der amerikanischen Old-Time-Tradition. Die Spielweise ist oft langsamer, die Melodien komplexer in ihrem Rhythmus. Besonders die Polskor aus Dalarna und Hälsingland haben asymmetrische Taktarten, die sich einem geraden Metronom widersetzen. Der erste Schlag ist kurz, der zweite lang, der dritte irgendwo dazwischen. Das klingt kompliziert, aber wenn man die Melodie einmal im Ohr hat, fühlt es sich natürlich an.
Das Repertoire eines Spelman besteht aus Hunderten von Melodien, alle im Kopf gespeichert. Notenblätter werden beim Spielen nicht benutzt. Die Melodien lernt man durch Zuhören und Mitspielen. Ein junger Fiddler sucht sich einen älteren Spelman als Vorbild und lernt dessen Repertoire. So werden die Melodien seit Generationen weitergegeben, jeweils mit kleinen persönlichen Variationen.
Neben der normalen Fidel gibt es in Schweden die Nyckelharpa (siehe oben) und die Hardingfela (Hardanger Fidel), die allerdings primär ein norwegisches Instrument ist. Manche Regionen haben auch eigene Sonderformen: In Dalarna gab es die Silverbasharpa, eine Bassgitarre mit Silbereinlagen, und im nördlichen Schweden die Moraharpa, ein Vorläufer der Nyckelharpa.
Spelmansstämmor: Die großen Treffen
Ein Spelmansstämma ist ein Treffen von Spielleuten. Kein Konzert im klassischen Sinn, sondern eine Zusammenkunft, bei der alle spielen. Man sitzt im Kreis, jemand stimmt eine Melodie an, die anderen fallen ein. Wer die Melodie nicht kennt, hört zu und steigt beim zweiten Durchgang ein. Es gibt keine Bühne und kein Publikum, jeder ist Teilnehmer.
Das größte und berühmteste Spelmansstämma findet seit 1968 jeden ersten Mittwoch im Juli in Bingsjö statt, einem kleinen Dorf in Dalarna. Tausende Spelmän und Zuhörer kommen für einen Tag und eine Nacht zusammen. Auf dem Dorfplatz, in den Höfen, auf der Tanzfläche und in den umliegenden Wiesen wird gespielt. Der Höhepunkt ist der Abendauftritt auf der Bühne (spelmanstavlan), bei dem ausgewählte Fiddler ihre Stücke vorführen. Aber die eigentliche Magie passiert drumherum, in den spontanen Sessions, die sich überall bilden.
Ich war einmal in Bingsjö. Wie es sich anfühlt, lässt sich nur schwer beschreiben. Hunderte von Fideln gleichzeitig, aber nicht chaotisch, sondern in kleinen Gruppen. Man geht von einem Kreis zum nächsten und hört verschiedene Melodien, verschiedene Stile. Ein alter Mann spielt eine Polska aus den 1700er Jahren. Zehn Meter weiter stimmt eine junge Frau eine modernere Variante an. Dazwischen tanzen Leute auf einer Holzfläche. Es wird nicht dunkel in der Mittsommernacht. Man spielt bis drei, vier Uhr morgens.
Weitere wichtige Stämmor:
- Delsbo Spelmansstämma in Hälsingland (Ende Juni), eines der ältesten Treffen, seit 1906
- Ransäterstämman in Värmland (Juli), groß, vielseitig, mit viel Tanz
- Falun Folkmusik Festival (Juli), modern und traditionell, mit internationalen Gästen
- Malungs Spelmansstämma in Dalarna (Juli), kleiner, intimer, fokussiert auf Dalarna-Repertoire
Dansband: Volksmusik trifft Tanzfläche
Die Dansband-Musik ist ein schwedisches Phänomen, das Außenstehende oft verwirrt. Es ist Tanzmusik, gespielt von Bands mit E-Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard und Saxophon. Die Texte handeln von Liebe, Sommer und Sehnsüchten. Die Melodien sind eingängig, die Rhythmen zum Tanzen gemacht. In Schweden ist Dansband riesig. Bands wie Vikingarna, Lasse Stefanz und Sven-Ingvars haben über Jahrzehnte ganze Stadien gefüllt.
Die Wurzeln der Dansband-Musik liegen in der schwedischen Tanzkultur des 20. Jahrhunderts. Seit den 1930er Jahren gibt es in Schweden Folkparks, offene Tanzflächen in Parks, auf denen im Sommer getanzt wird. Jedes Wochenende treten Bands auf, und die Leute kommen zum Tanzen. Foxtrott, Bugg (schwedischer Swing), Vals, die Tänze folgen festen Regeln, und wer tanzen kann, findet auf jeder Veranstaltung einen Partner.
Die Verbindung zur traditionellen Volksmusik ist lose, aber vorhanden. Die Dansband-Walzer haben etwas von den alten Volksmelodien, die Rhythmen erinnern an Polskor und Schottische. Und die Funktion ist dieselbe: Musik zum Tanzen, Musik für Gemeinschaft. In den Folkparks (es gibt rund 300 in ganz Schweden) trifft sich der Ort, jung und alt, Arbeiter und Lehrer, alle auf der Tanzfläche.
Für Touristen ist eine Dansband-Veranstaltung eine Erfahrung, die man sonst nirgends macht. Keine Ironie, kein Retro-Kitsch, sondern gelebte Tanzkultur. Die Eintrittspreise liegen bei 200 bis 400 SEK. Die Stimmung ist freundlich, die Tanzfläche offen für alle. Man muss nicht tanzen können, man kann auch einfach am Rand sitzen, Kaffee trinken und zuschauen.
Moderner Folk und internationale Einflüsse
Seit den 1970er Jahren hat sich eine moderne schwedische Folk-Szene entwickelt, die alte Melodien mit neuen Klängen mischt. Gruppen wie Väsen, Groupa und Hedningarna haben den Weg geebnet. Sie nehmen alte Polskor und Gånglåtar, arrangieren sie für neue Besetzungen und kombinieren sie mit Elementen aus Jazz, Rock oder elektronischer Musik.
Väsen, gegründet 1989, spielt Nyckelharpa, Viola und Gitarre und hat den Klang der Nyckelharpa international bekannt gemacht. Ihre Musik klingt traditionell und modern zugleich, tief verwurzelt in den uppländischen Melodien, aber mit harmonischen und rhythmischen Freiheiten, die weit über die Dorfmusik hinausgehen.
Hedningarna (die Heiden) gingen einen anderen Weg. Sie vermischten schwedische und finnische Volksmusik mit elektronischen Beats und geschrieenen Vocals. Das Ergebnis war wild, laut und umstritten, aber es brachte Volksmusik einem jüngeren Publikum nahe.
In der aktuellen Generation stehen Musiker wie Emilia Amper (Nyckelharpa), Lisa Rydberg (Fidel), Benny Andersson (der ABBA-Gründer, der nebenbei auch ein leidenschaftlicher Volksmusiker ist) und die Gruppe Kolonien für eine Szene, in der alte Melodien und neue Ideen nebeneinander existieren. Die schwedische Musik hat international einen guten Ruf, von ABBA bis Spotify. Die Volksmusik-Szene profitiert davon, ohne sich anzubiedern.
Auch Kulning erlebt ein Revival. Jonna Jinton, eine schwedische Künstlerin aus Jämtland, hat mit ihren Kulning-Videos auf YouTube Millionen von Aufrufen erreicht. Die hohen Hirtenrufe, aufgenommen in der Weite Jämtlands, treffen offenbar einen Nerv bei Millionen Zuschauern weltweit. Das ist keine Show. Kulning ist eine reale Technik, die Frauen auf den Almen (fäbodar) jahrhundertelang praktizierten, um die Kühe aus den Wäldern herbeizurufen.
Festivals und Orte
Wer schwedische Volksmusik live erleben will, hat im Sommer die größte Auswahl. Zwischen Juni und August finden Dutzende von Stämmor, Festivals und Konzerten statt.
Bingsjöstämman (erster Mittwoch im Juli): Das wichtigste Treffen. Dalarna, Bingsjö. Nicht verpassen, wenn man in der Gegend ist.
Falun Folkmusik Festival (Juli): Drei Tage Konzerte, Workshops und Sessions in Falun. Internationaler als die reinen Stämmor, mit Gästen aus aller Welt. Tagestickets ab 350 SEK.
Ethno Floda (Juli): Ein Workshop-Festival für junge Musiker aus aller Welt. Man lernt schwedische Volksmusik direkt von erfahrenen Spelmän. Die Atmosphäre ist offen und international.
Musik vid Siljan (Juni/Juli): Kammermusik und Folk treffen sich am Siljansee in Dalarna. Eine ungewöhnliche Kombination, die zeigt, wie nah sich die Genres in Schweden kommen können.
Abseits der Festivals gibt es ganzjährig Möglichkeiten, Volksmusik zu hören. Das Folkmusikens Hus in Rättvik (Dalarna) ist ein Museum und Kulturzentrum, das der schwedischen Volksmusik gewidmet ist. Es hat eine Dauerausstellung, ein Archiv mit tausenden Aufnahmen und veranstaltet regelmäßig Konzerte. In Stockholm bietet das Stallet (ein Veranstaltungsort im Södermalm-Viertel) regelmäßig Folkmusik-Abende an. Und auf den traditionellen Festen wie Midsommar und Valborgsmässoafton gehört Live-Volksmusik zum Programm.
Häufig gestellte Fragen
Muss man Schwedisch sprechen, um Volksmusik-Veranstaltungen zu genießen?
Nein. Musik ist international. Bei Stämmor und Festivals ist die Atmosphäre offen und einladend. Die meisten Schweden sprechen gutes Englisch. Man kann einfach hingehen, zuhören und mitmachen, wenn man ein Instrument spielt.
Kann man als Anfänger eine Nyckelharpa lernen?
Ja. Das Eric Sahlström Institutet in Tobo (Uppland) bietet Kurse für alle Niveaus an, auch für absolute Anfänger. Sommerkurse dauern eine Woche und kosten rund 3.000 bis 5.000 SEK inklusive Instrumentenleihe. Auch in Deutschland und Österreich gibt es mittlerweile Nyckelharpa-Lehrer.
Was ist der Unterschied zwischen einem Spelmansstämma und einem Festival?
Ein Stämma ist ein Treffen von Musikern zum gemeinsamen Spielen. Es gibt keine klare Trennung zwischen Bühne und Publikum. Ein Festival hat ein Programm mit Konzerten und Workshops. In der Praxis verschwimmen die Grenzen, viele Stämmor haben auch Bühnenprogramme, und auf Festivals gibt es informelle Sessions.
Wo kann ich schwedische Volksmusik online hören?
Auf Spotify gibt es umfangreiche Playlists (z. B. „Svensk folkmusik" oder „Swedish Folk"). Die Website Folkmusikkommissionen hat ein digitales Archiv mit historischen Aufnahmen. YouTube-Kanäle wie „Swedish Folk Music" bieten Mitschnitte von Stämmor und Konzerten.
Gibt es schwedische Volksmusik auch im Winter?
Ja, aber weniger als im Sommer. In Stockholm, Göteborg und Malmö gibt es ganzjährig Folkmusik-Veranstaltungen in Kulturhäusern und Vereinslokalen. Das Delsbo Spelmansstämma hat auch eine Winterausgabe. Und an Weihnachten (Jul) werden in vielen Kirchen traditionelle schwedische Weihnachtslieder gesungen.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026





