Härjedalen
Härjedalen ist die Provinz in Schweden, über die am wenigsten geschrieben wird. Das hat einen simplen Grund: Hier lebt fast niemand. Auf einer Fläche, die größer ist als Belgien, wohnen rund 10.000 Menschen. Das ergibt eine Bevölkerungsdichte von etwa 0,5 Einwohnern pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: Deutschland hat 233. Wer hierher kommt, sucht nicht Gesellschaft, sondern Weite.
Ich bin zweimal nach Härjedalen gefahren. einmal im Februar zum Langlaufen, einmal im August zum Wandern. Beide Male hat mich überrascht, wie anders die Landschaft wirkt als in den bekannteren Regionen. Kein dichter Nadelwald wie in Småland, keine dramatischen Küstenklippen. Stattdessen offene Fjällhochebenen, die sich in sanften Wellen bis zum Horizont erstrecken. Dazwischen tief eingeschnittene Täler mit Flüssen, die im Sommer kristallklar und im Winter unter meterdickem Eis verschwinden.
Das Besondere an Härjedalen sind die Moschusochsen. Seit den 1970er-Jahren lebt eine kleine Population dieser eiszeitlichen Tiere im Gebiet um Tännäs. Man kann sie im Gehege aus der Nähe sehen oder. mit etwas Glück und einem guten Fernglas. auch wild in den Bergen. Das allein macht Härjedalen zu einem Ziel, das es sonst nirgendwo in Schweden gibt.
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Überblick
Härjedalen liegt im westlichen Mittelschweden, direkt an der norwegischen Grenze. Administrativ gehört es zur Gemeinde Härjedalen innerhalb des Jämtland län. Im Norden grenzt die Provinz an Jämtland, im Süden an Dalarna. Die Fläche beträgt rund 12.000 Quadratkilometer. Hauptort ist Sveg mit etwa 2.500 Einwohnern. eine Kleinstadt, in der trotzdem fast alles vorhanden ist, was man braucht: Supermarkt, Tankstelle, Bibliothek, ein Hotel.
Historisch war Härjedalen norwegisch, bis es 1645 im Frieden von Brömsebro an Schweden fiel. Die norwegische Vergangenheit zeigt sich bis heute in manchen Ortsnamen und im lokalen Dialekt, der sich deutlich vom übrigen Schwedisch unterscheidet. Ältere Menschen in den Bergdörfern sprechen einen Dialekt, den selbst Stockholmer kaum verstehen.
Wirtschaftlich lebt Härjedalen von Tourismus, Forstwirtschaft und Rentierzucht. Die samische Bevölkerung hat hier seit Jahrhunderten ihre Weidegründe. Im Winter dominieren die Skigebiete um Funäsdalen und Vemdalen, im Sommer kommen Wanderer, Angler und Mountainbiker. Die Saison ist kurz, von Mitte Juni bis Ende August, aber intensiv.
Geografie und Natur
Härjedalen wird vom Ljusnan durchzogen, einem der großen schwedischen Flüsse, der hier in den Bergen entspringt und über 440 Kilometer ostwärts zur Ostsee fließt. Das Ljusnan-Tal bildet die natürliche Hauptachse der Region. Entlang des Flusses liegen die meisten Ortschaften: Funäsdalen, Hede, Sveg. Abseits des Tals wird es schnell einsam.
Im Westen steigt das Land bis auf über 1.200 Meter an. Hier liegen der Sonfjället Nationalpark und das Rogen-Naturreservat (seit 2011 ebenfalls Nationalpark). Der Sonfjället ist ein einzeln stehender Bergrücken, der aus der umgebenden Ebene aufragt. 1.278 Meter hoch, rundlich, fast ohne Baumwuchs auf der Kuppe. Von oben sieht man in alle Richtungen nur Wildnis. Der Aufstieg dauert etwa drei Stunden und ist technisch einfach.
Der Rogen Nationalpark im Süden ist völlig anders. Hier hat die letzte Eiszeit eine Landschaft aus Tausenden kleiner Seen, Mooren und Felskuppen hinterlassen. Man wandert über Steinkämme (sogenannte Drumline), zwischen denen das Wasser steht. Die Navigation ist anspruchsvoll, markierte Wege gibt es kaum. Wer hierher geht, braucht Karte, Kompass und Erfahrung. Dafür ist man mit hoher Wahrscheinlichkeit komplett allein.
Funäsdalen und Orte
Funäsdalen ist das touristische Zentrum von Härjedalen. Der Ort hat nur rund 700 ganzjährige Einwohner, aber in der Skisaison vervielfacht sich die Zahl. Die Lage ist gut: in einem Tal auf 590 Metern Höhe, umgeben von Bergen, mit direktem Zugang zu mehreren Skigebieten. Es gibt einen ICA-Supermarkt, einige Sportgeschäfte, ein paar Restaurants und Hotels. Für eine Ortschaft dieser Größe ist die Infrastruktur erstaunlich gut ausgebaut.
Funäsdalens Hauptattraktion im Sommer ist das Härjedalens Fjällmuseum. Es zeigt die Geschichte der Region von der Steinzeit bis heute, mit Schwerpunkt auf samischer Kultur und traditioneller Almwirtschaft. Der Eintritt lag bei meinem letzten Besuch bei 100 SEK. Klein, aber gut gemacht.
Weitere Orte, die man kennen sollte: Hede (etwa 800 Einwohner) liegt weiter östlich am Ljusnan und hat eine alte Holzkirche aus dem 14. Jahrhundert. Tännäs (200 Einwohner) liegt noch höher als Funäsdalen und ist Ausgangspunkt für die Moschusochsen-Safaris. Vemdalen (rund 600 Einwohner) im Nordosten hat ein großes Skigebiet und zieht vor allem Familien an. Sveg ist der Verwaltungssitz. hier gibt es eine Apotheke, einen Systembolaget und ein Krankenhaus. Wer länger in der Region bleibt, wird irgendwann in Sveg landen.
Outdoor-Aktivitäten im Sommer
Die Wandersaison in Härjedalen dauert von Mitte Juni bis Ende September. Die beste Zeit ist Juli und August, wenn der Schnee auf den Hochebenen geschmolzen ist und die Tage lang sind. Ab Funäsdalen starten mehrere markierte Wanderwege ins Fjäll. Der beliebteste führt zum Flatruet. Schwedens höchstgelegener öffentlicher Straße auf 975 Metern. Man kann die Straße auch mit dem Auto befahren (geöffnet von Juni bis Oktober), aber zu Fuß ist der Weg interessanter.
Für mehrtägige Touren eignet sich der Fjällvandring entlang der norwegischen Grenze. Die STF-Hütten Helags und Fältjägarstugan bieten Übernachtungsmöglichkeiten. Die Helags-Hütte liegt auf 1.005 Metern am Fuß des Helagsfjället, Schwedens südlichstem Gletscher. Von dort kann man den Gipfel besteigen (1.797 m). der höchste Punkt südlich des Polarkreises. Die Tour erfordert Gletscherausrüstung im Gipfelbereich, Steigeisen und ein Seil. Ohne Erfahrung sollte man sich einem geführten Aufstieg anschließen.
Angeln ist in Härjedalen fantastisch. Der Ljusnan und seine Nebenflüsse führen Forelle und Äsche. Angelkarten (Fiskekort) kosten zwischen 80 und 200 SEK pro Tag, je nach Gewässer. Man kauft sie im Supermarkt in Funäsdalen oder online über iFiske. In den Bergseen oberhalb der Baumgrenze gibt es Saibling. Ich habe einmal einen halben Tag am Rogen-See gesessen und vier Saiblinge gefangen. alle zwischen 25 und 35 Zentimeter. Das Wasser war so klar, dass ich die Fische am Grund sehen konnte.
Winteraktivitäten
Härjedalen ist eine der besten Langlaufregionen Skandinaviens. Das Loipennetz um Funäsdalen umfasst über 300 Kilometer präparierte Strecken. Die Bedingungen sind normalerweise von Anfang Dezember bis Ende April gut. Der Schnee fällt trocken und feinkörnig. perfekt für klassischen Langlauf. Ich bin dort im Februar die 30-Kilometer-Runde zum Flatruet gelaufen. Oben auf der Hochebene war es minus 18 Grad, windstill, die Sonne stand tief über dem Horizont. Einer der schönsten Skimomente, die ich je hatte.
Wer alpines Skifahren bevorzugt, findet in Funäsdalens Skigebiet 18 Pisten und 11 Lifte. Das Gebiet ist kleiner als Åre, dafür deutlich ruhiger und günstiger. Ein Tagesskipass kostet rund 420 SEK (Stand 2025). Vemdalen im Nordosten hat ein größeres Skigebiet mit 54 Pisten, verteilt auf vier Teilgebiete (Vemdalsskalet, Björnrike, Klövsjö, Storhogna). Die Kombi-Karte für alle vier gilt als gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.
Hundeschlittentouren werden von mehreren Anbietern rund um Funäsdalen und Tännäs organisiert. Eine zweistündige Tour kostet zwischen 1.200 und 1.800 SEK pro Person. Wer mehr will, kann mehrtägige Expeditionen buchen, bei denen man selbst ein Gespann fährt und in Hütten oder Zelten übernachtet. Schneemobiltouren sind ebenfalls möglich, aber stärker reglementiert. man braucht einen Führerschein und darf nur auf markierten Strecken fahren.
Tierwelt und Moschusochsen
Die Moschusochsen sind das Aushängeschild von Härjedalen. Die Tiere stammen ursprünglich aus Norwegen, wo in den 1930er-Jahren eine Population aus Grönland angesiedelt wurde. Einzelne Tiere wanderten über die Grenze nach Schweden. In den 1970er-Jahren wurden gezielt weitere Exemplare bei Tännäs ausgesetzt. Heute leben schätzungsweise 8 bis 12 Moschusochsen wild in den Bergen zwischen Tännäs und der norwegischen Grenze. Die Population schwankt. manchmal wandern Tiere zurück nach Norwegen, manchmal kommen neue herüber.
Wer die Tiere sicher sehen will, geht ins Myskoxcentrum bei Tännäs. Das ist ein großes Freigehege, in dem mehrere Moschusochsen in naturnaher Umgebung gehalten werden. Man kann geführte Touren buchen, bei denen ein Biologe die Tiere und ihre Lebensweise erklärt. Die Tour dauert etwa 90 Minuten und kostet rund 350 SEK für Erwachsene. Im Sommer sind Kälber dabei. massiv, zottelig, erstaunlich schnell auf den Beinen.
Neben den Moschusochsen hat Härjedalen die übliche skandinavische Großwildfauna: Elche, Rentiere, Braunbären, Luchse und Vielfraße. Bären sieht man selten, Elche häufiger. Im Sonfjället Nationalpark gibt es eine stabile Bärenpopulation. der Park wurde 1909 unter anderem zum Schutz der Bären eingerichtet. Wer im Fjäll wandert, trifft mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Rentierherden. Das sind keine Wildtiere, sondern gehören samischen Rentierhalterfamilien. Auf Abstand bleiben, besonders während der Kalbungszeit im Mai.
Kultur und Traditionen
Härjedalen liegt im südsamischen Kulturgebiet. Die Sami hier. etwa 600 Personen. sprechen Südsamisch, eine Sprache, die weltweit nur noch von rund 500 Menschen beherrscht wird. Die Rentierzucht ist der wichtigste wirtschaftliche Zweig der samischen Gemeinschaft. Im Herbst finden die Rentier-Scheidungen statt: Die Herden werden zusammengetrieben, nach Eigentümern sortiert und gezählt. Das ist keine Touristenattraktion, sondern harte Arbeit, aber wer zu den richtigen Zeiten in der Region ist, kann das Treiben aus der Ferne beobachten.
Die schwedischsprachige Bevölkerung pflegt ebenfalls starke Traditionen. Mittsommer wird in Härjedalen so gefeiert wie vor hundert Jahren: mit geschmücktem Maibaum, Volksmusik und Tanz. In Hede gibt es ein kleines Heimatmuseum, das bäuerliche Geräte und Textilien ausstellt. Die Holzkirche von Hede stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist eine der ältesten erhaltenen Kirchen in Norrland.
Kulinarisch ist Härjedalen geprägt von der Almwirtschaft. Mesost (Molkenkäse), getrocknetes Rentierfleisch und Beerenkompott aus Moltebeeren gehören zur traditionellen Küche. Im Herbst wird gesammelt: Blaubeeren, Preiselbeeren, Pilze. Wer im August oder September kommt, findet Pfifferlinge und Steinpilze in den Birkenwäldern an den Talhängen. In Funäsdalen verkauft die Dorfmetzgerei (Härjedalens Chark) Elchwurst und geräucherten Saibling. beides empfehlenswert als Proviant für Wanderungen.
Anreise und Unterkunft
Härjedalen ist abgelegen. das ist Teil des Reizes, macht die Anreise aber umständlich. Der nächste Flughafen ist Sveg (EVG), der nur von Stockholm angeflogen wird, und auch das nicht täglich. Alternativ fliegt man nach Åre/Östersund (OSD), 180 Kilometer nördlich, und fährt mit dem Mietwagen weiter. Von Östersund nach Funäsdalen sind es gut zwei Stunden auf der Riksväg 84.
Mit dem Auto von Deutschland rechnet man ab Hamburg über die Öresundbrücke und die E45 nordwärts mit etwa 14 bis 16 Stunden. Die letzten 200 Kilometer ab Mora (Dalarna) führen über kurvige Landstraßen durch Wald. schön, aber im Winter bei Schneeglätte anspruchsvoll. Winterreifen sind Pflicht von 1. Dezember bis 31. März.
Unterkünfte gibt es in allen Varianten: Hotels in Funäsdalen und Vemdalen (ab ca. 1.000 SEK/Nacht), Ferienhäuser und Stugor über Anbieter wie Novasol oder direkt bei lokalen Vermietern (ab 5.000 SEK/Woche in der Nebensaison, im Winter deutlich mehr), STF-Hütten im Fjäll (ab 450 SEK/Nacht für Mitglieder) und Campingplätze in Sveg und Funäsdalen (ab 250 SEK/Nacht für eine Stellfläche). Im Winter bucht man die Unterkunft Monate im Voraus, besonders über Weihnachten und im Februar. Im Sommer ist es deutlich einfacher.
Tipp: Flatruet im Sommer
Schwedens höchste öffentliche Straße, das Flatruet (975 m), verbindet Funäsdalen mit Ljungdalen. Die 30 Kilometer lange Strecke ist von Juni bis Oktober befahrbar und bietet wilde Ausblicke über die Fjällhochebene. Oben gibt es einen Rastplatz mit Infotafel. Am Rand der Straße stehen oft Rentiere. Kamera bereithalten, aber nicht aussteigen und die Tiere bedrängen.
Häufig gestellte Fragen
Wann ist die beste Reisezeit für Härjedalen?
Für Wandern und Angeln: Mitte Juni bis Mitte September. Juli und August sind am wärmsten, mit Temperaturen um 15 bis 20 Grad im Tal. Für Langlauf und Alpin-Ski: Dezember bis April, wobei Februar und März die stabilsten Schneeverhältnisse bieten. Im Herbst (September/Oktober) ist Beerensaison und die Fjällfarben sind wild, aber viele touristische Einrichtungen schließen dann bereits.
Kann man Moschusochsen in freier Wildbahn sehen?
Theoretisch ja, praktisch selten. Die wilde Population umfasst nur 8 bis 12 Tiere in einem riesigen Gebiet. Geführte Wildbeobachtungstouren erhöhen die Chance, aber eine Garantie gibt es nicht. Im Myskoxcentrum bei Tännäs kann man die Tiere sicher und aus der Nähe beobachten. Die geführte Tour dort kostet rund 350 SEK und ist auch für Familien mit Kindern geeignet.
Gibt es in Härjedalen öffentliche Verkehrsmittel?
Kaum. Es gibt Regionalbuslinien zwischen Sveg, Hede und Funäsdalen, aber die Frequenz ist gering. oft nur ein bis zwei Verbindungen pro Tag. Ohne Auto ist Härjedalen schwer zu bereisen. Im Winter verkehren Skibusse zwischen den Ortschaften und Skigebieten, aber auch die sind eher auf Tagesgäste ausgelegt. Mietwagen gibt es am Flughafen Östersund.
Wie schwierig ist die Wanderung zum Helags?
Die Wanderung zur STF-Hütte Helags ab Ljungdalen ist etwa 14 Kilometer lang und technisch unkompliziert. ein markierter Fjällweg, der in 4 bis 5 Stunden zu schaffen ist. Die Besteigung des Helagsfjället (1.797 m) ab der Hütte erfordert dagegen Gletscherausrüstung im oberen Teil. Ohne Erfahrung mit Steigeisen und Seil sollte man eine geführte Tour buchen. Die STF bietet solche Touren im Sommer an.
Was kostet ein Skiurlaub in Härjedalen?
Günstiger als in Åre. Ein Tagesskipass in Funäsdalen kostet rund 420 SEK, in Vemdalen etwa 500 SEK. Ein Ferienhaus für eine Woche im Februar liegt zwischen 8.000 und 15.000 SEK, je nach Größe und Lage. Langlauf ist deutlich billiger: Die Loipennutzung ist in den meisten Gebieten kostenlos, Leihausrüstung gibt es ab 300 SEK pro Tag. Lebensmittel im Supermarkt kosten ähnlich wie im Rest Schwedens.
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026