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Ostsee-Radweg
Etappen, Länder und Tipps für die Fernradtour

Ostsee-Radweg

14 Min. Lesezeit

Der Ostsee-Radweg, offiziell als EuroVelo 10 bezeichnet, ist eine der längsten Fernradrouten Europas. Über 8.000 Kilometer führt er einmal komplett um die Ostsee herum, durch neun Länder, vorbei an Steilküsten, Sandstränden, Hafenstädten und einsamen Landstrichen. Die meisten Radfahrer nehmen sich einzelne Abschnitte vor, denn die komplette Umrundung dauert je nach Tempo drei bis vier Monate.

Was den Ostsee-Radweg von anderen Fernradwegen unterscheidet: Er bleibt fast durchgehend in Küstennähe. Man riecht das Salzwasser, hört die Möwen, und das nächste Fischbrötchen ist selten mehr als eine Stunde entfernt. Das Höhenprofil ist überwiegend flach, was die Tour auch für Radfahrer mit wenig Kondition machbar macht. Steigungen gibt es nur an den Steilküsten in Mecklenburg-Vorpommern und an einigen Abschnitten in Schweden.

Was ist der Ostsee-Radweg

EuroVelo 10 verbindet Deutschland, Dänemark, Schweden, Finnland, Russland, Estland, Lettland, Litauen und Polen. Die Route folgt der Küstenlinie, weicht aber an manchen Stellen ins Landesinnere aus, wenn die Küste nicht passierbar ist. In Deutschland ist der Radweg durchgehend ausgeschildert. In Skandinavien und dem Baltikum variiert die Beschilderung je nach Land.

Radfahrer auf einem Küstenradweg entlang der Ostsee mit Blick auf das Meer
Der Ostsee-Radweg führt oft direkt an der Küste entlang (KI-generiert)

Der Ausbaustand ist sehr unterschiedlich. In Deutschland, Dänemark und Schweden fährt man überwiegend auf asphaltierten Radwegen, getrennt vom Autoverkehr. In Finnland teilt man sich manche Abschnitte mit dem Autoverkehr, wobei das Verkehrsaufkommen auf den Küstenstraßen gering ist. Im Baltikum wechseln sich gut ausgebaute Abschnitte mit Schotterpisten ab. Polen hat in den letzten Jahren stark aufgeholt und den Großteil seiner Ostseestrecke asphaltiert.

Die Gesamtdistanz von 8.000 Kilometern teilt sich grob so auf: Deutschland etwa 1.100 km, Dänemark 800 km, Schweden 2.500 km, Finnland 1.200 km, Russland 300 km, Estland 600 km, Lettland 500 km, Litauen 250 km und Polen 750 km. Diese Zahlen sind Richtwerte, weil es an vielen Stellen alternative Streckenführungen gibt.

Die Route durch Deutschland

Der deutsche Abschnitt des Ostsee-Radwegs startet in Flensburg an der dänischen Grenze und endet in Ahlbeck auf Usedom an der polnischen Grenze. Er gehört zu den beliebtesten Radwegen Deutschlands und wurde mehrfach als ADFC-Qualitätsradroute ausgezeichnet.

Etappe 1: Flensburg bis Kiel (etwa 120 km, 2-3 Tage). Von der Fördestadt Flensburg geht es entlang der Kieler Förde. Unterwegs passiert man Eckernförde mit seinem Sandstrand und die Marinebasis in Kiel. Der Weg ist flach, gut ausgebaut und durchgehend beschildert. In Kiel lohnt sich eine Pause an der Kiellinie mit Blick auf die Förde.

Etappe 2: Kiel bis Lübeck (etwa 130 km, 2-3 Tage). Über die Probstei und Heiligenhafen nach Neustadt in Holstein und weiter nach Travemünde. Der Abschnitt durch die Lübecker Bucht gehört zu den schönsten des gesamten deutschen Teils. In Lübeck selbst ist ein Tagesaufenthalt Pflicht: Holstentor, Marienkirche, Niederegger Marzipan.

Etappe 3: Lübeck bis Rostock (etwa 150 km, 3-4 Tage). Über Boltenhagen, Wismar (UNESCO-Welterbe), Kühlungsborn und Heiligendamm nach Warnemünde und Rostock. Der Gespensterwald bei Nienhagen ist ein lohnender Abstecher.

Historische Altstadt von Lübeck mit dem Holstentor
Lübeck ist einer der Höhepunkte auf dem deutschen Abschnitt des Ostsee-Radwegs (KI-generiert)

Etappe 4: Rostock bis Stralsund (etwa 100 km, 2 Tage). Über den Darß mit seiner Boddenlandschaft nach Zingst und weiter nach Stralsund. Die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst gehört zu den ruhigsten Abschnitten, mit Kranichbeobachtung im Herbst.

Etappe 5: Stralsund bis Ahlbeck (etwa 160 km, 3-4 Tage). Über Rügen (mit den Kreidefelsen von Jasmund), Greifswald, Wolgast und dann die gesamte Insel Usedom entlang bis zur polnischen Grenze. Binz und Heringsdorf sind gute Übernachtungsorte.

Dänemark und Schweden

In Dänemark verläuft der Ostsee-Radweg von der deutschen Grenze bei Flensburg entlang der Ostküste Jütlands über Aarhus und Aalborg, dann über die dänischen Inseln Fünen und Seeland bis Kopenhagen. Die dänischen Abschnitte sind durchweg gut ausgebaut. Radfahren gehört in Dänemark zum Alltag, und die Infrastruktur spiegelt das wider: breite Radwege, klare Beschilderung, Fahrradparkplätze an jeder Ecke.

Von Kopenhagen setzt man mit der Fähre nach Malmö über (oder nimmt die Öresundbrücke, die allerdings einen separaten Radweg hat, der nur eingeschränkt nutzbar ist). Schweden hat den längsten Abschnitt des Ostsee-Radwegs: etwa 2.500 Kilometer von Malmö entlang der gesamten Ostküste über Kalmar, Stockholm und die Küste von Norrland bis nach Haparanda an der finnischen Grenze.

Die schwedischen Etappen bieten viel Abwechslung. Im Süden fährt man durch die Kornkammer Skåne, mit flachen Feldern und Backsteinkirchen. Ab Kalmar wird die Landschaft waldiger. Wer einen Abstecher auf die Insel Öland macht (über die Brücke erreichbar), findet dort eine der besten Radstrecken Skandinaviens: 140 km flach, windgeschützt und mit Windmühlen am Horizont.

Nördlich von Stockholm wird es ruhiger. Die Etappen werden länger, die Orte kleiner, die Abstände zwischen den Unterkünften größer. Zwischen Sundsvall und Umeå sollte man Tagesetappen im Voraus planen, weil Campingplätze und Pensionen hier dünn gesät sind. Dafür hat man die Küste oft für sich allein.

Finnland und Baltikum

Von Haparanda überquert man die Grenze nach Tornio in Finnland. Der finnische Abschnitt führt entlang der Bottnischen Küste nach Süden, über Oulu, Vaasa und Turku bis nach Helsinki. Die Strecke ist weniger durchgehend beschildert als in Deutschland oder Dänemark, aber mit GPS-Tracks gut zu fahren.

Radweg entlang der finnischen Küste mit Birkenwald und blauem Himmel
In Finnland führt der Radweg durch ruhige Küstenlandschaften und Birkenwälder (KI-generiert)

Finnlands Küste ist geprägt von Schärenlandschaften, kleinen Holzhäusern und sehr wenig Verkehr. Die Straßen sind in gutem Zustand, aber separate Radwege gibt es nur in der Nähe größerer Orte. Die Tagesetappen lassen sich gut zwischen 60 und 100 Kilometern planen. Campingplätze sind vorhanden, das Jedermannsrecht (jokamiehenoikeus) erlaubt wildes Zelten abseits bewohnter Gebiete.

Von Helsinki geht es mit der Fähre nach Tallinn in Estland. Das Baltikum ist für Radreisende ein Geheimtipp. Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung liegen deutlich unter dem skandinavischen Niveau: Ein Doppelzimmer in einer Pension kostet 30 bis 50 Euro, ein Abendessen im Restaurant 8 bis 15 Euro. Die Strecke durch Estland, Lettland und Litauen führt über rund 1.350 Kilometer und bietet eine Mischung aus mittelalterlichen Altstädten (Tallinn, Riga), einsamen Strandabschnitten und Nationalparks.

In Estland folgt die Route der Küste über Pärnu und die Inseln Saaremaa und Hiiumaa (per Fähre erreichbar). Lettland hat mit dem Abschnitt um das Kap Kolka einen der wildesten Küstenstreifen der gesamten Route. In Litauen ist die Kurische Nehrung mit ihren Wanderdünen ein absolutes Highlight, das man nicht auslassen sollte.

Polen und die Rückkehr nach Deutschland

Von der litauisch-russischen Grenze (Kaliningrad) führt der Weg über die Frische Nehrung nach Danzig, Polens wichtigste Ostseestadt. Die polnische Küste hat in den letzten zehn Jahren massiv in ihre Radinfrastruktur investiert. Der R10-Radweg ist von Danzig bis Swinemünde (Świnoujście) gut ausgebaut. Von Swinemünde fährt man über die Grenze zurück nach Usedom und schließt die Runde.

Polnische Highlights auf der Strecke sind die Dreistadt Danzig-Sopot-Gdynia mit ihrer Backsteingotik, die Wanderdünen bei Łeba und die alten Seebäder zwischen Kołobrzeg und Międzyzdroje. Die Preise in Polen sind günstig: Campingplätze kosten 10 bis 15 Euro pro Nacht, ein Mittagessen 5 bis 10 Euro.

Ausrüstung und Planung

Das richtige Rad: Ein Trekkingrad oder Reiserad mit breiten Reifen (35-42 mm) ist die beste Wahl. Rennräder eignen sich nicht, weil manche Abschnitte über Schotter oder Waldwege führen. E-Bikes funktionieren auf dem gesamten Weg, aber die Ladeinfrastruktur ist in abgelegenen Gegenden (Nordschweden, Baltikum) lückenhaft. Wer ein E-Bike nutzt, sollte einen zweiten Akku mitnehmen.

Gepäck: Für eine mehrwöchige Tour braucht man zwei Hinterradtaschen und eine Lenkertasche. Das Gesamtgewicht sollte 20 Kilogramm nicht überschreiten. Zeltstange, Schlafsack, Kocher und Regenkleidung sind die größten Posten. Wer nur in Pensionen übernachtet, kommt mit weniger Gepäck aus.

Beste Reisezeit: Juni bis August. Im Juni sind die Tage in Skandinavien am längsten (bis zu 20 Stunden Tageslicht in Nordschweden). Juli und August sind wärmer, aber in den beliebten Abschnitten (Deutschland, Dänemark) voller. Mai und September sind möglich, aber in Skandinavien noch kühl (8-15 Grad) und mit kürzeren Tagen.

Bepacktes Reiserad an einem Ostseehafen mit Gepäcktaschen
Ein solides Reiserad mit Gepäcktaschen ist die beste Wahl für den Ostsee-Radweg (KI-generiert)

Navigation: Die App Komoot hat die komplette EuroVelo-10-Route mit allen Varianten gespeichert. Offline-Karten herunterladen, bevor man startet. In abgelegenen Gebieten kann das Mobilfunknetz schwach sein. Alternativ bietet die Website von EuroVelo GPX-Tracks zum Download an.

Fährverbindungen: Auf der Route sind mehrere Fährüberfahrten nötig. Die wichtigsten: Kopenhagen-Malmö (oder Helsingør-Helsingborg), Helsinki-Tallinn und diverse Insel-Fähren in den Schären. Die Fähren nehmen Fahrräder mit, oft kostenlos oder für einen geringen Aufpreis (2-5 Euro). In der Hochsaison sollte man Plätze auf den großen Fähren vorbuchen.

Unterkünfte und Infrastruktur

Die Unterkunftssituation variiert stark je nach Land. In Deutschland gibt es entlang der Route hunderte Pensionen, Hotels und Ferienwohnungen, die sich auf Radtouristen eingestellt haben. Viele bieten einen abschließbaren Fahrradraum, Werkzeug und Wäschetrockner an. Preise für ein Doppelzimmer: 60 bis 100 Euro.

In Skandinavien sind die Preise höher. Ein einfaches Zimmer kostet in Schweden 80 bis 130 Euro, in Finnland ähnlich. Campingplätze sind die günstigere Alternative: 15 bis 25 Euro pro Nacht für ein Zelt, oft mit Zugang zu Küche und Waschmaschine. In Schweden und Finnland gibt es zusätzlich stugor (kleine Holzhütten auf Campingplätzen) für 40 bis 70 Euro pro Nacht, was ein guter Kompromiss zwischen Zelten und Hotel ist.

Im Baltikum und in Polen ist die Unterkunftssituation günstiger, aber in ländlichen Gebieten manchmal dünn besetzt. Vorbuchen ist in der Hauptsaison ratsam, besonders an Wochenenden. In den Städten (Tallinn, Riga, Danzig) gibt es Hostels ab 15 Euro pro Nacht.

Verpflegung unterwegs: In Deutschland und Dänemark liegt alle 20 bis 30 Kilometer ein Ort mit Einkaufsmöglichkeit. In Schweden und Finnland können die Abstände 50 bis 80 Kilometer betragen. Hier empfiehlt es sich, immer Vorräte für einen Tag mitzuführen. Trinkwasser aus dem Hahn ist in allen Ostsee-Anrainerstaaten sicher.

Fahrradwerkstätten: In größeren Städten findet man problemlos Werkstätten. In ländlichen Gebieten ist Selbsthilfe gefragt. Flickzeug, Ersatzschlauch, Kettennieter und ein Multitool gehören zur Grundausstattung. Ersatzteile (Bremsbeläge, Speichen) nimmt man am besten von zu Hause mit.

Häufige Fragen

Wie lange braucht man für den gesamten Ostsee-Radweg?

Bei einer Tagesetappe von 70 bis 80 Kilometern und regelmäßigen Ruhetagen dauert die komplette Umrundung etwa drei Monate. Die meisten Radfahrer wählen einzelne Abschnitte: Der deutsche Teil von Flensburg bis Usedom ist in zwei bis drei Wochen machbar, der dänische Abschnitt in zehn bis 14 Tagen. Wer nur eine Woche Zeit hat, schafft den beliebten Abschnitt von Lübeck bis Stralsund (ca. 350 km).

Brauche ich ein spezielles Fahrrad für den Ostsee-Radweg?

Ein normales Trekkingrad reicht aus. Wichtig sind pannensichere Reifen mit mindestens 35 mm Breite, eine stabile Gepäckträgerhalterung und eine gute Beleuchtung. Rennräder sind wegen der Schotterabschnitte nicht geeignet. Gravel-Bikes funktionieren gut, bieten aber weniger Komfort für die Gepäckmitnahme. E-Bikes sind möglich, wenn man die Ladeinfrastruktur in abgelegenen Regionen einplant.

Ist der Ostsee-Radweg auch für Anfänger geeignet?

Ja, besonders der deutsche und dänische Abschnitt. Das Höhenprofil ist überwiegend flach, die Etappen lassen sich frei einteilen, und die Infrastruktur (Unterkünfte, Gastronomie, Werkstätten) ist gut. Anfänger sollten mit Tagesetappen von 40 bis 50 Kilometern starten und sich langsam steigern. Wind von vorn ist auf der Ostseeküste die größere Herausforderung als Steigungen.

Kann man den Ostsee-Radweg in beide Richtungen fahren?

Ja, die Route ist in beide Richtungen ausgeschildert. Die meisten Radfahrer fahren im Uhrzeigersinn (Deutschland-Dänemark-Schweden), weil der vorherrschende Westwind dann öfter Rückenwind gibt. Im Gegenuhrzeigersinn (Deutschland-Polen-Baltikum) hat man häufiger Gegenwind, dafür aber den Vorteil, dass man von den günstigeren Ländern in die teureren fährt und sich budgetmäßig langsam steigern kann.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.