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Ålesund
Norwegens Jugendstilstadt zwischen Aksla und Atlantik

Ålesund

14 Min. Lesezeit

Ålesund liegt auf mehreren Inseln an der Westküste Norwegens, gut 300 Kilometer nördlich von Bergen. 50.000 Einwohner, ein großer Fischereihafen, und die dichteste Ansammlung von Jugendstilgebäuden in Nordeuropa. Die Stadt ist anders als andere norwegische Städte. Keine Holzhäuser, keine Backsteinbauten. Stattdessen Steingebäude mit Türmchen und Erkern, mit geschwungenen Fassaden. Eine ganze Stadt im Art-Nouveau-Stil, entstanden aus einer Katastrophe.

Wer die Altstadt durchläuft, kommt aus dem Hinguken nicht heraus. An jeder Ecke eine neue Fassade, ein neues Detail: steinerne Blumen und Gesichter, Drachen und Wikingermotive. Die Gebäude stehen dicht an dicht, entlang der Kanäle und am Hafen. Im Morgenlicht, wenn die Sonne die Fassaden streift, wirkt alles wie ein Filmset. Aber es ist echt. Und es wird bewohnt.

Ålesund ist auch das Tor zum Geirangerfjord, einem der bekanntesten Fjorde Norwegens und UNESCO-Welterbe. Die Kombination aus Stadtbesuch und Fjordausflug macht Ålesund zu einem der beliebtesten Reiseziele an der norwegischen Westküste. Und als Ausgangspunkt für die Sunnmørsalpen, in denen man im Winter Ski fahren und im Sommer wandern kann.

Ålesund: Die Stadt, die aus Asche entstand

In der Nacht des 23. Januar 1904 brach in Ålesund ein Feuer aus. Der Wind trieb die Flammen durch die engen Gassen der Holzstadt. In wenigen Stunden brannten 850 Häuser nieder. 10.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Nur ein einziges Gebäude im Stadtkern überstand das Feuer: ein Steinhaus. Das war die Lehre. Holz war vorbei.

Was dann passierte, war für eine kleine Fischerstadt bemerkenswert. Statt einfach wieder aufzubauen, entschied man sich für einen Neuanfang. Norwegische und deutsche Architekten wurden engagiert. Der Stil der Zeit war Jugendstil, und genau den bekam Ålesund. Innerhalb von drei Jahren entstanden über 300 neue Steingebäude, alle im gleichen Zeitgeist, aber jedes anders. Die Stadt, die aus der Asche kam, war schöner als die, die vorher dagestanden hatte.

Kaiser Wilhelm II. der regelmäßig im Sommer an der norwegischen Küste kreuzte, schickte vier Schiffe mit Baumaterial und Hilfsgütern. Die Deutschen halfen beim Wiederaufbau, und der deutsche Einfluss ist in einigen Fassaden noch erkennbar. Ålesund vergaß das nicht. In der Stadt steht ein Denkmal für den Kaiser, und die deutsch-norwegische Verbindung wird bis heute gepflegt.

Der Stadtbrand von 1904

Die Ursache des Brands ist nie eindeutig geklärt worden. Wahrscheinlich fiel eine Öllampe in einer Margarinefabrik um. Der Sturm in jener Nacht tat das Übrige. Die Flammen fraßen sich von Haus zu Haus, und die Feuerwehr war machtlos. Die hölzernen Gebäude brannten wie Zunder. Am Morgen war das Stadtzentrum verschwunden.

Trotz der Zerstörung kam niemand ums Leben. Die Bewohner hatten sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht, viele auf die umliegenden Inseln. Die Evakuierung funktionierte, weil die Leute Boote hatten. Ålesund war eine Fischereistadt, und Boote gab es genug. Im Morgengrauen saßen Tausende in offenen Booten auf dem Meer und sahen zu, wie ihre Stadt brannte.

Das Jugendstilzentrum (Jugendstilsenteret) in der Apotekergata erzählt die Geschichte des Brands und des Wiederaufbaus. Das Gebäude selbst ist ein ehemaliges Apothekengebäude von 1907, originalgetreu restauriert. Im Inneren Ausstellungen und interaktive Stationen, dazu eine Zeitkapsel, die den Brand nachempfindet. Der Eintritt kostet 120 NOK und ist den Besuch wert, auch wenn man sich sonst nicht für Architektur interessiert.

Jugendstil-Architektur in Ålesund

Jugendstil-Fassade in Ålesund mit Türmchen und Ornamenten
Typische Jugendstil-Fassade in der Altstadt von Ålesund (KI-generiert)

Die Jugendstilgebäude in Ålesund sind keine Kopien kontinentaler Vorbilder. Sie sind norwegisch. Die Architekten bedienten sich zwar der typischen Art-Nouveau-Formen, mischten aber lokale Motive darunter: Wikingerschiffe und Drachen, Seetiere und nordische Ornamente. Die Fassaden erzählen Geschichten. Wer genau hinsieht, entdeckt Fischernetze aus Stein und Meerestiere über den Fenstern. An den Giebeln Trollgesichter.

Die besten Gebäude stehen entlang der Kongens gate und der Kirkegata. Das Swan-Apotheke-Gebäude (heute Jugendstilzentrum) ist wohl das berühmteste, mit seiner grünen Fassade und dem reich verzierten Eingang. Das Gebäude der Aalesunds Museum mit seinem Türmchen ist ein weiterer Hingucker. Und das Haus an der Ecke Kongens gate/Apotekergata mit den steinernen Frauengesichtern über dem Eingang gehört zu den meistfotografierten der Stadt.

Ein geführter Jugendstilrundgang dauert etwa eineinhalb Stunden und startet am Jugendstilzentrum. Die Guides kennen die Details: Wer hat welches Haus entworfen, welche Symbole verbergen sich in den Fassaden, und warum hat ein Gebäude einen Drachen auf dem Dach. Es gibt auch einen selbstgeführten Rundgang mit einer App, die zu den wichtigsten Gebäuden führt.

Besonders gelungen ist das Zusammenspiel der Gebäude als Ensemble. Anders als in vielen Städten, wo einzelne Jugendstilhäuser zwischen moderneren Bauten stehen, bilden die Gebäude in Ålesund geschlossene Straßenzüge. Man steht in der Kongens gate und sieht links und rechts nur Jugendstil. Das gibt es in dieser Dichte sonst nirgendwo in Nordeuropa.

Aksla: Panorama über die Stadt

Panoramablick von Aksla über Ålesund und die Inseln
Blick von der Aksla über Ålesund und die vorgelagerten Inseln (KI-generiert)

Der Aufstieg auf die Aksla lohnt sich immer. 418 Stufen vom Stadtpark (Byparken) bis zum Aussichtspunkt Fjellstua. Der Weg ist steil, aber machbar. Oben angekommen: ein Panorama, das den Aufstieg sofort vergessen lässt. Die ganze Stadt liegt unter einem, die Inseln, die Kanäle, der Hafen, und dahinter die Sunnmørsalpen. An klaren Tagen reicht die Sicht bis zum Horizont.

Die Fjellstua ist ein Restaurant und Café mit Terrasse. Man sitzt draußen, trinkt seinen Kaffee und guckt auf die Stadt. Im Sommer bis spät abends, weil die Sonne nicht untergehen will. Im Winter, wenn Schnee auf den Bergen liegt und die Lichter der Stadt sich im Wasser spiegeln, hat der Blick eine andere, stillere Qualität.

Für alle, die nicht 418 Stufen steigen wollen: Man kann auch mit dem Auto zur Aksla hochfahren. Eine schmale Straße führt von der Rückseite hinauf, und es gibt einen kleinen Parkplatz. Im Sommer ist der allerdings oft voll. Alternativ gibt es einen etwas längeren, dafür sanfteren Fußweg von der Borgundfjord-Seite.

Der beste Zeitpunkt für den Aufstieg ist am späten Nachmittag oder Abend. Dann steht die Sonne tief im Westen und taucht die Stadt in warmes Licht. Im Sommer, wenn die Mitternachtssonne fast bis hierher reicht, kann man bis Mitternacht oben sitzen. Im Winter lohnt sich der Aufstieg bei klarem Wetter, wenn Nordlichter über den Bergen stehen.

Atlanterhavsparken: das Aquarium am Atlantik

Atlanterhavsparken Aquarium bei Ålesund am Meer
Atlanterhavsparken, eines der größten Salzwasseraquarien Nordeuropas (KI-generiert)

Der Atlanterhavsparken liegt etwa drei Kilometer westlich des Stadtzentrums auf der Insel Tueneset. Es ist eines der größten Salzwasseraquarien Nordeuropas und zeigt das marine Leben des Nordatlantiks. Die Hauptattraktion ist das große Atlantikbecken: ein riesiges Becken mit Kabeljau, Heilbutt, Katzenhaien und Rochen, die man durch eine große Panoramascheibe beobachten kann.

Das Außenbecken ist frei zugänglich und zeigt Seehunde und Pinguine. Die Fütterungen sind ein Highlight, besonders für Kinder. Die Seehunde kennen ihre Pfleger und kommen auf Zuruf. Die Pinguine sind Humboldt-Pinguine und stammen nicht aus der Arktis, was manche überrascht. Aber sie fühlen sich wohl. Der Wind an der Küste scheint ihnen zu gefallen.

Jeden Sonntag um 13 Uhr findet im Atlantikbecken eine Taucherfütterung statt. Ein Taucher steigt ins Wasser und füttert die Fische von Hand, während ein Moderator erklärt, was man sieht. Die Kabeljau kommen direkt an die Scheibe. Man sieht ihre Mäuler, ihre Augen, jede Schuppe. Für Kinder ist das großartig. Für Erwachsene, wenn man ehrlich ist, auch.

Der Eintritt kostet 230 NOK für Erwachsene und 130 NOK für Kinder. Das klingt viel, aber man verbringt hier leicht zwei bis drei Stunden. Auf dem Gelände gibt es ein Café mit Blick aufs Meer und einen Naturlehrpfad entlang der Küste. Im Sommer kann man draußen sitzen und den Sonnenuntergang beobachten, während im Hintergrund die Wellen an die Felsen klatschen.

Brosundet und die Kanäle

Der Kanal Brosundet in Ålesund mit Jugendstilhäusern auf beiden Seiten
Brosundet, der Kanal durch die Altstadt von Ålesund (KI-generiert)

Der Brosundet ist der Kanal, der die Altstadt teilt. Er verbindet den inneren Hafen mit dem äußeren und wird von Brücken überspannt. An beiden Seiten stehen die Jugendstilhäuser, deren Fassaden sich im Wasser spiegeln. Abends, wenn die Laternen angehen und die Restaurants ihre Kerzen aufstellen, wirkt der Brosundet wie aus einem Gemälde.

Am Brosundet liegt das Hotel Brosundet, eines der besten Hotels der Stadt. Es besteht aus mehreren zusammengefügten historischen Lagerhäusern und hat direkten Zugang zum Kanal. Die Zimmer sind modern eingerichtet, die Aussicht auf den Kanal und die Altstadt lohnt den Preis. Wer nicht im Hotel übernachtet, kann im Restaurant essen oder an der Bar einen Drink nehmen.

Ein Spaziergang entlang der Kanäle ist der beste Weg, die Stadt kennenzulernen. Man startet am Byparken, geht über die Brücke zum Brosundet, folgt dem Kanal bis zum inneren Hafen und biegt dann in die Kongens gate ab. Von dort zurück über die Kirkegata zum Ausgangspunkt. Die Runde dauert etwa eine Stunde und führt an den wichtigsten Jugendstilgebäuden vorbei.

Im Sommer liegen am Brosundet Kajaks zum Mieten. Eine Stunde durch die Kanäle paddeln, vorbei an den Fassaden, unter den Brücken durch. Eine ungewöhnliche Perspektive auf die Stadt, von unten statt von oben. Und auf dem Wasser ist es ruhig, selbst wenn die Straßen voll sind.

Ausflüge: Geirangerfjord und Runde

Ålesund ist der klassische Ausgangspunkt für den Geirangerfjord. Die Fahrt dauert etwa zweieinhalb Stunden über die Ørnevegen (Adlerstraße), eine der steilsten Passstraßen Norwegens mit elf Haarnadelkurven. Die Aussicht von oben auf den Fjord: absurd gut. Unten liegt der Fjord, dunkelblau und still, mit den berühmten Wasserfällen an den Felswänden.

Die Insel Runde, etwa zwei Stunden südlich von Ålesund, ist eine der wichtigsten Seevogelkolonien Norwegens. Zwischen April und August nisten hier Papageientaucher, Tölpel, Kormorane und Seeadler. Etwa 100.000 Paare Papageientaucher brüten in den Felshängen. Man kann vom Parkplatz aus direkt zu den Brutplätzen wandern. Der Weg dauert etwa 30 Minuten und ist leicht.

Für Wanderer bieten die Sunnmørsalpen, die sich direkt hinter Ålesund erheben, zahlreiche Möglichkeiten. Der Slogen (1.564 m) ist der bekannteste Gipfel, eine anspruchsvolle Tagestour mit Panoramablick über Fjorde und Gipfel. Im Winter kommen Skitourengeher aus ganz Skandinavien in die Sunnmørsalpen. Die Abfahrten bis ans Meer sind legendär.

Die Hurtigruten legen in Ålesund an, und man kann den Stopp für einen kurzen Stadtbummel nutzen (das Schiff liegt etwa drei Stunden). Wer mehr Zeit hat, bleibt zwei bis drei Nächte und kombiniert die Stadt mit Ausflügen in die Umgebung.

Essen, Übernachten, Anreise

Ålesund bei Nacht mit beleuchteten Jugendstilgebäuden am Wasser
Ålesund bei Nacht: beleuchtete Fassaden spiegeln sich im Kanal (KI-generiert)

Das XL Diner am Hafen serviert Fisch vom Tagesfang. Einfach, frisch, gut. Kabeljau, Heilbutt und Garnelen, alles aus dem Meer vor der Tür. Die Preise sind für norwegische Verhältnisse moderat (Hauptgerichte 200 bis 350 NOK). Das Maki am Brosundet hat eine ambitioniertere Küche, mit nordisch-asiatischen Einflüssen und einer guten Weinkarte. Teurer, aber die Qualität stimmt.

Für den Kaffee zwischendurch: Lyspunktet in der Kongens gate hat die besten Zimtschnecken der Stadt. Klein, gemütlich, lokale Stammgäste. Wer mittags eine schnelle Mahlzeit braucht, geht zu Sjøbua am inneren Hafen: Fischsuppe, Brot, Blick aufs Wasser.

Hotels gibt es in allen Preisklassen. Das Brosundet am Kanal ist das beste, das Scandic Parken im Stadtzentrum das praktischste, und die Ferienhäuser auf den umliegenden Inseln sind für Familien und Selbstversorger ideal. Wer günstig übernachten will, findet in der Ålesund Jugendherberge (HI Hostel) saubere Zimmer ab 400 NOK pro Nacht.

Der Flughafen Ålesund Vigra liegt auf einer vorgelagerten Insel und ist über eine Unterseetunnel mit der Stadt verbunden. Die Fahrt dauert 20 Minuten. Es gibt Direktflüge nach Oslo, Bergen und Trondheim. Wer mit dem Auto kommt, fährt über die E136 von Ostnorwegen oder über die E39 von Bergen. Die Hurtigruten stoppen täglich, und es gibt Schnellbootverbindungen zu den umliegenden Inseln.

Die beste Reisezeit: Mai bis September. Im Juni und Juli sind die Tage am längsten, die Temperaturen am angenehmsten (12 bis 18 Grad). Im Winter kann es stürmisch sein, aber die beleuchtete Stadt hat ihren eigenen Reiz. Und das Wetter an der Westküste wechselt schnell: Regen, Sonne, Regen, Sonne. Manchmal alles innerhalb einer Stunde. Regenjacke nicht vergessen.

Häufig gestellte Fragen

Wie viele Tage braucht man für Ålesund?

Zwei Tage für die Stadt (Jugendstil-Rundgang, Aksla, Atlanterhavsparken). Drei bis vier Tage, wenn man einen Ausflug zum Geirangerfjord oder zur Insel Runde machen will. Einen Tag für die Sunnmørsalpen.

Lohnt sich das Jugendstilzentrum?

Ja. Die Ausstellung erklärt, warum die Stadt so aussieht, und das Gebäude selbst ist sehenswert. 120 NOK Eintritt, etwa eine Stunde Besuchszeit. Ideal als Einstieg, bevor man die Stadt auf eigene Faust erkundet.

Wie kommt man zum Geirangerfjord?

Mit dem Auto über die Ørnevegen (2,5 Stunden). Im Sommer gibt es auch Fjordkreuzfahrten ab Ålesund. Alternativ mit dem Bus (Verbindung über Stranda). Die Straße ist im Winter gesperrt (November bis Mai).

Regnet es viel in Ålesund?

Ja. Die Westküste ist eine der regenreichsten Regionen Norwegens. Im Schnitt 230 Regentage pro Jahr. Aber: Es regnet selten den ganzen Tag. Oft sind es Schauer, die schnell durchziehen. Und danach kann der Himmel aufklaren wie nirgendwo sonst.

Kann man Ålesund und Bergen auf einer Reise verbinden?

Ja. Die E39 verbindet beide Städte (etwa 8 Stunden mit den Fähren). Alternativ fliegen (45 Minuten) oder das Hurtigruten-Schiff nehmen (Nachtfahrt). Die Autofahrt selbst ist landschaftlich toll, aber lang.

Lokale Tipps

Gut zu wissen

Matpakke-Kultur: Norweger bringen ihr Essen mit. Kauf dir im Supermarkt (Rema 1000, Kiwi) Brot, Brunost und Aufschnitt und mach es wie die Locals. Ein Restaurantbesuch kostet schnell 300+ NOK pro Person.

Leitungswasser: Norwegisches Leitungswasser ist exzellent. Nie Flaschen kaufen, immer eine Trinkflasche dabei haben. Spart locker 50 NOK pro Tag.

Spartipp: Viele Museen haben einen Tag pro Woche mit freiem Eintritt oder reduziertem Preis. Und das Jedermannsrecht erlaubt kostenloses Zelten in der Natur, mindestens 150m von Häusern entfernt.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026