Panoramastraßen in Norwegen
Norwegen hat etwas gemacht, das kein anderes Land so konsequent umgesetzt hat: Es hat 18 Straßen ausgewählt, die durch die wildesten und schönsten Landschaften des Landes fuehren, und sie zu Nationalen Touristenstraßen erklärt. Dann hat man Architekten beauftragt, entlang dieser Straßen Aussichtspunkte, Rastplätze und Kunstinstallationen zu bauen, die mit der Natur drum herum mithalten können. Das Ergebnis ist ein Straßennetz, das auf einer Gesamtlänge von über 2.100 Kilometern durch Fjorde, Hochgebirge, Küstenlandschaften und arktische Tundra führt.
Ich bin über die Jahre gut die Hälfte dieser Routen gefahren und jedes Mal hat mich etwas Neues überrascht. Von der Natur sowieso, die in Norwegen kaum zu übertreffen ist. Aber genauso von den Bauwerken am Straßenrand. Da steht plötzlich eine geschwungene Betonstruktur über einem Abgrund, die aussieht wie ein Kunstwerk in einem Museum. Oder ein Toilettengebäude aus Glas, das so schön ist, dass man es fotografiert. Genau das macht die Touristenstraßen aus: wilde Natur trifft auf durchdachtes Design.
Was sind Nationale Touristenstraßen?
Das Programm "Nasjonale Turistveger" wurde 1994 ins Leben gerufen. Die norwegische Straßenverwaltung (Statens vegvesen) wählte zunächst 18 Strecken aus, die sich durch besondere Landschaftserlebnisse auszeichnen. Dann begann man systematisch, diese Straßen aufzuwerten: bessere Fahrbahnbeläge, ausgebaute Parkplätze, neue Aussichtspunkte und Rastplätze.
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Das Besondere an dem Programm ist der Anspruch an die Architektur. Jeder Rastplatz, jeder Aussichtspunkt, jedes Toilettengebäude wird von namhaften norwegischen und internationalen Architekten entworfen. Die Bauwerke sollen nicht nur funktional sein, sondern die Landschaft ergänzen, einen Dialog mit ihr eingehen. Manche Gebäude schmiegen sich an den Fels, andere springen kühn über den Abgrund hinaus. Es gibt Toiletten, die internationale Architekturpreise gewonnen haben.
Die Gesamtinvestition beläuft sich auf mehrere Milliarden Kronen. Das klingt nach viel Geld, aber die Rechnung geht auf: Die Touristenstraßen ziehen jedes Jahr Hunderttausende Besucher an, die sonst vielleicht auf der Autobahn weitergefahren wären. Stattdessen nehmen sie den Umweg, halten an, fotografieren, essen etwas in einem lokalen Restaurant. Das Programm hat die wirtschaftliche Entwicklung in vielen ländlichen Regionen angekurbelt.
Architektur am Straßenrand: Wenn Beton und Natur verschmelzen
Die Architektur entlang der Touristenstraßen ist ein Thema für sich. Über 250 architektonische Projekte wurden bisher realisiert, von kleinen Sitzbänken bis zu großen Besucherzentren. Die Philosophie dahinter: Architektur soll nicht mit der Natur konkurrieren, sondern sie rahmen und erlebbar machen.
Ein bekanntes Beispiel ist der Aussichtspunkt Stegastein am Aurlandsfjord, entworfen von Todd Saunders und Tommie Wilhelmsen. Eine Plattform aus Holz und Stahl ragt 30 Meter über den Fjord hinaus, 650 Meter über dem Wasser. Am Ende der Plattform ist eine Glaswand, durch die man direkt in die Tiefe blickt. Das Gefühl, da draußen zu stehen, ist schwer zu beschreiben. Der Wind weht, unter einem der Fjord, und man hat das Gefühl, über der Landschaft zu schweben.
Ein anderes Highlight ist das Eggum-Kunstwerk auf den Lofoten, eine Installation des Künstlers Markus Raetz, die je nach Blickwinkel verschiedene Formen annimmt. Oder der Rastplatz Akkarvikodden auf den Lofoten, ein gewundener Weg aus Cortenstahl, der zum Meer führt. Oder die Toilette am Ureddplassen an der Helgelandskysten, die nachts leuchtet und zu einem der meistfotografierten Toilettengebäude der Welt geworden ist.
Die Architekten, die diese Projekte realisieren, gehören zur Elite des norwegischen Designs. Büros wie Reiulf Ramstad Arkitekter, Jensen & Skodvin und Peter Zumthor haben Projekte für die Touristenstraßen entworfen. Es ist ein bewusstes Statement: Selbst an den entlegensten Orten Norwegens soll gutes Design erlebbar sein.
Die bekanntesten Routen im Überblick
Trollstigen: Die Serpentinen der Superlative
Der Trollstigen ist vermutlich die berühmteste Straße Norwegens. Elf Haarnadelkurven schrauben sich 852 Meter in die Höhe, vorbei am 320 Meter hohen Stigfossen-Wasserfall. Am oberen Ende wartet eine Aussichtsplattform, die über den Abgrund ragt und einen Blick bietet, der einem den Atem nimmt. Die Straße ist nur von Mai bis Oktober geöffnet, weil sie im Winter unpassierbar ist. Im Sommer kann es auf dem Trollstigen Stau geben, besonders an Wochenenden und in der Hauptsaison.
Atlanterhavsvegen: Die Brückenstraße
Die Atlantikstraße (Atlanterhavsvegen) verbindet Averøy mit dem Festland über acht Brücken, die sich über Schären und offenes Meer schwingen. Die berühmteste dieser Brücken, die Storseisundbrücke, sieht aus einer bestimmten Perspektive so aus, als würde sie ins Nichts führen. Die Strecke ist nur 8,3 Kilometer lang, aber so fotogen, dass sie zu den meistfotografierten Straßen der Welt gehört. Bei Sturm peitschen die Wellen über die Fahrbahn, was gefährlich, aber auch extrem eindrucksvoll ist.
Sognefjellet: Die höchste Passstraße
Die Sognefjellsvegen ist die höchste Passstraße Nordeuropas. Sie erreicht 1.434 Meter über dem Meeresspiegel und führt durch eine Hochgebirgslandschaft, die an Tibet erinnert. Auf der einen Seite der Jotunheimen-Nationalpark mit den höchsten Bergen Norwegens, auf der anderen das Tal des Sognefjords. Die Strecke ist etwa 108 Kilometer lang und bietet eine Landschaft, die sich alle paar Kilometer grundlegend verändert. Gletscher, dann Seen, dann Hochebenen, dann tiefe Täler.
Lofoten: Die Inselstraße
Die Touristenstraße Lofoten führt über die gesamte Inselkette, von Raftsundet im Norden bis Å im Süden. Es ist eine Strecke, auf der man wirklich langsam fahren sollte, weil hinter jeder Kurve ein neues Postkartenmotiv wartet. Rote Fischerhütten vor türkisfarbenem Wasser. Weiße Sandstrände unter schroffen Bergen. Kleine Fischerorte, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Die Lofoten sind für viele Reisende der Höhepunkt einer Norwegen-Reise.
Fjordnorwegen: Die westlichen Routen
Hardanger: Obstblüte und Fjorde
Die Touristenstraße Hardanger führt entlang des Hardangerfjords, des zweitlängsten Fjords Norwegens. Im Mai, wenn die Apfel- und Kirschbäume blühen, ist diese Strecke ein Traum. Weiße und rosa Blüten vor dem blauen Fjord, dahinter schneebedeckte Berge. An der Strecke liegt der Vøringsfossen, einer der bekanntesten Wasserfälle Norwegens, der 182 Meter in die Tiefe stürzt. Der neue Aussichtspunkt, eine Treppe, die in die Schlucht hinabführt, wurde 2020 eröffnet und bietet einen Blick, der einem weiche Knie macht.
Ryfylke: Das stille Fjordland
Ryfylke liegt östlich von Stavanger und ist weniger bekannt als die anderen Fjordrouten, aber genauso schön. Die Strecke führt durch enge Täler und entlang stiller Fjorde. An der Route liegt der Allmannajuvet, eine Zinkmine aus dem 19. Jahrhundert, die Peter Zumthor in ein architektonisches Meisterwerk verwandelt hat. Schwarze Holzgebäude auf dünnen Stelzen, die über die Schlucht ragen. Es sieht aus wie eine Szene aus einem Film, ist aber ein Museum und ein Restaurant.
Gaularfjellet: Die versteckte Perle
Gaularfjellet verbindet den Sognefjord mit dem Dalsfjord und führt durch eine bergige Landschaft mit Wasserfällen und Hochmooren. Diese Route ist weniger besucht als Trollstigen oder Sognefjellet, was ihr einen besonderen Reiz verleiht. Der Aussichtspunkt Utsikten bietet einen Panoramablick über das Tal, der einen zum Staunen bringt. Die Straße ist schmal und kurvig, aber gut ausgebaut.
Nordnorwegen: Über dem Polarkreis
Helgelandskysten: Die tausend Inseln
Die Helgelandskysten führt entlang der Küste von Holm nach Godøystraumen und umfasst mehrere Fährüberfahrten. Das ist Teil des Charmes: Man steigt immer wieder aus dem Auto, fährt Fähre, beobachtet die Küstenlandschaft vom Wasser aus. Die Strecke ist 433 Kilometer lang und damit die längste aller Touristenstraßen. Unterwegs passiert man den Torghatten, einen Berg mit einem natürlichen Loch durch die Mitte, und die Sieben Schwestern, eine Bergkette mit sieben markanten Gipfeln.
Andøya: Die nördliche Route
Andøya, eine der Vesterålen-Inseln, hat eine eigene Touristenstraße. Die Strecke führt entlang der Westküste der Insel, vorbei an endlosen Stränden, Moorlandschaften und kleinen Fischerdörfern. Von der Küste aus kann man Wale beobachten. Pottwale sind das ganze Jahr über in den Gewässern vor Andøya unterwegs, Orcas kommen im Winter. Der Himmel ist weit, die Landschaft karg und wunderschön.
Senja: Märchen und Küste
Senja ist Norwegens zweitgrößte Insel und hat eine Touristenstraße, die entlang der Nordwestküste führt. Schroffe Berge, die direkt ins Meer fallen, wechseln sich ab mit geschützten Buchten und weißen Stränden. Auf Senja steht auch der Trollstigen von Senja, nicht zu verwechseln mit dem berühmten Trollstigen in Møre og Romsdal. Der Bergsbotn-Aussichtspunkt bietet einen der besten Ausblicke der gesamten Insel.
Varanger: Am Ende der Welt
Die Touristenstraße Varanger ist die nördlichste und östlichste aller 18 Routen. Sie führt entlang der Küste der Finnmark, durch eine Landschaft, die so karg und leer ist, dass man sich auf einem anderen Planeten wähnt. Hier oben gibt es keine Bäume mehr, nur noch Tundra, Flechten und das Meer. Die Steilneset-Gedenkstätte in Vardø, entworfen von Peter Zumthor und Louise Bourgeois, erinnert an die Hexenprozesse des 17. Jahrhunderts und ist eines der eindrucksvollsten Mahnmale Norwegens.
Hochgebirge und Pässe
Valdresflye: Die Hochebene
Die Valdresflye-Route führt über eine kahle Hochebene auf 1.389 Metern. Die Landschaft ist weit und offen, ohne Bäume, nur Gras, Steine und gelegentlich Rentiere. Der Aussichtspunkt Rjupa, entworfen von JSA/Jarmund/Vigsnæs Arkitekter, ist ein schwebender Betonsteg, der über das Felsplateau ragt. Von hier sieht man die Gipfel des Jotunheimen-Massivs am Horizont.
Gamle Strynefjellsvegen: Die historische Route
Diese Strecke ist eine der ältesten Bergstraßen Norwegens, gebaut zwischen 1881 und 1894. Die Straße ist schmal, steil und kurvenreich, und sie führt durch eine Hochgebirgslandschaft mit Schneefeldern, Gletscherbächen und steilen Felswänden. Die Gamle Strynefjellsvegen ist nur im Sommer befahrbar, und selbst dann kann es Schnee am Straßenrand geben. Es ist eine Straße für Liebhaber, nicht für Eilige.
Aurlandsfjellet: Die Schneestraße
Die Aurlandsfjellet verbindet Aurland am Sognefjord mit Lærdal. Die Straße steigt auf über 1.300 Meter und führt durch eine alpine Landschaft, die im Sommer von Schneefeldern gesäumt ist. Der bereits erwähnte Stegastein-Aussichtspunkt liegt an dieser Route und ist allein schon die Fahrt wert. Die Strecke ist eine Alternative zum Lærdalstunnel, dem längsten Straßentunnel der Welt, und bietet die deutlich schönere Aussicht.
Praktische Tipps für die Panoramastraßen
Die Touristenstraßen sind kostenlos. Es gibt keine Maut und keinen Eintritt. Parkplätze, Aussichtspunkte und Toiletten sind ebenfalls frei zugänglich. Die einzigen Kosten sind Benzin und eventuell Fähren, die auf manchen Routen nötig sind.
Viele der Hochgebirgsrouten sind nur im Sommer geöffnet. Der Trollstigen, die Sognefjellsvegen und die Gamle Strynefjellsvegen werden im November gesperrt und öffnen je nach Schneelage zwischen Mai und Juni. Aktuelle Informationen über Straßensperrungen gibt es auf vegvesen.no. Die Küstenrouten (Atlantikstraße, Helgelandskysten, Lofoten) sind ganzjährig befahrbar.
Plant genug Zeit ein. Die Touristenstraßen sind keine Schnellstraßen. Sie sind schmal, kurvenreich und es gibt an jeder Ecke etwas zu sehen. Wer den Trollstigen in zwanzig Minuten runterfährt, hat ihn nicht erlebt. Nehmt euch einen ganzen Tag für eine Route, haltet an jedem Aussichtspunkt, macht Fotos, esst ein Eis. Diese Straßen sind zum Genießen da, nicht zum Kilometerfressen.
Für Wohnmobile gibt es Einschränkungen auf einigen Routen. Der Trollstigen erlaubt Wohnmobile bis maximal 12,4 Meter Länge. Auf der Gamle Strynefjellsvegen sind große Fahrzeuge nicht empfohlen. Informiert euch vorher über die Beschränkungen, besonders wenn ihr ein Fahrzeug über 7,5 Meter habt.
Tankt rechtzeitig. Auf den Hochgebirgsrouten gibt es oft auf 100 Kilometern keine Tankstelle. Füllt den Tank auf, bevor ihr eine Passstraße in Angriff nehmt. Das gilt besonders für Elektroautos: Ladesäulen sind auf den Touristenstraßen selten, und die Reichweite sinkt in den Bergen durch die Steigungen und die Kälte.
Die beste Karte für die Touristenstraßen ist die offizielle Website nasjonaleturistveger.no, die alle 18 Routen mit Fotos, Beschreibungen und Kartenansicht zeigt. Kostenlose Papierbroschüren gibt es in den Touristeninformationen vor Ort. Auch Google Maps zeigt die Touristenstraßen als markierte Routen an.
Häufige Fragen
Sind die Nationalen Touristenstraßen kostenpflichtig?
Nein. Alle 18 Touristenstraßen sind komplett kostenlos. Es gibt keine Maut, keinen Eintritt für Aussichtspunkte und keine Parkgebühren. Die einzigen Kosten, die anfallen können, sind Fähren auf den Küstenrouten (z.B. Helgelandskysten) und natürlich Benzin.
Welche Touristenstraße ist die schönste?
Das hängt vom Geschmack ab. Für dramatische Berglandschaft ist die Sognefjellsvegen schwer zu übertreffen. Für Küste und Meer die Atlantikstraße oder Lofoten. Für den Wow-Effekt der Trollstigen. Mein persönlicher Favorit ist die Helgelandskysten, weil sie die größte Vielfalt bietet und weniger überlaufen ist als die Top-Drei.
Wann sind die Hochgebirgsrouten geöffnet?
Die meisten Hochgebirgsrouten (Trollstigen, Sognefjellsvegen, Gamle Strynefjellsvegen, Aurlandsfjellet, Valdresflye) öffnen zwischen Mai und Juni und schließen im Oktober oder November. Das genaue Datum hängt von der Schneelage ab. Aktuelle Infos gibt es auf vegvesen.no unter "Vegstatus".
Kann man alle 18 Routen in einem Urlaub fahren?
Theoretisch ja, aber man bräuchte mindestens drei Wochen und müsste viel fahren. Die Strecken liegen über ganz Norwegen verteilt, von der Südküste bis zur russischen Grenze. Realistischer ist es, sich auf eine Region zu konzentrieren und dort drei bis fünf Routen zu fahren. Fjordnorwegen mit Trollstigen, Atlantikstraße und Sognefjellet ist ein guter Start.
Sind die Touristenstraßen für Wohnmobile geeignet?
Die meisten ja, aber mit Einschränkungen. Der Trollstigen hat eine Längenbegrenzung von 12,4 Metern. Die Gamle Strynefjellsvegen ist für große Wohnmobile nicht empfohlen. Auf den Küstenrouten gibt es keine Probleme. Informiert euch vorher über die Beschränkungen auf vegvesen.no. Kleinere Wohnmobile bis 7 Meter sind auf allen Routen problemlos.
Gibt es geführte Touren auf den Touristenstraßen?
Ja, verschiedene Veranstalter bieten geführte Bus- und Autorouten an. Fjord Tours und Norway in a Nutshell haben Pakete, die Touristenstraßen einschließen. Aber die meisten Reisenden fahren auf eigene Faust mit dem Mietwagen oder Wohnmobil. Die Straßen sind gut beschildert und leicht zu finden.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026