Atlantikstraße Norwegen
Die Atlantikstraße ist eine dieser Straßen, die man sofort erkennt, auch wenn man noch nie dort war. Die geschwungene Brücke, die scheinbar ins Nichts führt, das Meer, das von beiden Seiten gegen die Fahrbahn schlägt, die kahlen Schären, die aus dem Wasser ragen wie die Rücken schlafender Wale. 8,3 Kilometer, die zu den meistfotografierten Straßenabschnitten der Welt gehören. Und wenn man sie selbst fährt, versteht man sofort, warum.
Ich war zweimal dort. Einmal bei Sonnenschein, einmal bei Sturm. Und ich kann sagen: Beides ist fantastisch, aber auf völlig unterschiedliche Art. Bei Sonne glitzert das Meer, die Brücken wirken elegant und leicht, und man kann stundenlang am Straßenrand stehen und einfach schauen. Bei Sturm verwandelt sich die ganze Szenerie in ein Naturschauspiel. Die Wellen krachen über die Straße, Gischt fliegt durch die Luft, und man fragt sich, ob man wirklich weiterfahren soll. Man fährt trotzdem. Und ist hinterher froh, dass man es getan hat.
Die Atlantikstrasse und ihre Lage
Die Atlantikstraße (auf Norwegisch: Atlanterhavsvegen) verbindet die Insel Averøy mit dem Festland in der Gemeinde Eide, heute Teil der Kommune Hustadvika, in Møre og Romsdal. Sie ist Teil der Norwegischen Landschaftsroute Atlanterhavsvegen und gleichzeitig ein Abschnitt der Kreisstraße 64. Die Strecke besteht aus acht Brücken, die über Schären und Holme führen, verbunden durch kurze Straßenabschnitte auf den Inseln.
Der Grund für die Wirkung ist die Lage. Sie führt nicht am Meer entlang, sondern mitten hindurch. Links und rechts ist offener Atlantik. Es gibt keinen Schutz, keinen Wellenbrecher, keine Mole. Die Straße liegt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel, und bei Sturm ist sie den Elementen vollständig ausgesetzt. Das war auch der Grund, warum der Bau so schwierig war.
Die Landschaft rundherum ist typisch für die norwegische Westküste: flache, baumlose Schären, die wie glattgeschliffene Steine aus dem Wasser ragen. Gras und Flechten bedecken die Felsen, dazwischen das Meer in allen Blautönen. Bei klarem Wetter sieht man den Horizont, eine schnurgerade Linie zwischen Himmel und Wasser. Bei Nebel verschwindet alles in einem grauen Nichts, und man fährt durch eine Welt, die nur aus Straße und Feuchtigkeit zu bestehen scheint.
Geschichte und Bau der Atlantikstraße
Die Idee einer festen Verbindung zwischen Averøy und dem Festland wurde schon in den 1970er Jahren diskutiert. Bis dahin gab es nur eine Fährverbindung, die bei schlechtem Wetter oft ausfiel. Für die Einwohner von Averøy war das ein ernstes Problem: kein Arzt, keine Schule, keine Einkaufsmöglichkeiten auf der Insel. Bei Sturm saßen sie fest.
Der Bau begann 1983 und dauerte sechs Jahre. Es waren die schwierigsten Baujahre, die die norwegische Straßenverwaltung je erlebt hatte. Zwölf Hurrikane fegten während der Bauzeit über die Baustelle. Die Arbeiter mussten sich mit Seilen an den Felsen sichern, um nicht ins Meer geweht zu werden. Betonmischer wurden von den Wellen erfasst, Gerüste weggerissen, Arbeiten immer wieder unterbrochen. Ein Arbeiter beschrieb es später so: "Wir haben nicht mit der Natur gebaut, sondern gegen sie."
Am 7. Juli 1989 wurde die Atlantikstraße eröffnet. Die Kosten betrugen 122 Millionen Kronen, finanziert durch Maut. Die Maut wurde 1999 abgeschafft, nachdem die Baukosten abbezahlt waren. Seitdem ist die Straße kostenlos befahrbar.
2005 wurde die Atlantikstraße zur schönsten Autostraße Norwegens gewählt. 2009 erhielt sie den Status einer Nationalen Touristenstraße. Heute kommen über 300.000 Besucher pro Jahr, was für eine Straße in einer dünn besiedelten Region an der Westküste eine erstaunliche Zahl ist.
Die Brücken im Detail
Die acht Brücken der Atlantikstraße haben eine Gesamtlänge von 891 Metern. Sie machen die Strecke aus, und jede ist für sich ein kleines Bauwerk.
Storseisundbrücke: Die "betrunkene Brücke"
Die Storseisundbrücke ist die berühmteste der acht Brücken und das Wahrzeichen der Atlantikstraße. Sie ist 260 Meter lang, erhebt sich 23 Meter über das Meer und hat eine Steigung, die aus bestimmten Blickwinkeln so aussieht, als würde die Brücke am höchsten Punkt abbrechen und ins Nichts führen. Dieser optische Effekt hat ihr den Spitznamen "die betrunkene Brücke" eingebracht und sie zu einem der beliebtesten Fotomotive Norwegens gemacht.
Den besten Blick auf die Storseisundbrücke hat man vom Aussichtspunkt auf der Südseite. Hier gibt es einen Parkplatz und einen kurzen Weg zum Fotostandpunkt. Im Sommer kann es am Parkplatz voll werden, frühmorgens ist es ruhiger.
Die anderen sieben Brücken
Neben der Storseisundbrücke gibt es sieben weitere Brücken: Hulvågen, Eldhusøy, Geitøysund, Myrbærholm und drei kleinere. Jede hat ihren eigenen Charakter. Die Hulvågen-Brücke ist die längste nach der Storseisundbrücke und bietet einen schönen Blick auf die umliegenden Schären. Die Eldhusøy-Brücke führt über eine besonders enge Meerenge, wo bei Ebbe die Strömung so stark ist, dass man Wirbel im Wasser sehen kann.
Bei Sturm über die Straße: Ein Erlebnisbericht
Die Atlantikstraße ist das ganze Jahr über geöffnet, und gerade im Herbst und Winter kann es richtig stürmisch werden. Videos von Wellen, die über die Fahrbahn krachen, gehen regelmäßig im Internet viral. Die Frage, ob man bei Sturm fahren sollte, ist berechtigt.
Meine Sturmfahrt war nicht geplant. Ich war im November in der Region, hatte die Straße auf dem Weg nach Kristiansund eingeplant, und dann kam der Wind. Nicht ein bisschen Wind, sondern richtig. Die Wettervorhersage sprach von Sturmböen bis 25 Meter pro Sekunde. Am Beginn der Straße steht ein Schild, das bei extremem Wetter warnt, aber gesperrt wird die Straße nur selten.
Die ersten Brücken waren noch harmlos. Der Wind drückte gegen das Auto, die Gischt sprühte über die Fahrbahn, aber es war beherrschbar. Dann kam die Storseisundbrücke. Auf dem höchsten Punkt traf eine Böe das Auto so hart, dass ich unwillkürlich das Lenkrad fester packte. Links und rechts türmten sich die Wellen, und für einen Moment hatte ich das Gefühl, nicht auf einer Straße zu fahren, sondern auf einem Schiff. Das Salzwasser lief in Strömen über die Windschutzscheibe, die Scheibenwischer kamen kaum hinterher.
Es war aufregend, aber auch ein bisschen beängstigend. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich es gemacht habe. Aber: Bei wirklich extremem Sturm, wenn die Wellen höher als das Auto werden, sollte man es lassen. Die Straße wird in Ausnahmefällen gesperrt, und diese Sperrungen haben ihren Grund. Wer den Sturm erleben will, sollte auf ein Fenster mit starkem Wind, aber nicht lebensgefährlichem Wetter warten. Windstärke 7 bis 8 reicht für das volle Erlebnis.
Angeln an der Atlantikstraße
Die Atlantikstraße ist neben der Touristenattraktion auch ein sehr gutes Angelrevier. Die Gewässer rund um die Schären sind reich an Fisch. Dorsch und Seelachs gehen gut, Makrele ebenfalls. Im Sommer auch Heilbutt. Viele Angler kommen gezielt hierher, nicht wegen der Brücken, sondern wegen der Fische.
Man kann direkt von den Felsen neben der Straße aus angeln. Die Strömungen zwischen den Schären bringen nährstoffreiches Wasser, das Fische anzieht. Besonders die Meerengen unter den Brücken sind produktive Stellen. Bei Gezeitenwechsel, wenn die Strömung am stärksten ist, beißen die Fische am besten.
Für Meeresangeln in Norwegen braucht man keine spezielle Erlaubnis, solange man Handgerät benutzt und für den Eigenbedarf fischt. Die nächsten Angelgeschäfte sind in Kristiansund und Molde. In der Umgebung der Atlantikstraße gibt es mehrere Ferienhäuser und Rorbuer, die Boote zum Mieten anbieten. Vom Boot aus kann man die tieferen Stellen befischen, wo die größeren Fische stehen.
Die beste Angelzeit ist von April bis Oktober. Im Frühsommer (Mai/Juni) ist die Dorschsaison auf ihrem Höhepunkt, im Hochsommer (Juli/August) kommen die Makrelen in großen Schwärmen. Im Herbst ziehen Seelachse durch die Gewässer. Wer gezielt auf Heilbutt angeln will, braucht ein Boot und sollte die tieferen Stellen etwas abseits der Straße aufsuchen.
Anreise und Route
Die Atlantikstraße liegt zwischen Molde und Kristiansund an der Westküste Norwegens, etwa 500 Kilometer nördlich von Bergen. Von Molde aus fährt man über die Kreisstraße 64 nach Westen, durch den Atlanterhavstunnelen (5,7 Kilometer lang, kostenlos), und erreicht nach etwa 30 Minuten den Beginn der Atlantikstraße.
Von Kristiansund kommend fährt man ebenfalls über die Kreisstraße 64 nach Süden. Die Fahrt dauert etwa 20 Minuten bis zum Beginn der Straße. Es gibt einen Parkplatz am nördlichen Ende (Vevang) und einen am südlichen Ende (Kårvåg), wo man das Auto abstellen und die Straße zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden kann.
Wer die Atlantikstraße in eine größere Reiseroute einbauen will, kann sie gut mit dem Trollstigen und der Stadt Ålesund verbinden. Die Strecke Ålesund, Trollstigen, Atlantikstraße, Kristiansund ist eine der schönsten Roadtrip-Routen Norwegens und lässt sich in zwei bis drei Tagen gut fahren.
Die nächsten Flughäfen sind Kristiansund Kvernberget (30 Minuten) und Molde Årø (45 Minuten). Beide haben Verbindungen nach Oslo mit SAS und Norwegian. Von Oslo aus dauert der Flug etwa eine Stunde. Am Flughafen kann man einen Mietwagen nehmen. Mit dem Auto aus Süddeutschland dauert die Anreise über die Fähren Kiel nach Oslo oder Hirtshals nach Kristiansand und dann die E6/E39 nordwärts etwa 20 bis 24 Stunden reine Fahrzeit.
Was es in der Umgebung zu sehen gibt
Die Atlantikstraße liegt in einer Region, die noch mehr zu bieten hat als die Straße selbst. Kristiansund, die nächste größere Stadt, ist eine hübsche Hafenstadt auf drei Inseln, bekannt für ihren Klippfisch (Bacalao). Der Fischmarkt und die Altstadt lohnen einen Besuch, und die Insel Grip, eine winzige Inselgruppe vor der Küste, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der Region.
Auf Averøy, der Insel am südlichen Ende der Atlantikstraße, gibt es das Kvernes Stave Church, eine Stabkirche aus dem 14. Jahrhundert, die zu den ältesten in Norwegen gehört. Die Kirche liegt auf einem Hügel mit Blick über die Schären und ist zwischen Juni und August für Besucher geöffnet.
Molde, die "Stadt der Rosen", liegt etwa 45 Minuten südöstlich. Vom Aussichtspunkt Varden hat man bei klarem Wetter einen Blick auf 222 Berggipfel, darunter einige der markantesten Gipfel der Sunnmøre-Alpen. Molde ist auch Ausgangspunkt für die Fahrt zum Trollstigen, der etwa eine Stunde südlich liegt.
Für Wanderer ist der Hustadvika-Küstenweg empfehlenswert, ein markierter Pfad, der entlang der Küste in der Nähe der Atlantikstraße führt. Der Weg bietet Ausblicke auf das Meer und die Schären und ist auch bei Wind und Wetter begehbar. Die Rundwanderung dauert etwa drei Stunden.
Tipps für Fotografen
Die Atlantikstraße ist ein Paradies für Fotografen, aber es braucht etwas Planung, um die besten Bilder zu bekommen. Der klassische Blick auf die Storseisundbrücke funktioniert am besten vom südlichen Aussichtspunkt. Im Sommer ist das Licht abends am schönsten, wenn die Sonne tief steht und die Brücke von der Seite beleuchtet. Im Winter, wenn die Sonne kaum über den Horizont kommt, ist das Licht den ganzen Tag dramatisch.
Für Sturmfotos braucht man ein wetterfestes Gehäuse oder zumindest einen Regenschutz für die Kamera. Die Gischt ist salzig und kann Objektive beschädigen. Ein UV-Filter schützt die Frontlinse. Stativ ist bei Wind nicht praktikabel, stattdessen sollte man hohe ISO-Werte und kurze Belichtungszeiten verwenden. Sturmfotos funktionieren am besten von einem geschützten Standpunkt aus, zum Beispiel vom Auto heraus oder von einem der Felsen, die als natürlicher Windschutz dienen.
Drohnenfotos sind erlaubt, aber bei Wind schwierig. Die Böen an der Atlantikstraße können plötzlich und stark sein, und eine Drohne, die ins Meer fällt, ist verloren. Fliegt nur bei ruhigem Wetter und beachtet die norwegischen Drohnenregeln: Sichtlinie, maximale Flughöhe 120 Meter, Abstand zu Menschen und Gebäuden.
Die besten Monate für Fotografie sind September und Oktober (Herbststürme, dramatisches Licht), Mai und Juni (lange Tage, Mitternachtssonne nähert sich) und Januar bis Februar (Winterlicht, mögliche Sturmtiefs). Der Sommer (Juli/August) ist am vollsten, was Fotos ohne Menschen schwierig macht.
Häufige Fragen
Wie lang ist die Atlantikstraße?
Die Atlantikstraße ist 8,3 Kilometer lang und verbindet die Insel Averøy mit dem Festland bei Vevang. Die reine Fahrzeit beträgt nur etwa zehn Minuten, aber man sollte mindestens eine Stunde einplanen, um anzuhalten, zu fotografieren und die Landschaft zu genießen.
Kostet die Atlantikstraße Maut?
Nein. Die Maut wurde 1999 abgeschafft. Die Atlantikstraße ist kostenlos befahrbar. Es gibt kostenlose Parkplätze an beiden Enden und an mehreren Aussichtspunkten entlang der Strecke.
Wird die Straße bei Sturm gesperrt?
Nur in Ausnahmefällen, bei extremen Sturmtiefs. In den meisten Fällen bleibt die Straße auch bei starkem Wind geöffnet. Warnschilder am Beginn der Strecke informieren über die aktuellen Bedingungen. Wer unsicher ist, kann die Straßenverhältnisse auf vegvesen.no prüfen.
Wann ist die beste Zeit für einen Besuch?
Jede Jahreszeit hat ihren Reiz. Im Sommer (Juni bis August) ist das Wetter am mildesten und die Tage am längsten. Im Herbst und Winter kann man Stürme erleben, die die Straße besonders eindrucksvoll machen. Für ruhige Fotos ohne Menschenmassen empfehle ich den Frühling (April/Mai) oder den Spätherbst (Oktober/November).
Kann man auf der Atlantikstraße Fahrrad fahren?
Ja, die Straße ist für Fahrräder geöffnet. Es gibt keinen separaten Radweg, man fährt auf der Fahrbahn. Bei Wind kann das anspruchsvoll sein, weil die Böen einen seitlich treffen. Besonders die Brücken sind bei starkem Wind für Radfahrer schwierig. Bei ruhigem Wetter ist eine Radtour auf der Atlantikstraße aber ein tolles Erlebnis.
Wo kann man in der Nähe übernachten?
Direkt an der Atlantikstraße gibt es das Atlanterhavsveien Sjøstuer, ein Hotel in umgebauten Fischerhütten. In Kristiansund (30 Minuten) und Molde (45 Minuten) gibt es Hotels in allen Preisklassen. Auf Averøy gibt es mehrere Ferienhäuser und Campingplätze. Für eine besondere Erfahrung empfehle ich eine Rorbu (Fischerhütte) direkt am Wasser.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026