Norwegen im Herbst
Ich bin Mitte September zum ersten Mal durch die Rondane-Berge gewandert, und was ich gesehen habe, hat mich sprachlos gemacht. Nicht wegen eines einzelnen Aussichtspunkts oder eines dramatischen Gipfels, sondern wegen der Farben. Die Birken leuchteten in Gold und Orange, die Heidelbeersträucher waren dunkelrot, die Flechten auf den Felsen leuchteten in gelbgrünen Tönen, und darüber ein Himmel, der zwischen strahlend blau und dramatisch grau wechselte. Ich war fast allein in den Bergen. Die Sommertouristen waren weg, die Wintergäste noch nicht da. Nur ich, ein paar Rentiere und diese unglaubliche Farbexplosion.
Der Herbst in Norwegen ist eine Jahreszeit, die viele Reisende übersehen. Die meisten kommen im Sommer oder im Winter. Aber September und Oktober haben etwas, das keine andere Jahreszeit bieten kann: die Kombination aus Herbstfarben und Nordlichtern. Dazu leere Wanderwege und eine Stille, die man in der Hauptsaison nicht findet.
In diesem Artikel beschreibe ich, wo die schönsten Herbstfarben zu finden sind und wann die ersten Nordlichter auftauchen. Dazu: was man bei einer Herbstreise beachten sollte.
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Herbst in Norwegen: Die stille Jahreszeit
Der norwegische Herbst beginnt früh. In den Bergen kann die Laubfärbung schon Ende August einsetzen. Im Tiefland dauert es bis Mitte September. Und im Süden können die Blätter bis in den Oktober hinein an den Bäumen hängen. Der Herbst zieht sich also über mehrere Wochen, und je nach Region und Höhenlage erlebt man ihn ganz unterschiedlich.
Das Beste am Herbst in Norwegen ist die Ruhe. Im Juli stehen an beliebten Aussichtspunkten Schlangen, Campingplätze sind voll, und die Straßen in den Fjordregionen verstopft. Im September ist das vorbei. Die Touristen sind zurück in ihre Heimatländer geflogen, die Norweger sind wieder bei der Arbeit, und die Natur gehört denen, die noch da sind. Ich bin im Oktober auf den Preikestolen gewandert und hatte die gesamte Felskante fast für mich allein. Im Juli hätte ich stundenlang angestanden.
Der Herbst ist auch die Zeit, in der sich die Natur auf den Winter vorbereitet. Die Tiere fressen sich Reserven an, die Pflanzen ziehen ihre Säfte zurück, die Tage werden kürzer. In Nordnorwegen verliert man pro Woche fast eine Stunde Tageslicht. Anfang September geht die Sonne in Tromsø um 20 Uhr unter, Ende Oktober um 14 Uhr. Dieser rapide Lichtwechsel gibt dem Herbst eine besondere Intensität. Man spürt, dass etwas zu Ende geht und etwas Neues beginnt.
Herbstfarben: Wenn die Berge glühen
Die norwegische Herbstfärbung ist anders als die in Neuengland oder Kanada. Es gibt keine großen Laubwälder mit Ahornen und Eichen (außer im äußersten Süden). Stattdessen sind es die Birken, die den Ton angeben. Und die Zwergsträucher: Heidelbeere, Preiselbeere, Krähenbeere, die in den Bergen den Boden bedecken und sich im Herbst in ein Feuerwerk aus Rot, Orange und Violett verwandeln.
Die Bergbirken sind besonders schön. Sie wachsen bis zur Baumgrenze (in Südnorwegen bei etwa 1.000 Metern, in Nordnorwegen bei 500 Metern) und färben sich im September goldgelb. Wenn die Sonne durch die Kronen scheint, leuchtet der ganze Wald wie von innen heraus. In Kombination mit den grauen Felsen, dem blauen Wasser der Bergseen und dem weißen Schnee auf den Gipfeln ergibt sich eine Farbpalette, die kein Filter und kein Bildschirm wiedergeben kann.
Die Höhenlage bestimmt den Zeitpunkt der Färbung. Oben in den Bergen beginnt die Laubfärbung Mitte August, erreicht ihren Höhepunkt Anfang September und ist Mitte September vorbei. Im Tal dauert es zwei bis drei Wochen länger. Wer den perfekten Zeitpunkt erwischen will, sollte Mitte September nach Mittelnorwegen reisen. Dann überlappen sich die Farben in den Bergen und in den Tälern, und man erlebt das gesamte Spektrum an einem Tag.
Am intensivsten ist die Herbstfärbung in den Tälern von Rondane und Dovrefjell. Die Nationalparks haben weite Hochebenen, die mit Birkenwäldern und Zwergstrauchvegetation bedeckt sind. Im September verwandelt sich die gesamte Landschaft in ein Gemälde. Auch das Hemsedal-Tal, die Valdresflye-Hochebene und die Umgebung von Røros sind Herbst-Hotspots.
Nordlichter ab September
Der Herbst bringt die Dunkelheit zurück, und mit der Dunkelheit kommen die Nordlichter. Ab September sind die Nächte in Nordnorwegen lang genug, um die Aurora Borealis zu sehen. Tromsø, die Lofoten, die Vesterålen und die Finnmark sind die besten Regionen.
Der Herbst hat gegenüber dem Winter einen Vorteil: Die Temperaturen sind noch erträglich. Im September und Oktober liegen die Nachttemperaturen in Tromsø bei 0 bis 5 Grad, während es im Januar auf minus 10 bis minus 15 Grad fallen kann. Stundenlang draußen zu stehen und auf Nordlichter zu warten ist bei 3 Grad deutlich angenehmer als bei minus 15.
Statistisch gesehen sind September und Oktober gute Monate für Nordlichter. Die Sonnenaktivität hat im Herbst oft Spitzenwerte (die sogenannten Äquinox-Effekte), und die Wetterbedingungen erlauben noch klare Nächte, bevor die Winterstürme einsetzen. Es gibt keine Garantie, weil Nordlichter von Sonnenwind und Wolkendecke abhängen, aber die Chancen stehen gut.
Mein Tipp: Plane mindestens drei bis vier Nächte in Nordnorwegen ein, um eine realistische Chance auf Nordlichter zu haben. Eine Nacht reicht nicht, weil Wolken oder geringe Sonnenaktivität den Blick versperren können. Check die Vorhersage auf gi.alaska.edu (Aurora-Forecast) und die Wetter-App yr.no. Geh raus aus der Stadt, weg von den Straßenlaternen, an einen dunklen Ort mit freier Sicht nach Norden. Und hab Geduld. Manchmal tauchen die Lichter erst um 2 Uhr morgens auf.
Wandern im Herbst
Der Herbst ist meine Lieblingsjahreszeit zum Wandern in Norwegen. Die Wege sind leer, die Mücken sind weg. Die Luft ist klar, und die Farben sind unschlagbar. Aber man muss ein paar Dinge beachten, die im Sommer keine Rolle spielen.
Die Tage werden schnell kürzer. Anfang September hat man in Mittelnorwegen noch 14 Stunden Tageslicht. Ende Oktober sind es nur noch 8 Stunden. Das bedeutet: Früh starten und die Tour so planen, dass man vor Einbruch der Dunkelheit zurück ist. Eine Stirnlampe gehört ab September in den Rucksack.
Die DNT-Hütten (Den Norske Turistforening) sind ab Mitte September größtenteils unbewirtschaftet. Viele Hütten sind noch offen, aber es gibt kein Personal, kein frisches Essen und manchmal kein Feuerholz. Man kann mit dem DNT-Schlüssel reinkommmen und die Selbstbedienungsküche nutzen, muss aber eigene Vorräte mitbringen. Die Bezahlung erfolgt auf Vertrauensbasis: Man lässt Geld in einer Box oder bezahlt online.
In den Bergen kann es ab Ende September schneien. Der erste Schnee kommt in den Hochlagen früh, und was gestern noch ein klarer Wanderweg war, kann heute unter einer Schneeschicht verschwinden. Steigeisen und Gamaschen sind ab Oktober empfehlenswert, wenn man in den Bergen unterwegs ist. Die Flüsse führen im Herbst weniger Wasser als im Frühsommer, was das Furten einfacher macht.
Trotzdem: Im September sind die Bedingungen in den meisten Regionen Norwegens noch sehr gut zum Wandern. Die beliebten Touren wie Besseggen, Romsdalseggen und die Rondane-Durchquerung sind gut machbar. Sogar Trolltunga ist bis Anfang Oktober möglich, danach wird es zu riskant wegen Schnee und Eis auf dem Felsplateau.
Pilze und Beeren sammeln
Der Herbst ist Sammelzeit. In den norwegischen Wäldern wachsen Steinpilze und Pfifferlinge, Birkenpilze und viele andere essbare Arten. Die Saison beginnt im August und geht bis in den Oktober, je nach Region und Wetterlage. Das Allemannsrecht erlaubt das Sammeln von Pilzen und Beeren auf unbewirtschaftetem Land, also überall in der Natur.
Die besten Pilzgebiete sind die Nadelwälder in Mittelnorwegen und Ostnorwegen. Rund um Lillehammer, im Gudbrandsdal und in der Region Telemark gibt es besonders viele Steinpilze. In den Birkenwäldern wachsen Birkenpilze und Raustielröhrlinge. An der Küste sind die Böden oft zu sauer für viele Pilzarten, aber im Landesinneren explodiert die Vielfalt nach den ersten Herbstregenfällen.
Heidelbeeren und Preiselbeeren sind im September reif und hängen in den Bergen buchstäblich überall. An guten Stellen kann man in einer Stunde einen ganzen Eimer füllen. Moltebeeren (multe) sind die kostbarste Beere Norwegens: goldgelb, saftig, mit einem Geschmack, den man mit nichts anderem vergleichen kann, irgendwo zwischen süß und herb. Sie wachsen auf Mooren und Hochebenen und sind Ende August bis Anfang September reif. Die Norweger hüten ihre Moltebeerstellen wie Geheimnisse.
Wichtig beim Pilze sammeln: Nimm nur Pilze mit, die du sicher bestimmen kannst. In Norwegen gibt es mehrere giftige Arten, darunter den grünen Knollenblätterpilz, der tödlich sein kann. Wenn du unsicher bist, lass den Pilz stehen oder zeige ihn Einheimischen. In manchen Städten gibt es im Herbst kostenlose Pilzberatung bei der Apotheke.
Fjorde im Herbstlicht
Die Fjorde sehen im Herbst anders aus als im Sommer. Das Licht steht tiefer, die Schatten sind länger, und die Farben an den Hängen spiegeln sich im stillen Wasser. An ruhigen Herbsttagen, wenn kein Wind weht, sind die Fjorde so glatt wie ein Spiegel, und die Spiegelung der Berge ist perfekt. Fotografen lieben diese Bedingungen.
Die Kreuzfahrtschiffe und Touristenbusse sind ab Oktober deutlich seltener. Am Geirangerfjord, der im Juli von Hunderten von Bussen und mehreren Kreuzfahrtschiffen täglich besucht wird, ist es im Oktober ruhig. Die Fähren fahren seltener, manche werden eingestellt, aber das bedeutet auch: weniger Menschen, mehr Ruhe, mehr Authentizität.
Die Wasserfälle an den Fjorden führen im Herbst weniger Wasser als im Frühsommer, wenn das Schmelzwasser von den Bergen kommt. Aber manche Wasserfälle wirken im Herbst sogar stärker, weil die Herbstregen sie wieder auffüllen und die Laubfärbung einen zusätzlichen Rahmen bietet.
Wer die Fjorde im Herbst erleben will, sollte die Hurtigruten oder die Havila-Voyages-Schiffe in Betracht ziehen. Die Postschiffe fahren ganzjährig entlang der norwegischen Küste, und im Herbst hat man die Chance auf eine Kombination aus Herbstfarben an der Küste und Nordlichtern am Nachthimmel.
Wetter und Ausrüstung
Das Herbstwetter in Norwegen ist wechselhaft. September kann warm und sonnig sein, mit Temperaturen um 15 Grad im Süden und 10 Grad in Nordnorwegen. Oktober ist kühler, oft regnerisch, und in den Bergen fällt der erste Schnee. November ist der ungemütlichste Monat: kalt, dunkel, nass und windig.
Die Westküste (Bergen, die Fjordregion) ist im Herbst besonders nass. Bergen hat im Oktober durchschnittlich 250 mm Niederschlag, das ist mehr als in jedem anderen Monat. Die Ostseite der Berge (Oslo, Lillehammer, Trondheim) ist trockener. Wer trockenes Herbstwetter sucht, sollte die Binnenregionen bevorzugen.
Die richtige Ausrüstung für einen Herbstbesuch: Eine wasserdichte Jacke und Hose sind Pflicht, egal wohin du gehst. Warme Schichten (Fleece, Daunen) für die Berge und die Abende. Feste, wasserdichte Wanderschuhe mit guter Sohle, weil nasse Felsen und Wurzeln rutschig werden. Handschuhe und Mütze ab Oktober. Eine gute Stirnlampe gehört ab September dazu, weil es früh dunkel wird.
Die besten Regionen im Herbst
Rondane und Dovrefjell: Die beiden Nationalparks in Mittelnorwegen sind die Top-Destinationen für Herbstfarben. Rondane hat weite Hochebenen mit Birkenwäldern und Zwergstrauchvegetation. Dovrefjell bietet zusätzlich die Chance, Moschusochsen zu sehen, die hier in einer kleinen Population leben.
Lofoten und Vesterålen: Die Inseln sind im Herbst ruhiger als im Sommer und bieten die Kombination aus Herbstlicht, dramatischen Bergen und Nordlichtern. Die Herbstfärbung ist subtiler als im Binnenland, aber die Kontraste zwischen roten Fischerhäusern und grünem Moos, grauem Fels und türkisfarbenem Meer sprechen für sich.
Tromsø und die Finnmark: Wer primär wegen der Nordlichter kommt, ist hier richtig. Ab September stehen die Chancen gut, und die Umgebung von Tromsø bietet viele dunkle Plätze abseits der Stadtbeleuchtung. Die Finnmark-Hochebene ist im Herbst eine karge, weite Landschaft mit dramatischem Licht.
Røros und das Østerdalen: Die alte Bergbaustadt Røros ist im Herbst besonders stimmungsvoll. Die Holzhäuser in der Innenstadt (UNESCO-Welterbe) sehen im warmen Herbstlicht noch besser aus als sonst. Die Wälder rundherum sind voller Pilze und Beeren, und die Hochebenen bieten weite Ausblicke über die gefärbte Landschaft.
Praktische Tipps für den Herbst in Norwegen
Unterkünfte sind günstiger. Ab September sinken die Preise für Hotels und Ferienhäuser deutlich. Die Nachfrage ist geringer, und viele Anbieter reduzieren ihre Tarife um 30 bis 50 Prozent gegenüber der Hochsaison. Campingplätze schließen ab Ende September oder Anfang Oktober.
Öffnungszeiten beachten. Viele touristische Einrichtungen (Besucherzentren, Museen, Restaurants in ländlichen Gebieten) schließen nach der Sommersaison oder haben eingeschränkte Öffnungszeiten. Die Trollstigen-Passstraße ist ab November geschlossen, andere Bergpässe können schon im Oktober gesperrt werden.
Mietwagen früh buchen. Im Herbst gibt es weniger Mietwagen im Umlauf als im Sommer, und die Verfügbarkeit kann eingeschränkt sein, besonders in Nordnorwegen. Ein Auto mit Winterreifen ist ab Oktober empfehlenswert, manchmal schon ab September in den Bergen.
Elchbrunft beachten. Im September und Oktober ist Brunftzeit bei den Elchen. Die Bullen sind in dieser Zeit territorialer und weniger scheu als sonst. Die Chancen, einen Elch zu sehen, sind im Herbst höher als zu jeder anderen Jahreszeit. Aber halte Abstand, besonders zu Bullen, die aggressiv werden können.
Fotografieren lohnt sich besonders. Das Herbstlicht in Norwegen ist ein Traum für Fotografen. Die Sonne steht tief, die Farben sind warm, und das wechselhafte Wetter sorgt für dramatische Wolkenformationen. Golden Hour dauert im Herbst viel länger als im Sommer, weil die Sonne langsamer auf- und untergeht. Bring genug Speicherkarten mit.
Häufige Fragen zu Norwegen im Herbst
Wann ist die beste Zeit für Herbstfarben in Norwegen?
In den Bergen beginnt die Laubfärbung Ende August und erreicht ihren Höhepunkt Anfang September. In den Tälern und an der Küste ist der Höhepunkt Mitte bis Ende September. Im Süden können die Farben bis Anfang Oktober halten. Am besten Mitte September nach Mittelnorwegen reisen.
Kann man im Herbst in Norwegen Nordlichter sehen?
Ja, ab September sind die Nächte in Nordnorwegen lang genug. Die Nordlicht-Saison läuft von September bis März. Der Herbst bietet mildere Temperaturen als der Winter, was das Warten draußen angenehmer macht. Tromsø, Lofoten und die Finnmark sind die besten Regionen.
Ist es im Herbst schon kalt in Norwegen?
Im September sind die Temperaturen noch angenehm: 10 bis 15 Grad im Süden, 5 bis 10 Grad in Nordnorwegen. Im Oktober wird es kühler (5 bis 10 Grad / 0 bis 5 Grad). In den Bergen kann es ab September nachts frieren, und ab Oktober fällt der erste Schnee in den Hochlagen.
Sind Wanderwege im Herbst noch begehbar?
Die meisten Wanderwege sind bis Ende September gut begehbar. Ab Oktober kann Schnee in den Bergen liegen, und manche Routen werden schwieriger. Die DNT-Hütten sind ab Mitte September unbewirtschaftet, aber viele bleiben mit dem Schlüssel zugänglich. Tagestouren im Tiefland sind bis in den November möglich.
Lohnt sich eine Herbstreise nach Norwegen?
Auf jeden Fall. Der Herbst bietet weniger Touristen, günstigere Preise, leuchtende Farben und die Chance auf Nordlichter. Das Wetter ist wechselhafter als im Sommer, aber mit guter Ausrüstung und Flexibilität ist der Herbst eine der besten Reisezeiten für Norwegen.
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Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026