Aurlandsfjord
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Der Aurlandsfjord ist ein 29 Kilometer langer Seitenarm des Sognefjords, des längsten Fjords Norwegens. Er mündet bei Undredal in den Nærøyfjord, der zum UNESCO-Welterbe gehört. An seinem Ende liegt Flåm, Endstation der berühmtesten Eisenbahnstrecke des Landes. 650 Meter über dem Wasser ragt die Stegastein-Aussichtsplattform ins Nichts. Und dazwischen, eingequetscht zwischen steile Felswände und dunkles Wasser, liegen Dörfer, die so klein sind, dass man sie von oben kaum sieht.
Als ich zum ersten Mal am Stegastein stand, war es Anfang Oktober. Nebel hing in Fetzen zwischen den Bergen, und der Fjord war nur als dunkle Fläche zu erahnen, weit unten. Dann riss der Nebel auf. Für vielleicht zehn Minuten lag der gesamte Aurlandsfjord offen da, von Aurland bis zur Mündung in den Sognefjord. Die Berge fielen fast senkrecht ins Wasser, die Sonne kam von der Seite und warf lange Schatten über das Tal. Dann schloss sich der Nebel wieder. Zehn Minuten. Aber diese zehn Minuten reichten.
Der Fjord, den alle fotografieren
Der Aurlandsfjord hat es geschafft, gleichzeitig einer der meistbesuchten und einer der ruhigsten Fjorde Norwegens zu sein. Die Erklärung ist einfach. Die Touristen kommen mit der Flåmsbahn, steigen in Flåm aus, machen ein paar Fotos, fahren vielleicht noch zum Stegastein und verschwinden wieder. Das ganze Programm dauert einen halben Tag. Die Seitenfjorde, die Wanderwege, die kleinen Dörfer: Das alles bleibt unberührt.
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Geologisch ist der Aurlandsfjord typisch für die inneren Arme des Sognefjords. Steile Felswände, die 1.000 Meter und mehr vom Wasser bis zum Gipfel aufragen. Eine Wassertiefe von bis zu 400 Metern. Kaum Uferzone. Die Berge steigen direkt aus dem Fjord auf. An wenigen Stellen, wo Flüsse Schwemmland abgelagert haben, kleben Siedlungen am Ufer: Aurland, Flåm, Undredal.
Der Fjord ist schmal. An der engsten Stelle zwischen Undredal und Flåm sind es nur 500 Meter von Ufer zu Ufer. Das verstärkt den Eindruck der Enge, der Tiefe, der Vertikalität. Wer hier im Kajak paddelt, hat auf beiden Seiten Felswände, die so hoch aufragen, dass die Sonne im Herbst und Winter nur für wenige Stunden am Tag den Fjordboden erreicht.
Stegastein: 650 Meter über dem Fjord
Die Stegastein-Aussichtsplattform wurde 2006 eröffnet und ist seitdem eines der meistfotografierten Bauwerke Norwegens. Sie ragt 30 Meter über die Felskante hinaus, am Ende mit einer Glasscheibe abgeschlossen, die den Blick freigibt. 650 Meter tiefer liegt der Fjord. Der Architekt Todd Saunders, ein Kanadier mit Büro in Bergen, hat die Plattform als Teil des Projekts "Nasjonale Turistveger" (Nationale Touristenstraßen) entworfen.
Die Anfahrt erfolgt über die Aurlandsfjellet, eine Bergstraße, die Aurland mit Lærdal verbindet. Die Straße steigt in Haarnadelkurven von 0 auf 1.300 Meter. Die Stegastein-Plattform liegt etwa auf halber Höhe. Parkplatz vorhanden, kein Eintritt. Im Sommer kann der Parkplatz voll sein, vor allem zwischen 11 und 15 Uhr, wenn die Kreuzfahrtbusse kommen. Mein Tipp: frühmorgens oder am späten Nachmittag fahren.
Die Aurlandsfjellet selbst ist eine der schönsten Bergstraßen Norwegens, wenn man sich die Zeit nimmt, sie ganz zu fahren. Ab 800 Metern wird die Landschaft karg, ab 1.000 Metern baumlos. Oben auf dem Pass liegt manchmal noch im Juli Schnee. Die Straße ist von Juni bis Oktober geöffnet, je nach Schneelage. Im Winter ist sie gesperrt; dann benutzt man den 24,5 Kilometer langen Lærdalstunnel, den längsten Straßentunnel der Welt.
Flåm und die Flåmsbahn
Flåm liegt am innersten Ende des Aurlandsfjords. 350 Einwohner, ein Hafen, ein Hotel, ein paar Souvenirläden. Im Sommer kommen bis zu 800.000 Touristen im Jahr, die meisten mit Kreuzfahrtschiffen oder der Flåmsbahn. An Spitzentagen liegen drei oder vier Schiffe im Fjord, und der kleine Ort quillt über. Außerhalb der Saison ist Flåm still und fast verlassen.
Die Flåmsbahn (Flåmsbana) ist eine der steilsten normalspurigen Eisenbahnstrecken der Welt. 20 Kilometer, 866 Höhenmeter, 20 Tunnel, Steigungen bis zu 5,5 Prozent. Die Strecke wurde zwischen 1924 und 1940 gebaut, ein enormes Ingenieurswerk in schwierigem Gelände. Von Flåm auf Meereshöhe geht es hinauf nach Myrdal auf 867 Meter, wo man Anschluss an die Bergensbahn hat.
Die Fahrt dauert 57 Minuten bergauf und 53 Minuten bergab. Ein Hin- und Rückfahrt-Ticket kostet 640 NOK für Erwachsene, 320 NOK für Kinder. Im Sommer fahren bis zu 10 Züge pro Tag, im Winter nur 4. Am Kjosfossen, einem 93 Meter hohen Wasserfall, hält der Zug für einen Fotostopp. Im Sommer tanzt eine als Huldra verkleidete Frau am Wasserfall, was kitschig klingt, aber den Kindern gefällt.
Neben der Bahn lohnt das Flåm Railway Museum einen Besuch. Es dokumentiert die Baugeschichte der Strecke mit Fotos, Werkzeugen und einem alten Lokomotiv-Modell. Eintritt: kostenlos. Die Flåm Bakery nebenan serviert vermutlich die besten Zimtschnecken des Aurlandsfjords. 55 NOK für ein Stück, das so groß ist wie eine Untertasse.
Undredal: 80 Einwohner und 400 Ziegen
Undredal ist das Dorf, das bei jedem Fjordbesuch zur Pflichtlektüre gehört, auch wenn man es nicht besucht. 80 Einwohner, 400 Ziegen. Die Ziegen überwiegen fünf zu eins. Das hat Tradition. Undredal produziert Ziegenkäse (Geitost), der in ganz Norwegen verkauft wird. Der braune, süßliche Käse wird in der kleinen Käserei am Hafen hergestellt. Man kann ihn dort direkt kaufen: 89 NOK für ein halbes Kilo.
Die Undredal Stavkirke ist eine der kleinsten Stabkirchen Norwegens. 12 mal 4 Meter, Platz für 40 Personen. Sie stammt wahrscheinlich aus dem 12. Jahrhundert und wurde im 17. Jahrhundert bemalt. Die bunten Wandmalereien im Inneren zeigen biblische Szenen in einem naiven Stil, der an Bauernmalerei erinnert. Eintritt: 50 NOK.
Undredal war bis 1988 nur per Boot oder zu Fuß erreichbar. Dann wurde ein einspuriger Tunnel durch den Berg gebrochen, 1,4 Kilometer lang, gerade breit genug für ein Auto. Wenn Gegenverkehr kommt, muss einer in eine Ausweichbucht zurücksetzen. Das allein ist schon ein Erlebnis. Im Dorf selbst gibt es ein Cafe, die Käserei und die Kirche. Man braucht eine halbe Stunde, um alles zu sehen. Aber es lohnt sich, länger zu bleiben, am Fjord zu sitzen und den Ziegen beim Grasen zuzuschauen.
Kajak auf dem Aurlandsfjord
Den Aurlandsfjord vom Wasser aus zu erleben ist etwas grundlegend anderes als von oben. Von der Stegastein-Plattform sieht man die Weite, die Dimension, das große Bild. Vom Kajak aus spürt man die Enge. Die Felswände steigen direkt neben dem Boot auf, hunderte Meter hoch. Das Wasser ist dunkel, kalt, tief. Wasserfälle stürzen von den Hängen. Der Schall hallt zwischen den Bergen hin und her. Es ist intensiv.
Njord, ein Anbieter in Flåm, organisiert geführte Kajaktouren auf dem Aurlandsfjord. Die halbtägige Tour (4 Stunden) kostet 990 NOK und führt von Flåm nach Undredal. Man paddelt 8 Kilometer, mit Pause in Undredal für Käseverkostung und Kirchenbesuch. Die ganztägige Tour (8 Stunden, 1.590 NOK) geht weiter bis zur Mündung in den Nærøyfjord. Alle Ausrüstung wird gestellt. Vorkenntnisse sind nicht nötig, aber eine gewisse Grundfitness hilft.
Wer sein eigenes Kajak mitbringt oder eins mieten möchte (ab 500 NOK pro Tag bei Njord), kann frei paddeln. Das Fjordwasser ist in der Regel ruhig, außer bei starkem Wind aus dem Sognefjord. An windstillen Tagen ist der Fjord spiegelglatt, und die Berge reflektieren sich im Wasser. Die Wassertemperatur liegt im Sommer bei 12 bis 16 Grad. Trockenanzug oder dicker Neoprenanzug empfohlen.
Aurland: Der Ort am Fjord
Aurland ist der Hauptort der gleichnamigen Gemeinde und liegt 10 Kilometer südlich von Flåm am Aurlandsfjord. Mit 850 Einwohnern ist er deutlich größer als Flåm, aber weniger touristisch. Hier gibt es einen Supermarkt (Coop Marked), eine Schule, eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert und ein paar Restaurants.
Die Aurland Kirche (Aurlandskyrkja) ist eine mittelalterliche Steinkirche, die um 1202 erbaut wurde. Sie steht auf einer Anhöhe über dem Dorf und bietet einen schönen Blick auf den Fjord. Im Inneren sind Reste mittelalterlicher Wandmalereien erhalten. Der Eintritt ist frei; die Kirche ist im Sommer täglich geöffnet.
Von Aurland startet die Straße zum Stegastein und weiter über die Aurlandsfjellet nach Lærdal. Wer in Aurland übernachtet, hat den Vorteil, morgens früh am Stegastein zu sein, bevor die Tagesausflügler kommen. Das Aurland Fjordhotell bietet Doppelzimmer ab 1.400 NOK mit Frühstück und Fjordblick. Einfacher und günstiger: die Aurland Camping, direkt am Fjord, Stellplätze ab 290 NOK, Hütten ab 650 NOK.
Aurland ist auch bekannt für den Aurlandssko, einen traditionellen norwegischen Schuh aus Leder, der an einen Mokassin erinnert. Die Schuhmacherei Aurland Shoe Factory stellt ihn noch von Hand her. Die Wartezeit beträgt mehrere Monate, der Preis liegt bei 3.500 NOK pro Paar. Es gibt auch fertige Modelle im Laden, ab 2.800 NOK.
Wanderungen am Aurlandsfjord
Die Berge rund um den Aurlandsfjord bieten sehr gute Wandermöglichkeiten. Die bekannteste Tour führt von Aurland zur Ostaneset-Alm und weiter zum Prest, einem 1.400 Meter hohen Aussichtsberg mit Rundblick über den gesamten Fjord. Die Wanderung dauert 5 bis 6 Stunden hin und zurück und erfordert gute Kondition. Der Aufstieg ist steil, aber der Weg gut markiert.
Eine leichtere Alternative ist der Weg von Flåm zum Brekkefossen, einem 45 Meter hohen Wasserfall oberhalb des Ortes. Die Wanderung dauert eine Stunde hin und zurück und ist auch für Familien geeignet. Noch kürzer: Der Rallarvegen, der alte Navvy-Weg, der parallel zur Flåmsbahn verläuft. Man kann Teilstücke wandern oder mit dem Fahrrad fahren (Verleih in Flåm ab 350 NOK pro Tag).
Für mehrtägige Touren bietet sich die Hüttenwanderung von Aurland über die Berge nach Stølsheimen an. Drei bis vier Tage durch baumlose Hochebenen, vorbei an Gletscherseen und alten Seter-Almen. Die DNT-Hütten unterwegs sind einfach ausgestattet (Kocher, Matratzen, kein fließendes Wasser). Übernachtung für DNT-Mitglieder: 250 NOK, Nichtmitglieder: 450 NOK.
Anreise und praktische Tipps
Von Bergen nach Aurland sind es 170 Kilometer über die E16 (durch den Lærdalstunnel). Die Fahrt dauert zweieinhalb Stunden. Von Oslo sind es 350 Kilometer, Fahrzeit fünf Stunden. Mit dem Zug fährt man auf der Bergensbahn bis Myrdal und steigt dort in die Flåmsbahn um. Die Kombination Oslo-Myrdal-Flåm dauert etwa 6 Stunden und kostet ab 649 NOK.
Zwischen Flåm und Gudvangen (am Nærøyfjord) verkehren Elektrofähren. Die Fahrt durch den Nærøyfjord, den schmalsten schiffbaren Fjord Europas, ist ein Erlebnis für sich. Die Fähre braucht 2 Stunden und kostet 600 NOK pro Person. Im Sommer fahren mehrere Abfahrten täglich.
Die beste Reisezeit ist Mai bis September. Im Mai blühen die Obstbäume (die Gegend um Aurland und Flåm ist ein Obstbaugebiet), im Sommer ist das Wetter meist stabil und warm, im September kommt die Herbstfärbung. Im Winter (November bis März) sind die Touristenstraßen gesperrt, die Flåmsbahn fährt aber ganzjährig mit reduziertem Fahrplan. Der Winter am Aurlandsfjord hat einen ganz eigenen Reiz: Stille, Schnee auf den Gipfeln, gelegentlich Nordlichter.
Häufige Fragen zum Aurlandsfjord
Wie unterscheidet sich der Aurlandsfjord vom Nærøyfjord?
Der Aurlandsfjord ist breiter und tiefer, der Nærøyfjord schmaler (250 Meter an der engsten Stelle) und gehört zum UNESCO-Welterbe. Beide sind Seitenarme des Sognefjords. Der Nærøyfjord zweigt bei Undredal vom Aurlandsfjord ab. Die meisten Touristen besuchen beide auf einer Rundtour: Flåmsbahn hoch, Fähre durch den Nærøyfjord, Bus zurück.
Muss man die Flåmsbahn im Voraus buchen?
Im Hochsommer (Juli/August) ist eine Vorabreservierung dringend empfohlen, da die Züge oft ausverkauft sind. Tickets gibt es unter flamsbana.no. Außerhalb der Hochsaison kann man oft noch am gleichen Tag Tickets kaufen. Im Winter gibt es selten Kapazitätsprobleme.
Kann man den Stegastein auch im Winter besuchen?
Das hängt von der Schneelage ab. Die Straße zum Stegastein wird im Winter manchmal geräumt, manchmal nicht. Es gibt keine Garantie. Am besten vorher bei der Touristeninformation in Aurland nachfragen. Wenn die Straße offen ist, lohnt der Winterbesuch: weniger Menschen, Schnee auf den Bergen, kristallklare Luft.
Ist Undredal mit dem Auto erreichbar?
Ja, seit 1988 gibt es einen einspurigen Tunnel von der E16. Der Tunnel ist 1,4 Kilometer lang und sehr eng. Große Wohnmobile (über 2 Meter Breite) sollten lieber das Boot nehmen. Im Sommer verkehrt auch eine Fähre von Flåm nach Undredal.
Wo übernachtet man am besten am Aurlandsfjord?
In Aurland ist es ruhiger und günstiger als in Flåm. Das Aurland Fjordhotell bietet gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. In Flåm gibt es das Fretheim Hotel (ab 1.800 NOK), das direkt am Fjord liegt. Wer campen möchte: Flåm Camping und Aurland Camping haben beide Fjordlage und kosten ab 250 NOK für Stellplätze.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026