Trøndelag
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Trøndelag ist die Region, die Norwegen-Touristen meistens überspringen. Man fliegt nach Oslo, fährt zu den Fjorden im Westen oder direkt hoch zu den Lofoten. Trøndelag bleibt liegen, irgendwo in der Mitte, zwischen Südnorwegen und dem Norden. Ein Fehler. Denn diese Region hat etwas, das dem Rest des Landes oft fehlt: Wärme. Nicht nur klimatisch, sondern im Umgang der Menschen, in der Landschaft, in der Art, wie hier Essen auf den Tisch kommt.
Die Region erstreckt sich vom Dovrefjell im Süden bis zum Namdal im Norden, vom schwedischen Grenzgebirge im Osten bis zur Atlantikküste im Westen. Etwa 470.000 Menschen leben hier. Trondheim, die drittgrößte Stadt des Landes, ist das Zentrum. Drumherum: Bauernland, weite Flussebenen, sanfte Hügel, Fjorde und eine Küste, die rauer wird, je weiter man nach Norden kommt.
Trøndelag war das politische Zentrum der Wikingerzeit. In Trondheim (damals Nidaros) saßen die Könige. Hier wurde Olav der Heilige begraben, und sein Grab machte die Stadt zum wichtigsten Pilgerort Nordeuropas. Der Nidarosdom, gebaut über seinem Grab, ist bis heute die nördlichste gotische Kathedrale der Welt. Geschichte steckt hier in jedem Stein.
Trøndelag: Norwegens vergessene Mitte
Was Trøndelag von anderen norwegischen Regionen unterscheidet, ist die Landwirtschaft. In einem Land, das zu 95 Prozent aus Bergen, Fjorden und Wildnis besteht, gibt es hier tatsächlich fruchtbares Ackerland. Der Trondheimfjord und die umliegenden Ebenen bilden das größte zusammenhängende Agrargebiet Norwegens. Weizen, Gerste, Kartoffeln, Erdbeeren. Rinder, Schafe, Ziegen. Das klingt nicht aufregend, ist aber in Norwegen die Ausnahme.
Die Trønder, wie sich die Einheimischen nennen, sind als Norwegens freundlichste Menschen bekannt. Das ist kein Klischee. In Umfragen schneidet die Region regelmäßig als die gastfreundlichste des Landes ab. Die Leute reden mit Fremden. Sie laden einen zum Kaffee ein. Sie erzählen Geschichten. Wer aus dem Süden kommt, wo die Norweger reservierter sind, merkt den Unterschied sofort.
Das Klima ist mild für den 63. bis 65. Breitengrad. Im Sommer erreichen die Temperaturen 20 bis 25 Grad. Die Winter sind kalt, aber nicht arktisch. Trondheim hat Durchschnittstemperaturen von minus 3 Grad im Januar. An der Küste ist es milder, im Inland kälter. Die Tage sind im Juni 20 Stunden lang, im Dezember nur sechs.
Trondheim und der Nidarosdom
Trondheim hat 210.000 Einwohner und fühlt sich trotzdem wie eine Kleinstadt an. Alles ist zu Fuß erreichbar. Die Altstadt, Bakklandet, besteht aus Holzhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die sich an einen Hang schmiegen. Kopfsteinpflaster, kleine Cafés, Vintage-Läden. Am Nidelva-Fluss stehen die bunten Lagerhäuser auf Stelzen, die auf jeder Postkarte aus Trondheim zu sehen sind. Und ja, sie sehen in echt genauso gut aus.
Der Nidarosdom ist das Herz der Stadt. Man kann über gotische Architektur Bücher schreiben, aber das Gebäude muss man sehen, um es zu begreifen. Die Westfassade mit ihren steinernen Figuren erinnert an Notre-Dame oder Canterbury. Im Inneren ist es dunkel, kühl und still. Buntglasfenster werfen farbiges Licht auf den Steinboden. Der Schrein des Heiligen Olav steht hinter dem Altar. Hier werden bis heute die norwegischen Könige gesegnet.
Der Eintritt in den Dom kostet 120 NOK für Erwachsene. Es lohnt sich, die Kombikarte mit dem Erzbischöflichen Palast zu nehmen (200 NOK). Im Palast, einem der ältesten weltlichen Gebäude Skandinaviens, sind die norwegischen Kronjuwelen ausgestellt. Nicht so opulent wie die britischen, aber mit einer eigenen, schlichten Schönheit.
Trondheims Gastronomieszene ist für eine Stadt dieser Größe bemerkenswert gut. Das Credo in Trondheim ist regionaler Genuss, nicht internationale Küche. Restaurants wie Fagn (ein Michelin-Stern) und To Rom og Kjøkken setzen auf Zutaten aus der Umgebung: Trøndersk Lamm, Fjordforelle, Wildkräuter. Ein Abendessen in einem guten Restaurant kostet 600 bis 1.200 NOK pro Person. Günstiger isst man in den Kneipen an der Nordre gate, Trondheims Ausgehmeile.
Der Olavsweg: Pilgern in Norwegen
Der Olavsweg (Olavsvegen oder St. Olavsleden) ist Norwegens Jakobsweg. Er führt von Oslo nach Trondheim, zum Grab des Heiligen Olav. 643 Kilometer durch Ostnorwegen und das Gudbrandsdal, über das Dovrefjell und hinunter ins Trøndelag. Etwa 30 bis 35 Tagesetappen, wenn man 20 Kilometer pro Tag schafft.
Der Weg gewann in den letzten Jahren an Popularität. 2019 gingen etwa 2.500 Pilger den ganzen Weg. Zum Vergleich: Auf dem Jakobsweg in Spanien waren es 350.000. Wer Einsamkeit sucht, ist auf dem Olavsweg richtig. Tagelang trifft man niemanden. Die Herbergen (Pilegrimsherberger) sind einfach, saüber und kosten 300 bis 600 NOK pro Nacht. An manchen Stationen ist man der einzige Gast.
Der Trøndelag-Abschnitt beginnt hinter dem Dovrefjell und führt durch das Gauldal und über die Hügel nördlich von Støren. Die letzten 80 Kilometer vor Trondheim sind die schönsten. Sanfte Agrarlandschaft, kleine Holzkirchen, Blick auf den Trondheimfjord. Der Moment, wenn man nach Wochen des Gehens den Nidarosdom am Horizont sieht, ist einer von diesen Momenten, die man nicht vergisst.
Wer nicht den ganzen Weg gehen will, kann Teilstrecken wandern. Die Etappen in Trøndelag sind auch als Tageswanderungen machbar. Von Oppdal nach Rennebu (25 Kilometer), durch das Gauldal nach Melhus (20 Kilometer) oder die letzte Etappe von Ranheim in den Nidarosdom (15 Kilometer). Man bekommt trotzdem den Pilgerstempel im Heft.
Inderøya: die goldene Route
Inderøya ist eine Halbinsel am Trondheimfjord, etwa eine Stunde nördlich von Trondheim. Hier gibt es die "Goldene Route" (Den Gylne Omvei), eine 32 Kilometer lange Rundfahrt durch Bauernland, an Hofläden, Galerien und Gasthöfen vorbei. Das klingt wie ein Touristenkonzept, funktioniert aber tatsächlich.
Die Route verbindet etwa 20 Betriebe. Gangstad Gårdsysteri macht Käse, der mit norwegischen Spezialitäten auf vielen Osloer Speisekarten steht. Gulburet verkauft Apfelsaft aus eigenem Anbau. Nils Aas Kunstverksted zeigt Skulpturen des bekanntesten norwegischen Bildhauers des 20. Jahrhunderts. Und beim Hof Tingvold kann man direkt beim Bauern einkaufen: Lammfleisch, Gemüse, Honig.
Ich empfehle, sich einen ganzen Tag Zeit zu nehmen. Man fährt die Route mit dem Auto oder dem Fahrrad (Fahrräder kann man in Straumen leihen) und hält an, wo es einem gefällt. Ein Mittagessen bei Gangstad mit Blick auf den Fjord, danach Käse und Brot vom Hofladen. Am Nachmittag Kunst, am Abend ein Glas lokalen Apfelwein. Klingt simpel. Ist es auch. Genau das ist das Gute daran.
Bauernland und Lebensmittelkultur
Trøndelag wurde 2022 zur "European Region of Gastronomy" gewählt. Was wie ein PR-Titel klingt, hat einen realen Hintergrund. Die Region hat mehr Hofläden, Käsereien und Kleinbrauereien pro Kopf als jede andere Region Norwegens. Die Lebensmittelproduktion ist hier nicht industriell, sondern kleinteilig, handwerklich und mit Stolz verbunden.
Rakfisk aus dem Namdal, geräucherter Lachs aus dem Namsenfjord, Ziegenkäse von der Fosen-Halbinsel, Erdbeeren aus Frosta (die besten in ganz Norwegen, da sind sich alle Trønder einig), Bier aus den Craft-Brauereien in Trondheim und Stjørdal. Die Region hat eine Lebensmittelkultur, die in Norwegen ihresgleichen sucht. In einem Land, das historisch für seine eher schlichte Küche bekannt ist, sticht Trøndelag heraus.
Der Trøndersk-Matfestival in Trondheim findet jedes Jahr Anfang August statt. Drei Tage lang stellen lokale Produzenten ihre Waren aus. Man probiert sich durch: Lamm vom Grill, frische Austern, Brot aus Steinöfen, Eis aus Bauernhofmilch. Der Eintritt ist frei. Die Kosten entstehen beim Probieren, und man probiert viel.
Wer die Trøndelag-Küche selbst kochen will, fährt auf einen der Wochenmärkte. In Trondheim findet er mittwochs und samstags auf dem Ravnkloa-Fischmarkt am Hafen statt. Frischer Fisch direkt vom Boot, Krabben, Muscheln. Im Herbst gibt es Pilze und Wild. Die Preise sind norwegisch (also hoch), aber die Qualität rechtfertigt sie.
Die Küste: Fosen und Namdalskysten
Die Küste von Trøndelag ist rauer als die Fjordlandschaft im Landesinneren. Auf der Fosen-Halbinsel westlich von Trondheim prallen Atlantikwellen auf blanken Fels. Kleine Fischerdörfer klammern sich an die Küste. Halten, Bessaker, Sula. Orte, die kein Tourist kennt und die genau deshalb so reizvoll sind.
Die Insel Frøya ganz im Westen ist ein Zentrum der Lachszucht und der Fischerei. Von hier aus fahren die Hurtigruten-Schiffe nicht, aber man kann Bootstouren zu den Vogelinseln buchen. Papageientaucher, Trottellummen, Basstölpel. Die Vogelkolonien auf den Schären vor Frøya sind nicht so groß wie auf der Helgelandsküste, aber man hat sie fast für sich allein.
Weiter nördlich liegt die Namdalskysten, die Küste der Namdal-Region. Hier wird es einsamer. Rørvik ist der größte Ort, ein Hurtigruten-Hafen mit 3.500 Einwohnern. Das Norwegische Küstenmuseum (Norveg) erzählt die Geschichte der norwegischen Küstenfischerei. Das Gebäude selbst ist sehenswert: ein moderner Bau, der wie ein gestrandetes Schiff am Hafen liegt.
Angeln an der Küste ist in Trøndelag sehr gut. Heilbutt, Dorsch, Köhler, Makrele. Die besten Reviere liegen vor Frøya und Hitra. Mehrere Fischercamps vermieten Boote und Ausrüstung. Eine Woche im Fischercamp mit Boot kostet ab 4.000 NOK pro Person. Für begeisterte Angler ist das ein lächerlich gutes Angebot, wenn man bedenkt, was man aus dem Wasser zieht.
Natur und Outdoor
Trøndelag ist kein Wanderland im klassischen Sinn. Keine hohen Berge, keine Gletschertouren, keine alpinen Steige. Aber die Region bietet sanfte Outdoor-Erlebnisse, die weniger anstrengend und dafür zugänglicher sind. Das Blåfjella-Skjækerfjella-Nationalpark an der schwedischen Grenze hat Wanderwege durch Urwald und Moore. Die Sylene-Berge im Osten bieten Mehrtageswanderungen mit DNT-Hütten.
Der Trondheimfjord ist der drittlängste Fjord Norwegens (130 Kilometer) und einer der wenigsten, die warm genug zum Schwimmen sind. Im Juli erreicht das Wasser an geschützten Stellen 18 bis 20 Grad. Die Strände auf der Fosen-Halbinsel und bei Frosta sind klein, aber ausreichend für ein Bad. Mutige gehen auch im Winter rein. In Trondheim gibt es eine aktive "Isbadings"-Szene, die sich das ganze Jahr über in der Nidelva trifft.
Radfahren wird in Trøndelag immer beliebter. Die Landschaft ist hügelig, aber nicht bergig. Die Straßen sind ruhig, der Verkehr dünn. Eine gute Radroute führt von Trondheim nach Steinkjer entlang des Fjords (etwa 120 Kilometer). Man fährt durch Bauernland, an Hofläden vorbei, mit ständigem Fjordblick. In drei bis vier Tagen gemütlich machbar, mit Übernachtungen in Pensionen oder Campingplätzen.
Im Winter ist Langlauf der Standardsport. Das Meråker-Gebiet an der schwedischen Grenze hat 200 Kilometer gespurte Loipen und ist regelmäßig Austragungsort von Weltcup-Rennen. Trondheims Hausberg Bymarka bietet weitere 80 Kilometer Loipen, direkt ab der Stadtgrenze. Alpin-Skifahren geht in Oppdal (120 Kilometer südlich) mit 34 Pisten und moderaten Preisen.
Anreise und praktische Tipps
Trondheim Værnes (TRD) ist der Flughafen der Region. SAS, Norwegian und Widerøe fliegen mehrmals täglich von Oslo. Die Flugzeit beträgt eine Stunde. Direktflüge gibt es auch aus Bergen, Stavanger und einigen europäischen Städten. Vom Flughafen ins Zentrum fährt der Flybussen in 30 Minuten (190 NOK) oder der Zug in 35 Minuten (120 NOK).
Die Anreise mit dem Zug von Oslo dauert sieben Stunden auf der Dovrebahn. Die Strecke ist eine der schönsten Bahnfahrten Norwegens: durch das Gudbrandsdal, über das Dovrefjell und hinunter ins Trøndelag. Wer das Geld für einen Flug sparen will und Zeit hat, nimmt den Zug. Es lohnt sich.
Für die Erkundung der Region braucht man ein Auto. Trondheim selbst ist fußläufig und hat ein gutes Bussystem, aber die Goldene Route auf Inderøya, die Küste und die Nationalparks erreicht man nur mit dem Wagen. Mietwagen ab Trondheim kosten um die 600 NOK pro Tag. Die Straßen sind gut ausgebaut, selbst auf dem Land.
Die beste Reisezeit ist Juni bis September für Outdoor und Genuss. Die Erdbeersaison auf Frosta ist im Juli. Der Matfestival in Trondheim Anfang August. Die Herbstfarben kommen im September. Im Winter lohnt sich Trondheim für Stadtkultur, Langlauf und gemütliche Cafés. Die Polarnacht gibt es hier nicht, aber die Tage sind kurz.
Ein Tipp zum Schluss: Viele Reisende rasen auf der E6 durch Trøndelag, weil sie es eilig haben, nach Norden zu kommen. Das ist verständlich, aber schade. Wer zwei oder drei Tage einplant, bekommt eine Seite von Norwegen zu sehen, die in keinem Reiseführer die verdiente Aufmerksamkeit bekommt. Trøndelag ist nicht dramatisch. Es ist warm, bodenständig und ehrlich. Manchmal reicht das.
Häufig gestellte Fragen
Lohnt sich ein Besuch in Trondheim?
Ja. Der Nidarosdom allein ist die Reise wert. Dazu kommt die Altstadt Bakklandet, die Restaurantszene und die entspannte Atmosphäre. Ein bis zwei Tage reichen für die Highlights, drei Tage für einen entspannten Aufenthalt.
Wie lang ist die Goldene Route auf Inderøya?
32 Kilometer. Mit dem Auto in einer Stunde zu schaffen, aber man sollte einen halben bis ganzen Tag einplanen, um die Hofläden und Galerien zu besuchen. Per Fahrrad braucht man drei bis vier Stunden reine Fahrzeit.
Kann man den Olavsweg auch in Teilstrecken gehen?
Ja. Jede Etappe ist einzeln wanderbar. Die letzten 80 Kilometer von Oppdal nach Trondheim sind der beliebteste Teilabschnitt. Man bekommt trotzdem den Pilgerstempel in jeder Herberge.
Wann ist die beste Reisezeit für Trøndelag?
Juni bis September für Outdoor, Genuss und Sommeraktivitäten. Juli für die Erdbeersaison. August für den Matfestival. Januar bis März für Langlauf und Winterstimmung. Der Herbst (September/Oktober) bringt die besten Farben.
Ist Trøndelag teuer?
Norwegisch teuer, ja. Aber günstiger als Oslo oder die Fjordregion. Hotels in Trondheim ab 900 NOK, Ferienhäuser auf dem Land ab 600 NOK. Essen in guten Restaurants 600 bis 1.200 NOK pro Person. Hofläden und Wochenmärkte bieten gute Qualität zu fairen Preisen.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026