Rentiere in Lappland
Auf der E75 Richtung Utsjoki muss ich bremsen. Vor dem Auto steht ein Rentier, braun-graues Fell, großes Geweih, und schaut mich an, als wäre ich derjenige, der hier nicht hingehört. Hinter ihm kommen zwanzig weitere Tiere aus dem Wald auf die Straße. Sie trotten in aller Ruhe über den Asphalt. Einige scharrten im Schnee am Straßenrand nach Flechten. Ich warte acht Minuten. In Lappland haben Rentiere Vorfahrt, und das ist keine Redensart.
Etwa 600.000 halbwilde Rentiere leben in den nördlichen Teilen von Finnland, Schweden und Norwegen. Sie grasen auf den Hochflächen, stehen an den Straßenrändern und tauchen ohne Vorwarnung im Scheinwerferlicht auf. Für die Sámi sind sie seit Jahrtausenden Lebensgrundlage. Für Reisende sind sie eine der prägendsten Begegnungen im Norden. In diesem Artikel erkläre ich, wo man Rentiere trifft, was man über die Tiere wissen sollte und welche touristischen Angebote es gibt.
Warum Rentiere und Lappland zusammengehören
Das Rentier (Rangifer tarandus) ist die einzige Hirschart, bei der sowohl Männchen als auch Weibchen Geweihe tragen. In Lappland leben keine vollständig wilden Rentiere mehr. Jedes einzelne Tier hat eine Ohrmarke und gehört einem Besitzer. Die Tiere laufen trotzdem frei herum, grasen wo sie wollen und ziehen zwischen Sommer- und Winterweiden. Das nennt man halbwilde Haltung, und es ist ein System, das seit Jahrhunderten funktioniert.
In Finnland leben etwa 200.000 Rentiere. Das Rentierzuchtgebiet umfasst den gesamten Norden des Landes, die Grenze verläuft ungefähr auf der Höhe von Oulu. Südlich davon gibt es keine Rentiere. In Schweden sind es etwa 250.000 Tiere, in Norwegen rund 200.000. Insgesamt kümmern sich rund 6.500 Rentierhirten um die Herden, die große Mehrheit davon Sámi.
Die wirtschaftliche Bedeutung ist real, aber begrenzt. Ein Rentierhirte verdient mit seiner Herde 15.000 bis 25.000 EUR pro Jahr. Das reicht in Lappland kaum zum Leben, weshalb die meisten Hirten Nebeneinkünfte haben, oft im Tourismus oder Handwerk. Die Rentierhaltung wird dennoch weitergeführt, weil sie für die Sámi weit mehr als ein Wirtschaftszweig ist. Sie ist Identität, Sprache und Verbindung zur Landschaft.
Die Tiere verstehen
Rentiere sind Herdentiere und haben einen ausgeprägten Wandertrieb. In der freien Natur legen sie im Laufe eines Jahres bis zu 5.000 Kilometer zurück. Im Sommer weiden sie auf offenen Fjälls und in Küstennähe, wo der Wind die Mücken fernhält. Im Winter ziehen sie in die geschützten Wälder, wo sie unter dem Schnee nach Rentierflechten graben. Diese Flechten machen im Winter bis zu 80 Prozent ihrer Nahrung aus.
Das Geweih wächst jedes Jahr neu. Bullen tragen ihr Geweih von März bis November, Kühe von Mai bis zum Frühjahr. Das bedeutet: Im Dezember, wenn die meisten Touristen kommen, sind es die Weibchen, die Geweih tragen, nicht die Männchen. Rudolph war also wahrscheinlich eine Rudolphine. Das Geweih eines ausgewachsenen Bullen kann eine Spannweite von über einem Meter erreichen und wiegt bis zu 15 Kilogramm.
Rentiere sind an extreme Kälte angepasst. Ihr Fell besteht aus hohlen Haaren, die wie eine Isolierung wirken. Die Nasenschleimhaut wärmt die eingeatmete Luft vor. Die Hufe verändern sich je nach Jahreszeit: Im Sommer sind sie weich und breit (gut für sumpfigen Boden), im Winter hart und schmal (gut für Eis und gefrorenen Schnee). Diese Anpassungen ermöglichen es den Tieren, bei Temperaturen bis minus 40 Grad zu überleben.
Rentiere sind von Natur aus scheu. Wenn man ihnen auf einer Wanderung begegnet, halten sie Abstand und laufen weg, sobald man sich nähert. An Straßen und in der Nähe von Siedlungen sind sie allerdings an Menschen gewöhnt und deutlich gelassener. Trotzdem gilt: Nicht füttern, nicht anfassen, nicht drängeln. Es sind keine Streicheltiere, auch wenn sie auf einer Farm zahmer wirken als in der Wildnis.
Rentierfarmen besuchen
Rentierfarmen, die Besucher empfangen, gibt es in allen drei Ländern. Die Qualität der Angebote variiert stark. Manche Farmen bieten eine ernsthafte Einführung in die Rentierhaltung mit samischem Hintergrund. Andere sind reine Touristenattraktionen mit Fotogelegenheiten und Souvenirshop. Hier einige empfehlenswerte Adressen:
Sámi Siida bei Inari (Finnland): Eine samisch geführte Farm, die Besucher in die traditionelle Rentierhaltung einführt. Der Besuch dauert etwa zwei Stunden und umfasst eine Führung durch das Gehege, Fütterung der Tiere und Informationen über die samische Kultur. Preis: ab 45 EUR für Erwachsene. Die Gastgeber sind selbst Sámi und erzählen aus eigener Erfahrung.
Paliskunta Petäjäjärvi bei Levi (Finnland): Hier kann man an einer kurzen Schlittenfahrt mit Rentieren teilnehmen und anschließend die Tiere im Gehege besuchen. Die Farm gehört einer Rentierhirtenfamilie, die seit Generationen in der Region lebt. Preis für Besuch mit Schlittenfahrt: ab 60 EUR.
Nutti Sámi Siida bei Jukkasjärvi (Schweden): Direkt neben dem Icehotel gelegen. Die Familie Nutti betreibt seit Generationen Rentierhaltung und bietet Farmbesuche, Schlittenfahrten und kulturelle Programme an. Im Sommer kann man die Rentiere auf den Sommerweiden besuchen, im Winter auf den Winterweiden bei Kiruna. Preis ab 55 EUR.
Tromsø Arctic Reindeer bei Tromsø (Norwegen): Eine samisch geführte Farm auf der Insel Kvaløya. Der Besuch umfasst eine Einführung in die samische Lebensweise, Fütterung der Rentiere und eine Mahlzeit im Lavvu (samisches Zelt). Im Winter gibt es eine Kombination aus Farmbesuch und Nordlichtbeobachtung. Preis ab 80 EUR.
Ein Hinweis zur Auswahl: Bevorzuge Farmen, die von Sámi geführt werden. Das Geld fließt direkt in die samische Gemeinschaft, und die Informationen kommen aus erster Hand. Farmen, die nur schnelle Fototermine mit Rentieren anbieten, ohne kulturellen Kontext, sind weniger empfehlenswert.
Schlittenfahrten mit Rentieren
Rentierschlittenfahrten sind langsamer als Hundeschlittentouren oder Schneemobilfahrten. Ein Rentier zieht den Schlitten im gemächlichen Trab, selten schneller als 10 Stundenkilometer. Das ist kein Nachteil. Die Langsamkeit gehört zum Erlebnis. Man hat Zeit, die Landschaft zu betrachten, das Knirschen des Schnees unter den Kufen zu hören und die Stille der Winterlandschaft auf sich wirken zu lassen.
Die meisten Schlittenfahrten dauern 20 bis 45 Minuten und führen über eine markierte Rundstrecke im Schnee. Man sitzt in einem flachen Holzschlitten, eingewickelt in Rentierfelle, und ein einzelnes Rentier zieht den Schlitten an einer Leine. Bei manchen Anbietern lenkt man selbst, bei anderen führt ein Guide das Tier. Eine kurze Schlittenfahrt kostet 30 bis 60 EUR pro Person.
Längere Touren von ein bis zwei Stunden führen in den Wald oder über zugefrorene Seen. Diese sind seltener und teurer (80 bis 120 EUR), bieten aber ein intensiveres Erlebnis. Bei Harriniva in Muonio (Finnland) gibt es sogar Halbtagestouren mit Rentierschlitten durch den Nationalpark.
Die Saison für Rentierschlittenfahrten läuft von Dezember bis März. Die besten Bedingungen herrschen im Februar und März, wenn genug Schnee liegt und das Tageslicht zunimmt. Im Dezember ist es in Lappland sehr dunkel (Polarnacht), was die Fahrt in ein besonderes Licht taucht, aber Fotografieren schwierig macht.
Rentiere in freier Wildbahn
Man muss keine Farm besuchen, um Rentiere zu sehen. In Lappland laufen die Tiere frei herum, und Begegnungen sind fast unvermeidlich. Die häufigsten Sichtungen passieren auf den Straßen. Besonders auf der E75 in Finnland, der E10 in Schweden und der E6 in Norwegen stehen regelmäßig Rentiere am Straßenrand oder mitten auf der Fahrbahn.
Im Sommer (Juni bis August) sieht man Rentiere auf den offenen Fjälls und an Seeufern. Sie suchen windige Stellen auf, um den Mücken zu entkommen. Auf dem Kungsleden in Schweden begegnet man ihnen regelmäßig. Im Pallas-Yllästunturi-Nationalpark in Finnland grasen sie auf den baumlosen Gipfeln.
Im Winter (November bis April) halten sich die Herden in den Wäldern auf, wo sie unter dem Schnee nach Flechten graben. Die Sichtungen sind weniger häufig, weil die Tiere sich in den Wald zurückziehen. An Straßen und in der Nähe von Ortschaften sieht man sie trotzdem, weil sie dort Zugang zu geräumtem Schnee und Streusalz haben.
Beim Autofahren in Lappland gilt: Immer mit Rentieren auf der Straße rechnen. Die Tiere haben keinen Fluchtinstinkt gegenüber Autos und laufen ohne Vorwarnung auf die Fahrbahn. Die Geschwindigkeit anpassen, besonders in der Dämmerung und bei Dunkelheit. Wenn ein Rentier am Straßenrand steht, sind meistens weitere in der Nähe. Langsam vorbeifahren, nicht hupen.
Rentiere und die samische Kultur
Für die Sámi ist das Rentier weit mehr als ein Nutztier. Es ist Nahrung, Kleidung, Transportmittel und kulturelles Symbol. Die samische Sprache hat Hunderte von Wörtern für Rentiere, die nach Alter, Geschlecht, Fellfarbe und Geweihform unterscheiden. Ein Kalb im ersten Lebensjahr heißt anders als ein Kalb im zweiten. Ein Bulle mit besonders breitem Geweih hat einen eigenen Namen. Diese sprachliche Vielfalt zeigt, wie zentral das Tier für die Kultur ist.
Der Jahreszyklus der Rentierhaltung bestimmt den samischen Kalender. Die Kalbezeit im Mai, die Ohrmarkierung der Kälber im Sommer, die Wanderung zwischen Sommer- und Winterweiden, die Herbstschlachtung im Oktober und November. Jede Phase hat eigene Aufgaben und Traditionen. Heute nutzen die Hirten Schneemobile, GPS-Tracker und Drohnen, aber der Grundrhythmus ist derselbe wie vor Hunderten von Jahren.
In Schweden ist die Rentierhaltung gesetzlich den Sámi vorbehalten. Das bedeutet: Nur wer samischer Abstammung ist und Mitglied einer Sámi-Gemeinschaft (Sameby), darf Rentiere halten. In Finnland und Norwegen ist die Rechtslage etwas offener, aber in der Praxis betreiben fast ausschließlich Sámi die Rentierhaltung. Etwa 6.500 Personen in den drei Ländern leben ganz oder teilweise von ihren Herden.
Rentierfleisch und Produkte
Rentierfleisch ist mager, proteinreich und hat einen leicht wilden Geschmack. Es enthält weniger Fett als Rindfleisch und mehr Eisen als die meisten anderen Fleischsorten. In Lappland gehört Rentierfleisch zur Alltagsküche und ist in jedem Supermarkt erhältlich.
Die bekanntesten Zubereitungen sind Poronkäristys (finnisch) und Renskav (schwedisch), dünn geschnittenes, sautiertes Rentierfleisch, das mit Kartoffelpüree und Preiselbeeren serviert wird. Ein Klassiker, den man in fast jedem Restaurant in Lappland bekommt. Ein Hauptgericht kostet im Restaurant 20 bis 35 EUR.
Getrocknetes Rentierfleisch (kuivaliha) ist ein traditioneller Reiseproviant und wird heute als Snack verkauft. Es hält sich ohne Kühlung monatelang und hat einen intensiven, salzigen Geschmack. 100 Gramm kosten im Supermarkt etwa 8 bis 12 EUR. Geräuchertes Rentierherz und Rentierwurst sind weitere Spezialitäten, die man auf Märkten und in Delikatessenläden findet.
Neben Fleisch werden auch Rentierfelle (als Sitzunterlage, Teppich oder Dekoration), Rentierhorn (für Messergriffe und Schmuck) und Rentierleder (für Schuhe und Taschen) verarbeitet. Ein gegerbtes Rentierfell kostet ab 80 EUR, ein handgefertigtes Messer mit Rentierhorngriff ab 60 EUR. Diese Produkte werden von samischen Handwerkern nach traditionellen Methoden hergestellt und tragen oft das Sámi-Duodji-Gütesiegel.
Häufige Fragen
Wo sieht man am besten Rentiere in Lappland?
Rentiere laufen in ganz Lappland frei herum. Am häufigsten sieht man sie auf und neben den Straßen, besonders auf der E75 in Finnland und der E10 in Schweden. Im Sommer stehen sie auf den offenen Fjälls, im Winter in den Wäldern. Auf einer Rentierfarm kann man sie aus der Nähe erleben und füttern. Samisch geführte Farmen wie Sámi Siida in Inari oder Nutti Sámi Siida bei Jukkasjärvi bieten die authentischsten Begegnungen.
Was kostet eine Rentierschlittenfahrt?
Kurze Schlittenfahrten von 20 bis 45 Minuten kosten 30 bis 60 EUR pro Person. Längere Touren von ein bis zwei Stunden liegen bei 80 bis 120 EUR. Die Fahrten sind langsamer als Hundeschlitten- oder Schneemobiltouren, dafür ruhiger und traditioneller. Im Preis sind meistens warme Kleidung und ein heißes Getränk enthalten.
Sind Rentiere in Lappland wild oder zahm?
Weder noch. Alle Rentiere in Lappland gehören einem Besitzer und tragen Ohrmarken. Sie laufen aber frei herum und suchen sich ihre Nahrung selbst. Man nennt das halbwilde Haltung. Am Straßenrand wirken sie zahm, aber in der Wildnis sind sie scheu und halten Abstand. Auf Farmen sind sie an Menschen gewöhnt und lassen sich füttern und streicheln.
Wie schmeckt Rentierfleisch?
Rentierfleisch ist mager, zart und hat einen leicht wilden Geschmack, der milder ist als bei Hirsch oder Wildschwein. Das Standardgericht ist Poronkäristys (dünn geschnittenes, sautiertes Rentierfleisch) mit Kartoffelpüree und Preiselbeeren. Man bekommt es in fast jedem Restaurant in Lappland für 20 bis 35 EUR. Getrocknetes Rentierfleisch ist ein guter Snack für unterwegs.
Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026