Arbeiten auf Island
Island ist ein Land, in dem 380.000 Menschen leben und der Arbeitsmarkt ganz eigenen Regeln folgt. Die Arbeitslosenquote lag 2025 bei etwa 3,5 Prozent, Fachkräfte werden in vielen Bereichen gesucht, und die Löhne gehören zu den höchsten in Europa. Gleichzeitig sind die Lebenshaltungskosten enorm, Wohnraum in Reykjavík ist knapp und teuer, und das Wetter stellt nicht jeden zufrieden.
Trotzdem zieht es jedes Jahr Menschen aus aller Welt nach Island. Manche kommen für einen Saisonjob in der Fischverarbeitung oder im Tourismus, andere bleiben dauerhaft. Der Anteil ausländischer Arbeitskräfte liegt mittlerweile bei rund 15 Prozent der Bevölkerung, und besonders Polen, Litauer und Philippiner sind stark vertreten. Deutsche gehören zwar nicht zur größten Gruppe, aber es gibt eine kleine Gemeinde von Auswanderern, die auf Island Fuß gefasst hat.
Dieser Artikel erklärt, welche Branchen auf Island Personal suchen, was du verdienst, wie du einen Job findest und welche bürokratischen Hürden es gibt. Dazu erfährst du, wie der isländische Arbeitsalltag aussieht und was das Leben auf der Insel wirklich kostet.
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Der isländische Arbeitsmarkt
Islands Wirtschaft basiert auf drei großen Säulen: Fischerei, Tourismus und Energie. Dazu kommen ein wachsender IT-Sektor und der öffentliche Dienst, der für eine kleine Nation überproportional groß ist. Seit dem Einbruch der Finanzkrise 2008, als die drei größten Banken des Landes kollabierten, hat sich die Wirtschaft erholt und diversifiziert.
Der Tourismus ist seit 2010 explodiert. Die Zahl der jährlichen Besucher stieg von 500.000 im Jahr 2010 auf über 2 Millionen im Jahr 2024. Das hat Tausende Arbeitsplätze in Hotels, Restaurants, Autovermietungen und Ausflugsunternehmen geschaffen. Allerdings ist der Tourismus saisonabhängig: Im Sommer brummt die Branche, im Winter schrumpft das Angebot deutlich.
Die Fischerei war jahrhundertelang die tragende Säule der isländischen Wirtschaft und ist es zum Teil noch immer. Island exportiert jährlich Fisch und Meeresfrüchte im Wert von über 2 Milliarden Euro. Die Fischverarbeitung bietet Tausende Jobs, allerdings oft unter harten Bedingungen. Viele dieser Stellen werden von ausländischen Arbeitskräften besetzt, da Isländer zunehmend in den Dienstleistungssektor abwandern.
Die Energiebranche profitiert von Islands geothermischen Ressourcen. Geothermiekraftwerke und Wasserkraftwerke erzeugen fast 100 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen. Aluminium-Schmelzwerke, die den günstigen Strom nutzen, sind ein weiterer bedeutender Arbeitgeber. Und der IT-Sektor wächst: Rechenzentren siedeln sich auf Island an, weil die Kühlung durch das arktische Klima natürlich erfolgt und der Strom günstig ist.
Gefragte Branchen und Berufe
Island sucht in vielen Bereichen Fachkräfte, und die kleine Bevölkerung bedeutet, dass die Nachfrage oft höher ist als das Angebot. Besonders gefragt sind:
Gesundheitswesen: Ärzte, Krankenpfleger und Pflegekräfte werden ständig gesucht. Das isländische Gesundheitssystem (Landspítali ist das Hauptkrankenhaus in Reykjavík) hat Schwierigkeiten, genügend Personal zu finden, da viele isländische Mediziner nach dem Studium im Ausland bleiben. Deutschsprachige Ärzte und Pfleger haben gute Chancen, wenn sie ihre Qualifikation anerkennen lassen.
Bauwesen: Reykjavík wächst, und die Bautätigkeit ist hoch. Bauarbeiter, Elektriker, Klempner und Ingenieure werden gesucht. Die Löhne im Bau liegen bei 500.000 bis 800.000 ISK brutto pro Monat (ca. 3.300 bis 5.300 Euro). Viele polnische und litauische Arbeiter sind in dieser Branche tätig.
IT und Tech: Softwareentwickler und Systemadministratoren sind gefragt. Die Tech-Szene in Reykjavík ist klein, aber aktiv. Unternehmen wie CCP Games (Entwickler von EVE Online) und diverse Startups bieten interessante Jobs. Die Arbeitssprache ist hier oft Englisch.
Tourismus: Hotels, Restaurants und Reiseveranstalter suchen saisonal (Mai bis September) Personal. Die Stellen reichen von der Rezeption über Reiseleitung bis zur Küche. Deutschkenntnisse sind hier ein echtes Plus, weil Deutsche eine der größten Touristengruppen auf Island stellen. Saisonjobs zahlen in der Regel den Mindestlohn plus Unterkunft.
Bildung: Lehrer, besonders für Naturwissenschaften und Sprachen, sind gefragt. Wer auf Isländisch unterrichten will, braucht allerdings sehr gute Sprachkenntnisse. An internationalen Schulen und Kindergärten in Reykjavík wird auch auf Englisch unterrichtet.
Gehälter und Steuern
Die Löhne auf Island sehen auf dem Papier hoch aus, relativieren sich aber durch die hohen Lebenshaltungskosten. Der gesetzliche Mindestlohn liegt 2026 bei 423.500 ISK brutto pro Monat (ca. 2.800 Euro). Die meisten Gewerkschaftsverträge sehen allerdings höhere Einstiegsgehälter vor.
Typische Bruttogehälter in verschiedenen Branchen: Krankenpfleger verdienen 550.000 bis 700.000 ISK (3.600 bis 4.600 Euro), Ingenieure 700.000 bis 1.000.000 ISK (4.600 bis 6.600 Euro), Lehrer 500.000 bis 650.000 ISK (3.300 bis 4.300 Euro), Softwareentwickler 750.000 bis 1.200.000 ISK (5.000 bis 8.000 Euro). In der Fischverarbeitung liegt das Einstiegsgehalt bei etwa 450.000 ISK (3.000 Euro), dazu kommen Überstundenzuschläge.
Das isländische Steuersystem hat drei Stufen: Einkommen bis 4.880.000 ISK pro Jahr wird mit 31,45 Prozent besteuert (Staats- plus Gemeindesteuer). Zwischen 4.880.000 und 13.700.000 ISK liegt der Satz bei 37,95 Prozent. Darüber greift der Spitzensteuersatz von 46,25 Prozent. Es gibt einen Steuerfreibetrag (persónuafsláttur) von etwa 65.000 ISK pro Monat, der das effektive Steueraufkommen senkt.
Die Sozialversicherung wird hauptsächlich vom Arbeitgeber getragen (6,35 Prozent des Bruttolohns). Arbeitnehmer zahlen 4 Prozent in eine obligatorische Rentenversicherung (lífeyrissjóður) ein, dazu kommen optionale Zusatzbeiträge, die der Arbeitgeber aufstockt. Die Krankenversicherung ist staatlich und wird über die Steuern finanziert.
Jobsuche: Wo und wie
Die wichtigste Jobbörse Islands ist alfred.is, wo ein Großteil der Stellenanzeigen veröffentlicht wird. Die Seite ist auf Isländisch, aber mit einem Übersetzer-Plugin im Browser gut navigierbar. Manche Stellen sind explizit auf Englisch ausgeschrieben, besonders im Tech- und Tourismusbereich.
Weitere Anlaufstellen: Die EURES-Datenbank der EU listet isländische Stellen, die speziell für EWR-Bürger ausgeschrieben sind. LinkedIn wird in Island zunehmend genutzt, besonders für Positionen im mittleren und oberen Management. Die Facebook-Gruppe "Jobs in Iceland" (englischsprachig) ist eine aktive Community, in der regelmäßig Stellen gepostet werden.
Für Saisonjobs im Tourismus empfiehlt es sich, direkt bei Hotels und Reiseveranstaltern anzufragen. Die großen Ketten wie Icelandair Hotels, Kea Hotels und Fosshótel schreiben ab Januar/Februar ihre Sommerstellen aus. Auch Unternehmen wie Reykjavik Excursions, Arctic Adventures und Glacier Guides suchen saisonales Personal.
Networking spielt auf Island eine enorme Rolle. Die Gesellschaft ist klein, und viele Jobs werden über persönliche Kontakte vergeben, bevor sie offiziell ausgeschrieben werden. Wer schon auf Island ist, hat hier einen klaren Vorteil. Die Deutsch-Isländische Handelskammer kann bei Kontakten und Formalitäten helfen.
Visum und Arbeitserlaubnis
Für EU- und EWR-Bürger (dazu gehört auch Deutschland und die Schweiz über bilaterale Abkommen) ist der Zugang zum isländischen Arbeitsmarkt unkompliziert. Du brauchst kein Visum und keine Arbeitserlaubnis. Du kannst nach Island einreisen, dir einen Job suchen und sofort anfangen zu arbeiten.
Innerhalb von drei Monaten nach der Einreise musst du dich beim Þjóðskrá (Nationalregister) anmelden und eine Kennitala beantragen. Die Kennitala ist Islands Personennummer, ohne die praktisch nichts funktioniert: kein Bankkonto, kein Mietvertrag, kein Handyvertrag. Der Antrag ist kostenlos und wird beim Bezirksamt (sýslumaður) gestellt. Du brauchst deinen Reisepass und einen Nachweis über eine Unterkunft in Island.
Für Nicht-EU-Bürger ist das Verfahren komplizierter. Sie brauchen eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, die vor der Einreise bei der Útlendingastofnun (Einwanderungsbehörde) beantragt werden muss. Der Arbeitgeber muss nachweisen, dass kein isländischer oder EWR-Bürger für die Stelle verfügbar ist. Die Bearbeitungszeit beträgt vier bis acht Wochen.
Arbeitskultur und Alltag
Die isländische Arbeitskultur unterscheidet sich in einigen Punkten deutlich von der deutschen. Die Hierarchien sind flach, und der Chef wird mit dem Vornamen angesprochen. Du-Kultur ist Standard, auch gegenüber dem Geschäftsführer. Meetings sind oft informell, und Entscheidungen werden schneller getroffen als in deutschen Unternehmen, wo alles dreimal abgesichert wird.
Die reguläre Arbeitszeit beträgt 40 Stunden pro Woche, verteilt auf Montag bis Freitag. Die meisten Büros sind von 8 oder 9 Uhr bis 16 oder 17 Uhr besetzt. Überstunden sind in manchen Branchen üblich (besonders Fischerei und Gesundheitswesen), werden aber bezahlt oder durch Freizeit ausgeglichen. Seit 2021 hat Island ein Pilotprojekt für die 4-Tage-Woche durchgeführt, das als Erfolg gewertet wurde. Viele Unternehmen haben daraufhin die Wochenarbeitszeit auf 36 Stunden reduziert.
Der Urlaubsanspruch beträgt mindestens 24 Arbeitstage pro Jahr, dazu kommen die isländischen Feiertage (12 bis 13 pro Jahr). Viele Arbeitgeber gewähren zusätzlich ein Urlaubsgeld (orlofsuppbót) von etwa 50.000 ISK (330 Euro) pro Monat, das zum Urlaubsbeginn ausgezahlt wird. Außerdem gibt es den sogenannten desemberuppbót, eine Art 13. Monatsgehalt, das im Dezember gezahlt wird.
Gewerkschaften spielen auf Island eine zentrale Rolle. Über 90 Prozent der Arbeitnehmer sind gewerkschaftlich organisiert, und die Tarifverträge legen Mindestgehälter und Zuschläge fest. Als Arbeitnehmer trittst du automatisch der Gewerkschaft deiner Branche bei und zahlst einen Beitrag von etwa 1 Prozent deines Gehalts. Dafür hast du Zugang zu Gewerkschaftsleistungen wie verbilligten Ferienwohnungen, Zuschüssen für Sportkurse und rechtlicher Beratung.
Wohnen und praktische Herausforderungen
Die größte Hürde beim Arbeiten auf Island ist nicht der Job, sondern die Wohnung. Reykjavík hat seit Jahren einen Wohnungsmangel, und die Mieten sind entsprechend hoch. Eine 1-Zimmer-Wohnung im Zentrum kostet 180.000 bis 250.000 ISK (1.200 bis 1.650 Euro) pro Monat. Außerhalb des Zentrums (Kópavogur, Hafnarfjörður) sind es 140.000 bis 200.000 ISK (920 bis 1.320 Euro).
WG-Zimmer sind günstiger und liegen bei 80.000 bis 130.000 ISK (530 bis 860 Euro). Die Facebook-Gruppe "Leiga - Rentals in Iceland" ist die aktivste Plattform für Wohnungssuche. Auch leiga.is und mbl.is (unter "Fasteignir") listen Mietwohnungen. Sei darauf vorbereitet, dass der Markt angespannt ist und du mehrere Wochen suchen musst. Viele Auswanderer übernachten anfangs im Hostel oder einer Airbnb-Unterkunft, bis sie etwas Festes finden.
Außerhalb von Reykjavík ist die Wohnungssituation entspannter. In Städten wie Akureyri, Selfoss oder Ísafjörður sind die Mieten 30 bis 50 Prozent niedriger als in der Hauptstadt. Allerdings ist auch das Jobangebot dort kleiner, und die langen, dunklen Winter in den Westfjorden oder im Norden sind nicht jedermanns Sache.
Ein weiterer Punkt: die Sprache. Isländisch gehört zu den schwierigsten germanischen Sprachen, und die Grammatik mit ihren vier Fällen und der komplizierten Konjugation schreckt viele ab. Im Alltag kommt man in Reykjavík gut mit Englisch durch, da fast alle Isländer es fließend sprechen. Für einen langfristigen Aufenthalt und eine echte Integration ist Isländisch aber wichtig. Die Universität Reykjavík und das Tin Can Factory Cultural Center bieten Sprachkurse für Ausländer an (ab 30.000 ISK, ca. 200 Euro pro Semester).
Häufige Fragen zum Arbeiten auf Island
Muss ich Isländisch sprechen, um auf Island zu arbeiten?
In vielen Branchen nicht. Im Tourismus, in der IT und in internationalen Unternehmen ist Englisch die Arbeitssprache. In der Fischverarbeitung und im Bau wird ebenfalls oft Englisch oder Polnisch gesprochen. Für Jobs im öffentlichen Dienst, im Bildungswesen und im Gesundheitswesen sind Isländischkenntnisse allerdings oft Voraussetzung oder zumindest ein großer Vorteil.
Kann ich als Freelancer auf Island arbeiten?
Ja, als EU-Bürger kannst du dich auf Island selbstständig machen. Du musst dich beim Finanzamt (Ríkisskattstjóri) registrieren und eine Kennitala für Unternehmen beantragen. Die Gewerbesteuer liegt bei 20 Prozent für Unternehmen, als Einzelunternehmer wirst du nach dem regulären Einkommensteuertarif besteuert. Beachte, dass die Mehrwertsteuer auf Island 24 Prozent beträgt (11 Prozent für bestimmte Dienstleistungen).
Wie ist die Work-Life-Balance auf Island?
Generell gut. Die meisten Isländer arbeiten 36 bis 40 Stunden pro Woche und legen Wert auf Freizeit. Schwimmbäder und Hot Pots sind die sozialen Treffpunkte, und viele gehen nach der Arbeit in eines der geothermisch beheizten Bäder. Der Jahresurlaub ist mit mindestens 24 Tagen plus dem Dezember-Bonus großzügig. Die kurzen Arbeitswege in Reykjavík (15 bis 25 Minuten) tragen ebenfalls zur Lebensqualität bei.
Lohnt sich ein Saisonjob auf Island finanziell?
Es kommt drauf an. Saisonjobs in der Tourismusbranche zahlen den Mindestlohn (ca. 2.800 Euro brutto), bieten aber oft freie Unterkunft und Verpflegung. Das bedeutet, dass du am Ende des Sommers (Juni bis August) netto 4.000 bis 6.000 Euro sparen kannst, wenn du sparsam lebst. In der Fischverarbeitung sind die Gehälter höher, besonders mit Überstunden. Viele nutzen einen Saisonjob als Einstieg, um das Land kennenzulernen, bevor sie sich für einen dauerhaften Umzug entscheiden.
Arbeiten auf Island ist kein Entschluss, den man leichtfertig treffen sollte. Die hohen Gehälter verlieren ihren Glanz, wenn man die Mietpreise und die Lebensmittelkosten dagegen rechnet. Das Wetter und die langen, dunklen Winter sind eine echte Belastung, die man nicht unterschätzen darf. Aber wer sich darauf einlässt, findet eine Gesellschaft, die offen und pragmatisch ist, einen Arbeitsmarkt, der Fachkräfte gut bezahlt, und ein Leben in einer Natur, für die andere Menschen Tausende Kilometer fliegen.
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Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026