Baltikum Rundreise
Inhaltsverzeichnis
Das Baltikum ist kompakt genug für eine zweiwöchige Rundreise und gleichzeitig so vielfältig, dass man danach wiederkommt. Drei Länder, drei Hauptstädte, drei unterschiedliche Kulturen, und alles in einem Radius von 600 Kilometern. Von der mittelalterlichen Altstadt Tallinns über die Jugendstilpracht Rigas bis zu den barocken Kirchen von Vilnius fühlt sich jede Station anders an.
Dieser Artikel beschreibt eine erprobte Zwei-Wochen-Route von Nord nach Süd, mit konkreten Tagesetappen, Kostenangaben und praktischen Hinweisen. Die Route funktioniert mit dem Mietwagen, lässt sich aber auch mit Bussen realisieren.
Warum eine Rundreise durchs Baltikum?
Das Baltikum ist preislich eine Liga für sich in Europa. Die Kosten für Unterkünfte, Essen und Transport liegen bei etwa der Hälfte von Skandinavien. Ein Abendessen mit Hauptgericht, Getränk und Nachtisch kostet in Riga oder Vilnius 20 bis 30 Euro, in Oslo oder Stockholm das Doppelte. Dazu kommt, dass die drei Länder seit dem EU-Beitritt 2004 massiv in ihre Infrastruktur investiert haben. Straßen sind gut, WLAN gibt es fast überall, und die Altstädte wurden sorgfältig restauriert.
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Für Skandinavien-Reisende ist das Baltikum eine logische Ergänzung. Tallinn liegt per Fähre nur zwei Stunden von Helsinki entfernt, und die kulturellen Verbindungen zwischen Estland und Finnland sind eng. Estland und Finnland teilen eine ähnliche Sprache (beide finno-ugrisch), und viele Finnen fahren regelmäßig zum Einkaufen nach Tallinn.
Die Fahrzeiten zwischen den Hauptstädten sind kurz. Tallinn nach Riga: 4,5 Stunden mit dem Auto, 4 Stunden mit dem Bus. Riga nach Vilnius: 4 Stunden mit dem Auto, 4 Stunden mit dem Bus. Das bedeutet: Man verbringt wenig Zeit auf der Straße und hat mehr Zeit für die Orte selbst.
Die Route: 14 Tage von Nord nach Süd
Die Route beginnt in Tallinn und endet in Vilnius. Diese Nord-Süd-Richtung hat den Vorteil, dass man per Fähre von Helsinki anreisen und von Vilnius per Flug zurückkehren kann. Oder umgekehrt. Die Gesamtstrecke per Auto beträgt rund 900 Kilometer, inklusive Abstechern.
Übersicht der 14 Tage:
Tag 1 bis 3: Tallinn. Tag 4: Lahemaa Nationalpark. Tag 5: Fahrt nach Pärnu. Tag 6: Pärnu und Weiterfahrt nach Riga. Tag 7 bis 8: Riga. Tag 9: Jūrmala und Rundā. Tag 10: Fahrt nach Vilnius über den Berg der Kreuze. Tag 11 bis 12: Vilnius. Tag 13: Trakai. Tag 14: Kurische Nehrung oder Rückreise.
Tallinn und Nordestland (Tag 1 bis 4)
Tag 1 und 2: Tallinn Altstadt. Die Altstadt (Vanalinn) gehört zum UNESCO-Welterbe und ist eine der besterhaltenen mittelalterlichen Stadtkerne Europas. Der Rathausplatz (Raekoja plats) mit der Ratsapotheke, die seit 1422 ununterbrochen betrieben wird, ist der zentrale Anlaufpunkt. Von der Aussichtsplattform auf dem Domberg (Toompea) hat man den besten Blick über die Altstadt und den Hafen.
Am ersten Tag die Altstadt zu Fuß erkunden: Alexander-Newski-Kathedrale, Domkirche, die Stadtmauer mit ihren 26 erhaltenen Türmen und die engen Gassen der Unterstadt. Am zweiten Tag das Telliskivi-Kreativviertel besuchen, wo sich in ehemaligen Fabrikgebäuden Cafés und Galerien-Food-Stände angesiedelt haben. Abends das Restaurant Rataskaevu 16 testen, das estnische Küche modern interpretiert (Hauptgerichte 12 bis 18 Euro).
Tag 3: Tallinn moderne Seite. Das KUMU Kunstmuseum (12 Euro Eintritt) im Kadriorg-Park ist das größte Kunstmuseum des Baltikums. Der Kadriorg-Park selbst wurde von Peter dem Großen für seine Frau Katharina angelegt. Nachmittags das Lennusadam-Seeplanemuseum im Hafen, untergebracht in einem historischen Wasserflugzeughangar. Abends in der Kalamaja-Gegend essen, dem Hipster-Viertel Tallinns.
Tag 4: Lahemaa Nationalpark. Tagesausflug von Tallinn (60 km östlich). Estlands ältester Nationalpark bietet Moorwanderungen auf Holzstegen, verlassene sowjetische Militärbasen und Gutshöfe aus dem 18. Jahrhundert. Die Moorwanderung im Viru Hochmoor dauert zwei Stunden und ist flach. Das Herrenhaus Palmse ist restauriert und zeigt das Leben des baltischen Adels. Rückfahrt nach Tallinn oder Weiterfahrt nach Pärnu.
Riga und Lettland (Tag 5 bis 9)
Tag 5: Pärnu. Estlands Sommerhauptstadt liegt auf dem Weg nach Riga. Der breite Sandstrand, die Holzhäuser-Architektur und der Kurort-Charme machen Pärnu zu einem angenehmen Zwischenstopp. Im Sommer kann man am Strand baden (Wassertemperatur im Juli: 18 bis 22 Grad). Im Mud-Spa der Stadt kann man eine Moorbehandlung ausprobieren, eine estnische Tradition. Übernachtung in Pärnu oder Weiterfahrt nach Riga (180 km, 2,5 Stunden).
Tag 6 und 7: Riga. Rigas Altstadt ist ebenfalls UNESCO-Welterbe. Der Vergleich mit Tallinn liegt nahe, aber die Städte sind grundverschieden. Riga ist größer, lauter, kosmopolitischer. Das Jugendstilviertel rund um die Alberta Straße hat die höchste Dichte an Art-Nouveau-Fassaden in Europa: über 800 Gebäude. Am ersten Tag die Altstadt mit Petrikirche (Aufzug zum Turm, 9 Euro, Blick über die ganze Stadt), Dom und Schwarzhäupterhaus Drei Brüdern erkunden.
Am zweiten Tag den Zentralmarkt besuchen, der in fünf ehemaligen Zeppelin-Hangars untergebracht ist. Hier kaufen Rigaer ihre Lebensmittel: frischer Fisch, geräucherter Aal, Roggenbrot, Sauerkraut und lettische Spezialitäten. Nachmittags das Okkupationsmuseum (kostenlos, Spenden erwünscht), das die Geschichte Lettlands unter deutscher und sowjetischer Besatzung zeigt. Abends in die Miera-Straße, Rigas kulinarische Meile mit Restaurants und Cafés.
Tag 8: Jūrmala und Rundāle. Jūrmala ist Rigas Badestrand (25 km westlich, erreichbar per S-Bahn in 30 Minuten). 33 Kilometer feiner Sandstrand und Holzvillen aus der Zarenzeit. Nachmittags nach Rundāle fahren (77 km südlich von Riga): Das Schloss Rundāle, erbaut von Rastrelli (dem Architekten des Winterpalasts in St. Petersburg), wird oft als "Versailles des Baltikums" bezeichnet. Der Barockgarten ist riesig, der Eintritt kostet 15 Euro. Übernachtung in Riga.
Tag 9: Berg der Kreuze und Fahrt nach Vilnius. Der Berg der Kreuze (Kryžių kalnas) liegt bei Šiauliai in Litauen, 75 km hinter der lettischen Grenze. Auf einem Hügel stehen über 200.000 Kreuze, von winzig bis mannsgroß. Die Sowjets haben den Hügel mehrfach planiert, die Litauer haben die Kreuze jedes Mal wieder aufgestellt. Der Ort ist kein Friedhof, sondern ein Symbol des Widerstands. Der Besuch dauert eine Stunde, der Eintritt ist frei. Weiter nach Vilnius (220 km, 2,5 Stunden).
Vilnius und Litauen (Tag 10 bis 14)
Tag 10 und 11: Vilnius. Vilnius hat die größte barocke Altstadt Nordeuropas, ebenfalls UNESCO-Welterbe. Die Stadt ist anders als Tallinn und Riga: Weniger mittelalterlich, weniger hanseatisch, dafür mehr südeuropäisches Flair. Enge Gassen, Innenhöfe, Kirchturmspitzen überall. Das Viertel Užupis hat sich 1997 zur unabhängigen Republik erklärt und seine eigene Verfassung ("Jeder Mensch hat das Recht auf warmes Wasser"), angeschlagen auf einer Mauer in über 20 Sprachen.
Am ersten Tag: Gediminas-Turm (Aufzug oder Treppe, 5 Euro), Kathedrale, Universität (eine der ältesten Osteuropas, 1579 gegründet), das Tor der Morgenröte mit der schwarzen Madonna. Am zweiten Tag: Museum of Occupations and Freedom Fights im ehemaligen KGB-Hauptquartier (5 Euro, schwer verdaulich, aber wichtig). Nachmittags ins Hales-Turgus, die Markthalle, und abends in der Stiklių-Straße essen.
Tag 12: Trakai. Die Wasserburg Trakai liegt 28 km westlich von Vilnius auf einer Insel im Galvė-See. Die Burg wurde im 14. Jahrhundert als Residenz der litauischen Großfürsten erbaut und im 20. Jahrhundert restauriert. Man kann mit dem Tretboot um die Burg fahren oder Kibinai probieren, eine mit Fleisch gefüllte Teigtasche, die von den Karäern (einer turksprachigen Minderheit) stammt. Tagesausflug von Vilnius per Bus oder Auto (30 Minuten).
Tag 13 und 14: Kurische Nehrung oder Kaunas. Wer noch Zeit hat, fährt zur Kurischen Nehrung (Kuršių nerija), einer 98 km langen Sanddünenlandschaft an der Ostsee. Die Nehrung teilen sich Litauen und Russland. Der litauische Teil ist UNESCO-Welterbe. Die Düne von Nida ist 52 Meter hoch und der Blick über das Haff und die Ostsee lohnt die Fahrt. Alternativ: Kaunas (100 km von Vilnius), Litauens zweitgrößte Stadt mit Art-Déco-Architektur und dem IX. Fort, einer Holocaust-Gedenkstätte.
Kosten und Budget
Unterkunft: Doppelzimmer im Mittelklassehotel: 50 bis 90 Euro pro Nacht. Hostel-Mehrbettzimmer: 15 bis 25 Euro. Airbnb-Apartments: 40 bis 70 Euro. Die Preise sind in Tallinn am höchsten und in Vilnius am niedrigsten. Im Sommer (Juni bis August) steigen die Preise um 20 bis 30 Prozent.
Essen: Mittagessen im Restaurant: 8 bis 15 Euro. Abendessen mit Getränk: 15 bis 30 Euro. Kaffee und Kuchen: 4 bis 7 Euro. Supermarkt-Einkauf für einen Tag: 10 bis 15 Euro. In allen drei Ländern gibt es günstige Mittagstisch-Angebote (litauisch: verslo pietūs, lettisch: biznesa pusdienas), bei denen ein Drei-Gänge-Menü unter 10 Euro kostet.
Transport: Mietwagen ab 25 Euro pro Tag (Kleinwagen). Benzin: 1,50 bis 1,70 Euro pro Liter. Fernbus (Lux Express, Ecolines): Tallinn-Riga 15 bis 25 Euro, Riga-Vilnius 15 bis 20 Euro. Die Busse sind modern, mit WLAN und Steckdosen. Parkgebühren in den Altstädten: 1 bis 3 Euro pro Stunde.
Gesamtkosten für 14 Tage (2 Personen, Mittelklasse): Unterkunft: 900 bis 1.200 Euro. Essen: 600 bis 800 Euro. Mietwagen und Benzin: 400 bis 500 Euro. Eintritte und Aktivitäten: 150 bis 200 Euro. Gesamtsumme: ca. 2.000 bis 2.700 Euro für zwei Personen, also 1.000 bis 1.350 Euro pro Person. Das ist deutlich günstiger als eine vergleichbare Rundreise durch Skandinavien.
Praktische Tipps für die Baltikum-Rundreise
Währung: Alle drei Länder verwenden den Euro. Kartenzahlung funktioniert fast überall, auch an Marktständen und in kleinen Cafés. Bargeld braucht man selten, aber ein kleiner Vorrat von 50 bis 100 Euro ist für Notfälle sinnvoll.
Sprache: Estnisch und Litauisch sind drei verschiedene Sprachen (Estnisch finno-ugrisch und Lettisch baltisch). Die junge Generation spricht gut Englisch. In Tallinn kommt man auch mit Finnisch weiter, in Riga mit Russisch. Deutsch wird kaum gesprochen, außer in touristischen Einrichtungen.
Beste Reisezeit: Mai bis September. Juni und Juli sind die wärmsten Monate (20 bis 25 Grad), mit langen Tagen und weißen Nächten um die Sommersonnenwende. Im September ist es kühler, aber die Herbstfarben in den Wäldern sind sehenswert. Winter (Dezember bis Februar) ist kalt (minus 5 bis minus 15 Grad), aber die Weihnachtsmärkte in Tallinn und Riga sind hübsch.
Anreise: Flüge nach Tallinn, Riga oder Vilnius gibt es von vielen deutschen Flughäfen ab 50 bis 150 Euro (Ryanair, Wizz Air, airBaltic). Wer von Finnland kommt: Fähre Helsinki-Tallinn (2 Stunden, ab 25 Euro). Wer von Schweden kommt: Fähre Stockholm-Tallinn (Nachtfähre, 16 Stunden, ab 50 Euro mit Kabine).
Mobilfunk: Alle drei Länder sind in der EU, also greift der EU-Roaming-Tarif. WLAN gibt es in fast allen Unterkünften und öffentlichen Gebäuden. Estland hat in vielen Bereichen kostenloses öffentliches WLAN, das Land gilt als digitale Vorreiter-Nation.
Häufige Fragen zur Baltikum Rundreise
Braucht man für die Baltikum-Rundreise ein Auto?
Nicht zwingend. Die Fernbusse (Lux Express, Ecolines) verbinden die drei Hauptstädte schnell und günstig. Für Abstecher wie Lahemaa, die Kurische Nehrung oder Schloss Rundāle ist ein Auto aber ein großer Vorteil. Ohne Auto sind diese Ziele per Tagesausflug von den Hauptstädten erreichbar, erfordern aber mehr Planung.
Reichen 2 Wochen für alle drei Länder?
Ja, 14 Tage sind ein gutes Zeitfenster für die Highlights. Man hat in jeder Hauptstadt 2 bis 3 Tage und dazwischen Zeit für Abstecher. Wer sich mehr Zeit nehmen kann, sollte die Kurische Nehrung und den Gauja-Nationalpark in Lettland einplanen. Für eine schnelle Variante reichen auch 10 Tage, dann je 2 Tage pro Hauptstadt.
Ist die Baltikum-Rundreise auch im Winter empfehlenswert?
Die Städte sind im Winter atmosphärisch, besonders rund um Weihnachten. Tallinns Weihnachtsmarkt auf dem Rathausplatz ist einer der ältesten Europas. Die Temperaturen liegen bei minus 5 bis minus 15 Grad, die Tage sind kurz (6 bis 7 Stunden Tageslicht). Für Naturerlebnisse (Kurische Nehrung, Nationalparks) ist der Sommer besser geeignet.
Kann man die Rundreise mit Skandinavien kombinieren?
Absolut. Die Fähre Helsinki-Tallinn (2 Stunden, mehrmals täglich) macht eine Kombination einfach. Eine beliebte Route: Helsinki (3 Tage), Fähre nach Tallinn, Rundreise durchs Baltikum, Flug von Vilnius zurück. Oder: Stockholm, Nachtfähre nach Tallinn, und dann nach Süden. Die Fähren sind modern und komfortabel.
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Weiterführende Informationen
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.